In der südafrikanischen Gesellschaft hat sich jahrelang eine anti-migrantische Stimmung aufgebaut, seit März drastisch zugespitzt und das Land inzwischen fest im Griff. Täglich gibt es gewaltsame Übergriffe auf migrantische Läden oder Straßenhändler:innen, immer wieder rotten sich Mobs zusammen.
Nachdem die Bürgerwehren Geschäfte nigerianischer Besitzer:innen zum Angriffsziel erklärten, wurden im Mai zwei Händler ermordet. Das sorgte zwar für diplomatische Spannungen zwischen Südafrika und Nigeria, blieb aber für die Angreifer:innen selbst ohne Konsequenzen. Auch äthiopische Geschäftsleute werden von den Bürgerwehren als "kriminell und privilegiert" verschrien. Dieses Mal wurden mehrere äthiopische Staatsangehörige gezielt erschossen. Ein bewaffneter Rassist tötete vier Männer in einem Restaurant, als sie dort frühstückten. Der Täter verließ ungehindert das Restaurant. Auch aus ländlichen Gebieten werden Menschenjagden mit Tötungen gemeldet, mehrere hundert Mosambikaner:innen flüchteten über die Landesgrenze.
Thapelo Mohapi gehört Abahlali baseMjondolo an. Die basisdemokratische Bewegung organisiert mehrere hunderttausend “Shack Dwellers” in fünf der neun südafrikanischen Provinzen, kämpfen für deren Land- und Menschenrechte, und baut dort Infrastruktur auf, wo die Menschen in den ärmsten informellen Siedlungen in selbst zusammengezimmerten Hütten leben. Einschüchterungen und körperliche Angriffe haben die Migrant:innen aus ihren Wohngebieten vertrieben, erklärt der medico-Partner. Sie sind zu Zielscheiben des Hasses geworden, angefacht von der xenophoben Hetze südafrikanischer Bürgerwehren. "Wir sind mitten im Feuer", konstatiert Mohapi.
Inzwischen sorgt aus dem Umfeld der Bürgerwehren ein gefälschtes Poster mit dem Logo des südafrikanischen Innenministeriums, für Unruhe. Das Poster deklariert den 30. Juni zum Stichtag, an dem alle undokumentierten Migrant:innen das Land zu verlassen haben. Bedrohlich offen bleibt, was mit denjenigen passiert, die dem Aufruf nicht nachkommen. Trotz Richtigstellungen durch die Behörden hängt das Datum wie ein Damokles-Schwert in der Luft. Das Zuhause einfach so zurücklassen? Die meisten Menschen haben dazu nicht die finanziellen Mittel. Sie wissen nicht wohin. In der Stadt Durban suchen sie deshalb das Diakonia Center auf, in dem die medico-Partner:innen seit Jahren Hilfe auch für Geflüchtete anbieten. Als Antwort auf das brutale Apartheid-Regime gegründet war das Zentrum ein lebendiger Knotenpunkt des Widerstands: Es bot praktische Hilfe bei Zwangsumsiedlungen, juristische Beratung und Notunterkünfte für Vertriebene und Verfolgte an. Im Innenhof werden Hilfsgüter verteilt und Matratzenlager gebaut. Das Zentrum platzt aus allen Nähten. Viele haben die berechtigte Angst, in die Townships und informellen Siedlungen zurückzukehren, in denen sie nicht mehr sicher sind. So wie die Mauern des Backsteinbaus einst Aktivist:innen vor der Gewalt der Apartheid schützten, schützen sie heute Migrant:innen, die Angst um ihr Leben haben.
Vieles an der aktuellen Situation erinnert an die Pogrome gegen Migrant:innen im Jahr 2008, als die xenophobe Gewalt völlig eskalierte. Johanna Kistner, klinische Leiterin der medico-Partnerorganisation Sophiatown Community Psychological Services, fühlt sich wie in die Vergangenheit zurück katapultiert, als die Organisation Hilferufe von Menschen aus einem in Brand gesteckten Wohnkomplex erreichten. Mit ihren Privatautos fuhren sie die Menschen durch brennende Barrikaden und an Mobs vorbei, die versuchten, die Autotüren aufzureißen. Landesweit wurden 62 ermordete Migrant:innen dokumentiert. Aus Angst vor der Gewalt verließen über 100.000 Menschen das Land. Johanna befürchtet, dass die Gewalt dieses Mal noch weitreichendere Folgen haben könnte.
Rechte Massenbewegung auf den Ruinen der Apartheid
Wer an rechte Kräfte und Südafrika denkt, denkt zuerst an das historische Apartheidregime und an White Supremacists. Der Blick fällt auf Tech-Milliardäre wie Elon Musk und Peter Thiel und deren Ideen weißer Vorherrschaft, auf den dramatischen Exodus weißer Südafrikaner:innen in die offenen Arme des US Präsidenten, der von einem fiktiven "weißen Völkermord" spricht oder auf weiße faschistische Gruppierungen wie die historische "Afrikaner Weerstandsbeweging" (AWB), deren Emblem nicht zufällig an ein Hakenkreuz erinnert. Ethnonationalistische Afrikaaner-Gruppierungen sind Teil internationaler rechtsextremer Netzwerke und laden auch deutsche Rechtspopulisten zu gemeinsamen Schießübungen ein, darunter den AfD-Bundestagsabgeordneten Petr Bystron.
Doch die gegenwärtig gefährlichste rechte Massenbewegung in Südafrika wird von Gruppen getragen, die selbst zu den Verfolgten des Apartheidregimes gehörten. Die Werkzeuge der Bürgerwehren "Operation Dudula" und "March and March" sind auch die der globalen Rechten: Ihre Hetze erzeugen sie durch die Überflutung sozialer Medien mit Fake News, moralischer Panik, auf den ersten Blick harmlos erscheinenden, aber eigentlich hetzerischen Aussagen. Die erste landesweite Präsidentin von Dudula, Zandile Dabula, sagte in einem Interview, es gehe ihr "nicht um die Hautfarbe, sondern um ‚Illegale‘, die unsere Gemeinden kaputt machen".

Wehret den Anfängen
Nachdem sich Dudula zunächst online unter dem Hashtag #PutSouthAfricaFirst formiert hatte, formierte sich eine Bewegung weiter, deren Struktur oft ohne zentrale Befehlskette auskommt: Lokale Gruppen agieren autonom, organisiert über Social Media. Der Staat bleibt mindestens untätig – oder gibt der Bewegung gar Rückendeckung. Ihren ersten großen Auftritt hatte die Bewegung mit der Blockade der Kliniken während der Pandemie. Wer das Chris Hani Baragwanath Academic Hospital im Stadtteil Soweto aufsuchen wollte, fand das massive Eingangsportal des größten Krankenhauses des afrikanischen Kontinents von Menschen in weißen T-Shirts mit großem Logo und Baseball-Kappen versperrt, die Ausweispapiere verlangten. Wer keine südafrikanischen Dokumente vorweisen konnte, wurde abgewiesen und bedroht – auch akut kranke Personen und Schwangere. Ausgerechnet von Soweto aus – größtes schwarzes Township Johannesburgs, während der Apartheid Schauplatz massiver Unterdrückung und Kristallisationspunkt für den Anti-Apartheid-Widerstand – breiteten sich die Übergriffe auf Krankenhäuser und Kliniken in umliegende Townships mit höherer Dichte an migrantischen Einwohner:innen aus. Auf der Straße versuchten Aktivist:innen sozialer Bewegungen, den Bürgerwehren Paroli zu bieten. Den medico-Partner:innen von Abahlali baseMjondolo gelang es, Migrant:innen in die Kliniken zu eskortieren. Trotzdem hörte es nicht auf. In einigen Fällen verweigerte Klinikpersonal gar die medizinische Behandlung – sei es aus Ressentiment, sei es aus Furcht.
Dann trat im Frühjahr 2025 ein neuer rechter Akteur auf den Plan: March & March. Gegründet von der Radiomoderatorin Jacinta Ngobese-Zuma inszeniert sich die Bewegung als Verteidigerin der Kultur und des Territoriums: Ihre Mitglieder tragen traditionelle Zulu-Gewänder, viele führen Stöcke oder Speere mit sich und bei großen Demonstrationen in Durban und Johannesburg marschieren berittene Männer in traditionellen Gewändern voran. Anders als Dudula, die oft lokal und dezentral agiert, organisiert March & March landesweite Großmärsche und nutzt die Medien gezielt, um politischen Druck auszuüben.
Die südafrikanischen medico-Partner:innen haben die xenophoben Gruppierungen seit ihrer Entstehung genau verfolgt. Von Beginn an sind sie in ihrer täglichen Arbeit mit den Bürgerwehren konfrontiert, organisierten Zusammenkünfte verschiedener sozialer Organisationen, um nach Lösungen gegen neu entfesselte Xenophobie zu suchen.
Das Centre for Applied Legal Studies (CALS), aus deren Umfeld auch die Klage gegen Israel wegen des Völkermords in Gaza initiiert wurde, hat ein Monitoring-Tool für xenophobe Gewalt aufgebaut. Sithuthukile Mkhize ist Leiterin der Abteilung für Zivile und Politische Rechte bei CALS und beschreibt die Entwicklung so: "Was vor Jahren als Minderheitsbewegung begann, entfaltet heute brutale Schlagkraft und wächst nun exponentiell. Wir sind nicht überrascht. Südafrika war schon immer fruchtbarer Boden für Gewalt. Die rechten Bürgerwehren haben es geschafft, die immense Wut zu kanalisieren, die hier wegen der vielen gebrochenen Versprechen nach dem Ende der Apartheid vorherrscht. Sie haben auf eine politische Zeitbombe gesetzt, die sich von allein entfalten würde, ohne dass sie großen Aufwand betreiben müssten."
Wie es dazu kommen konnte
Der Druck auf die südafrikanische Wirtschaft und insbesondere auf arme Menschen ist groß. Im Land mit der größten Ungleichheit weltweit, wurden unter dem ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma Milliarden aus Staatsunternehmen gestohlen, die strukturellen Schäden sind bis heute spürbar. Rund ein Drittel der Südafrikaner:innen ist arbeitslos; besonders betroffen sind Jugendliche, von denen rund 60 Prozent keinen Job finden. Die Armut ist massiv, die Infrastruktur marode. Dazu kommen Stromausfälle, Wasserknappheit und Korruption. Seit der Pandemie verteuerte sich alles. Die Klimakrise sorgt dafür, dass Ernten im Süden des Landes durch Dürre und im Osten durch Überschwemmungen zerstört werden. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ließ die Nahrungsmittelpreise in die Höhe schnellen. Der Krieg im Iran, lässt die Benzinpreise weiter explodieren.
Dass Südafrika – ähnlich wie überall sonst in der Welt – an der Migration verdient, etwa durch Ausbeutung migrantischer Arbeit und ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten und sie – ähnlich wie in Deutschland – drastisch geringeren Zugang zu Sozialleistungen haben, spielt in den rechten Diskursen keine Rolle.
Bis heute stellt die weiße Bevölkerung mit ca. sieben Prozent eine deutliche Minderheit in Südafrika dar, die aber immer noch große Teile des gesamten Landes besitzt und ca. 70 Prozent der kommerziell genutzten landwirtschaftlichen Flächen kontrolliert. Black Economic Empowerment-Programme haben zwar eine kleine, vermögende schwarze Elite geschaffen, die Grundstruktur aber kaum verändert. Der größte Teil des industriellen Kapitals liegt immer noch in weißen Händen. Laut Forbes-Liste ist die Spitze der Vermögenden im Land fast vollständig weiß.
Solche Gewaltspiralen lassen sich gut mit den Worten von Erich Fromm greifen, der sie als das "Radfahrer-Syndrom" des Autoritarismus nannte: nach oben buckeln und nach unten treten. Die Bürgerwehren tasten die weiße Bevölkerung nicht an. Diese wiederum bleibt stumm, wenn es darum geht, die anti-migrantische Gewalt zu verurteilen.
Politik auf dem Rücken der Migrant:innen
Es scheint fast so, als stünde die Demokratie Südafrikas kurz vor dem Kollaps. Nicht durch äußere Feinde, sondern durch interne Erschöpfung. Deren Symptom? Eine Politik des permanenten Ausnahmezustands, die darauf angewiesen ist, dass die Bevölkerung ihre Frustration an den Schwächsten abreagiert, anstatt das System selbst in Frage zu stellen. Bis auf eine kleine radikale Opposition scheinen alle südafrikanischen Parteien unisono das zu tun, was auch die politische Mitte anderswo praktiziert: Sie regieren rechts ihrer ursprünglichen Basis, um Stimmen der sogenannten "besorgten Bürger" zu verlieren. Von den USA über Argentinien bis Deutschland: Das Muster ist überall dort bekannt, wo Regierende auf dem Rücken von Migrant:innen ihr institutionelles Scheitern und die fehlenden politischen Visionen für eine lebenswerte Zukunft durch die Inszenierung von Maßnahmen gegen Migration in aggressiver Rhetorik überspielen. In der Regel ohne Erfolg übrigens.
CALS-Juristin Sithuthukile Mkhize konstatiert dazu nüchtern: "In Südafrika war die Rainbow Nation nie wirklich vereint. Migrant:innen werden nicht deshalb zur politischen Währung, weil sie die Krise verursacht haben, sondern weil sie zum fiktiven Feind gemacht werden, gegen den man sich endlich vereinen kann. Das aber ist ein Kurzschluss, der die tatsächliche institutionelle Reparatur durch die populistische Jagd auf einen Sündenbock ersetzt – der nicht einmal wählen kann."
Im Wahljahr steht Präsident Cyril Ramaphosa unter massivem politischem Druck. Sein African National Congress (ANC), einstige Befreiungsbewegung und nun Regierungspartei, verlor erstmals seit Apartheitsende die absolute Mehrheit. Nach den jüngsten eskalierten xenophoben Ausschreitungen wandte er sich am 7. Juni mit einer Rede an die Nation, welche die aufgewiegelte Lage beruhigen sollte. Zwar betonte er die Verpflichtung Südafrikas zum Schutz der Rechte aller Menschen, unabhängig ihrer Staatsbürgerschaft – versprach jedoch an erster Stelle ein hartes Durchgreifen des Staates gegen undokumentierte Migration.
Welche Sprengkraft sich aus dieser Ambivalenz entwickeln wird, mag noch ungewiss sein. Am Ende gefährdet diese Strategie nicht nur die Migrant:innen, sondern die südafrikanische Demokratie selbst. "Zum 30. Juni", sagt Thapelo Mohapi, "befürchten wir eine massive Eskalation."
Gegen die fremdenfeindliche Gewalt: medico-Partner:innen schützen Betroffene und stehen mit ihnen für ihre Rechte ein. medico unterstützt sie bei der Nothilfe für bedrohte und vertriebene Migrant:innen.




