Chile

Revolution der Maulwürfe

Mit der Wahl einer neuen Regierung und einem Verfassungskonvent ereignet sich eine umfassende Transformation. Woher kommen der Ungehorsam und die Mehrheiten für Veränderung? Erster Teil eines Reiseberichts.

Von Mario Neumann

und Katja Maurer

Eigentlich stand die Organisation CODEPU im Jahr 2019 kurz davor, ihre Arbeit einzustellen und sich nur noch als Archiv des langen und verloren geglaubten Kampfes um die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen zu verstehen. Doch dann klingelte es. Eine Ärztin sei zu ihnen ins Büro gekommen und habe eine Behandlungsliege mitgebracht, erzählt Geschäftsführer Raúl Flores, Journalist und Überlebender der Diktatur. Von nun an war an Aufhören nicht zu denken und in den Archivräumen begann die Geschichte von vorne. Flores lächelt, wenn er von dieser Zeit erzählt. Überhaupt hat der Mann in den sechziger Lebensjahren ein überaus freundliches Gesicht, wie alle hier bei dem Wiedersehen mit medico, einer Organisation, mit der manche schon in Zeiten der Militärdiktatur zusammengearbeitet haben.

Am Paseo Bulnes in Santiago de Chile, in der hintersten Ecke des fünften Stocks eines Bürogebäudes, liegen die bescheidenen Räumlichkeiten von CODEPU. Der Paseo Bulnes, benannt nach einem chilenischen Präsidenten des 19. Jahrhunderts, ist einer dieser traditionellen Boulevards für Fußgänger, die vom Aufstreben der lateinamerikanischen Städte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges künden. Städte, die eben nicht aus kleinen Dörfern und Handelszentren über Jahrhunderte entstanden sind, sondern seit ihrer Gründung die Moderne in kolonialer Ausprägung in sich tragen. Der Paseo läuft auf die Moneda zu, die während des Militärputsches 1973 mit Raketen beschossen wurde, wo Salvador Allende starb und in die in wenigen Tagen nach unserem Besuch bei CODEPU der neu gewählte Präsident Gabriel Boric mit seinem Kabinett aus 14 Ministerinnen und 10 Ministern einziehen wird.

Als die Ärztin mit der Liege bei CODEPU klingelte, tobte auf den Straßen der Hauptstadt gerade der „Estallido Social“, was übersetzt etwa „soziale Explosion“ heißt. Während der wochenlangen Rebellion gegen die mittlerweile zu Ende gegangene Piñera-Regierung und gegen den sich 30 Jahre lang vertiefenden Neoliberalismus kam es zu fast militärisch geführten Auseinandersetzungen zwischen Carabineros und den Demonstrant:innen der Primera Linea. Der Paseo bildete dabei eine Art Rückzugsgebiet. Von nun an verwandelte sich das kleine Büro in eine Krankenstation für die Verwundeten des Aufstands, in ein Zentrum für Rechtsberatung für die juristisch Verfolgten, für Klagen gegen Carabineros und in einen Ort psychosozialer Erstversorgung. Die Rechtsanwält:innen von CODEPU druckten Flugblätter mit detaillierten Informationen darüber, welche Rechte man bei Verhaftungen besitzt, und die Psycholog:innen von CODEPU organisierten Treffen zwischen Überlebenden der Diktatur und Opfern der Polizeigewalt. „Wir hatten lange Schlangen vor dem Büro von Menschen, die klagen wollten“, berichtet Raúl Flores. Und auf einmal war die Vergangenheit wieder aktuell. Die verloren geglaubte Geschichte war wieder unabgegoltener Teil der Gegenwart, Jahrzehnte der Aufarbeitung und des Nichtaufgebens wurden zur Infrastruktur und zum Umschlagplatz für den Kampf um eine bessere Zukunft.

Heute begleitet CODEPU etwa 200 Klagen, u.a. eine Klage gegen die oberste Führung der Carabineros – der chilenischen Militärpolizei. Sie wird zum Beispiel dafür verantwortlich gemacht, dass mindestens 395 Menschen schwere Augenverletzungen durch Tränengasgranaten oder Gummigeschosse erlitten haben. Die Neugründung der Carabineros, ihre Verwandlung in eine zivile und zivilisierte Polizei, ist eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Regierung und eine Altlast der offiziell abgeschafften, doch nie wirklich zu Ende gegangenen politischen Tradition der Diktatur. Gerade die junge Generation will das nicht mehr hinnehmen. Bereits im Jahr 2011 veranstalteten protestierende Studierende, deren wichtigste Repräsentant:innen heute fast alle der Regierung angehören, einen Besotón, einen Kussmarathon unter Wasserwerfern mit der Losung „Wir haben keine Angst“. 2019 führte die Primera Linea, ausgerüstet mit Schutzmasken und Helmen, einen regelrechten Straßenkampf gegen die Polizei, die den Ruf eines politischen Feindes hat. Und das zu Recht: Denn die Carabineros und die Militärs führen seit fast 50 Jahren einen Krieg gegen einen „inneren Feind“.

Gemeint sind damit aber nicht nur Linke und junge Menschen in den Städten. Einige dieser „inneren Feinde“ haben eine jahrhundertealte Tradition des Widerstands vorzuweisen. Einen Eindruck gewinnt man von dieser Feindschaft nur wenige Meter von CODEPU entfernt, nämlich dort, wo sich das Verteidigungsministerium befindet. Aus dem Gebäude strömen Männer und auch ein paar Frauen in Uniform und Kampfanzug. Ein seltsamer Anblick, den auch die Übersetzung des Ministeriumstitels in die verschiedenen Sprachen der indigenen Völker Chiles nicht zivilisiert. Diese Militärs führen im Süden Chiles einen Krieg gegen die Mapuche. Laut einer Volkszählung von 2017 zählt sich jede:r Zehnte in Chile dieser größten indigenen Gruppe des Landes zu, in Araucanía, einer Region im Süden, sind es über ein Drittel. Hier verhängte die Regierung Piñera im Oktober 2021 einen militärischen Ausnahmezustand. Und hier holte der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Kast selbst in der Stichwahl über 60 Prozent und damit mehr als in jeder anderen Region – was nicht zuletzt an den vielen hier ansässigen Siedler:innen europäischer Abstammung liegen dürfte.

Eine Region im Ausnahmezustand

Beim Ausleihen des Wagens am Flughafen von Temuco, der Hauptstadt Araucanías, heißt es, wir sollten vorsichtig sein, wenn wir einen Holztransporter vor uns haben. Denn die Region ist Extraktivismusland für Holz, was gute Fahrwege, aber auch Gefahrentransporte mit sich bringt. Die Bäume, die hier abgeholzt werden, sorgen für satte Gewinne, nur nicht für die Menschen, die hier leben. Die Landschaft aus Seen, Vulkanen und Wäldern, eine der schönsten Chiles, leidet jedoch unter der Monokultur der Exportwälder: Sie verbraucht das Wasser und hat die Vielfalt der alten Mischwälder zerstört. Stattdessen stehen überall die traurigen Eukalyptuswälder, bestehend aus Bäumen mit hängenden Blättern und einem Boden, auf dem kein Moos, kein Gras, kein Nichts mehr wächst. Diese Forstbetriebe breiteten sich unter Diktator Pinochet rasant aus und wurden ab Mitte der 1970er-Jahre staatlich gefördert. Innerhalb von zwei Jahrzehnten eigneten sie sich über 1,5 Millionen Hektar Land an. Die damit einhergehende Verwüstung der Region bestätigt uns auch der Journalist Patricio Melillanca, der zu den Gründern der Internetzeitung Mapu-Express gehört. Der ganze Süden habe sich durch die Forstwirtschaft tiefgreifend verändert. „Außerdem ist ein Großteil der Seeufer für die Ansiedlung von luxuriösen Villen privatisiert worden. Daran haben Politiker aller Parteien partizipiert“, sagt Patricio.

Die bis heute wichtigsten Gegenspieler dieser Entwicklung sind die Mapuche, deren Tradition kein Privateigentum kennt und deren Territorien von den Forstbetrieben enteignet wurden. Die Mapuche hatten sich einst erfolgreich gegen die spanische Kolonisierung gewehrt und ihre südlichen Territorien jenseits des Flusses Bío Bío verteidigt. Ihre Autonomie und ihre traditionellen Siedlungsgebiete verloren sie erst mit der Unabhängigkeit Chiles von Spanien. Die Mapuche wurden in blutigen Kriegen schrittweise aus diesen vertrieben und von der rassistisch organisierten Siedlergesellschaft in reservats-ähnliche Siedlungen abgeschoben. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden in einem regelrechten Völkermord fast eine Million von ihnen ermordet – fast 90 Prozent der Bevölkerung. Bis heute fordern die Mapuche – bislang weitgehend erfolglos – vom chilenischen Staat Reparation und Entschädigung für diese Kolonialverbrechen.

Im Süden Chiles verbindet sich der lange antikoloniale Kampf der Mapuche heute mit den großen Fragen der Klimakrise und der Herausforderung einer anderen Lebensweise. Die Mapuche machen keinen nennenswerten Unterschied zwischen ihrer Existenz als indigenem Volk und dem Schutz der Natur als dessen Territorium und Lebenselixier. Sie kämpfen für die Natur, wenn sie für ihr Existenzrecht kämpfen – und umgekehrt. Diese Tradition eines Lebens das einen Einklang mit der Natur statt deren Beherrschung vorsieht, wird in Zeiten der Klimakrise für viele Chilen:innen zu einer Inspiration statt zu einem indigenen Relikt der Vergangenheit. Und sie ist gleichzeitig auch eine Erklärung für die Härte und Unbeugsamkeit, mit der die Mapuche ihr Territorium verteidigen und zurückzuerobern versuchen.

Alberto Curamil ist schwer zu erreichen. „Da, wo ich war, gab es kein Netz“, sagt er uns, nachdem wir nach stundenlanger Suche sein Dorf gefunden haben. Curamil ist Longko – eine Führungsfigur der Mapuche, einem Bürgermeister ähnlich. Er lebt in einer Landbesetzung oder, wie er sagen würde, einer Landrücknahme 60 Kilometer von Temuco entfernt. Es gibt Hunderte solcher Landrücknahmen der Mapuche in der Südzone Chiles, eine Bewegung, die bereits unter der Pinochet-Diktatur begonnen hat. Sein vom Staat nicht anerkanntes Dorf liegt tief im hügeligen Gelände nahe am Vulkan Tolhuaca. Curamil ist aktiver und selbstbewusster Teil einer Renaissance der Mapuche-Bewegung und versteht sich als Kämpfer dieser Jahrhunderte andauernden Selbstverteidigung. Seit 2013 fanden unter seiner Führung Demonstrationen, Straßenblockaden und Landbesetzungen gegen die Errichtung von zwei Wasserkraftwerken statt, die das Ökosystem des Flusses Cautín weitgehend zerstört und die Trockenheit verstärkt hätten. Gemeinsam mit den Rechtsanwält:innen von CIDSUR, einer Vereinigung von Jurist:innen, die größtenteils ehrenamtlich Mapuche in verschiedenen Belangen juristisch vertreten, gelang es ihm am Ende, den Bau der Wasserkraftwerke zu verhindern.

2019 erhielt Curamil dafür einen der wichtigsten Umweltpreise, den Goldman-Preis. Er konnte ihn allerdings nicht persönlich entgegennehmen, weil er im Gefängnis saß. Anderthalb Jahre wegen eines „bewaffneten Überfalls“, um am Ende von allen Vorwürfen freigesprochen zu werden. Haftentschädigungen oder Entschuldigungen hat er bis heute nicht erhalten. Während wir an seinem Küchentisch Marmeladenbrot essen und er von seinem Leben mit polizeilicher Verfolgung erzählt, laufen im Hintergrund Fernsehbilder vom Ukrainekrieg und Journalisten erklären an den Karten der fernen Länder den Frontverlauf. Im Wallmapu, wie die Mapuche die Region nennen, herrscht schon lange Krieg. Curamils Frau Isabel berichtet von ihren psychischen Problemen. Sie nehme Beruhigungsmittel, weil sie nachts nicht mehr schlafen könne und immer wieder schreien müsse. Die älteste Tochter ist bereits ausgezogen, die beiden Söhne leben noch hier und sind mit dem Staatsterror gegen Alberto und die Mapuche groß geworden.

Curamils Geschichte ist kein Einzelfall. In Araucanía herrscht nicht nur ein Kampf um Land, sondern auch ein institutioneller Rassismus gegen die Mapuche. Dieser drückt sich in einer Art doppeltem Recht aus, das formell durch den Ausnahmezustand und Anti-Terror-Gesetze abgesichert ist. Gefälschte Anklagen gegen Mapuche sind an der Tagesordnung. Die Anwendung der Anti-Terror-Gesetze wirkt sich strafverschärfend aus, sodass Haftstrafen nicht selten dreimal so hoch ausfallen wie im Normalfall. Dass wegen der Covid-Pandemie viele Häftlinge in den Hausarrest entlassen wurden, darunter jedoch keine Mapuche, ist nur eine von Hunderten erniedrigenden Nadelstichen der Ungleichbehandlung. Immer wieder treffen wir in der Region mit Menschen zusammen, die uns eine lange Leidensgeschichte ihrer Familien über Generationen hinweg erzählen. Es sind Berichte über die Kriminalisierung dekolonialer Kämpfe.

Die politische Frage, die der teilweise bewaffnete Widerstand der Mapuche an die chilenische Nation stellt, geht daher weit über den Süden hinaus. Viele haben das schon länger verstanden. Daran erinnern auch die Bilder der Mapuche-Fahne, die während des Aufstandes 2019 überall wehte. Sie sind Teil einer konfliktreichen Solidarisierung zwischen den unterschiedlichen Widerstandstraditionen des Landes. Als während des Estallido Social, der mit den Protesten von Schüler:innen gegen eine Fahrpreiserhöhung begann, in den Städten gegen den herrschenden Neoliberalismus skandiert wurde „Es geht nicht um 30 Pesos, sondern um 30 Jahre“, entgegneten die Mapuche, dass es nicht um 30, sondern um 300 Jahre gehe.

Die Region Valparaíso: Ein weiteres Kapitel im Kampf um Wasser

„Das Wasser ist Leben“, hatte Alberto gesagt. Wir hätten ihn nie getroffen, hätte uns Lorena Donaire den Kontakt nicht vermittelt. „Wir führen denselben Kampf“, war seine Bemerkung. So wurden wir Leute seines Vertrauens. Lorena ist einer der Gründerinnen von MODATIMA („Bewegung für die Verteidigung des Zugangs zu Wasser, die Erde und den Umweltschutz“), eine der wichtigsten sozialen Bewegungen in Chile. Die Mutter von drei Kindern und Tochter von kleinbäuerlich wirtschaftenden Eltern, die wegen Wassermangels aufgeben mussten, lebt in La Ligua. Die Kleinstadt in der Region Valparaíso ist Ausgangspunkt unserer Fahrt in eine „Katastrophenregion“, so die offizielle Lage. Man könnte auch sagen: Eine Region, die dem Weltmarktbedarf geopfert wurde.

Die einst wasserreiche Provinz hat ihr Wasser der Agroexportindustrie und dem Bergbau geopfert. Lorena, die den feministischen Zweig von MODATIMA leitet, führt uns durch das kleine Provinzmuseum in La Ligua. Dort zeugen nur noch handgemachte Arpilleras, dreidimensionale Wandbilder aus Stoffresten, von der einstigen Schönheit der Region. Die Ausstellung trägt den vielsagenden Titel „Memorias del agua“ – Erinnerungen an das Wasser. Auf den mit viel Liebe zum Detail erstellten Arpilleras lernen Kinder im Fluss schwimmen, blühen bewässerte Gärten, führen Brücken über reißende Ströme. So war es, so ist es aber nicht mehr.

Auf der Fahrt von La Ligua nach Petorca überqueren wir Brücken, unter denen nur Geröll liegt. Es ist heiß, und durch den Wassermangel scheint alles noch heißer zu sein. Grün sind nur die Avocado-Plantagen an den kahlen Bergen. Um sie anzulegen, wurden alle Schichten und mit ihnen die wassersparsamen Pflanzen ab- und eine neue Schicht Erde für Avocado-Bäume aufgetragen. Die Früchte, die hier produziert werden, entsprechen den Erfordernissen des Weltmarktes, haben eine dicke Schale und sind entsprechend transportfähig. Solche Avocados wachsen normalerweise nur in den Tropen, aber nicht im trockenen Klima Chiles. Kilometerlang fahren wir durch die trockene Landschaft, die einer Wüste ähnelt und kaum noch bewohnt wird, weil hier abgesehen von den Arbeiter:innen in der Exportlandwirtschaft so gut wie niemand mehr leben kann. Unterwegs passieren wir einen unbeleuchteten Eisenbahntunnel, der nur einspurig befahrbar ist und gerade so ein Auto durchlässt. Lorena erzählt, dass hier nach dem Putsch eine Massenerschießung stattgefunden hat. Ihr Onkel habe das Massaker wie durch ein Wunder überlebt. Geschichte und Geschichten liegen nah beieinander.

Wir fahren nach Petorca, einer Kreisstadt mit 23.000 Einwohner:innen, einer Kneipe, die aber kein Bier hat, und einem Kinderschwimmbad ohne Wasser. Vorher hatten wir uns noch die großen Wasserspeicher jenseits der menschlichen Ansiedlungen angesehen, in denen die Plantagenbesitzer das Wasser horten. In Petorca haben viele Haushalte hingegen kein fließendes Wasser mehr. Lorena kennt alle hier und hat uns auch den Kontakt zum Geologen Vladimir Vicencio vermittelt. Er arbeitet in der Umweltabteilung der Gemeinde und übernimmt demnächst das Wasserbüro der Stadt. Dieses soll die örtlichen Wasserkooperativen zum Beispiel beim Bau neuer Brunnen, die nun nicht mehr zwei, sondern 17 Meter tief sein müssen, unterstützen. Vladimir hat in Santiago studiert und man fragt sich, was er hier in der trockenen Gegend will. „Ich habe als Kind jeden Sommer hier verbracht“, erzählt er. Mit Mitte dreißig gehört er dann wie so viele zu der jungen Generation Studierender, die 2011 den Aufstand probte. Und so ist es auch für ihn eine politische Angelegenheit, dieser Region und seinen Bewohnern sein Wissen zur Verfügung zu stellen. „Es handelt sich hier nicht um eine Dürre, sondern um die ungerechte Verteilung des Wassers“, so Vladimir. „No es sequia, es saqueo“ – „Das ist keine Dürre, sondern Raub“, lautet denn auch die MODATIMA-Losung, wie die Mapuche-Fahne ein Symbol der Aufstandsbewegung 2019.

Gretchenfragen

Obwohl das Wasserdrama seit Jahren anhält, belegte erst 2018 eine Studie, dass nicht bloß die klimatische Trockenheit verantwortlich ist. Die rücksichtslose Ausbeutung der Wasserressourcen trägt in der Region maßgeblich zu Trockenheit und Klimawandel bei. Die Bauern der Region wussten das schon lange, schließlich wurden seit den 1990er-Jahren Wasserrechte von enormem Umfang an einige wenige Großgrundbesitzer vergeben. Als die Flüsse La Ligua und Petorca austrockneten, kam es zudem zu einer Übernutzung des Grundwassers, auch sie Folge der Vergabe von Wasserrechten an die Plantagenbesitzer. Die Wasserressourcen konzentrieren sich in den Händen von vier Familien, die im Agroexport das Sagen haben. Die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser übernehmen größtenteils private Unternehmen, die ebenfalls kaum einer Kontrolle unterliegen. Das gelieferte Wasser, so Vladimir, sei von zweifelhafter Qualität und die Menschen erhielten keinesfalls die ihnen zustehende Menge. Es gibt in der Region Schulen, in denen die Kinder nur an zwei Stunden am Tag auf die Toilette dürfen. „Und der Staat tut so, als gehe ihn das nichts an.“

Der neoliberale Extraktivismus und die Privatisierung der Gemeingüter, die Kolonisierung und Enteignung der Mapuche, die Menschenrechtsverbrechen der Diktatur und ihrer Nachfolgeorgane: All das sind Fragen, die Chile seit Jahr[1]zehnten oder sogar Jahrhunderten bewegen. Im Estallido Social sind sie alle neu aufgeworfen worden. Er ist das politische Ereignis der letzten Jahrzehnte und hat einen politischen Raum geschaffen, in dem sich der Horizont einer wirklichen gesellschaftlichen Transformation eröffnet. Und sein Name, die „soziale Explosion“, wird ihm vielleicht eher gerecht als die Bilder in der internationalen Presse, die vor allem auf die große Beteiligung der Jugend abhoben – ein richtiges und doch unvollständiges Bild. Doch die Erfahrungen mehrerer Generationen, die jahrzehntelange Maulwurfsarbeit von Communities und Aktivist:innen und das geschichtsbewusste Weitermachen sind tatsächlich der Staffelstab, den eine junge Generation nun übernehmen konnte. Davon zeugte nicht zuletzt die Amtseinführung von Gabriel Boric, dem jüngsten Präsidenten in der Geschichte des Landes. Geschichte und Zukunft liegen gewissermaßen übereinander: Eine bessere Zukunft ist nicht denkbar ohne die Reparatur des Vergangenen. Das geht nicht über Nacht. Und doch hat sich der Prozess der institutionellen Veränderung daran zu messen.

Gleich nach Antritt der neuen Regierung machte sich die Innenministerin Izkia Siches auf den Weg in die Mapuche-Region. Schon zuvor hatte sie angekündigt, dass der Kriegszustand aufgehoben wird. Nun wollte sie sich mit den Eltern von Camillo Catrillanca treffen, der 2018 von einem Polizisten in den Rücken geschossen und umgebracht wurde. Eine Mapuche-Gruppierung empfing die Ministerin mit unfreundlichen Gewehrschüssen und die Eskorte musste zeitweise den Rückzug antreten. Das Treffen fand dennoch statt. Fast zeitgleich beschloss der Konvent, der gerade die neue Verfassung ausarbeitet, den plurinationalen Staat als deren neue Norm. Dem Konvent gehören zum ersten Mal in der chilenischen Geschichte auch Angehörige der indigenen Völker und der Mapuche an, unter ihnen Elisa Loncón, die in einem symbolträchtigen Akt zu seiner ersten Präsidentin gewählt wurde. Gerade wird dort darüber debattiert, wie die politischen Institutionen des Landes umgestaltet und für neue Formen der politischen Vertretung geöffnet werden könnten: die Ent-Neoliberalisierung der Politik und die Wiedergewinnung des Politischen ist das Ziel. Die Region Valparaíso ist ein erster Versuch der Praxis. Mittlerweile stellt MODATIMA mit seinem Vorsitzenden Rodrigo Mundaca den ersten gewählten Gouverneur der Region, zu der auch das Trockengebiet gehört. Zum ersten Mal hat ein Vertreter einer sozialen Bewegung ein so bedeutendes öffentliches Amt inne.

Einen Tag nach Putins Überfall auf die Ukraine sind wir nach Chile gereist. Wir haben ein Land angetroffen, in dem für alle, mit denen wir sprachen, Politik wie ein Lebenselixier betrieben wird. Hier ist man und frau Mitglied, und zwar nicht Mitglied in einer Partei, sondern Mitglied in einer von vielen Bewegungen, die seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten um einen anderen politischen Entwurf des Landes ringen und das auch weiterhin tun werden. An einen „Marsch durch die Institutionen“ scheint nicht nur in Araucanía niemand zu glauben. Wunderwerke erwartet niemand – und in Aussicht stellt sie auch niemand. Vielmehr sind die politischen Mehrheiten, die es nach dem Estallido Social für eine neue Verfassung und für eine neue Regierung gab, ein weiterer Schritt, um auch auf der Ebene der Institutionen die längst angebrochene Transformation weiterzutreiben. Ein langer Marsch, nun auch mit den Institutionen. Eine Insel gut begründeter Hoffnung, für uns alle.

medico unterstützt ab sofort mit der Spendenkampagne„Adiós Neoliberalismo“ Organisationen in Chile, die in der aktuellen Verfassungsdebatte eine besondere Rolle spielen: Dazu zählen u.a. die Umweltorganisation MODATIMA, die gegen die Privatisierung des Wassers kämpft und die Fundación Nodo XXI, die sich 2012 im Zuge der Studierendenproteste gründete. Nodo XXI versteht sich als Thinktank für linke, progressive Politik und vernetzt Akteur:innen aus Politik, Bewegung und Zivilgesellschaft.

Rechte der Natur

Manuela Royo, Rechtsanwältin, Abgeordnete des Verfassungskonvents, Mitglied in der Kommission für Umweltschutz und Entwicklung

"Ich selbst komme aus einer linken Tradition. Und ich habe den Eindruck, dass die Linke lange Zeit nur auf die Entwicklung der Menschen geschaut hat. Sie hat sich für das Wirtschaftswachstum und die Umverteilung des Reichtums interessiert. Aber sie hat überhaupt keine Idee davon gehabt, dass man die Umwelt schützen muss und dass dazu auch gehört, dass indigene Gemeinden und bäuerliche Kommunen eines eigenen Schutzes bedürfen. Die indigenen Völker hingegen hatten immer die Erzählung von einer Natur mit eigenen Rechten. Wir befinden uns heute als Umweltbewegung in einem gemeinsamen Kampf mit den indigenen Völkern. Ich komme aus dem Wallmapu. Für mich ist der Schutz des natürlichen Waldes ebenso wichtig wie das Wasser. Heute erleben wir eine große Konzentration von Wasser und Land in der Hand von ganz wenigen, die Wälder teilen sich die zehn reichsten Familien Chiles unter sich auf. Eine Linke muss heute also nicht nur das Recht der Natur einfordern, sondern auch ihre gerechte Verteilung."

Plurinationalität ist keine Folklore

Natividad Llanquileo, Rechtsanwältin, Abgeordnete des Verfassungskonvents

"Ich bin in einer Mapuche-Gemeinde auf dem Land aufgewachsen. Mit 14 Jahren musste ich mein Dorf verlassen, um einen Schulabschluss zu machen und zu studieren. Meine Familie hat bereits gegen die Diktatur gekämpft. Ich bin seit meiner Geburt politisch erzogen worden und bin eng mit dem Kampf um die Verteidigung der Mapuche-Territorien verbunden. Ich habe mit meiner Familie deshalb schwere Zeiten der Verfolgung, Kriminalisierung und Verhaftungen durchgemacht. Aus diesem Grund bin ich Rechtsanwältin geworden und habe in der Araucanía auch politische Fälle verteidigt. Mit dem Aufstand und der Polizeigewalt 2019 haben auch die einfachen Chilenen verstanden, welcher Repression wir als Mapuche seit Jahrzehnten ausgesetzt sind. 2019 wurde unsere Fahne Symbol des allgemeinen Aufstands. Der Konvent, der eine neue Verfassung ausarbeitet, sichert den indigenen Völkern einen festen Anteil an Sitzen zu. Wir wollen die Plurinationalität in der Verfassung festschreiben. Am Anfang war die Diskussion darüber sehr folkloristisch. Dass Plurinationalität auch bedeutet, dass die indigenen Völker ein Recht auf Territorien und Naturressourcen haben, ist jetzt Teil der Debatte. Das rührt natürlich an den Interessen der sieben Familien, die das Land besitzen. Sie zu entmachten, wäre wirklich eine strukturelle Veränderung."

Die Institutionen transformieren

Rodrigo Mundaca, Gründer von MODATIMA und nun Gouverneur von Valparaiso

"Wir haben sehr lange darüber nachgedacht, ob es klug ist, als Vertreter einer sozialen Bewegung für ein politisches Amt zu kandidieren. Ich engagiere mich für das Wasser, ich gehöre einer Bewegung an, die von der Provinz Petorca tief im Inneren der Region von Valparaíso aus den Kampf ums Wasser führt. Das ist kein provinzieller Kampf, sondern ein nationaler. Es geht darum, aus dem Wasser ein Gemeingut zu machen, das Recht auf Wasser durchzusetzen und es dafür zu entprivatisieren. Chile ist das einzige Land der Welt, das sowohl seine Wasserquellen als auch alle Wasserläufe privatisiert hat. Seit zwölf Jahren führen wir diesen Kampf von einem Territorium aus, das für die Öffentlichkeit eigentlich unsichtbar war. Aber wir haben von hier aus eine sehr radikale Bewegung gegründet, um das Wasser für unsere Region zurückzugewinnen. Im Zuge der Pandemie haben wir sehr lange darüber diskutiert, ob es nun an der Zeit ist, die Institution von diesem neu geschaffenen Wahlamt des Gouverneurs in Angriff zu nehmen und zu transformieren. Und wir haben uns dafür entschieden."

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2022. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Veröffentlicht am 29. März 2022

Mario Neumann

Mario Neumann ist Pressereferent bei medico und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit zu Südamerika und dem Libanon. Seit seiner Jugend ist er politischer Aktivist, hat lange für das Institut Solidarische Moderne (ISM) gearbeitet und promoviert an der Uni Kassel in Politischer Theorie.

Twitter: @neumann_aktuell


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