Es sollte die „COP der Wahrheit“ werden. Im November letzten Jahres kamen im nordbrasilianischen Belém 50.000 Teilnehmende aus 190 Ländern zur 30. UN-Weltklimakonferenz zusammen. Für einige Wochen widmete sich die Welt mal wieder der „Zukunftsfrage Klima“, evaluierte den Stand der Katastrophe und verhandelte neue nationale Emissionsziele. Das war es dann aber auch schon wieder. Eine Verpflichtung zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern wurde einmal mehr vertagt. Die globalen Emissionen steigen weiter, ebenso die Zahl der Geschädigten. Die „Wahrheit“, die in Belém einmal mehr zutage trat, ist die, dass notwendige Veränderungen blockiert werden. Die indigene Sagengestalt des Curupira, die alle Plakate der COP30 schmückte, wurde damit unfreiwillig zum Sinnbild: Um Verfolger im Urwald zu verwirren, weisen ihre Füße in die falsche Richtung. Die Konferenz kündete von einer Welt auf Abwegen.
Wenn jetzt vielerorts der Zusammenbruch der globalen Nachkriegsordnung besprochen wird, meint das also offensichtlich nicht das Ende eines funktionierenden und wirkungsvollen Systems, sondern das eines dysfunktionalen. Natürlich, erst unter der Trump-Administration wurden von den USA die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung abgelehnt, der Ausbau regenerativer Energien gestoppt und mit der Eliminierung von Forschungsdatensätzen auch die infrastrukturellen Voraussetzungen für wirksame Klimapolitik angegriffen. Aber auch vor Trump hat die Welt sich klimapolitisch bestenfalls in Trippelschritten bewegt. Seit 70 Jahren sind die Folgen von CO2-Emissionen bekannt, die erste Weltklimakonferenz fand bereits vor 30 Jahren statt. Schon jetzt hat die Erderhitzung Hunderttausende das Leben gekostet und gigantische Schäden verursacht. Trotzdem wird so getan, als könne man einfach weitermachen. Auch in Deutschland relativiert die Bundesregierung das Ziel der Klimaneutralität, übersteigen fossile Subventionen Investitionen in Klimaschutz um ein Vielfaches und werden Klimaziele jenseits des Notwendigen berechnet.
Blockierte Transformation
Es wird oft gesagt, Optimismus sei ein Mangel an Information. Dabei speist sich der Optimismus zumindest in puncto Klimakrise aus dem Gegenteil: Es gibt Kilometer abrufbare Literatur und Konzeptpapiere, die Dekarbonisierung und ökologische Transformation bis auf wenige Ausnahmen in allen gesellschaftlichen Bereichen durchbuchstabiert. Doch trotz dieses Wissens, einer Bandbreite technologischer Möglichkeiten, finanzieller Ressourcen und unzähliger Verhandlungsrunden sind wir kaum einen Schritt weiter. Die eigentliche Katastrophe liegt nicht im Ausmaß der Zerstörung, sondern darin, dass wir sie wider besseres Wissen nicht verhindert haben.
Wer das nicht glaubt, sollte einen Blick nach China werfen. Auch hier werden zwar weiterhin Kohlekraftwerke gebaut. Aber die flächendeckende Elektrifizierung von Industrie und Transport, der Hochgeschwindigkeitsausbau regenerativer Energien und großflächige Bewaldungsprojekte, die China auf vielen Ebenen zum Weltmarktführer haben werden lassen, hat erst vor gut 20 Jahren begonnen. Auch Deutschland hätte sich damals auf den Weg machen können. Der Umbau von Energie, Transport, Industrie, Bau- und Landwirtschaft hätte eine massive Kraftanstrengung verlangt. Aber wenn auch nur fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes, wie sie jetzt handstreichartig für Aufrüstung mobilisiert werden, frühzeitig in eine umfassende Transformation geflossen wären, hätten wir längst eine „Zeitenwende“ vollzogen, die tatsächlich mehr Sicherheit böte.
Wer also die allgemeine und universelle Gültigkeit der Menschenrechte als Verwirklichungsrechte beansprucht, der muss Veränderung auch gegen die jahrzehntelang gewachsenen Machtblöcke des fossilen Kapitals und die Phantasielosigkeit der Politik durchsetzen. Denn noch sind es die Verursacher des Klimawandels, die in den nationalen Verhandlungsteams der COP und Weltwirtschaftsgipfel sitzen, während Klimaschützer:innen als Terrorist:innen vor Gericht stehen. Auch in Deutschland ist die Lobby der Traditionsunternehmen von Autoindustrie über Petrochemie bis Gas und Kohle durch jahrzehntelangen Korporatismus tief in der gesellschaftlichen Mitte verankert, bis hinein in die Gewerkschaftsmilieus. In den immer wieder angerufenen „Grenzen der Zumutbarkeit“ artikuliert sich die scheinbar unverrückbare Unwilligkeit zu Veränderung, Begrenzung und globalem Ausgleich. Die Äußerung des Bundeskanzlers, „dass die Welt morgen schon nicht untergehen“ werde, bringt es auf den Punkt: Die Klimakrise ist ein Sterben auf Raten, das akzeptiert zu sein scheint – weil es zunächst und zuallererst ein Sterben der Anderen ist.
In den Gerichtssälen des Nordens
Kann die Rechtsprechung Veränderungen erzwingen? In einem historischen Rechtsgutachten hat der Internationale Gerichtshof (IGH) im Sommer 2025 einstimmig festgestellt, dass Staaten völkerrechtlich verpflichtet sind, wirksamen Klimaschutz zu betreiben. Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens wurde als verbindlicher Maßstab bestätigt. Zudem wurde eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt als Menschenrecht anerkannt. Doch weder in den Verhandlungen auf der COP30 noch bei den neu anvisierten nationalen Emissionszielen findet dies spürbaren Widerhall.
Neue Wege im internationalen Haftungsrecht beschreiten nun pakistanische Bäuerinnen und Bauern, unterstützt durch medico und den ECCHR: Sie verklagen die Verursacher, konkret die beiden deutschen Großemittenten RWE und Heidelberg Materials, auf Schadensersatz für Klimaschäden. Was nach einem Spartenkonflikt klingt, stellt die zentrale Frage der Zeit: Wer zahlt am Ende die Zeche des Klimawandels? Die pakistanischen Bäuerinnen und Bauern bringen so die beiden 7.000 Kilometer entfernten Konzerne in Erklärungsnot und damit ein Geschäfts- und Entwicklungsmodell der Moderne, das auf der Auslagerung fast aller Kosten auf den globalen Süden und den dort frei verfügbaren und vernutzbaren Ressourcen basiert. Noch ist es eine von nur zwei weltweiten Klagen, die die Frage der Verantwortung ins Zentrum eines Gerichtsprozesses rückt. In ihr setzen die Bäuerinnen und Bauern der medialen Entkopplung von Ursache und Wirkung ihre Realität entgegen und erkämpfen sich Gehör gegen Aufmerksamkeitskonjunkturen, die Katastrophenzonen immer wieder unsichtbar machen. Während hierzulande zuallererst Konsequenzen gegen Klimaktivist:innen eingefordert werden, fordern die pakistanischen Bäuerinnen und Bauern Haftung der Verursacher und ein Ende eines Regulationsmodells, das eine intakte Umwelt als Voraussetzung globaler Menschenrechte buchstäblich verheizt. Spitzt sich die Klimakrise weiter zu, werden aber weder Gleichheit noch Demokratie künftig zur Geltung gebracht werden können – nicht für die pakistanischen Bäuerinnen und Bauern, nicht anderswo.
Die Klage ist auch ein Nein zu Resilienz und Anpassung als Aufgabe jener, die sich wie Millionen aktuell schon Betroffener, zu denen auch medico Partner:innen von Irak , Kenia bis Indonesien gehören, nicht aussuchen können, geschädigt zu werden. Sie lehnen es ab, dass ihr Leben nur noch in den Möglichkeiten einer Überlebensgesellschaft verhandelt wird. Jahrzehnte des globalen Widerstands, erzwungene Emissionsreduzierung in Kohlegruben oder bei der Verteidigung indigenen Lands vor Konzernzugriffen, politischen Drucks auf internationalen Konferenzen oder in den Klassenzimmern der Republik liegen hinter uns und dauern fort. Doch ein Rechtsrahmen, der große Emittenten zur Haftung zwingt, existiert bisher weder in Deutschland noch anderswo.
Das Beharren der Betroffenen, nicht geschädigt zu werden, zwingt sie in die Gerichtssäle des globalen Nordens. Sie trauen sich, worin die große Politik bisher versagt hat: globale Machtverhältnisse infrage zu stellen, ohne deren Kritik keine echte Transformation möglich ist. Viele medico-Partner:innen ebenso wie Aktivist:innen aus den am meisten von der Klimakrise betroffenen Gebieten konnten das Anliegen der Bäuerinnen und Bauern aus Pakistan daher auch sofort mit ihrer eigenen Situation verbinden. Klimagerechtigkeit zeigt sich so als Frage, die der globale Süden an den Norden richtet: Wie ist ein unbeschädigtes, lebenswertes Leben mit den verbliebenen Ressourcen für alle möglich? Wie ein Fortschritt, der sich nicht mehr wie in der Moderne auf Kosten der uns umgebenden Welt vollzieht? Es ist eine Aufgabe, die sich auch an die abgewirtschaftete politische Klasse stellt, denn für die Fortsetzung der jahrzehntelangen Notlösungen ist die Welt zu kaputt. Der Kampf für Klimagerechtigkeit leistet damit letztlich nichts anderes als einen Beitrag zur Ermöglichung einer tatsächlich wertebasierten – neuen – Weltordnung.

Klima Kosten Klage
In jeder Katastrophe bleibt Raum für Gerechtigkeit: Die Klimakrise ist menschengemacht, Klimagerechtigkeit auch. Zur Kampagnenseite:
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!






