Vorwärts und nicht vergessen

23.02.2026   Lesezeit: 12 min

Ein Gespräch mit Stefanie Schüler-Springorum über die Lücken der deutschen Erinnerungskultur.

Wir haben uns zuletzt in Zürich gesehen, wo du auf der von medico mitorganisierten Tagung „Der grosse Kanton. Rise and Fall of the BRD“ gesprochen hast. Ein wichtiges Moment der Debatte dort war die Behauptung einer zur Staatsräson erhobenen, autoritären Verwandlung der deutschen Erinnerungskultur. Dies führte im Nachgang der Konferenz zu einer teils ruppigen Debatte im Feuilleton, das darin eine Abkehr von der deutschen Debatte, aber auch von der Geschichte behauptete. Wie blickst du heute auf die Konferenz, aber auch auf die Debatte zurück? 

Zürich hat auf jeden Fall gezeigt, dass bei aller beabsichtigten und vielleicht berechtigten Provokation – nicht zuletzt durch den Titel der Tagung – große Sachfragen auf dem Tisch liegen. Das ist zum einen die angespannte, hochemotionale Stimmung in der der deutschen Öffentlichkeit nach dem 7. Oktober und während des anschließenden Krieges in Gaza, zum anderen der oft beschworene und oft kritisierte Zusammenhang mit der deutschen Erinnerungspolitik und dem ihr zugrundeliegenden Wunsch nach einer „Wiedergutwerdung der Deutschen“, die in Zürich oft zitiert wurde. Eines scheint mir dabei sehr wichtig: Die Absicht unserer Debatten war es nicht, wie oft behauptet wird, die Entsorgung der deutschen Erinnerungskultur zu betreiben. 

Vielmehr geht es darum, ein ernsthaftes Anknüpfen an das darin immer enthaltene „Nie wieder“ zu verteidigen. Das scheint mir bei aller berechtigten Empörung über die Instrumentalisierung der Erinnerung weiterhin zentral zu sein, denn ansonsten schüttet man das Kind mit dem Bade aus. 

Was kann das bedeuten? 

Statt die „Erinnerungskultur“ quasi für gescheitert zu erklären, müssen wir uns wieder vergegenwärtigen, was zwischen 1933 und 1945 wirklich passiert ist, welche Vision von Gesellschaft, oder besser: welche Dystopie damals umgesetzt wurde. Und zugleich sollte man nicht vergessen, gegen wie viele Widerstände die Erinnerung daran durchgesetzt werden musste, bis weit in die 1990er-Jahre hinein – vieles hat also ein halbes Jahrhundert gedauert! Dies erklärt vielleicht auch in Teilen eine gewisse Trotzigkeit der älteren Generation, die sich gegen jede Modifikation, Erweiterung oder Wandel des Gedenkens stemmt. Es herrscht bei manchen, nicht zuletzt angesichts der allgegenwärtigen politischen Regression, der Eindruck: Jede Änderung ist ein Angriff auf das mühsam Erkämpfte. 

Schockiert bin ich aber tatsächlich über die auch unter Historikern verbreitete fehlende „Selbsthistorisierung“, also die Unfähigkeit, die eigenen Kämpfe der 1980er- und 1990er-Jahre selbst als Teil der Nachkriegsgeschichte zu verstehen und so auch eine gewisse Offenheit gegenüber ihrer Fortschreibung und Veränderung zu haben. Da sind dann aus Positionen in einer Auseinandersetzung unumstößliche Dogmen und eine reine Lehre geworden, die mit Händen und Füßen gegen jede Debatte verteidigt werden. Das schließt sie aber ab gegen jede Lebendigkeit und Fortentwicklung, gegen jede selbstständige Aneignung durch die nachfolgenden Generationen. 

Die Sorge um die Errungenschaften vergangener Auseinandersetzungen ist sicher ein Teil der Erklärung. Aber gibt es nicht auch andere Muster, die darin hochkommen? 

Die vorherrschende Stimmung in den Bildungsschichten hat sicherlich auch mit einem unreflektierten, rassistischen Blick auf Araber, Palästinenser und Muslime zu tun, der hier auch im medialen und kulturellen Mainstream vorherrscht. Man muss sich nur die gängige Berichterstattung und ihre Bebilderung anschauen, die von weinend-schreienden Frauen in Kopftuch und bösen, bärtigen Männern, die Waffen schwingen, geprägt ist. Ich glaube, die wenigsten Menschen hier haben beispielsweise eine Vorstellung von palästinensischer Literatur oder Filmen. Ganz allgemein muss man sich angesichts mancher Äußerungen fragen, ob es überhaupt eine Idee davon gibt, dass es sich um Menschen handelt, die denken, handeln und fühlen; die, um Golda Meir gegen den Strich zu zitieren, „ihre Kinder lieben wie wir unsere“. 

Diese selektive Empathie zeigt sich auch darin, dass die palästinensisch-arabische Geschichte auch dann weit weg ist, wenn die Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft leben. Gibt es auch eine aktiv hergestellte Distanz? 

Eine Freundin erzählte mir neulich, dass sie in einer Diskussion über eine im Krieg getötete palästinensische Großfamilie, deren Hinterbliebene in Deutschland leben, entgegnet bekam: „Was haben die aber auch so viele Kinder?“. Ich glaube, solche Sichtweisen sind medial und kulturell extrem weit verbreitet und bilden den vorpolitischen Hintergrund, auf dem hierzulande diese Fragen verhandelt werden. Diese gefühlte kulturelle und emotionale Distanz zu den eigenen Nachbarn ist übrigens etwas, das sich auch durch die Geschichte der deutschen Erinnerung zieht. 

Das musst du bitte erklären.

Mir ist das sehr deutlich beim Schreiben meines letzten Buches aufgefallen. Alle Erinnerungen der Sinti und Roma sind von professionellen Bücherschreibern mitverfasst bzw. in eine Geschichte „übersetzt“ worden, die das Erlebte an die gängigen kulturindustriellen Rhythmen schicksalhafter Biografien anpasst. Verkauft haben sie sich kaum, die Erinnerungskultur geprägt ebenso wenig. Wenn man aus dem gängigen Framing herausgeht, interessiert es nicht mehr. Die Zwangsarbeiter, Sinti und Roma oder die damals sogenannten „Asozialen“ sind daher kaum präsent. 

Das gleiche gilt für die Erinnerung an den ersten deutschen Genozid in Namibia an den Herero und Nama. Es gibt dort kein junges Mädchen, das ein Tagebuch schreibt und sein langsames Verhungern in der Wüste schildert – jedenfalls wissen wir von keinem. Die Erfahrungen wurden kulturell anders verarbeitet als in Mitteleuropa, und auch hier gibt es markante Klassenunterschiede, was die Befähigung angeht, traumatische Erlebnisse kommunizierbar und konsumierbar zu gestalten. In Deutschland, und nicht nur hier, zählen vor allem solche Geschichten, die sich sehr nah, in unseren eigenen Lebenswelten bewegen, die gewissermaßen eine Sprache sprechen, die wir verstehen. Das lässt sich vermutlich auch nur begrenzt ändern. Dennoch wäre ein Nachdenken angebracht darüber, inwieweit bestimmte Opfergruppen auch deswegen aus der Erinnerung herausfallen, weil sie uns vielleicht bis heute suspekt sind, ihre Geschichten nicht „nah genug“ an unserer eigenen Existenz sind und sie uns daher auch nicht bewegen oder nicht einmal interessieren. 

Du hast dein jüngstes Buch „Unerwünscht“ erwähnt. In diesem geht es auch darum, dass zumindest in den ersten Jahrzehnten nach 1945 die Geschichte der Verfolgten tabuisiert wurde. 

Wenn man sich mit dem Umgang der ehemals Verfolgten in der Nachkriegszeit beschäftigt, fällt auf, dass bis weit in die 1960er-Jahre hinein immer dasselbe Dutzend Namen auftaucht: Juristen, Politiker, Publizisten und Verbandsfunktionäre – oftmals jüdisch, aber nicht immer –, die sich in ihren verschiedenen Funktionen für die Rechte der Überlebenden einsetzen, für Sozialhilfe, Gesundheitsversorgung, Entschädigung, Gerechtigkeit. Sie alle hatten die Brutalität des NS-Regimes nicht nur am eigenen Leib erfahren, sondern, wenn sie wie Philipp Auerbach oder Eugen Kogon die Lager überlebt hatten, auch das Leid der noch Schwächeren mitansehen müssen – auch nach 1945. Deshalb setzten sie sich für Sinti und Roma ein, für ehemalige Zwangsarbeiter, für Homosexuelle. Das soll nicht heißen, dass es innerhalb dieser sehr kleinen Gruppe nicht auch soziale Vorurteile gegeben hätte. Aber diese hinderten sie eben nicht daran, solidarisch zu handeln. 

Es bleibt dabei: Die einzigen, die sich nach 1945 direkt für die Überlebenden einsetzten, waren selbst ehemals Verfolgte. Dies muss man erst einmal zur Kenntnis nehmen, bevor man sich mit dem Thema „Erinnerungskultur“ beschäftigt. Schon allein deshalb gibt es keinen Grund, auf irgendetwas stolz zu sein und es ad nauseam in Gedenkreden zu wiederholen. Stattdessen wäre erst einmal eine Phase der Demut und des Lesens und Lernens angesagt. Bücher und Dokumente darüber gibt es zuhauf. 

Und nun sagst du: In den letzten Jahrzehnten haben sich die Geschichten der Verfolgten zwar in die offizielle Erinnerung vorgekämpft, es bleibt aber im Großen und Ganzen bei den Geschichten derer, die uns sozial und kulturell am nächsten sind? 

Ja, das gilt übrigens auch für jüdische Geschichten. Ich habe vor vielen Jahren einen Text geschrieben über die sogenannten jüdischen Familienlager in Ostpolen, also größere Gruppen von Juden, meist aus einem oder mehreren Dörfern stammend, die sich vor ihren deutschen Verfolgern tief in den Wäldern und Sümpfen versteckten und so überlebten. Die bekanntesten Anführer unter ihnen, die Bielski-Brüder, haben nach dem Krieg in den USA ein eher ärmliches Leben gelebt und als Überlebende zu Lebzeiten keine Beachtung gefunden – obwohl später, im Jahr 2008, ihre Geschichte sogar mit Daniel Craig verfilmt wurde. Die osteuropäischen Juden sind eher Statistiken als persönliche Schicksale. Es dominiert weiter, um es etwas überspitzt zu sagen, die Vorstellung, dass alle Juden aus Deutschland kamen und in Charlottenburg lebten. Es ist also weniger die Erinnerungspolitik selbst, die heute ein Problem darstellt, sondern ihre Einseitigkeit und Unvollständigkeit, die ihre Verwandlungen zu einem repressiven Instrument möglich macht. 

Heute kann man dann wohl sagen: Übriggeblieben ist ein Mainstream, in dem der Erinnerung ein kritischer Stachel gezogen wurde? 

In dem Maße, in dem die Erinnerung an den Nationalsozialismus zur Staatsangelegenheit erklärt und dann auch mit viel Geld gefördert wurde, verlor sie beziehungsweise ihre Protagonisten gewissermaßen ihren „counter-culture“-Aspekt. Man musste nicht mehr kämpfen, sondern die eigene Arbeit war plötzlich staatlich anerkannt und bedeutungsvoll. Ich rede hier auch von mir selbst. Zugleich vollzog sich ein Prozess der massiven De-Politisierung. Wir gedenken der Opfer, aber wir erklären kaum noch, wie es dazu kam. Man hört wenig darüber, wie die regimetreuen Kräfte erst einmal Zehntausende von politischen Gegnern einschüchtern, wegsperren, außer Landes treiben oder umbringen mussten, bevor man mit dem biopolitischen, antisemitischen und rassistischen Umbau der Gesellschaft beginnen konnte. Man fragt auch ungern, wer daran verdient hat. Und das Wort „Antifaschismus“ wird meist müde belächelt. Ich empfehle jedem, einmal Bücher wie die Biografie der Krankenschwester Betty Rosenfeld aus Stuttgart zu lesen, um ein Gefühl davon zu bekommen, was dieses Wort für eine ganze Generation junger jüdischer wie nicht-jüdischer Jugendlicher bedeutet hat. 

Es geht also darum, Freiraum zu schaffen, damit sich neue Generationen die Geschichte ihres Landes selbst aneignen, auch wenn uns die Formen manchmal nicht passen. Davon sind wir allerdings gerade weiter entfernt denn je. Die junge Generation erlebt die zur Staatsräson geronnene Erinnerungskultur als starres, autoritäres Regelwerk. Das hat zu einer Entfremdung der arabischen, muslimischen, aber auch anderer migrantischer Communitys und von Teilen der jungen Generation insgesamt geführt. Sie empfinden und erleben den ganzen deutschen Diskurs zwischen Erinnerungskultur, Ukraine und Gaza als heuchlerisch und verlogen. Da gibt es einen richtigen Bruch – und wie gesagt, ich höre das auch von braven deutschen Mittelschichtskids, die nicht politisch aktiv sind. 

Was folgt daraus? 

Ich teile einerseits die Kritik an der Instrumentalisierung der Erinnerungskämpfe. Andererseits habe ich immer noch, gewissermaßen als biografischer Reflex, Momente, in denen ich mich an die 1980er-Jahre zurückerinnere und daran, was wir damals gegeben hätten für das, was heute – bei aller Unvollständigkeit – common sense geworden ist. Die Erforschung jüdischer Geschichte, die mich damals zu interessieren begann, galt als langweilig und wissenschaftlich mehr oder weniger sinnlos. Deswegen halte ich es für wichtig, heute neu nachzudenken und auch ein Stück weit anzuschließen an das Erkämpfte, anstatt die Erinnerung nun für komplett gescheitert zu erklären. Nur wird solches Nach- oder Weiterdenken eben sofort verweigert und mit dem Relativierungsvorwurf belegt. 

Da wäre mein Vorschlag recht einfach, wenngleich er quasi von der Erinnerung in die Gegenwart reicht: Wie würde sich der Diskurs und die Stimmung verändern, wenn wir ein tieferes, gesellschaftliches Verständnis des Nationalsozialismus als Gesellschaftsform einerseits und der Vielheit der Verfolgten und ihrer Geschichten andererseits erlangen würden? Die NS-Zeit ist nicht nur eine des Antisemitismus, sondern ein Prozess der dauernden Ausschließung, in der eine faschistische Idee von Gesellschaft durchgesetzt wurde. Wie entsteht eigentlich die faschistische Gesellschaft? Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus könnte so zu etwas erweitert werden, das alle adressiert, die in diesem Land lebten und leben. Das wäre ein brandaktueller Minimalvorschlag, der anschlussfähig an heutige Erfahrungen machen könnte. 

Wie kann man unter solchen Bedingungen vermeiden, dass es dann zu einer „Konkurrenz der Opfer“ kommt? 

Zunächst einmal: Es hat diese Opferkonkurrenz historisch so nicht gegeben, im Gegenteil, es gab viel Solidarität und es gab alte Vorurteile. In Konkurrenz zueinander befanden sich die unterschiedlichen Opfergruppen, weil der deutsche Staat sie unterschiedlich behandelte. Heute ist es anders: Alle wollen Opfer sein, weil dies staatliche und mediale Anerkennung verspricht. Ein großes Problem dabei ist, dass es eine Vorstellung gibt, die Gesellschaft von Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus zu „bereinigen“ – notfalls durch Umerziehen, Wegsperren oder Ausbürgern. Statt die Realität von Antisemitismus oder Rassismus zu tabuisieren, müsste es aber darum gehen, ihr entgegenzutreten. Haltung und Zivilcourage statt Reinheit. Dieser Reinheitsgedanke führt auf Abwege, man denke nur an den Furor, mit dem hier heute Social-Media-Inhalte gescannt und „angezeigt“ werden. Das erinnert in der Form an alte deutsche Tugenden. Und genau deshalb bin ich der Meinung, dass Versuche, isolierte Anteile des faschistischen Denkens zu bekämpfen, ins Leere laufen oder ins Gegenteil umschlagen. Wir brauchen eine universellere Vorstellung, was „Nie wieder“ heute heißt. 

Wir haben aber stattdessen die teils skurrile Situation, dass sich nach dem 7. Oktober sowohl die Kriegsführung Israels als auch die Kritik am Genozid auf ein „Nie wieder“ berufen haben. Wie aussichtsreich ist in so einer Lage das Festhalten an so einer Figur? 

Ich glaube tatsächlich, dass das – bei allen Streiten, die es auch in den Jahrzehnten zuvor gab – in dieser Intensität etwas Neues ist. Im Kern wurde, mit tatkräftiger Unterstützung der israelischen Regierung, ein partikulares „Nie wieder“ etabliert, in dem nur das zählt, was Jüdinnen und Juden oder Israelis angetan wird, und das den Rest in eine zweite Ordnung schiebt. Dies steht im starken Gegensatz zu den Aussagen und, wenn man will, dem Vermächtnis vieler Überlebender. Aber eigentlich, so würde ich meinen, braucht man keine Geschichtswissenschaft, keine historischen Schlüsselereignisse, keine Botschaften aus der Vergangenheit, um Unrecht und Ungerechtigkeit zu erkennen und abzulehnen. 

Was tun? 

Kurs halten, sich nicht einschüchtern lassen, weitermachen. Vorwärts und nicht vergessen, hieß das früher mal. 

Das Interview führte Mario Neumann. 

Die Konferenz „Der grosse Kanton“ können Sie auf unserem Youtube-Kanal nachschauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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