Editorial

medico-rundschreiben 01/2026

Das neue Jahr ist noch jung. Dennoch ist der zweite Teil des Heftes übervoll mit Hintergründen zu den militärischen und geopolitischen Eskalationen, die nach dem Jahreswechsel die globale Politik prägen 

Liebe Leser:innen, 

eines der bekanntesten Plakate der 68er-Revolte in Deutschland schmücken die drei Konterfeis von Marx, Engels und Lenin. Darüber steht: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“, darunter der Absender: „Sozialistischer Deutscher Studentenbund.“ Das Plakat entstand im Jahr 1968 im SDS-Umfeld der Kunstakademie Stuttgart und wurde nach der Erstauflage von nur 60 Exemplaren später zu einem Verkaufsschlager, mit dessen Erlösen der SDS unter anderem Gerichtskosten finanzierte – meist solche wegen Vorwürfen des Landfriedensbruchs. Wenn Sie heute einen Nachdruck kaufen möchten, können Sie ihn für 15,49 € im Otto-Versand bestellen. Die Verwandlung der Bundesrepublik, die sich anhand des Plakats erzählen lässt, reicht aber weit über diese Anekdote hinaus. Erfunden hatte den Spruch nicht der SDS, sondern die Deutsche Bahn, die mit ihm in den 1960er-Jahren in einer großen Kampagne ihre Wetterfestigkeit bewarb. Der Künstler Klaus Staeck brachte in den 80er-Jahren dann eine Version für die Friedensbewegung heraus – mit der satirischen Variante „Alle reden vom Frieden. Wir nicht. Zweckverband der Rüstungsindustrie.“ In den Bundestagswahlkampf im Jahr 1990 wiederum zogen die Grünen mit dem Slogan „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter“. 

Dass die Rede vom Wetter nicht mehr als Metapher für Belanglosigkeit, sondern für die Befassung mit einer Menschheitskrise steht: Daran hat sich seither nichts geändert. Die globale Klimagerechtigkeitsbewegung fügt dem die nicht minder bedeutsame Frage hinzu, wer eigentlich das Wetter macht – und wer unter ihm leidet. Ganz in diesem Sinne hat medico, gemeinsam mit pakistanischen Bäuerinnen und Bauern und dem European Center for Constitutional and Human Rights, nun eine Klimaklage in Deutschland eingereicht, in der die deutschen „Wettermacher“ RWE und Heidelberg Materials, die auch Titelgeber dieser Ausgabe sind, haftbar gemacht werden sollen für die Schäden der Klimakatastrophe in Pakistan. Wie das Wetter, das natürlich korrekt Klima genannt werden muss, zu einer Frage der Menschenrechte und der globalen Nord-Süd-Ungerechtigkeit geworden ist, darüber lesen Sie mehr im Leitartikel von Karin Zennig und in unserer Strecke „Alle reden vom Wetter“ zu Klimagerechtigkeits-Kämpfen. rundschreiben-Redakteur Christian Sälzer hat dort für Sie auch die lange Genese der Klimaklage aufgearbeitet. 

Das neue Jahr ist zum Zeitpunkt unseres Redaktionsschlusses kaum älter als einen Monat – und dennoch ist der zweite Teil des Heftes regelrecht übervoll mit Hintergründen zu den militärischen und geopolitischen Eskalationen, die nach dem Jahreswechsel die globale Politik prägen. rundschreiben-Redakteurin Anita Starosta ist gemeinsam mit Timo Dorsch nach Nordostsyrien gereist, wo die Selbstverwaltung Rojavas nach einer militärischen Offensive der neuen syrischen Regierung am Rande der Existenz steht. Die Journalistin Gilda Sahebi dokumentiert einige – durch Internetblockade und Repression sehr rar gewordene – Stimmen aus dem Iran, wo ein Aufstand in einem Blutbad endete, dessen Ausmaße kaum in der hiesigen Wahrnehmung angekommen zu sein scheinen. Im März tritt der Rechtsextremist José Antonio Kast in Chile das Präsidentenamt an, nachdem er im Dezember die Wahl gewonnen hat. Darüber schreibt Pierina Ferretti vom medico-Partner Nodo XXI, die an dieser Stelle vor wenigen Jahren noch über den verfassungsgebenden Prozess und einen linken Präsidenten berichtete. Chile befindet sich politisch im freien Fall – und der gesamte lateinamerikanische Kontinent in Aufruhr, nicht zuletzt infolge der US-Militäraktion in Venezuela und der Entführung von Präsident und Diktator Maduro, mit der das Jahr 2026 politisch begann. Moritz Krawinkel und Timo Dorsch schreiben darüber. 

Für medico ging das vergangene Jahr mit einer Konferenz zu Ende, die wir gemeinsam mit anderen in Zürich unter dem provokanten Titel „Der grosse Kanton. Rise and Fall of the BRD“ veranstalteten. Dieses Zusammentreffen war ein Glücksfall, wovon Sie sich in Mitschnitten der Podien überzeugen können, die Sie auf unserem Youtube-Kanal finden. Mit einer der Sprecher:innen, der Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, die seit 15 Jahren das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin leitet, habe ich im Nachgang der Konferenz über die Bedeutung der Erinnerungspolitik für einen heutigen Antifaschismus gesprochen. 

Auf ein Neues
Ihr Mario Neumann