Corona-Gedenken

Von Schuld wird kaum gesprochen

Vielleicht besänftigt eine Kerze im Fenster die Trauer, doch wohin mit der Wut?

Von Julia Manek

79.847. So viele Menschen sind in Deutschland bis heute an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Weltweit wird von mindestens 2,9 Millionen gesprochen.

Eine Kerze in die Fenster stellen. Innehalten. Der Pandemietoten in Deutschland gedenken. Inmitten der Vereinzelung gegenüber den emotionalen Belastungen der Pandemie ist das Schaffen von Räumen, die Momente der gemeinschaftlichen Trauer und eine gemeinsame Auseinandersetzung mit den schmerzhaften Verlusten und Ängsten ermöglichen, ein richtiges Anliegen. Das gemeinsame Gedenken erzeugt Hoffnung auf Anerkennung und Anteilnahme für alle, die einen oder gar mehrere nahe Menschen verloren haben.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Beziehungs-Orte langfristig durch den Gedenktag geschaffen werden – verharren Trauer, Zukunftsangst und emotionale Lähmung ob des Verlusts emotionaler Nahbeziehungen lediglich auf dem jeweils einzelnen Fensterbrett? Wie kann alleine getrauert werden, ohne physische Nähe und trostspendende Umarmung? Wie kann getrauert werden, wenn eine sterbende Person nicht begleitet werden darf? Anders gefragt: Wie kann getrauert werden, wenn das Gebot der physischen bzw. gar sozialen Distanz genau dies verunmöglicht – und wenn das neue Infektionsschutzgesetz die Möglichkeiten einzuschränken droht, selbst Sorge für das eigene Leben und das der anderen zu tragen?

Der Versuch, den Verstorbenen durch einen Tag des Gedenkens einen sozialen Ort zu geben, scheint zugleich wohlmeinend und hilflos. Ihm haftet Widersprüchlichkeit an. Man könnte ihm Bigotterie vorwerfen. In jedem Fall aber ist er eins: Symbolpolitik. Weder Flaggen auf Halbmast noch Kerzen am Fenster werden uns die Verstorbenen zurückbringen. Sie vermögen es auch nicht, all jene zu begleiten, deren Trauer nicht nur punktuell, sondern anhaltend sein wird. Genauso wenig machen sie deutlich, dass Gesundheit und Leben mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit und Tod sind – sondern dass sie ein emotionales und körperliches Wohlergehen brauchen, ermöglicht durch wohltuende soziale Beziehungen und würdevolle Lebensbedingungen.

Symbolpolitiken haben in der Corona-Pandemie fast schon Tradition. Erinnert die Kerze am Fenster nicht an den Applaus vom Balkon? Die öffentliche Anerkennung der Anstrengungen der Pflegekräfte hat sich zumindest noch nicht in langfristige materielle Anerkennung übersetzt. Auch sind einige Corona-Auflagen lediglich als symbolpolitisches Pflaster zu betrachten: Wie ist es zu rechtfertigen, dass im Privaten Social Distancing gefordert wird und Schulen schließen müssen – während die tägliche Arbeit von einer Home Office-Pflicht ausgenommen wird? Die Pandemie macht wieder einmal sichtbar, dass Profite vor Menschenleben gestellt werden. Auch ein Tag des Gedenkens der Toten kann das nicht verdecken.

Von Schuld wird kaum gesprochen

Maßgeblich sind es die deutsche Bundesregierung und die Regierungen der europäischen Länder, die den TRIPS-Waiver ablehnen, den Antrag zur Aussetzung der Regelungen geistigen Eigentums in der Pandemie: Damit verhindern sie unter anderem die Produktion von mehr und günstigeren Impfstoffen sowie die Entwicklung von Diagnostika und Behandlungen für Infektionen mit Covid-19. Die Politik der Bundesregierung schützt die Patentrechte der Pharmaindustrie und verhindert Lizenzierungen. Damit nimmt sie, so Illja Trojanow, an „patentiertem Massenmord“ teil. Doch von der Verantwortung der Bundesregierung – oder gar von Schuld – wird kaum gesprochen, wenn zum Gedenken an die Corona-Toten aufgerufen wird.

Offen verhandelt wird Schuld anderswo. Eine medico-Partnerin aus dem schwer von der Pandemie betroffenen Südafrika spricht von den Schuldgefühlen der Überlebenden – the guilt of the survivors. Gemeint sind die Gefühle von Schuld, immer noch am Leben zu sein, weil man sich schützen konnte oder einfach Glück hatte. Während in unmittelbarer Nähe Menschen ohne die Möglichkeit zum Physical Distancing und ohne Zugang zu medizinischer Versorgung starben. Was aber ist mit der Schuld der Staaten und Konzerne, die Menschen diesen Schutz nahmen? Sind sie so unerreichbar, dass die Schuld allein auf die Überlebenden fällt?

Während Schuld und Scham die Trauer um die Verstorbenen auf der psychischen Ebene behindern, wird sie zusätzlich durch materielle und infrastrukturelle Barrieren erschwert: Oftmals bekommen Angehörige keinen Zugang zu den Patient:innen im Krankenhaus – weder zu den Lebenden noch zu den Toten. Ihnen bleibt oft nur das Gefühl, aus einem nur schwer zu glaubenden Traum zu erwachen. Dieser beginnt damit, dass sich die vertraute und vielleicht geliebte Person lebendig in ein Krankenhaus begibt. Und er endet jäh damit, dass sie – nun nicht mehr vertraut – als Asche in einer Urne zurückkommt. Auch wenn Kranke gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten, weil die jahrelange neoliberale Aushöhlung der Gesundheitssysteme schlicht keine zurückließ, bricht die Frage auf, welche Form der Trauer hier angemessen sein kann? Dabei geht es nicht um „Einzelfälle“: Die Rede ist von Tausenden von Menschen.

In einer Welt der neoliberalen Vereinzelung sind kollektive Formen der Trauer nicht (mehr) selbstverständlich. Doch während an vielen Orten der Welt um das Gemeinsame gekämpft wird, scheint die deutsche Zivilgesellschaft durch eine Mischung aus Angst, Langeweile und Lustlosigkeit gelähmt. Wollen wir den Trauernden empathisch und solidarisch begegnen und eigene Verluste betrauern können, müssen wir diese emotionale Starre in den Blick nehmen. Ist sie als psychische Abwehr zu verstehen, mit der die Identifikation mit der alten, vor-pandemischen Ordnung geschützt wird?

Allmachtsphantasie der Unsterblichkeit

Die Pandemie markiert einen Epochenbruch. Nichts wird wieder so sein wie vorher. Erschüttert ist die Sicherheit des (Über-)Lebens der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Angegriffen die scheinbare moralische Überlegenheit, wenn im Ringen um die Impfstoffe das Menschenrecht aller auf gleichen Zugang zu Gesundheit offenkundig verletzt wird. Und zeitgleich andere Nationen Impfstoff bereitstellen.

Die Pandemie bringt die moderne Verdrängung der Sterblichkeit und die durch sie ermöglichte patriarchale Allmachtsphantasie der Unsterblichkeit ins Wanken, wie Rita Segato signalisiert: Das Virus verunmöglicht die Leugnung der eigenen Vulnerabilität. Zurückgeworfen auf die Gefährdung des Überlebens, soll das Heil nun in der Körperlosigkeit der physischen Distanz gesucht werden. Kann unter der anhaltenden Bedrohung durch das Virus überhaupt um die Idealisierung und Identifikation mit der „alten“ Normalität getrauert werden? Alexander und Margarete Mitscherlichs schrieben: „wo Verlust erlitten wurde, ist Trauer, wo das Ideal verletzt, das Gesicht verloren wurde, ist Scham die natürliche Konsequenz.“ Sicherlich ist die Pandemie all das: Der Verlust von Menschenleben fügt sich ein in den Verlust von Formen des sozialen Lebens, die auch einen Gesichtsverlust mit sich bringen: Vor den anderen und vor sich selbst als verletzlich zu erscheinen.

Dabei gesellt sich zur unmittelbar körperlichen Bedrohung eine ungleich größere Bedrohung hinzu: In der Pandemie werden auch die neoliberale Aushöhlung von Rechten und das Fortschreiten des Klimawandels sichtbar. Langsam dämmert vielen auch hier, dass neoliberale Entrechtung und Klimawandel wie die Pandemie vor den europäischen Grenzen nicht Halt machen.

Ohne grundsätzlichen Wandel kein Ende der Gewalt

Gemeinsam gäbe es einiges zu tun: Obwohl unsichtbar, sind die psychosozialen Folgen der Pandemie bereits vielerorts spürbar. Sie werden lange andauern. Und immer wieder stellt sich die Frage: Was für eine Normalität soll eigentlich die „alte“ ersetzen?

Selten war deutlicher, dass die psychischen Symptome des Individuums auch Symptome der gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Die Belastungen unter dem Lockdown resultieren nicht einfach aus der „eigenen Unfähigkeit“, mit ihm zurecht zu kommen. Schuld an der Malaise tragen eher Verhältnisse, die sämtliche Sicherheiten und soziale Bindungen beschneiden. Deshalb ist die gemeinsame Auseinandersetzung darüber, wie wir leben wollen, deshalb ist die Sorge um ein gemeinsames Trauern und Erinnern politisch: Nicht alleine trauern, nicht alleine Angst haben, nicht alleine depressiv sein, nicht alleine gelähmt sein. Nicht alleine den Ungerechtigkeiten ausgeliefert sein, sondern ihnen gemeinsam etwas entgegensetzen. Ein staatlicher Aufruf kanalisiert die Emotionen. Vor allem aber soll er uns unsere Wut nehmen. Zwar setzt er am Status Quo an, doch fragt er nicht danach, wie es zu ihm kam. Damit kappt er dessen Wurzeln und entlastet sich selbst. Eine kollektive Praxis von Trauer, gepaart mit Wut, die eine Änderung der Verhältnisse anstrebt, muss erst entwickelt werden.

Wenn es um das (Über-)Leben unter rassistischer, homophober, staatlicher Gewalt geht, verbinden sich Trauer und Wut immer wieder. In den Black Lives Matter-Protesten entfalten sie ein wahrhaft transformatorisches Potenzial, als Queer Lives Matter erobern sie nicht nur die Straße, sondern auch die Würde zurück. Ohne grundsätzlichen Wandel ist kein Ende der Gewalt in Sicht. Und so ist auch die Pandemie nicht vorbei, bis sie für alle vorbei ist. Eine Kerze im Fenster besänftigt vielleicht die eigene Trauer, doch die Einsamkeit in der Pandemie hört mit ihr nicht auf.

Veröffentlicht am 17. April 2021

Julia Manek

Julia Manek ist Psychologin und Humangeographin. In der Öffentlichkeitsarbeit von medico international ist sie als Referentin für psychosoziale Arbeit tätig.

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