Anfang Dezember steht Abdul Hafeez Khoso auf dem von RWE angelegten Aussichtspunkt „Skywalk“ und blickt in einen Abgrund: Der Tagebau Garzweiler hat Dörfer und Landschaft verschwinden lassen und eine Ödnis geschaffen, die sich bis zum Horizont erstreckt. In der Ferne ist in der Grube ein Koloss aus Stahl am Werk. An einem Tag kann Schaufelradbagger Typ 288 so viel Kohle aus der Erde holen, dass sich damit 2.400 Güterwagen füllen lassen. Die dystopische Szenerie machte den 41-jährigen Landwirt aus dem Süden Pakistans fassungslos – zumal ihm nur allzu bewusst ist, wie eng sie mit jener Katastrophe verschränkt ist, die ihn vor dreieinhalb Jahren getroffen hat. Auch damals stand Khoso inmitten einer grenzenlosen Verwüstung: Wassermassen hatten sein Haus, sein Dorf, seine Provinz, ja weite Teile des Landes überflutet. Eben deshalb ist er erstmals in seinem Leben in ein Flugzeug gestiegen und nach Deutschland gekommen. Er will für sich und stellvertretend für Tausende andere Schadensersatz einfordern. Doch der Reihe nach.
Ein Land geht unter
Im Sommer 2022 leisten pakistanische Partnerorganisationen von medico, die sozialmedizinische Hilfsorganisation HANDS und der Gewerkschaftsverband NTUF, angesichts großflächiger Überschwemmungen Nothilfe. Es ist nicht das erste Mal, dass sie dies während der Monsunzeit tun. Aber schon früh melden sie, dass es diesmal anders sei, schlimmer. Tatsächlich kulminieren Extreme: In der flachen Provinz Sindh sind nach einer ungewöhnlich schweren Dürre tagelang Niederschläge wie nie zuvor auf die ausgedörrte Erde gestürzt. Die Fluten überschwemmen Äcker, Dörfer, ganze Distrikte. Landesweit steht eine Fläche, größer als die Westdeutschlands, unter Wasser. 33 Millionen Menschen müssen fliehen. Die medico-Partner retten Menschen mit Booten aus den Fluten und von Hausdächern. Was sich in Pakistan zuträgt, zählt zu den größten bislang durch den menschengemachten Klimawandel ausgelösten Katastrophen.
Als medico-Kolleg:innen vor Ort eintreffen, steht das Land noch immer unter Wasser. Der Schaden ist derart unermesslich, dass die Begrenztheit der Hilfe schreiend wird. Nothilfe ist unabdingbar, aber heillos überfordert. Wiederaufbau? Ja, so schnell wie möglich, aber für wie lange? Extremwetter treffen Pakistan immer häufiger und heftiger. Was ein Weckruf sein könnte, ist es nicht. Die Welt nimmt wenig Anteil, gleichgültig wird wirksame Klimapolitik aufgeschoben. Bald darauf wird die Besetzung in Lützerath gewaltsam geräumt, um den Tagebau in Garzweiler zu erweitern. Was tun? Schon beim medico-Besuch im Sindh kommt eine Idee auf: eine Klage gegen die Verursacher der Klimakrise auf Schadensersatz – als Möglichkeit für Betroffene, ihrer Ohnmacht zu entkommen; als Ansatz, dem Unrecht mit den Mitteln des Rechts zu Leibe zu rücken und Weltzerstörer zur Rechenschaft zu ziehen.
Realität vs. Logik des Rechts
Das Prinzip ist einfach und klar: Wer Schaden verursacht, muss dafür aufkommen. Wie aber lassen sich die Komplexität der Verursachung der Erderwärmung und Klimafolgeschäden justiziabel machen, zumal angesichts der Schwäche eines internationalen Haftungsrechts? medico hat zwar Erfahrung mit länderübergreifenden Klagen, betritt im Feld der Klimakrise gleichwohl Neuland. In den nächsten Monaten werden gemeinsam mit den lokalen Partner:innen und den Jurist:innen des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) Möglichkeiten ausgelotet. Mehrfach reisen Delegationen ins südliche Pakistan. In Dörfern sammeln sie Informationen und erstellen Schadensberichte. Satellitenbilder helfen, subjektive Schilderungen zu objektivieren.
Damit Ansprüche geltend gemacht werden können, muss der erlittene Schaden nachgewiesen und quantifiziert werden. Das aber beißt sich mit den Realitäten des Lebens. Wie soll ein Bauer beweisen, wie viele Rinder er verloren hat, wenn sämtliche Unterlagen weggespült wurden? Wie den Ruin eines Hauses bewerten, das nicht im Grundbuch eingetragen ist? Früh fällt die strategische Entscheidung, sich auf einen kleinen, abgegrenzten Schadensbereich zu konzentrieren – den Verlust der Verkaufserlöse von zwei durch die Überflutung entfallenen Ernteperioden. Künftige Einbußen durch mangelndes Saatgut und verunreinigte Böden, die Zerstörung von Schulen, Straßen, Fabriken, jedes individuelle Leid bis hin zum Verlust von Angehörigen – all das muss die Klage unberücksichtigt lassen, will sie eine Chance haben. Schon hier zeigt sich: Mit den Mitteln des Rechts lässt sich Unrecht nur exemplarisch angehen.
Dorfkomitees for Future
Wo kein Kläger, da kein Richter. Im nächsten Schritt geht es daher darum, Menschen zu finden, die sowohl klagewillig als auch – in Rechtsdeutsch – „klagefähig“ sind. Millionen von Land-und Besitzlosen haben zwar alles verloren, aber mangels Eigentum juristisch keinen Schaden erlitten. Am ehesten dazu in der Lage sind die wenigen Großgrundbesitzer. Doch medico, ECCHR und die Partner:innen konzentrieren sich auf die Kleinbäuerinnen und -bauern mit einem eigenen Stück Land. Wer verfügt über amtlich dokumentierte Landtitel, kann Belege von Investitionen vorlegen und Nachweise über Ertragsverluste erbringen? Über Monate besuchen Kolleg:innen von HANDS und NTUF Dörfer, lassen Fragebögen ausfüllen und führen Interviews. So geht es voran, irgendwann sind rund 40 Personen gefunden, die einen Gesamtschaden von über einer Million Euro belegen können.
Abdul Hafeez Khoso ist einer von ihnen. Seine Familie lebt in der siebten Generation in einem kleinen Dorf bei Jacobabad. Hier hat er seine Parzelle bewirtschaftet und ehrenamtlich als Lehrer gearbeitet. Als das Wasser kam, floh er mit seiner Familie auf einen Kanaldamm. 45 Tage saßen sie dort fest. Bei der Rückkehr ins Dorf wurde deutlich, was das Wasser zerstört hatte: ihr Haus, das Saatgut, alles, was sie sich aufgebaut hatten. Einer medico-Kollegin sagt Khoso bei einer der ersten Begegnungen: „Wir, die wir am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, müssen den Preis dafür zahlen. Ich wünsche mir, bleiben zu können. Dafür brauchen wir die Mittel. Es geht mir aber nicht nur um Entschädigung, es geht mir um Gerechtigkeit für uns alle.“

Gerichte verhandeln Einzelfälle. Doch der Fall Abdul Hafeez Khoso ist kein Einzelfall, Millionen ist Gleiches widerfahren. Auch deshalb werden die Klagevorbereitungen in einen umfassenden Aufklärungs- und Selbstorganisierungsprozess eingebettet und damit „kollektiviert“. In den Gemeinden bilden sich quer zu den üblichen Dorfhierarchien Komitees für Klimagerechtigkeit. Kolleg:innen aus Deutschland und von den pakistanischen Partnerorganisationen nehmen an Versammlungen teil, nicht zuletzt, um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Die Klage kann verloren werden. Und wenn sie gewonnen wird, wird keinesfalls alles gut. Doch die Menschen formulieren nach und nach, worum es ihnen geht: ums Prinzip; darum, gesehen zu werden; Fatalismus zu überwinden; für die eigenen Rechte und Gerechtigkeit zu streiten. Eine so verankerte Klage ist mehr als Juristerei. Sie setzt in den Dörfern und ihren Bewohner:innen Veränderungen in Gang, kollektiviert ihren Widerspruch und verbindet sie mit klimapolitischen Kämpfen in anderen Teilen der Welt. All das wirkt weit über das hinaus, was vor Gericht passiert.
Im Fokus: Großemittenten
Parallel arbeiten Jurist:innen in Deutschland an der Frage, wie eine Klimakostenklage aufgesetzt werden und gegen wen sie sich richten kann. Zweifellos sind die reichen Industrienationen für die Erderwärmung verantwortlich. Nur passt der globale Norden auf keine Anklagebank der Welt. Richtungsweisend wird ein Urteil, das das Oberlandesgericht Hamm im Mai 2025 fällt. Zwar lehnt es die Forderungen eines peruanischen Kleinbauern gegenüber RWE auf Beteiligung an Schutzmaßnahmen für sein von der Gletscherschmelze bedrohtes Haus ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Schadensfall eintritt, sei zu gering. Grundsätzlich aber erkennt es die Möglichkeit an, Unternehmen für klimabedingte Schäden im Ausland haftbar zu machen. Ein Meilenstein. Und in Pakistan ist der Schaden bereits eingetreten.
Wissenschaftlich belegt ist, dass rund 100 Unternehmen, die sogenannten Carbon Majors, für fast 70 Prozent der weltweiten historischen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Zwei davon haben ihren Hauptsitz in Deutschland: der Energieriese RWE und das Baustoff-unternehmen Heidelberg Materials. Weil die zerstörerischen Folgen von Treibhausgasemissionen seit Jahrzehnten bekannt sind, kann Unternehmen, die ihre Emissionen nicht reduziert haben, fahrlässiges und schuldhaftes Verhalten unterstellt werden. Nach umfassenden Prüfungen wird entschieden, Klage gegen die beiden Konzerne auf anteiligen Schadensersatz vorzubereiten. Viel wäre das nicht. Aber es würde einen Präzedenzfall schaffen, weitere Klagen ermöglichen und die Geschäftsmodelle von solchen Großemittenten unter Druck setzen.
Ab Herbst 2025 geht es Schlag auf Schlag. Am 28. Oktober werden die Unternehmen schriftlich über die Schadensersatzforderungen informiert und zu außergerichtlichen Verhandlungen über eine Verantwortungsübernahme aufgefordert. medico wendet sich mit der Kampagne „Weltzerstörer vor Gericht“ an die Öffentlichkeit, klimapolitische Netzwerke weltweit horchen auf. Und Abdul Hafeez Khoso reist mit zwei Sprecher:innen der Klimagerechtigkeitskomitees aus den Dörfern nach Deutschland, wo sie bald schon auf dem Skywalk am Tagebau Garzweiler stehen werden. Es folgen öffentliche Veranstaltungen und Treffen mit Klimaaktivist:innen, der Besuch einer Waldbesetzung im Hambacher Forst und agrarökologischer Initiativen. Auf einer der Veranstaltungen betont Abdul Hafeez Khoso: „Wir sind nicht hier, um Betroffenenberichte abzugeben. Wir sind hier, weil sich die Verhältnisse ändern müssen, bei uns in Pakistan und hier in Deutschland. Nicht Klimaaktivist:innen gehören vor Gericht, sondern Unternehmen, die mit ihren Geschäften die Welt zerstören.“
Kurz darauf schlagen sowohl Heidelberg Materials als auch RWE die Option aus, sich außergerichtlich zu einigen. Am 22. Dezember 2025 reichen 39 Bäuerinnen und Bauern aus Pakistan Klage beim Landgericht Heidelberg ein. Fortsetzung folgt.

Klima Kosten Klage
In jeder Katastrophe bleibt Raum für Gerechtigkeit: Die Klimakrise ist menschengemacht, Klimagerechtigkeit auch. Zur Kampagnenseite:
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


