Klima

Schnell vergessen

30.06.2026   Lesezeit: 3 min  
#klimagerechtigkeit 

Die Hitze mag vergehen, der Unwille zur Veränderung bleibt.

Von Karin Zennig

Man hätte es nicht voraussehen können“, murmelte Markus Söder als er 2024 durch das in Folge von Extremregen überschwemmte Bayern watet. Manchmal sind Wiederholungen nicht nur anstrengend, im Fall der Klimakrise ist die anhaltende Ignoranz tödlich. Denn ja, wer hätte die Extremhitze der vergangenen Tage schon kommen sehen können? Nur weil der Weltklimarat solche Phänomene seit 1992 voraussagt und die Zunahme und Intensivierung von extremer Hitze seit 2021 für sicher hält?

Seit Jahren warnen Wissenschaftler:innen, dass Europa der sich am stärksten aufheizende Kontinent ist. Was das bedeutet, hätte uns klar sein können. Wir hätten es in den zu Katastrophenzonen deklarierten Ländern des globalen Südens beobachten können. Dort jagt seit Jahren ein Extremwetter das nächste. In Somalia hinterlassen andauernde Dürren Hungernot, im Irak sinkt der Grundwasserspiegel dramatisch, in Indien, Pakistan, Sri Lanka sterben Tausende bei monatelangen Temperaturen um die 50 Grad. Warum sind wir nicht vorbereitet?

Aufregung ohne Sorge

Stattdessen Aufregung: Deutschland erreicht 42 Grad. Klingt wie: „Deutschland ist Weltmeister.“ Und genauso fühlt es sich auch an: aufgesetzt. Für wenige Tage sind Klimakrise und Extremhitze nicht nur in aller Munde, sondern auch Thema in allen Medien. Überall Warnungen und nützliche Hinweise, Maßnahmen werden ergriffen, Sommerfeste abgesagt. Wir tun etwas!

Leider artikuliert sich hier nicht die Wiederentdeckung gesellschaftlicher Fürsorge, sondern lediglich aktionistische Feuerwehrpolitik. Es geht darum, im Moment der Aufmerksamkeit das Richtige zu tun. Dass wir schon seit 30 Jahren das Richtige hätten tun können, um tatsächlich vorbereitet zu sein und uns zu schützen, wird ignoriert. Während Länder des globalen Südens trotz stärkerer Betroffenheit die finanziellen Kapazitäten für Klimaanpassungsmaßnahmen fehlen, fehlt in Deutschland einzig der politische Wille.

Wenn Klimapolitik, wie Katharina Reiche nicht müde wird zu betonen, dem Primat der Wirtschaftlichkeit unterzuordnen ist, wird Schutz nur organisiert, wenn es sich rentiert. Global fehlen Geldern für Klimaanpassungsmaßnahmen in den am meisten betroffene Länder lokal ist jede Shoppingmall klimatisiert, Schulen und Altenheime nicht. Ob und wer geschützt wird, ist wie immer im Leben also eine Prioritätensetzung. Weder den Menschen hier noch andernorts scheint diese eingeräumt zu werden. Wird der Status quo der Zerstörung akzeptiert? Unsere Welt scheint eine zu sein, der die Hoffnung auf eine verbesserbaren Zukunft abhandengekommen ist, die doch die Voraussetzung bildet für vorausschauend organisierten Schutz vor der Klimakrise.

So entpuppt sich die aktuelle öffentliche Erregung als kurzlebig. Das dürfte uns aus der Coronapandemie bekannt vorkommen, denn nach der abgenommenen Aufmerksamkeit bleib nicht viel: Die Erfahrung mit der Pandemie führte nicht zur Freigabe der Patente auf Impfstoffe, nicht zu einer besseren Ausstattung der Krankenhäuser, nicht zu mehr Personal oder besseren Löhnen im Pflege- und Gesundheitsbereich. Und Menschen, die von den Spätfolgen einer Infektion oder den Nebenwirkungen der Impfstoffe betroffen sind, sind auch längst vergessen. Wenn sich Corona morgen wiederholen würde, wären die Ausgangsbedingungen der Gesellschaft heute besser als im Jahr 2020? Nach den wiederkehrenden Kürzungsrunden im sozialen Bereich wohl eher nicht. Wir regen uns auf, wir klatschen am Fenster – und wir vergessen. An der organisierten Verantwortungslosigkeit ändert sich nichts, ob nach der Pandemie oder nach der Hitze.

Während Fridays for Future am Sonntag noch hilflos vor dem Bundeskanzleramt gegen die Hitze demonstrierte, kehrte bereits alles wieder zurück in den „Normalzustand“. Bis zur nächsten Katastrophe, die selbstverständlich wieder völlig unvorhersehbar ist.

Karin Zennig

Karin Zennig ist bei medico in der Öffentlichkeitsabteilung für die Region Südasien und das Thema Klimagerechtigkeit zuständig. 

Twitter: @KarinZennig


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