Der Tag neigt sich dem Ende zu und damit auch die Arbeit von José Nilson. Sein von der Gischt feuchtes Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft hat er noch schnell gegen ein sauberes orangefarbenes Poloshirt umgetauscht, bevor er sich auf der Veranda des Gemeindezentrums von Curral Velho einfindet. In dem Dörfchen an der Atlantikküste des brasilianischen Bundesstaats Ceará leben knapp 800 Familien, ungefähr 2000 Menschen. José Nilson ist 53 Jahre alt und seit nunmehr vier Jahrzehnten Fischer. Sein halbes Leben hat sich auf dem Wasser abgespielt: “Ich fahre um vier Uhr früh mit meinem Boot los. Manchmal auch um fünf, das hängt von der Flut ab. Dann bin ich zehn, zwölf Stunden draußen.” Der Klang seiner unaufgeregten Stimme vermischt sich mit der Ruhe, die seine sanften Augen ausstrahlen. “Hier gibt es Arbeit auf dem Meer. Es ist schwierig, in der Stadt einen Job zu finden. Also muss man auf dem Meer jagen. Manchmal gibt es mehr Fische, manchmal weniger. In letzter Zeit werden es aber eigentlich immer weniger.”
Sein Enkel gesellt sich zu ihm, umarmt ihn. Eine geteilte schelmische Freude blitzt auf beiden Gesichtern auf, die die Sorgen vergessen lässt, die den Fischer beschäftigen. Denn hier droht eine ganze Lebensweise, die dem Meer nie mehr entnimmt, als das eigene Leben benötigt, vom Lauf der Dinge zermahlen zu werden. Dass dieser Lauf kein natürlicher ist, wurde wenige Stunden zuvor auf José Nilsons einmotorigem Boot, mit dem er die Küste entlangfuhr, deutlich. Vorbei an einem Schwarm Wandervögel, die sich auf einer der vielen Sandbänke niedergelassen haben, vorbei an den Mangrovenwäldern, die das Ufer säumen und in deren Wurzelgeäst unzählige kleine Krebse leben, erreichte der Fischer die kolossalen Windräder, die aus dem seichten Wasser emporthronen. “Früher bereitete uns nur der industrielle Fischfang Schwierigkeiten, zerstörte unsere Netze und unsere aufgestellten Unterwasserfallen, mit denen wir auf Hummerjagd gingen”, erklärte José Nilson vom Bug seines Bootes aus. “Seit rund zehn Jahren sind es nun auch diese Windräder, die ohne die Zustimmung unserer Gemeinde gebaut wurden. Zwar versprachen die Firmen Arbeitsplätze, doch die gab es nur während des Baus.” Weitaus schlimmer jedoch, fährt er fort, sei die Kraft, die die Windräder auf das Wasser ausüben, zu Änderungen des Wellengangs und der Strömung beitragen und damit auch die Wanderbewegungen der Fischschwärme und weiterer Meerestiere verschiebe. “Die Fische bleiben nicht mehr hier in Küstennähe. Sie entfernen sich. Wir wissen nicht, wohin.”
Dass die Windräder einen derartigen Einfluss auf das Ökosystem haben, sei dem niedrigen Meeresstand geschuldet, der es bei Ebbe erlaubt, mehrere Kilometer meereinwärts zu laufen, ähnlich wie im Wattenmeer an der deutschen Nordsee. Diese Besonderheit ließ die lokale Fischerbevölkerung eine spezielle Fangtechnik entwickeln: Aus Stöcken und Netzen werden meterlange Korridore mit angrenzenden Kammern im Wattenmeer errichtet, stets offen zur Küste und geschlossen zum offenen Meer hin. Bei Ebbe zieht das weichende Wasser die Meerestiere in die Korridore und Kammern hinein, die sich dort verfangen und sodann von den Fischern aufgegriffen werden können. Curral heißt diese Konstruktion, so wie das Dorf von José Nilson, und manche von ihnen sind bis zu 100 Meter lang.
Inmitten einer dieser Currais steht Mario knöcheltief im Wasser und inspiziert, ob seine Netze noch ausreichend an den Pfählen befestigt sind. Auch sein Gesicht verzieht sich sorgenvoll. “Weil die Windräder unter Wasser an Starkstromleitungen angeschlossen sind, und weil es nur eine geringe Tiefe gibt, haben wir Angst vor möglichen Stromschlägen. Manche Wege befahren wir schon gar nicht mehr”, sagt er. Einige Meter weiter gen Küste stapfen zwei Frauen und ein Jugendlicher durch das Wattenmeer. Ausgerüstet mit einem Sieb sind sie auf der Suche nach Krustentieren, die sie später auf dem lokalen Markt verkaufen werden. Marisqueiras nennt man sie, und zumindest der Jugendliche ist sich seiner Aussichten bewusst. Für ihn, wie für viele andere seiner Generation, liegt die Zukunft in der Stadt, wo er studieren möchte.

Grüne Boomregion
Die Zukunft der Küstenregion stünde bereits fest, ginge es nach jenen, die die Windparks betreiben. Der Nordosten Brasiliens hat sich aufgrund seiner vorteilhaften Standortbedingungen, zu denen zahlreiche Sonnenstunden und kräftige Küstenwinde gehören, zur Boomregion für erneuerbare Energien entwickelt. Landesweit stehen hier die meisten Wind- und Solarkraftwerke, die immer größere Dimensionen erreichen. Doch im Zentrum des Interesses steht ein anderer Energieträger, auf den viele Industrieländer ihre Hoffnungen setzen: grüner Wasserstoff. Die deutsche Bundesregierung hat ihn zum Schlüsselelement der De- karbonisierung erklärt, die österreichische 2022 eine eigene Wasserstoffstrategie vorgelegt. Das alles, obwohl seine Tauglichkeit für den breiten Einsatz noch nicht erwiesen ist und mögliche Nebenwirkungen kaum erforscht sind.
Auch wenn schon die Begriffskonstruktion Assoziationen von Nachhaltigkeit hervorruft, ist die Herstellung von “grünem Wasserstoff” ungemein wasser- und energieintensiv. Um als grün durchzugehen, muss diese Energie aus erneuerbaren Quellen stammen: Wind, Sonne, Wasser. Und da auch Wind- und Sonnenenergie nicht einfach ein- gefangen werden können, bedarf es des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien. Deshalb sprießen im Nordosten Bra- siliens Wind- und Solaranlagen wie Pilze aus dem Boden, die auf den zukünftigen Export von Energie ausgelegt sind und nicht etwa darauf, die Energieversorgung in Brasilien selbst zu verändern. Dafür reichen bislang die Kapazitäten des Stromleitungsnetzes schlichtweg nicht aus, was zur Folge hat, dass aktuell viele Windräder stillstehen.
Parallel benötigt die industrielle Massenproduktion von grünem Wasserstoff riesige Meerwasserentsalzungsanlagen, aber auch Industrieanlagen, um ihn für den Transport mittels Ammoniak zu verflüssigen. Hochspezialisierte Überseehäfen müssen für den Wasserstoff-Export errichtet oder ausgebaut werden. Was es dafür neben dem notwendigen Kapital und technischem Know How braucht: Land, Wasser, Küste. Und hier beginnt der Konflikt mit den dort ansässigen Gemeinden und ihrer Produktions- und Lebensweise, oder zugespitzt gesagt, mit ihrem Dasein, das durch diese großangelegten Projekte bedroht wird. Es ist eine Geschichte, die sich sehr ähnlich auch in anderen Regionen wie Mexiko und Sri Lanka abspielt.

Allianzen unter Druck
“Die Behörden erteilen Lizenzen auf verantwortungslose Weise. Unter dem Vorwand der Entbürokratisierung werden Umweltauflagen, Gesetze und Verfahren ‘flexibilisiert’, was umso problematischer ist, da es hier eine weit verbreitete Praxis der Fälschung von Eigentumstiteln, die sogenannte Grilagem, gibt”, kritisiert Andréa Camurça, Direktorin der Menschenrechtsorganisation Instituto Terramar in der Landeshauptstadt Fortaleza. Das 1993 gegründete gemeinnützige Institut setzt sich im Bundesstaat für Klima- und Umweltgerechtigkeit und den Schutz traditioneller Lebensweisen und Rechte ein. Es unterstützt betroffene Gemeinden in ihrem Widerstand gegen die Auswüchse der aktuellen Entwicklung, die Folge historisch gewachsener Ungleichheitsstrukturen sind. "Es entsteht ein immenser Druck der Wirtschaft auf das Leben in den Gemeinden, deren Rechte konstant missachtet werden", fährt Camurça fort. Damit bezieht sie sich auch auf die von Brasilien ratifizierte ILO-Konvention 169, wonach der Staat verpflichtet ist, die Lebensweisen indigener, traditioneller und Schwarzer Gemeinden zu schützen und diese aktiv mit einzubeziehen und vorab zu konsultieren, sollten auf ihren Territorien etwa Infrastrukturprojekte gebaut werden. “An der Küste ist all das nicht geschehen”, stellt Camurça nüchtern fest.
Auch auf die Linksregierung unter Präsident Lula da Silva wirft die Direktorin dabei einen kritischen Blick. Dieser inszeniere sich international, wie zuletzt im Rahmen der Weltklimakonferenz in Belém, zwar klimafreundlich, seine Partei PT zeige sich jedoch, nicht nur im Bundesstaat Ceará, sehr offen und pragmatisch im Umgang mit Unternehmen aus dem Energiesektor und dem Agrobusiness – zwei Wirtschaftszweige also, die den Klimawandel in Brasilien in den letzten Jahrzehnten enorm vorangetrieben haben. “Das Projekt lateinamerikanischer Linksregierungen ist seit den 2000er Jahren auf den Export von Primärgütern ausgerichtet, um dadurch breite Sozialprogramme zu finanzieren. Auch unter Bolsonaro sah das Wirtschaftsmodell kaum anders aus, doch immerhin gibt es bei den PT-Regierungen mehr Dialog. Hier vor Ort sind die Auswirkungen ihrer Wirtschaftspolitik dennoch die gleichen”, resümiert Camurça: “Wir sind einer rassistischen, kapitalistischen und patriarchalen Logik ausgesetzt, die die Umweltzerstörung vorantreibt.”
Allein in Ceará hat die dortige Landesregierung bis Anfang 2025 nach Recherchen von Terramar 41 Vorverträge zur Produktion von grünem Wasserstoff unterzeichnet, darunter mit der Hafengesellschaft von Rotterdam, das zum zentralen Importhafen für den begehrten Energieträger in Europa werden soll. Bei der brasilianischen Umweltbehörde Ibama stapelten sich zur selben Zeit 104 Anträge für Offshore-Windparks, allein 26 davon im Bundesstaat Ceará. Viele davon würden sich überlappen, kollidieren, konkurrieren. Unter den Antragstellern tummeln sich zahlreiche europäische Energiekonzerne wie Total Energies mit allein sieben Projekten, Shell (sechs), der norwegische Konzern Equinor (sechs), der französische EDFEN (vier) und der spanische Acciona Energía (vier). “99 Prozent dieser Anträge werden eingereicht, ohne die lokalen Gemeinden auch nur zu fragen”, kritisiert Camurça.

Meeresdrache
Curral Velho wäre gleich von zwei großen Projekten betroffen: “Ventos de Acaraú” (Winde von Acaraú), so der Name des Windparks in den anliegenden Mangroven, sowie “Dragão do Mar” (Meeresdrache), ein gigantischer Offshore-Windpark. Ersteres wurde bis 2024 von dem norwegischen Konzern Scatec vorangetrieben, der sich aufgrund des öffentlichen Drucks, den das Team des Instituto Terramar zusammen mit Partnern erzeugte, allerdings daraus zurückzog. Der brasilianische Konzern Brasil Ventos übernahm es. Auf einer Fläche von rund 11.270 Hektar sollen hier 100 Windturbinen – 14 stehen bereits – mit einer Höhe von 216 Metern sowie 14 Kraftwerke entstehen. In diesem Gebiet liegen 18 Gemeinden, darunter Curral Velho, die von dem Projekt betroffen wären. Studien aus anderen ländlichen Regionen Brasiliens legen nahe, dass der rücksichtslose Ausbau von Windkraft, der weder sozial noch ökologisch verträglich gestaltet wird, nicht nur die Lebensgewohnheiten der lokalen Bevölkerung einschränkt, sondern auch deren körperliche und psychische Gesundheit mitunter massiv schädigt.
Auch das Offshore-Projekt ruft große Bedenken hervor. Hinter ihm steckt die französisch-deutsche Qair Group, ein Anbieter für die Finanzierung und den Betrieb von Anlagen für erneuerbare Energien. Im Rahmen des Projekts sollen 128 Windturbinen 20 Kilometer vor der Küste errichtet werden. Die Auswirkungen eines solchen Offshore-Komplexes sind bislang nicht annähernd erforscht. Terramar weist darauf hin, dass die Turbinen inmitten der Fanggewässer der Fischer:innen eine akute Gefahr für die sensible Meeresflora und die Vielfalt der Meeresfauna darstellen. Unterstützt werden sie dabei von Forschungsinstituten der Bundes- universität von Ceará. Zudem stehen die Ökosysteme rund um die Küste bereits jetzt unter Druck. Der Klimawandel nagt an ihnen. An manchen Küstenabschnitten hat sich das Meer in den letzten Jahren acht bis zehn Meter landeinwärts gefressen. So auch in Curral Velho.
Doch damit nicht genug, oder wie Camurça es sagt: “Erst kommt das Rind und dann die ganze Herde.” Nicht nur die Küstenregion läuft Gefahr, massive Veränderungen zu erfahren, sondern auch das Hinterland. “Die Berge dort besitzen viel Eisenerz”, erklärt die Direktorin, “deshalb gibt es Pläne, es hier im Tagebau abzubauen, inklusive Sprengungen.” Zu allem Überfluss mischt mittlerweile auch das organisierte Verbrechen mit, ein undurchsichtiges Geflecht aus politischen und privatwirtschaftlichen, legalen wie illegalen Interessen.

Wasserschlachten
Rund 200 Kilometer entfernt, östlich von Curral Velho, in der indigenen Schule des Dorfes von Cauípe nimmt Paulo França vom Volk der Anacé unter einem mächtigen schattenspendenden Cashew-Baum Platz. Der 51-Jährige Anführer der Anacé-Gemeinde aus Cauípe ist erst vor zwei Monaten zurückgekehrt. Zwei Jahre lang musste er andernorts verbringen, teils in anderen Bundesstaaten, teils außerhalb des Landes. Mehrere Morddrohungen zwangen ihn und seine Familie dazu. Eine dieser Einschüchterungen geschah just in dieser Schule, maskierte Männer hielten ihm minutenlang eine Schusswaffe an den Kopf, forderten ihn auf, mit seinen politischen Aktivitäten aufzuhören. Paulo Anacé war zu dem Zeitpunkt eine der lautesten Stimmen gegen die Ausweitung des in unmittelbarer Nähe liegenden Hafen- und Industriekomplexes von Pecém, ein Prestigeprojekt des Bundesstaates Ceará. Neben dem Ausbau eines Tiefseehafens für Frachter neuester Generation sollen hier zahlreiche industrielle Projekte aus dem Boden gestampft werden. Eines der ersten war ein Komplex aus vier mit Erdgas und Kohle betriebenen Wärmekraftwerken, die vor über 20 Jahren nacheinander ans Netz gingen. Für deren Betrieb musste derart viel Wasser aus einer nahegelegenen Lagune gepumpt werden, dass der Wasserstand dort bereits um mehrere Meter gesunken ist – ein Problem, nicht nur für die Anacé. Doch das war nur der Anfang. Auf dem Gelände soll ein Industriekomplex zur Herstellung von grünem Wasserstoff errichtet werden, um ihn über den anliegenden Hafen direkt zu exportieren. Auch hierfür bedarf es großer Mengen Frischwassers, das – so die Befürchtung der Anacé – auch aus der Lagune entnommen werden könnte.
“Ich war einer der ersten, der hier für Wasser gekämpft hat”, erinnert sich Paulo França, “doch plötzlich wurde ich als ein Revolutionär angesehen, der gegen den Staat kämpft. Das war ein bisschen verrückt. Es war wie David gegen Goliath.” Nach den Drohungen in der Schule tauchte er ab, wurde in ein staatliches Schutzprogramm aufgenommen. Erst sechs Monate später konnte er sich an ein Detail der Angreifer erinnern: die Stiefel. “Bei den Ermittlungen sagte man mir, dass solche Stiefel nur von der Polizei oder dem Sicherheitsdienst eines der Unternehmen getragen werden.” In Brasilien ist es keine Seltenheit, dass Angehörige der Polizei dubiose und illegale Nebentätig- keiten ausüben. Auch die Bedrohung und Ermordung von Umwelt- und Menschenrechtsaktivist:innen hat in den letzten Jahren zugenommen, gerade im ländlichen Raum. Der Eintritt in ein Schutzprogramm bleibt für bedrohte Aktivist:innen dann häufig der einzige Ausweg, bringt jedoch auch eine radikale Entwurzelung mit sich.
Nach seiner Rückkehr in die Gemeinde werden die Sorgen bei Paulo und den Anacé nicht geringer. Weil die hohen, vom Staat geförderten und bezuschussten Investitionen in Windparks sich nicht schnell genug rentieren und auch die Euphorie um grünen Wasserstoff etwas abgeklungen ist, steht nun bereits das nächste Prestigeprojekt vor der Tür und bedroht die lokale Bevölkerung und ihre Wasserressourcen. Auf dem Gelände des Hafen- und Industriekomplexes von Pecém soll ein hochmodernes Hyperscale-Rechenzentrum hochgezogen werden. In ganz Brasilien gibt es mittlerweile Pläne zur Errichtung dieser strom- und wasserintensiven Datenzentren, die damit auf dem besten Weg sind, grünen Wasserstoff als nächsten Hype abzulösen. Das Projekt in Pecém mit einem Investionsvolumen von rund zwei Milliarden US-Dollar wird von drei brasilianischen Unternehmen gestemmt, zu deren Hauptkunden das chinesische Big-Tech-Unternehmen ByteDance, die Muttergesellschaft von TikTok, zählt.

Koloniale Muster
Angesichts dieser Finanzwucht scheint der Kampf der Anacé fast aussichtslos. “Wir sind nicht gegen die Entwicklung, das bekräftigen wir immer wieder. Aber wir müssen einbezogen werden, und es darf nicht das schädigen, was wir schützen, unser Wasser und unsere Kultur, die beide eng zusammenhängen”, schlägt Paulo França wohl auch deshalb eher dialogbereite als angriffslustige Töne an. Ein Vorteil unter der PT-Linksregierung sei auch hier, dass die verantwortlichen Behörden zumindest offen für Dialog seien. Doch das sei noch lange keine Garantie dafür, dass die Forderungen lokaler Gemeinden bei den infrastrukturellen Großprojekten auch tatsächlich berücksichtigt würden. So lange diese Ungewissheit existiert, erinnern die neuen Projekte an alte koloniale Muster: Der Globale Süden liefert die Rohstoffe – diesmal nicht Öl oder Erz, sondern Wasserstoff oder Gigabytes. Der Globale Norden profitiert. Und die Menschen vor Ort zahlen den Preis.
Gegen Ende unseres Gesprächs mit Paulo França strömen die Kinder der Nachmittagseinheit aus dem Schulgebäude, bilden auf dem Platz unter dem Cashew-Baum, der für die indigene Gruppe der Anacé heilig ist, einen großen Kreis. In der Mitte stehend, zusammen mit einem Schüler und einer großen Trommel, stimmt Schulleiter Marcelo ein Ritual an. Die gemeinsame Zeremonie ist Teil ihres Kampfes um die Wahrung der eigenen indigenen Identität und der territorialen Selbstbestimmung, inmitten einer Zeit, die ihnen erneut das Recht auf Mitbestimmung über das eigene Leben abspricht. Lehrer:innen wie Schüler:innen singen in einem Mix aus Anacé und Portugiesisch, tanzen im Kreis, schwenken rhythmisch Maracas dazu. Hoch oben in der Baumkrone bewegt sich geschickt ein kleines Äffchen, letzte noch unreife Cashew-Früchte hängen an den Ästen.
Zurück in Curral Velho, stellt sich bei José Nilson, danach befragt, was das Schönste in seinem Leben sei, doch noch ein Anflug von zärtlicher Zufriedenheit mit sich und der Welt ein: „Was mich glücklich macht ist, wenn ich auf das Meer hinausfahre und mit Fischen nach Hause komme. Vielleicht sind darunter auch ein paar Augustfische, die ich dann verkaufen kann. Der Fischer bringt für seine Familie das Essen nach Hause. Das ist schön.“
Die Reportage erschien zuerst in der, leider letzten, Ausgabe des österreichischen Magazins Tagebuch. Die Fotos hat Timo Dorsch gemacht.
Es ist eine Binsenweisheit, dass der Klimawandel Folge der kapitalistischen Produktionsweise ist. Doch auch die Anpassungsstragien europäischer Gesellschaften können negative Effekte hervorrufen, weit entfernt vom eigenen Zuhause. Damit die brasilianischen Küstengemeinden nicht gänzlich wehrlos und auf sich alleine gestellt sind, arbeitet die medico-Partnerorganisation Instituto Terramar seit nunmehr drei Jahrzehnten mit ihnen zusammen - im Einklang mit internationalen Rechtsstandards und dem lang gehegten Ziel, dass die Rechte der Menschen im abgeschiedenen Nordosten genauso zählen wie die der Menschen in Europa. Sie können diese Arbeit mit einer Spende unterstützen!







