Der Kern des neuen Faschismus sei, so von Redecker, ein entfesselter Besitzanspruch, dessen Verteidigung über Leichen geht. Was es bedeutet, wenn „Gegenüber keine Menschen, sondern Dinge“ und „Feinde keine Gegner, sondern Diebe" sind, erzählt sie im Interview, das anlässlich der Lesereise zu ihrem neu erschienenen Buch „Dieser Drang nach Härte“ bei medico in Frankfurt entstanden ist.
medico: Du schreibst in deinem neuen Buch, „Faschismus ist ‚liquidierende Phantombesitzverteidigung‘“. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich: „wie bitte“?
Eva von Redecker: Der Begriff des Phantombesitzes ist nicht plötzlich entstanden, sondern vor fast zehn Jahren, als ich verstehen wollte, warum unterschiedliche rechte Mobilisierungen – insbesondere im Anti-Gender-Diskurs – sich so verhalten, als hätten sie einen Phantomschmerz. Diese Menschen klingen oft so, als wäre ihnen etwas genommen worden, dabei war ihre Beziehung zu diesem vermeintlichen Verlust von Gewalt geprägt. Es geht gar nicht um einen Schatz, den man vorsichtig und behutsam behandelt, und der dann geraubt wird, sondern mehr so, als hätte ihnen jemand ihren Punching Ball weggenommen. Es geht eher um „etwas“, worüber man verfügen und das man beherrschen will.
Das wirkt antiquiert, denn wir leben heute nicht mehr in einer Gesellschaft, in der Menschen offiziell Eigentum anderer Menschen sind. Das war eine der großen Errungenschaften emanzipatorischer Kämpfe. Trotzdem ist die Anspruchshaltung, über andere verfügen zu wollen, keineswegs verschwunden. Manche Menschen glauben entscheiden zu dürfen, wer dazugehört oder wer das Stadtbild verändert. Genau diese eingebildete Verfügungsmacht nenne ich Phantombesitz.
Dabei ist die moderne Eigentumsvorstellung sehr weitgehend: Wer Eigentümer ist, darf grundsätzlich mit seinem Eigentum machen, was er will - bis zur Zerstörung. Die Selbstverständlichkeit dessen sieht man zum Beispiel an Konzernen wie RWE, die ganze Landschaften zerstören dürfen.
… und die Liquidierung?
Lange habe ich Autoritarismus als das politische Versprechen verstanden, diesen Phantombesitz zu verteidigen und verlorene Herrschaftsansprüche wiederherzustellen. Das zeigt sich etwa in Grenzpolitik, im Bau von Mauern, im „Schutz der Familie“, oder in der Behauptung, der Feminismus gehe zu weit.
In den letzten Jahren ist noch etwas hinzugekommen. Die Verteidigung beschränkt sich nicht mehr darauf, Grenzen zu ziehen oder Besitz zu sichern. Sie richtet sich zunehmend gegen dämonisierte und entmenschlichte Feinde – angebliche Plünderer, die beseitigt, liquidiert werden sollen. An diesem Punkt spreche ich von Faschismus.
Diese Dreiecksbeziehung aus Eigentümer, Objekt und Abjekt ist abstrakt. Aber gerade dadurch erklärt sie, wie flexibel rechte Mobilisierung funktioniert. Heute richtet sie sich gegen Drag-Queens, morgen gegen Wärmepumpen. Die konkreten Feindbilder wechseln ständig, die zugrunde liegende Struktur bleibt aber dieselbe. Schon Adorno hat gesagt: „Die Opfer können ersetzt werden durch andere Feindbilder."
Du entwickelst mit dem Begriff des „possessiven Charakters“ eine neue Perspektive, die über die Erklärungen der klassischen Kritischen Theorie hinausgehen. Was bedeutet dieser Begriff?
Die Frankfurter Schule hat versucht, eine Antwort darauf zu geben, warum Menschen gegen ihre eigenen Interessen handeln, also warum etwa die Arbeiterklasse faschistische Bewegungen unterstützt, obwohl diese ihr letztlich schaden?
Ihre Erklärung war, dass Menschen unter Anpassungsdruck leiden: Sie leben in einer Gesellschaft, die Gleichheit verspricht, aber ständig Ungleichheit produziert. Diese Frustrationen können sich in autoritären und sadistischen Impulsen entladen. Das erklärt viel – aber nicht, warum sich diese Aggressionen so häufig gegen bestimmte Gruppen richten und warum immer wieder ähnliche Verschwörungserzählungen entstehen.
Hier setzt die Psychoanalytikerin Elisabeth Young Bruehl an und interpretiert Gewalt als eine Abwehrreaktion: Eine instabile Psyche versucht, den inneren Druck zu bewältigen, indem sie ihn nach außen verlagert und ein Objekt dafür findet. Diese Abwehrmechanismen ähneln interessanterweise stark der Logik von Eigentum. Wer kann kontrollieren, Grenzen ziehen und andere ausschließen? Der Eigentümer.
Wie zeigt sich dieser Zusammenhang heute?
Die Grundidee der bürgerlichen Gesellschaft ist, dass wir frei sind, weil wir uns selbst besitzen. Aber dieses Selbstverhältnis ist widersprüchlich: Wie kann ein Mensch sich selbst besitzen? Wo beginnt und endet dieses Eigentum an sich selbst?
Gerade diejenigen, denen diese Vorstellung von Souveränität historisch besonders zugesprochen wurde – etwa bürgerlichen weißen Männern –, stehen unter Druck, diese Kontrolle immer wieder herzustellen. Das kann dann über Kontrolle von Territorien, über Vorstellungen von Familie oder über die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen geschehen.
Ein Beispiel ist die Debatte um Migration. Wenn jemand eine vermeintliche Unordnung im öffentlichen Raum wahrnimmt und daraus ableitet, bestimmte Gruppen seien das Problem, geht es nicht um eine tatsächliche Beschreibung der Realität. Es geht um eine psychische Stabilisierung: Ein inneres Gefühl von Kontrollverlust wird nach außen verlagert.
Obwohl ich allen Menschen Zugang zu guter psychischer Versorgung wünsche – auch rechten Menschen – glaube ich nicht, dass man rechte Ideologien durch Therapie loswird. Die entscheidende Frage ist: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugen diese Symptome?
Könnte man angesichts der aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen dann sagen, die Bundesregierung „liquidiert“ gerade den Sozialstaat? Wäre das bereits faschistisch?
Der Abbau des Sozialstaats ist zunächst eine Form neoliberaler Politik, die Zukunft zerstört und Lebensverhältnisse zerrüttet. Genau dadurch schafft diese Politik aber Bedingungen, unter denen faschistische Politik leichter Fuß fassen kann.
Es gibt allerdings Momente faschistischer Rhetorik in diesem Sozialstaatsabbau, nämlich in der Hetze gegen angeblich nicht hart genug Arbeitende und dann noch mal speziell gegen chronisch kranke Menschen. Da geht es nicht mehr nur um Sparpolitik, sondern das hat so einen sadistischen Überschuss, dass man das Gefühl hat, da soll auch jemand bestraft werden.
Trotzdem würde ich nicht jede unsoziale Politik faschistisch nennen. Dagegen kann und sollte man sich auch einfach deshalb wehren, weil sie unsozial ist.
Entscheidend ist etwas anderes: Je stärker materielle Sicherheit schwindet, desto mehr klammern sich Menschen an jene Scheinarenen, in denen sie noch glauben, über etwas verfügen zu können. Phantombesitz wird attraktiver, wenn reale Zukunftsperspektiven verloren gehen.
Diese Verlustängste erleben wir heute auf mehreren Ebenen gleichzeitig: ökologisch durch die Klimakrise, sozial durch den Abbau öffentlicher Sicherungssysteme. Während die Zahl der Hitzetoten steigt, wird das Gesundheitssystem kaputt gekürzt. Solche Entwicklungen erzeugen diffuse Ängste – und genau daran kann faschistische Politik anknüpfen.
Hinzu kommt etwas historisch Neues: Dies ist der erste Faschismus im Zeitalter des Kapitalozäns. Fossile Politik, militärische Aufrüstung und die Zerstörung ökologischer Lebensgrundlagen schreiben tödliche Gewalt unmittelbar in die Zukunft des Planeten ein. Selbst wenn politische Kämpfe gewonnen werden, bleiben diese Zerstörungen bestehen.
Du beschreibst auch, wie sich historische Gewaltformen verändern und teilweise ihre Seiten wechseln. Begriffe wie Freiheit werden heute teilweise von rechten Bewegungen neu besetzt. Wie erklärst du diese Verschiebungen?
Wenn man mit der Perspektive schaut, dass wir alle der Zumutung ausgesetzt sind, uns angeblich selbst besitzen und uns in einer Konkurrenzgesellschaft behaupten zu müssen, wird verständlich, warum solche Verschiebungen möglich sind. Auch Menschen, die selbst Unterdrückung erfahren haben, sind nach einer Befreiung nicht automatisch frei von diesen Mustern.
Eine formale Gleichheit ohne materielle Grundlage kann ein tiefes Dilemma erzeugen: Man hat rechtlich neue Freiheiten gewonnen, aber keine tatsächliche Sicherheit oder Verfügungsmacht über das eigene Leben.
Das zeigt sich etwa in historischen Befreiungsprozessen. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA oder dem Ende der Apartheid in Südafrika wurden grundlegende Eigentumsverhältnisse nicht umfassend verändert. Während manche weiterhin über tatsächliches Eigentum verfügen konnten, blieb die neu gewonnene Freiheit vieler Menschen prekär. Dadurch entsteht die Versuchung, die Ursache des eigenen Verlustgefühls bei anderen zu suchen. Die tatsächliche Eigentumsordnung verschwindet aus dem Blick und wird ersetzt durch ein Phantasma: jemand nimmt mir etwas weg.
Man kann versuchen, die eigene Position dadurch zu stabilisieren, dass man andere ausschließt oder unterdrückt. Man kann aber auch sich weiter organisieren und für wirkliche Befreiung kämpfen.
Würdest du angesichts der globalen autoritären Wende sagen, dass diese Psychodynamik weltweit gilt?
In den letzten Jahren kam der Impuls, wieder von „Faschismus“ zu sprechen, gerade von Kolleg:innen aus dem globalen Süden. Natürlich macht es einen Unterschied, ob etwas hindu-nationalistisch kippt oder in einer MAGA-Bewegung. Aber mir scheint, dass wir heute – in einer Welt, in der besitzindividualistische liberale Demokratien einen globalen Siegeszug angetreten haben und der Neoliberalismus diesen Entwicklungen Tür und Tor geöffnet hat – an vielen Orten wiedererkennbare Dynamiken beobachten können.
Ich halte es für sinnvoll, Faschismus als eine spezifische politische Form zu verstehen, die aus dem Liberalismus heraus entsteht. Nachdem die eigentumsförmige Herrschaft scheinbar überwunden wurde, wird Eigentum in einer neuen, propagandistischen Form wieder aufgelegt. In Indien beispielsweise ist inzwischen antikoloniale Rhetorik selbst ein wichtiger Bestandteil des neuen faschistischen Projekts. Gewissermaßen ist das ein „postkolonialer“ Faschismus.
In den letzten Jahren haben wir erlebt, dass die mühsam aufgebauten, ohnehin brüchigen Schranken gegen internationale Gewalt zunehmend abgebaut werden. Dazu gehören auch bestimmte verlässliche Bündnisse oder völkerrechtliche Konventionen. Gerade in Bezug auf den Genozid in Gaza hatte man in Deutschland teilweise den Eindruck, dass diese Regeln fast triumphierend abgewickelt wurden.
Meine Diagnose lautet deshalb: Der Liberalismus zerbricht auf eine Weise, die nicht emanzipatorisch ist. Er bricht nach rechts. Nur wenn wir solche Muster erkennen, können wir überhaupt die Möglichkeit eines globalen Widerstands und einer internationalistischen Politik ins Auge fassen.
Du schreibst am Ende deines Buches „Reichtum ist langweilig, und hoffentlich immer schwerer zu verteidigen. Repariertes dagegen beweist, dass sich mitten in der Unzeit die Zukunft wieder eröffnen lässt.“ Welche Rolle spielt die Reparatur?
Die Idee des linken Transformationsdenkens war lange: Es gibt Reichtum, der gemeinsam geschaffen wurde, aber in den falschen Händen liegt – wir müssen ihn nur zurückholen. Das greift heute zu kurz. Wir leben in einer Welt, in der diese Wachstumsideologie selbst enorme Zerstörungen hervorgebracht hat: ökologische Trümmer, toxische Abfälle, aber auch traumatisierte Menschen und Gesellschaften.
Deshalb braucht es Reparatur – nicht als Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern als eine emanzipative Praxis, die die Welt wieder bewohnbar macht. Ohne diese Form von Reparatur, wie sie etwa auch in der Arbeit der medico-Partner:innen eine Rolle spielt, beispielsweise wenn es um Reparationen – aber darüber hinaus um eine Reparatur – für die kolonialen Verbrechen oder die Klimaschäden geht, wird es keine Zukunft geben. Es reicht nicht, nur für eine gerechtere Verteilung zu kämpfen. Wir müssen auch anders miteinander arbeiten und leben. Eigentlich bedeutet Antifaschismus „Luxus für alle“. Es muss wirklich schön sein, da wo Menschen zusammenkommen.
Deshalb glaube ich auch, dass Sozialpolitik eine antifaschistische Wirkung haben kann: Antifaschismus bedeutet, die Politik der Projektionen von Phantasmen und Phantombesitz nicht zu bedienen, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, die sie hervorbringen. Wenn Menschen weniger Verlustängste haben, wird ein Teil dieser Dynamik schwächer. Natürlich verschwinden dadurch nicht alle autoritären oder rassistischen Muster, aber die gesellschaftliche Grundlage verändert sich.
Das Interview führten Julia Manek und Antonie Riek

Eva von Redecker ist Philosophin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus, Kapitalismuskritik und Autoritarismus. Im Februar 2026 erschien ihr Buch Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus.





