Gespräch

Lokal trifft global

23.02.2026   Lesezeit: 7 min  
#klimagerechtigkeit 

Von Nothilfe bis Reparationen: Hendrik Slusarenka, Referent zum Thema Klimagerechtikeit, über medicos Klima-Kooperationen.

Im Frühjahr 2025 richtete ein Zyklon in Mosambik schwere Schäden an. Die medico-Partnerorganisation UNAC leistete Nothilfe und hat vor wenigen Monaten ein Projekt zur Wiederherstellung der Lebensgrundlagen betroffener Familien begonnen. Während wir sprechen, stehen weite Teile des Landes nach massiven Regenfällen unter Wasser. Vieles von dem, was nach den wiederkehrenden Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte neu aufgebaut wurde, ist bereits wieder zerstört. Sieht so die bittere Realität der Hilfe in der Klimakrise aus? 

Das ist in der Tat exemplarisch. Takt und Intensität von extremen Wetterereignissen haben unübersehbar zugenommen. Das macht Nothilfe immer häufiger nötig und Fortschritte schnell wieder zunichte. Typisch daran ist auch, dass UNAC eigentlich weder eine Nothilfe- noch eine Klimaorganisation ist. UNAC ist der nationale Verband der Kleinbäuerinnen und -bauern, der Kooperativen im Kampf gegen Landraub und Vertreibung unterstützt. So wie ihnen geht es mittlerweile vielen unserer Partnerorganisationen im globalen Süden: Nur die wenigsten haben sich ausgesucht, sich mit Dürren, Stürmen und Überschwemmungen auseinanderzusetzen. Ihre oft unmittelbare Lebensrealität zwingt sie dazu. 

In einem rundschreiben-Interview vor eineinhalb Jahren sagte eine philippinische Partnerin des Netzwerkes SOS über die Nothilfe nach einem Taifun: „Eigentlich kommen wir immer zu spät. 

Jede Nothilfe kommt ja per definitionem zu spät. SOS setzt sich deshalb durch gemein-deorientierte Katastrophenvorsorge dafür ein, dass Notsituationen möglichst gar nicht erst entstehen, und versucht, die Communitys bei der Prävention zu stärken. Aber auch sie sind immer öfter und mit extrem begrenzten Ressourcen in der Nothilfe gefordert. Eine andere Partnerorganisation, das Somali Journalist Syndicate, hat einen ganz anderen Hintergrund, ist aber heute bei einer ähnlichen Praxis angekommen: Sie haben nicht nur begonnen, Journalist:innen in Klimafragen zu schulen, sondern sagen mittlerweile: „Wir können nicht nur danebenstehen und berichten, wir müssen aktiv helfen.“ Deswegen unterstützen sie heute Gemeinden, Wetterdaten auszuwerten und untereinander auszutauschen – um zumindest frühzeitig gewarnt zu sein. 

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück: Seit wann beschäftigt sich medico mit der Klimakrise? 

Interessanterweise war „Klima“ schon frühzeitig Thema bei medico. Bereits 2013 erschien die Broschüre „Auf der Flucht vor dem Klima“. Im Fokus stand die Erwartung, dass viele Millionen Menschen ihr Zuhause klimabedingt werden aufgeben müssen. Es ging also um Fluchtbewegungen in einer kommenden Zukunft. Verschoben hat sich die Perspektive in den Folgejahren, in denen das, was damals einfach immer „Naturkatastrophe“ genannt wurde, häufiger und stärker zuschlug. Einschneidend war das Jahr 2017 mit dem Supertaifun Haiyan auf den Philippinen und einer ungeheuren Dürre in Ostafrika. Das war auch für mich ein Schlüsselerlebnis: Ich verstand, dass die Klimakrise längst da ist und wir nicht mehr so tun können, als hätten wir es mit einzelnen Katastrophen zu tun; dass es eine Klammer gibt, die lokale Ereignisse miteinander verbindet. Die Klimakrise ist eine politische Frage, die weit über das Thema Flucht hinausgeht und auf die Hilfe allein keine hinreichende Antwort geben kann. 

Rückblickend betrachtet waren jene späten 2010er-Jahre die kurze Phase, in der die Klimakrise auch hierzulande „ankam“ und politisch ernst genommen zu werden schien. 

Da kam einiges zusammen. Zum einen erschienen immer mehr Attributionsstudien, die wissenschaftlich nachwiesen, dass der menschengemachte Klimawandel Extremwetterereignisse wie Hitze, Starkregen, Dürre oder Stürme zwar nicht erzeugt, sehr wohl aber verstärkt und wahrscheinlicher macht. Gleichzeitig gab es auch in Europa extreme Trockenperioden und Hitzephasen, das war eine neue Erfahrung. Und nicht zu vergessen: Die Fridays-for-Future-Bewegung erhob sich und hievte die Klimafrage auf die politische Agenda. 

Im NGO-Kontext dominierte gleichwohl weiterhin der Resilienz-Diskurs, also der Ansatz, dass sich Gesellschaften „fit für die Katastrophe“ machen und widerstandsfähiger werden müssten. 

medico hat sich von Anfang an kritisch auf diesen Ansatz bezogen, weil er die Verantwortung für Schutz und Überleben an die Betroffenen delegiert und damit den globalen Norden und große Verschmutzer entlastet, etwas an den von ihm verantworteten Ursachen zu ändern.

Dennoch braucht es ja klimagerechte Anpassung. 

Ohne Frage. Wir unterstützen unsere Partnerorganisationen auch dabei. So fördern wir im Nordirak und in Somalia den Bau von Brunnen und nachhaltige Wasserkonzepte. In anderen Regionen – von Brasilien über Kenia bis Sri Lanka – stehen wir agrarökologischen Projekten zur Seite, die nachhaltige und klimaangepasste Formen der bäuerlichen Landwirtschaft erproben. Natürlich stellt sich die Frage, wie lange solche Maßnahmen tragen. Aber es sind eben keine rein technischen Ansätze. Es sind kollektive Anstrengungen in den Dörfern und Regionen, ihre Situation nicht als „Schicksal“, sondern als Unrecht zu begreifen und gemeinsam Elementares zu verteidigen: Zugang zu Land, das Recht auf eine selbstbestimmte Gestaltung ihrer Agrar- und Ernährungssysteme und den Schutz der Existenzgrundlagen. Unsere Partner:innen können die Probleme nicht lösen. Aber sie halten daran fest, dass die Verhältnisse veränderbar sind. Indem sie Rechte verteidigen und politische Forderungen stellen, gehen sie weit über das hinaus, was gemeinhin unter Resilienz verstanden wird. 

Die Klimakrise als Menschenrechtsfrage? 

Genau. Der Zustand der natürlichen Umwelt strukturiert wesentlich die Möglichkeit eines und einer jeden für ein Leben in Selbstbestimmung, Gesundheit und Würde. Insofern betrifft die Klimakrise Kernpunkte der universellen Menschenrechte – und damit auch Kernpunkte der Arbeit von medico. Seit 2021 arbeitet medico unter dem Oberbegriff der Klimagerechtigkeit an diesen Fragen. 

Apropos politisches Verständnis der Klimafrage: medico fördert in den vergangenen Jahren verstärkt länderübergreifende klimapolitische Netzwerke. 

Wir sehen auf der großen politischen Bühne momentan keinen Akteur, der willens und stark genug ist, den notwendigen klimapolitischen Wandel einzuleiten und dies gegen die bestehenden Widerstände zu tun. Klimagerechtigkeit ist aber untrennbar mit Fragen nach Verantwortung und Verursachung verbunden – und damit auch mit Forderungen nach Reparationen, Rechenschaft und globaler Umverteilung. Deswegen fördern wir gezielt die Organisierung von unten, also transnationale Zusammenschlüsse und Orte, die diese Fragen aufwerfen und wachhalten können. 

Zum Beispiel? 

Ein Beispiel aus der Anfangszeit ist die Kooperation mit Fridays for Future MAPA. MAPA steht für „Most Affected People and Areas“, die Klimaaktivist:innen stammten also aus den am stärksten betroffenen Regionen der Klimakatastrophe. Aktuell unterstützen wir zum Beispiel das African Climate Justice Collective und das Netzwerk Debt for Climate. Dieses pocht darauf, dass Schutz Ressourcen erfordert und aktualisiert deshalb die alte Debatte um einen globalen Schuldenschnitt. Für uns geht das mit neuen Kooperationsformen einher: Viele der Aktivist:innen sind sehr jung und die Netzwerke sind loser organisiert als klassische NGOs oder gewerkschaftliche Strukturen. 

Bei medico gibt es die Rede davon, dass die Klimakrise unbewohnbare Zonen schafft. Wie sehen das Menschen, die in solchen Regionen leben und sich engagieren? 

Niemand macht sich etwas vor, alle wissen, was mit dem Fortschreiten der Erderwärmung droht. Und vielen ist auch allzu bewusst, wer die Verantwortung dafür trägt. Dennoch versuchen die Menschen zu bleiben, wo sie zu Hause sind. Ende 2024 war ich in Mathare, einem der größten Slums in Nairobi. Starkregen hatten dazu geführt, dass viele Wellblechhütten weggespült wurden. Das erste Gedanke vor Ort war nicht, Mathare zu verlassen. Denn wohin auch? Vielmehr haben sich die Bewohner:innen zuerst um ihre Nachbarn gekümmert und sich dann an den Wiederaufbau gemacht und versucht, ihr Zuhause besser und sicherer zu machen. 

Du hast vorhin gesagt, dass medico keine technischen Ansätze verfolgt. Genau darauf beschränkt sich aber die hiesige Politik: Kaum ein Wort über Klimagerechtigkeit, aber Förderung von E-Mobilität, Offshore-Windparks und sogenanntem grünen Wasserstoff in großem Stil. 

Es braucht eine umfassende Transformation. Diese kann aber nicht nur technisch sein. Sie muss gerecht sein und mit den Logiken von Fortschritt, Ausbeutung und Vernutzung natürlicher Ressourcen brechen, die in erster Linie den Interessen von Eliten und Konzernen dienen. In Indonesien setzen sich die Partner:innen von Yayasan Tanah Merdeka für die Rechte der indigenen Bevölkerung und Arbeiter:innen – darunter viele aus China – im Kontext der Nickel-Industrie ein. Nickel wird für E-Auto-Batterien und die grüne industrielle Umrüstung benötigt. Auf Sulawesi aber schädigt sein Abbau massiv die Umwelt, in den Minen und Schmelzen sind tödliche Unfälle an der Tagesordnung. Mit ihrem Widerstand stellen unsere Partner:innen die entscheidende Frage: Um wessen Zukunft geht es? Und sie beharren darauf, dass es Lösungen geben muss, die nicht das Leid und den Tod anderer in Kauf nehmen. 

Das Interview führte Christian Sälzer. 

Der Druck zu grundlegender Veränderung in der Klimafrage kommt von unten. Unsere Partner:innen organisieren den tagtäglichen Kampf um den Erhalt von Lebensgrundlagen und pochen auf die Anerkennung der ökologischen Schuld durch den globalen Norden. Unterstützen Sie ihre Arbeit mit einer Spende.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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