Noch vor wenigen Jahren war es undenkbar. Der Aufstand demokratischer und progressiver Kräfte im Oktober 2019 und mehrere Wahlsiege der Linken weckten Hoffnung auf ein Ende der von der Militärdiktatur geerbten Verfassung und damit eines der tiefgreifendsten neoliberalen Experimente der Welt. Niemand hätte sich vorstellen können, dass schon bald der wichtigste Führer der chilenischen extremen Rechten zum Präsidenten der Republik gewählt werden würde. Doch genau das ist geschehen. Bei der Stichwahl am 14. Dezember 2025 setzte sich José Antonio Kast mit überwältigender Mehrheit gegen die Kommunistin Jeannette Jara durch. Er gewann in allen Regionen des Landes und in 90 Prozent der Gemeinden und erzielte damit das beste Ergebnis der Rechten in der Geschichte Chiles.
Der Geist von Pinochet
Auf den Punkt gebracht: Der neue Präsident Chiles ist ein Vertreter der globalen Ultrarechten und eines reinen und harten Pinochetismus. Bis vor wenigen Jahren bekundete er jedes Jahr am 11. September öffentlich seine Anerkennung für den Staatsstreich, bei dem 1973 Präsident Salvador Allende gestürzt und das Land einer Diktatur unterworfen wurde. Kast zeigte sich wiederholt bereit, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Militärs zu begnadigen. Sein Vater Michael Kast, der 1950 aus Deutschland nach Chile kam, war Mitglied der NSDAP, hatte im Zweiten Weltkrieg für die Wehrmacht gekämpft und war schließlich im Rahmen einer Mission des Roten Kreuzes nach Argentinien und dann nach Chile ausgewandert.
Während seiner früheren parlamentarischen Tätigkeit zeichnete sich Kast durch seine aktive Ablehnung von Notfallverhütung, Abtreibung, Scheidung, dem Gesetz zur Geschlechtsidentität, der gleichgeschlechtlichen Ehe und generell allen Fortschritten im Bereich der sexuellen Rechte aus. Nach erfolglosen Versuchen, den Vorsitz der rechtskonservativen UDI zu übernehmen, gründete er 2016 seine eigene Partei Partido Republicano, um seine radikal konservative Agenda voranzutreiben. Zwar scheiterte seine Präsidentschaftskandidatur 2017 kläglich. Doch seitdem arbeitete Kast daran, sich für das Amt in Stellung zu bringen: Er stärkte seine Partei, mischte sich ständig in die öffentliche Debatte ein und knüpfte enge Beziehungen zur globalen extremen Rechten. Mehrere Jahre lang war er Vorsitzender des Political Network for Values, einer der wichtigsten Organisationen der internationalen konservativen Rechten.
2021 sorgte er für eine erste große Überraschung. In einem Land, das noch immer von sozialen Unruhen erschüttert war und dessen Verfassungskonvent nur wenige Monate zuvor von der Linken dominiert wurde, gewann er die erste Runde der Präsidentschaftswahlen. Im Rahmen dieser Kampagne wurden Kasts Verbindungen zum chilenisch-deutschen Unternehmer Sven von Storch bekannt, der als Vermittler zwischen Kast und dem ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro fungierte, der heute wegen eines Putschversuchs in Haft ist. Von Storch ist außerdem Ehemann der AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Kasts Niederlage gegen Gabriel Boric in der Stichwahl 2021 hielt ihn nicht auf. Ab März 2022 wurde er zu einem der wichtigsten Gegner der Regierung, ihrer Reformen und des Verfassungsprozesses.
Bukele, Milei, AfD
Kast nutzte die Rolle in der Opposition und die Probleme, mit denen die Regierung von Präsident Boric konfrontiert war: die sozioökonomischen Folgen der Pandemie, der Inflationsanstieg infolge des russischen Einmarsches in der Ukraine, zwei gescheiterte Verfassungsprozesse, Migrationsbewegungen, die die institutionellen Kapazitäten überforderten. Zudem schürte eine Veränderung der Kriminalitätsmuster mit einer Zunahme von Tötungsdelikten und Praktiken des organisierten Verbrechens wie Entführungen, Auftragsmorde, Folter und Enthauptungen Ängste in der Bevölkerung und stärkte die Ablehnung der Regierung. Angelehnt an das Regime von Nayib Bukele in El Salvador versprach Kast eine harte Linie gegenüber der Kriminalität – und eine aggressive Agenda von Massenausweisungen. Seine pinochetistische Vergangenheit geschickt verbergend, konzentrierte er sich ganz auf die Themen Sicherheit und Migration.
Schließlich wurde er Ende 2025 mit 58 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Dank der breiten Unterstützung wird seine Regierung vieles von dem durchsetzen können, was sie sich vorgenommen hat. In wirtschaftlicher Hinsicht hat sie Steuersenkungen für Großunternehmen, einen Abbau des Staates und eine Deregulierung im Umweltbereich angekündigt. Vorbild dürfte die Kettensägen-Politik von Ja-vier Milei sein, die in Argentinien zu einer umfassenden Zerstörung des sozialen Gefüges geführt hat. Und auch der Umgang mit der chilenischen Vergangenheit ändert sich radikal: So hat Kast zwei frühere Anwälte des Diktators Pinochet in sein Kabinett berufen.
Die Kehrseite des Sieges von Kast ist die schwere Niederlage der Linken. Am besorgniserregendsten ist, dass auch die unteren und mittleren sozialen Schichten den Kandidaten der extremen Rechten unterstützt haben. Dies erfordert eine weitreichende Reflexion. Auch wenn Fehler und Grenzen der Regierung Boric offenkundig sind: Die Schwächung der Verbindung zwischen der Linken und der sozialen Basis der Gesellschaft schreitet seit Längerem voran. Will die Linke wieder eine mehrheitsfähig politische Alternative sein, muss sie diese umkehren. In den nächsten Jahren muss sie sowohl starke Opposition sein – indem sie Rückschritte bei sozialen Rechten, Freiheiten und Menschenrechten verhindert – als auch ein neues politisches Projekt formulieren. Gelingt es ihr nicht, die Sehnsüchte nach einem besseren Leben, die im chilenischen Volk weiterhin lebendig sind, aufzugreifen, könnte der Sieg der extremen Rechten der Auftakt eines Zyklus sein.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!






