medico: In deinem Symposiumsvortrag „Variationen von Befreiung“ hast du vielfältige Bezüge hergestellt – von der deutschen Kapitulation 1945 bis zur Konferenz im indonesischen Bandung 1955. Warum dieses Ausholen?
Charlotte Wiedemann: Mein Anliegen war, die Widersprüchlichkeit internationaler Prozesse besser zu verstehen, auch im Hinblick darauf, welche Konsequenzen wir für unser Denken und Handeln heute daraus ziehen. Wir erinnern 1948 als Jahr der Erklärung der Menschenrechte. Es war zugleich das Jahr der Nakba, in dem die Menschenrechte von Palästinen ser:innen verneint wurden – ein Unrecht, das bis heute anhält. 1945 stellt zwar in einer westlichen Perspektive „die Stunde Null“ dar. Für den globalen Süden markierte hingegen die Konferenz von Bandung zehn Jahr später den Neubeginn: Die vormals Kolonisierten traten ins Offene und reklamierten Weltgestaltung. Wir müssen also vorsichtig sein, bestimmte historische Perioden mit starren Begriffen und Wertungen, was fortschrittlich ist und was reaktionär, zu vereindeutigen. Wenn wir erkennen, dass es jenseits von dem, was in westlicher Sicht relevant erscheint, andere Kämpfe und auch Erfolge gegeben hat, öffnet das etwas. Auch die heutige Zeit sollten wir nicht nur als Rückschritt, als fortschreitende Rechtlosigkeit und Verlust von Errungenschaften sehen.
Lässt sich über dieses Sichtbarmachen von Widersprüchen und Gleichzeitigkeiten auch die Gleichgültigkeit gegenüber der Gegenwart aufbrechen?
Ich sehe eigentlich weniger Gleichgültigkeit. Ich sehe eher, dass die Kämpfe zunehmen. Damit meine ich nicht unbedingt fortschrittliche Kämpfe, sondern das immer heftigere Aufeinanderprallen von Ansprüchen und Bedürfnissen. Meine düsterste Vorstellung ist, dass eine Zeit anbrechen könnte, in der Menschengruppen fast archaisch nur noch um ihre jeweiligen Vorteile kämpfen. In meinem Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ plädierte ich für das Bemühen, diesen Abstieg vonseiten derer, die im Weltmaßstab an Einfluss verlieren, positiv zu gestalten. Stattdessen sehen wir zunehmend ein Horden- verhalten im Sinne von „Ich will das haben, was ich dir nicht gönne“.
Du sprichst von einer Zunahme der Kämpfe. In deinem Vortrag hast du auch auf die Entscheidung Südafrikas verwiesen, beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag Klage gegen Israel einzureichen. Siehst du darin einen hoffnungsvollen Moment?
Die Klage Südafrikas ist aus meiner Sicht aufgrund historischer Erfahrungen im Land selber zustande gekommen. Sie ist verknüpft mit dem Erbe Nelson Mandelas und der Tatsache, dass Israel ein Bündnispartner der Apartheidregierung war. Die Einreichung der Klage war ein bedeutsamer Schritt. Ich wäre aber sehr zurückhaltend mit der oft zitierten Aussage, dass „der globale Süden nun das Völkerrecht in die Hand nimmt“. Ohnehin werde ich immer skeptischer mit dem Begriff „globaler Süden“. Wir neigen dazu, die Interessengegensätze innerhalb von Ländern zu übersehen oder sie als zweitrangig an den Rand zu schieben. Mich hat zum Beispiel ins Nachdenken gebracht, dass die Regierung in Indonesien vor kurzem gegen den Widerstand von vielen Menschen in der Zivilgesellschaft den früheren Diktator Suharto rehabilitiert und sogar als Nationalheld anerkannt hat. In Chile erleben wir die Rehabilitierung der Pinochet-Diktatur. Was oder wen meinen wir, wenn wir vom „globalen Süden“ sprechen? Wir müssen genau hinsehen.
Auffällig ist, wie willkürlich inzwischen mit dem Völkerrecht operiert wird. Beim Ukrainekrieg fordert die Bundesregierung seine Einhaltung ein, bei den US-Interventionen in Venezuela und Iran übergeht sie es.
Das geht ja inzwischen noch weiter. Wenn Trump sagt, in Iran kann kein neues Staatsoberhaupt ohne seine Zustimmung bestimmt werden, ist das einerseits extrem kurios – und andererseits ist es gesagt und damit in der Welt. Kritische Menschen reagieren auf solche Phänomene häufig mit dem Ausruf „Das ist ja unfassbar!“. Unfassbar ist ein Modewort geworden für alles, was man so schlimm findet, dass einem dafür die Sprache fehlt. Darin zeigt sich eine große Schwäche progressiven Denkens, weil wir die Kompetenz der Analyse verlieren. Wir müssen aus meiner Sicht dringend nach Wegen suchen, unsere Warmherzigkeit und zugleich einen kühlen Kopf zu bewahren. Es gibt in der politischen Bildung den Begriff des „Überwältigungsverbots“. Wir dürfen uns nicht überwältigen lassen. Darum ringe ich in meinem eigenen Schreiben immer wieder aufs Neue – Warmherzigkeit und Empathie bewahren, aber auch die kühle Analyse und Arbeit am richtigen Begriff. Das Unfassbare macht klein und führt zu Ohnmacht.
Als wir dich letztes Jahr angefragt haben, ob du Mitglied im beratenden Kuratorium der Stiftung medico international werden möchtest, hast du geantwortet: „Da mir nichts eingefallen ist, was dagegenspricht, sage ich ja.“
Die Arbeit von medico ähnelt heute einem Blinklicht: Es leuchtet in der Finsternis und zeigt gleichzeitig eine Richtung an. Und die Stiftung trägt ihren Teil dazu bei, dass das weiterhin möglich ist. Ich schätze sehr, dass ihr eure Prinzipien nicht nur beibehaltet, sondern auch wahrnehmt, wie sich die Realität verändert, und dabei bereit seid, eure Analyse immer wieder neu zu justieren – während viele andere entweder alte Prinzipien so hochhalten, als sei nichts passiert, oder sich blind Veränderungen unterwerfen. Die Realität in aller Schärfe zu sehen und zugleich nach Wegen zu suchen, wie man unter den aktuellen Bedingungen Humanität, Menschenrechte und Völkerrecht verteidigen kann – das ist etwas, was mir sehr gefällt und was ich auch in meinem Schreiben immer wieder versuche. Insofern passt das gut zusammen.
Das Gespräch führte Anne Jung.
Zum Nachlesen

Variationen zum Thema Befreiung
Vortrag von Charlotte Wiedemann auf dem Symposium der Stiftung medico international, 08.05.2025135 KBDieser Beitrag erschien zuerst im medico-Jahresbericht 2025.




