Lateinamerika

Ein Kontinent kippt

25.06.2026   Lesezeit: 7 min  
#lateinamerika 

Von Mexiko über Nicaragua bis Chile: Demokratie und emanzipatorische Aufbrüche werden zwischen Autoritarismus, ausufernder Gewalt und einem neuen US-Imperialismus zerrieben.

Von Moritz Krawinkel

Am 14. Dezember 2025 war es vorbei. Nur sechs Jahre zuvor hatte der „Estallido social“, der breite Aufstand demokratischer Kräfte in Chile, weltweit Hoffnung geweckt – zumal er in die staatlichen Institutionen getragen werden konnte. Mit Gabriel Boric gelangte ein Protagonist aus der Bewegung ins höchste Amt des Landes. Eine paritätisch besetzte Versammlung, die auch indigene Interessen repräsentierte, erarbeitete einen Verfassungsentwurf, der vor Veränderungswillen nur so strotzte. Sollte es endlich gelingen, das zähe Erbe der einstigen Militärdiktatur abzustreifen und damit eines der tiefgreifendsten neoliberalen Experimente zu beenden? Adiós Neoliberalismo? Doch die alten Kräfte machten mobil und im Herbst 2022 wurde der Entwurf bei einer Volksabstimmung mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Von da an ging es bergab – bzw. nach rechts. Bei der Stichwahl Ende 2025 wurde mit Antonio Kast schließlich ein Vertreter der globalen Ultrarechten zum Präsidenten gewählt. Für medico kommentierte die Soziologin Pierina Ferretti: „Kast gewann in allen Regionen des Landes und in 90 Prozent der Gemeinden. Diese Situation ist beispiellos.“ 

Wie in einem Brennglas erlebte Chile binnen weniger Jahre eine neue Runde der fort- währenden Geschichte des gesamten Kontinents: das unaufhörliche Ringen zwischen konträren Gesellschaftsentwürfen. So war das 20. Jahrhundert geprägt von Aufbegehren verschieden ideologisch ausgerichteter linken Gruppen und Organisationen, die auf nationaler Ebene gegen Militärregierungen agierten. Schienen die gewaltvollen Erfahrungen der Militärdiktaturen des vergangenen Jahrhunderts als überwunden, sind in vielen Ländern der Region inzwischen wieder autoritäre Entwicklungen und soziale Spaltungen zu beobachten. Zwar gab und gibt es immer wieder sozialdemokratische Ansätze, wohlfahrtsstaatliche Absicherungen auszubauen und Armut mit einer aktiven Sozialpolitik entgegenzuwirken. Insgesamt aber werden sowohl soziale als auch demokratische Errungenschaften infrage gestellt oder gar umfassend abgebaut.

Autoritäres Begehren nach Ordnung und harter Hand

Dabei sind die klaren Konfliktlinien von einst heute weitestgehend verwischt. Der Autoritarismus bahnt sich wie in Nicaragua unverhohlen oder auch unter vermeintlich progressiven Vorzeichen wie in Mexiko oder Brasilien seinen Weg. Und autoritäre Maßnahmen werden nicht nur von oben diktiert. Über soziale Spektren hinweg äußert sich ein autoritäres Begehren nach Ordnung und einer „harten Hand“, das rassistische, antifeministische und antiegalitäre Antworten auf soziale Probleme sucht und fordert. So erfährt El Salvadors Präsident Nayib Bukele große Zustimmung aus der Bevölkerung für den proklamierten „Kampf des Staates gegen kriminelle Banden“ – obwohl Abertausende ohne rechtliche Grundlage inhaftiert wurden. Hier zeigt sich ein Autoritarismus von unten, der nicht Gerechtigkeit zum Ziel hat, sondern vom Wunsch nach Rache getragen ist. Die Entwicklung in Lateinamerika ist damit Teil, mitunter sogar Vorläufer einer globalen Tendenz. 

Nicht alles an der Situation ist neu. Der Extraktivismus zum Beispiel wird allerorten weiter vorangetrieben. Die Dramatik indes nimmt zu: Einem eindimensionalen Fortschrittsnarrativ werden nahezu ungebremst Wälder, Gewässer und Biodiversitäten geopfert. Das gesellschaftliche Gefüge beruht – trotz eines 500 Jahre währenden Widerstands durch indigene Gemeinden und Schwarze Bewegungen – noch immer auf kolonialen Kontinuitäten und einem tiefsitzenden Rassismus. Der fundamentale Unterschied zwischen der Gewalt der Militärregime des letzten Jahrhunderts und jener Gewalt, die heute so ende misch geworden ist, liegt in der tiefgreifenden Ökonomisierung aller öffentlichen und privaten Lebensbereiche. Nicht alle Orte sind davon durchdrungen, nicht alle Menschen kämpfen nur ums Überleben. Dennoch haben Entwurzelung und Individualisierung, Profitmaximierung und Ausbeutung, Kämpfe um Märkte, Vormachtstellungen und die Kontrolle über Transportwege für Drogen, Waffen und Migrant:innen in weiten Teilen Lateinamerikas ein Klima großer Unsicherheit geschaffen. Die lateinamerikanische Gegenwart ist Ausdruck einer Herrschaftslogik, die das Streben nach Demokratie, Selbstbestimmung und Befreiung untergräbt.

Die globale Rechte und die USA mischen mit

Hinzu kommt, dass der große Nachbar aus dem hohen Norden wieder kräftig mitmischt. Die US-Administration unter Trump stützt sowohl den ultralibertären Präsidenten Javier Milei in Argentinien als auch den selbsterklärten „coolsten Diktator der Welt“ Nayib Bukele in El Salvador. Im Sommer 2025 erhoben die USA Strafzölle gegen Einfuhren aus Brasilien, um die dortige Justiz wegen des Verfahrens gegen den einstigen rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro unter Druck zu setzen. Auch die beiden Sieger der Präsidentschaftswahlen Antonio Karst in Chile und Nasry Asfura in Honduras Ende 2025 sind von der US-amerikanischen Rechten unterstützt worden. Die Einflussnahme wird immer unverhohlener und aggressiver. Das Jahr war noch keine drei Tage vorüber, als die USA in Venezuela militärisch intervenierten und Präsident Nicolás Maduro entführten. Es wird gerade düster in Lateinamerika. 

Gegen die Ohnmacht hilft aktuell allein ein Blick auf die Gegenbewegungen – etwa die Bemühungen der Regierungen in Mexiko und Brasilien für mehr gesellschaftliche Teilhabe der unteren Klassen – und die Widerstände, die sich in den Brüchen der Verhältnisse regen. So wehren sich auch medico-Partnerorganisationen vielerorts gegen Entrechtung und stiften solidarische Beziehungen. Für den ganzen Kontinent gilt, was Pierina Ferretti Ende 2025 über die Situation in Chile schrieb: „Die Schwächung der Verbindung zwischen der Linken und den unteren und mittleren Bevölkerungsschichten ist ein langjähriger Prozess, der eine weitreichende Reflexion erfordert. In den kommenden Jahren muss die Linke als Opposition Rückschritte bei sozialen Rechten, Freiheiten und Menschenrechten verhindern und gleichzeitig ein politisches Projekt neu formulieren, das in der Lage ist, die weiterhin vorhandenen Sehnsüchte nach einem besseren Leben zu erfüllen.“


Für die Zukunft

Kooperationen

Der allgegenwärtigen Gewalt stehen Kämpfe für das Offene und Gemeinsame gegenüber. medico steht an der Seite dieser Kämpfe. Vier Beispiele der Arbeit von Partnerorganisationen im lateinamerikanischen Handgemenge.

Mexiko: Hilfe für Folteropfer und Angehörige von Verschwundenen

Das Menschenrechtszentrum Paso del Norte unterstützt Angehörige von Verschwundenen und Überlebenden von Folter in Ciudad Juárez, Chihuahua. Seit 2010 wurden in Ciudad Juárez mehr als 180 Fälle von Folter durch Polizei und Militär dokumentiert. Im gleichen Zeitraum sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Chihuahua mehr als 4.900 Menschen verschwunden, 3.900 Menschen wurden tot aufgefunden, ohne identifiziert zu werden. Die Dunkelziffer der Verschwundenen liegt deutlich höher. Paso del Norte steht Überlebende von Folter juristisch zur Seite und fordert Wiedergutmachung durch den Staat. Außerdem begleiten sie in Dutzenden Fällen die Angehörigen von verschwundenen Männern vor Gericht, um ihren Verbleib aufzuklären.

Chile: Verteidigung der Menschenrechte gegen staatliche Unterdrückung

Sei es zur Zeit der Diktatur, während des zu kurz gekommenen Demokratisierungsprozesses danach oder in der Gegenwart: Die Corporación de Promoción y Defensa de los Derechos del Pueblo, kurz CODEPU, bietet Menschenrechtsverletzungen und Unrecht die Stirn. Die mehrheitlich ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter:innen leisten psychosoziale Unterstützung und juristischen Beistand für diejenigen, die sich staatlicher Gewalt und autoritärem Neoliberalismus entgegengestellt haben und es heute noch tun. Das ist nicht ungefährlich. In der chilenischen Gesellschaft richtet sich die Gewalt auch immer unverhohlener gegen Menschenrechtsverteidiger:innen.

Brasilien: Basisarbeit gegen Polizeigewalt

Gewalt als Mittel von autoritärer Politik, Einschüchterung und Unterdrückung trifft auch in Brasilien vor allem die Marginalisierten der Gesellschaft. In den Favelas und urbanen Randgebieten kommt es immer wieder zu tödlichen und meist straflosen Übergriffen durch Polizei und Milizen. So tötete die Militärpolizei Ende Oktober 2025 in der Peripherie von Rio de Jainero bei einer Operation gegen ein Drogenkartell über 120 Menschen. Als lokal verankerte NGO arbeitet das Observatório de Favelas zu solchen Gewaltverhältnis sen. Das Team dokumentiert Übergriffe und versucht, Veränderungen zu erwirken. Gleichzeitig schult es lokale Aktivist:innen in Sicherheitsfragen. Inmitten gewaltsamer Lebensverhältnisse verteidigt es nicht zuletzt das Recht auf Leben.

Mexiko: Schutz und Selbstbestimmung indigener Gemeinden

Es geht um den Zugriff auf Rohstoffe und die Kontrolle von Schmuggelrouten: In Chiapas im Süden Mexikos haben die Auseinandersetzungen zwischen organisierter Kriminalität, parastaatlichen Gruppen und privatwirtschaftlichen Unternehmen sowie das militarisierte Vorgehen des Staates eine neue Art von Bürgerkrieg hervorgebracht. All das trifft die angestammte indigene Bevölkerung in Chiapas, zumal auch der anhaltende Extraktivismus und Landraub ihre Lebensgrundlagen untergraben. Ihr Widerstand und ihre Selbstorganisation wird seit vielen Jahren von der medico-Partnerorganisation Fray Bartolomé de las Casas unterstützt (Frayba). Das Menschenrechtszentrum steht Vertriebenen bei, dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und leistet juristischen Beistand. Kern der Arbeit von Frayba ist die Stärkung selbstverwalteter indigener Strukturen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Jahresbericht 2025

Moritz Krawinkel

Moritz Krawinkel leitet die Öffentlichkeitsarbeit bei medico international. Außerdem ist er in der Redaktion tätig und für die Kommunikation zu Zentralamerika und Mexiko zuständig.

Twitter: @mrtzkr
Bluesky: @mrtzkr


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