Gewalt ist für Menschen, die in der Islamischen Republik Iran leben, nicht neu. Sie ist der DNA des autoritären Staates eingeschrieben, wird ausgeübt auf den Straßen, in den Haftanstalten, an den Universitäten. Und das seit Jahrzehnten. Trotzdem hat die Gewalt der vergangenen Wochen das Land radikal verändert. „Wir alle glaubten, dass alles eine Grenze habe: Das Töten habe eine Grenze, Gewalt habe eine Grenze, die Misshandlungen hätten eine Grenze, die Verhaftungen hätten eine Grenze“, schreibt Nasrin Mohammadi* in einer Textnachricht. „Aber nun haben wir gesehen, dass nichts davon eine Grenze hat.“ Die 19-jährige Studentin lebt in Mashad und beteiligte sich dort Anfang Januar an den Anti-Regime-Protesten.
Die größten Proteste fanden vom 8. bis 10. Januar statt; am Donnerstag, dem 8. Januar, verhängte das Regime eine landesweite Internetsperre. Auch Nasrin Mohammadi war mit ihren Freunden in Mashad auf der Straße. Ihre ganze Nachbarschaft sei bei den Protesten dabei gewesen, erzählt sie. Sogar am Freitag und Samstag seien die Straßen voll gewesen, obwohl das Regime mit Maschinengewehren auf die Menschen schießen ließ. „Als ich die Menge sah, die in der Vakibalad-Straße in Mashad war, fühlte es sich an, als sei das das Ende der Islamischen Republik“, erinnert sich Mohammadi.
Auch auf sie und ihre Freunde wurde geschossen, aber sie hätten es geschafft, zu fliehen. „Gottseidank haben wir irgendwie überlebt“, sagt die junge Frau. Danach hätte sie sich nicht mehr getraut, zu protestieren. Sie ist aber auch wütend. Jeden Tag schickten die Revolutionsgarden und andere Institutionen des Regimes Nachrichten auf die Handys der Menschen, um sie einzuschüchtern. „Sie machen schamlos weiter, als ob das alles nicht wichtig sei, als ob nichts geschehen sei.“
Mindestens 30.000 Menschen mussten erneut ihr Leben geben, weil dem Regime sein eigener Machterhalt wichtiger ist als das Wohl von 90 Millionen Menschen. Nachdem die vollständige Internetblockade zumindest zeitweise Lücken aufweist, sind so viele Berichte aus dem Land gedrungen, dass das Ausmaß der Massaker inzwischen gut belegt ist. Bewaffnete Regimekräfte haben mit Maschinengewehren in die Mengen geschossen, unzählige Menschen wurden auf den Straßen ermordet. „Man kann nichts mit bloßen Händen erreichen“, sagt Nasrin Mohammadi. „Damit wir noch mal auf die Straßen gehen und für das kämpfen, was rechtmäßig uns gehört, brauchen wir Kraft, eine Absicherung.“ Diese Absicherung können in ihren Augen nur die Vereinigten Staaten bieten. Sie warte so sehr auf Hilfe von außen, sagt Mohammadi, dass sie jedes Mal, wenn sie ein Flugzeug höre, denke: „Bitte, greif an.“
Das denkt auch Farhad Azizi. Der 36-Jährige lebt in Rascht. „Ich bin nach den Protesten wieder ins Büro gegangen, und vier meiner Kollegen haben Angehörige verloren. Bei einem war es der Cousin, beim nächsten der große Bruder“, erzählt er in einer Sprachnachricht. „Egal, mit wem du sprichst: In jeder Familie oder jedem Freundeskreis ist jemand gestorben. „Bitte, übt Druck aus“, sagt er an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Seit Jahren protestiert er gegen das Regime. Es klingt ein wenig so, als könne er selbst nicht glauben, dass er sich eine ausländische Intervention wünscht. In resigniertem Ton sagt er: „Ich glaube wirklich, dass der Druck nur noch aus dem Ausland kommen kann. Sie müssen es endlich zu Ende bringen.“
Der Wunsch nach einem Eingreifen von außen ist der Hoffnungslosigkeit der Situation geschuldet, und sicherlich nicht alle Menschen empfinden so. Gleichsam sind es viele. Das lässt sich nur nachvollziehen, wenn man die schwierige Lage der Bevölkerung versteht. Seit Jahren gehen die Menschen friedlich auf die Straßen, weil sie in diesem Staat nicht mehr leben wollen und können. Bei den Protesten im Januar waren es so viele Menschen, dass sie glaubten, dass sie endlich gewinnen würden. Dann folgten die Massentötungen. Das Regime hat bewiesen, dass es auf jeden Protest mit noch mehr Gewalt antwortet.
Derweil arbeitet die iranische Führung in gewohnter Manier daran, die Geschichte umzuschreiben. In einem Interview mit CNN behauptete der iranische Außenminister Abbas Araghchi, die Proteste seien vom israelischen Geheimdienst Mossad inszeniert worden. Vor aller Welt und mit fester Stimme erklärte der Regimevertreter, dass alle Gefangenen zu ihrem Recht kommen würden. Dass es dem Staat sehr leid tue, dass Menschen gestorben seien. Aber Schuld trage nun einmal, leider, leider, der Mossad.
„All diese Lügen machen uns wahnsinnig wütend“, sagt Nasim Shojaee. Die 32-jährige Teheranerin hat ebenfalls protestiert. „Sie behaupten, wir seien Terroristen.“ Obwohl sie ihre Freunde hat sterben sehen, versucht hat, ihre Leichen in Sicherheit zu bringen, bevor das Regime sie wegnimmt, will sie wieder auf die Straßen gehen. „Alle warten auf eine neue Gelegenheit, um Rache zu nehmen“, sagt Nasim Shojaee. „Mit jedem Tag werden die Menschen wütender.“ Nur können sie mit ihrer Wut nirgendwo hin: Die Kontrolle auf den Straßen des Landes ist massiv. Drohnen kreisen über den Städten, Menschen werden willkürlich angehalten, Handys konfisziert. Ein falscher Schritt, ein verdächtiger Chat, ein Wort des Widerstands kann tödlich enden.
Die internationale Gemeinschaft scheint derweil die Verbrechen in Rekordtempo vergessen zu haben. Während Zehntausende inhaftiert sind, in Haft gefoltert und vergewaltigt werden, und Massenhinrichtungen drohen; während unzählige Menschen teils schwer verwundet zu Hause verharren und sich nicht in Praxen oder Krankenhäuser trauen, weil sie dort festgenommen oder getötet werden könnten; während zahllose Angehörige ihre Liebsten nicht beerdigen können, weil das Regime die Leichen nicht herausgibt – während all dies vor sich geht, wird mit den Tätern wieder einmal verhandelt. Die USA und das iranische Regime haben erneut Verhandlungen über das Atomprogramm aufgenommen. Nicht die Menschenrechtsverletzungen liegen auf dem Tisch, nicht die Zehntausenden Morde. Donald Trump ging es nie um die Menschen im Iran, so wie Menschenleben für ihn grundsätzlich keinen Wert haben. Gab er anfangs noch vor, ihnen helfen zu wollen, will er jetzt nur noch einen großen „Deal“ verkünden und sich als Sieger präsentieren.
„Die Menschen können einfach nicht mehr mit der Islamischen Republik leben“, sagt Nasim Shojaee. „Nicht nur wegen ihrer diktatorischen Herrschaft. Auch weil wirtschaftlich alles völlig zerstört ist. Selbst Leute, die früher keine schlechte wirtschaftliche Lage hatten, können sich kein Essen leisten, keine Kleidung kaufen, sie können ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Sie wissen, dass sie mit der Islamischen Republik keine Zukunft mehr haben.“
Diese verlorene Hoffnung auf ein Leben, das sich auch nur ansatzweise als normal bezeichnen ließe, könnte Antrieb für weitere Proteste sein. Viele Menschen sind trotz aller Gewalt noch entschlossener, als sie es vor den Niederschlagungen waren. Ein Protestierender, der seine Stadt nicht genannt wissen will, sagt: „Die Menschen sind in einem seltsamen Zustand von Schock und einer erstickenden Bedrückung. Jeglicher Mangel an globaler Unterstützung wird unter der iranischen Bevölkerung zu starker Entmutigung und einem Gefühl der tiefen Isolation führen.“
Bisher wurde die iranische Bevölkerung von der internationalen Gemeinschaft konsequent im Stich gelassen. Unvergessen ist bei vielen Menschen im Iran auch das Wort „Drecksarbeit“. So hatte Bundeskanzler Friedrich Merz die Angriffe der israelischen Armee auf den Iran bezeichnet. Dabei starben Zivilist:innen in beiden Ländern. Was viele Menschen deswegen verbindet, ist die Angst, wieder vergessen zu werden. Eine Frau aus Isfahan erzählt weinend in einer Sprachnachricht, wie wichtig es für die Menschen im Iran sei, Demonstrationen im Ausland zu sehen. „Wenn wir sehen, dass Menschen in Europa oder anderswo vor den iranischen Botschaften demonstrieren, dann haben wir das Gefühl, noch am Leben zu sein“, sagt sie. „Es gibt uns Hoffnung, dass nicht alles vorbei ist.“
*Alle Namen im Text wurden aus Sicherheitsgründen geändert
Wer im Iran gegen das Regime aufbegehrt, bezahlt oft mit dem Leben. Seit den „Jin Jiyan Azadi“-Protesten 2022 unterstützt medico ein Netzwerk von Aktivist:innen im Iran. Auch jetzt kümmern sie sich um medizinische Behandlungen der Verletzten und unterstützen Familien, die durch die Ermordung oder Inhaftierung von Angehörigen in ökonomische Not geraten sind. Um sie zu schützen, können wir darüber kaum berichten. Mit Spenden kann ihre zumeist klandestine Arbeit dennoch unterstützt werden.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!





