Das 1989 gegründete Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba), mit dem medico seit einigen Jahren kooperiert, begleitet im südmexikanischen Chiapas indigene Gemeinden in ihrem Kampf um Gerechtigkeit. Obwohl Frayba unabhängig ist, inspirieren die Ideen der zapatistischen Bewegung die Mitarbeiter:innen.

Anne Haas: Frayba begleitet zahlreiche Fälle von Menschenrechtsverletzungen in Chiapas: von politischen Gefangenen bis hin zu ganzen Dörfern, die durch das organisierte Verbrechen gewaltsam vertrieben wurden. Ganze Regionen sind in den letzten Jahren immer wieder brutaler Gewalt ausgeliefert. Wie kommt es dazu?
Dora Roblero: Wir haben in Chiapas viele historische Konfliktlinien, das hat nicht nur mit der organisierten Kriminalität zu tun. Und dennoch ist dieser Akteur in alle Konflikte verwickelt.
Es gibt von staatlicher und wirtschaftlicher Seite ein großes Interesse an Land, Wasser, Holz und Rohstoffen generell. Neuerdings verschärft sich der Konflikt erneut um die indigen verwalteten Ländereien, die nach der ILO-Konvention 169 zum Schutz indigener Rechte den Gemeinden rechtlich zustehen. Auch das seit 1994 von den Zapatistas zurückgewonnene Land wird neuerdings von der aktuellen Regierung wieder angezweifelt. Gemeinschaftlich bewirtschaftetes Land soll in private Besitzverhältnisse zu übertragen werden.
Dazu kommt das organisierte Verbrechen. Deren Interesse an einer Kontrolle des Territoriums deckt sich vielerorts mit dem der Regierung, widerständige Organisationen und Umweltverteidiger:innen aus dem Weg zu räumen. Doch die kriminellen Gruppen bekämpfen sich auch gegenseitig. In diese sehr gewaltvollen Konflikte wurde in den letzten Jahren auch die Zivilbevölkerung hereingezogen, vor allem in der Grenzregion zu Guatemala.
Unter der aktuellen Landesregierung haben zumindest diese schweren Auseinandersetzungen abgenommen. Der Gouverneur versucht uns zu verkaufen, dass Chiapas mittlerweile ein sicherer Ort sei. Das funktioniert vielleicht für den Tourismus, doch die Menschen aus den Gemeinden mit denen wir zusammenarbeiten, erzählen eine andere Geschichte. Wir wissen, dass die chiapanekische Landesregierung einen Pakt mir der organisierten Kriminalität geschlossen hat, daher gibt es weniger sichtbare Konfrontationen. Doch wir sitzen auf einem Pulverfass, das eigentliche Problem wurde nicht gelöst.
Wie wirkt sich das auf die Gemeinden aus?
Besonders an der Grenze zu Guatemala übt das organisierte Verbrechen eine administrative und ökonomische Kontrolle aus. Die Bewohner:innen der Region müssen sich abmelden, wenn sie das Dorf verlassen; Strafe zahlen, wenn sie nach einer Vertreibung in ihre Häuser zurückkehren wollen; gleichzeitig erhalten sie Drohungen, wenn sie nicht zurückkommen. Entführungen und Schutzgelderpressungen machen ein normales Leben unmöglich. Außerdem wurden in den letzten Monaten immer wieder verscharrte Leichen, sogenannte versteckte Massengräber, gefunden. Und dann ist da der psychologische Aspekt: Was die Menschen erlebt haben und die Angst, dass es sich wiederholen könnte.
Bei Frayba staunen wir allerdings, dass die Menschen, auch in den Krisengebieten in der Region, neuerdings keine Angst mehr haben. Sie brechen ihr Schweigen, weil sie sehen, dass das Schweigen sie nicht geschützt hat. Im Gegenteil: Es hat nur die Verbrechen unsichtbar gemacht.
Und die zapatistische Bewegung?
Die Zapatistas wiederum haben ihre eigene Strategie, sich gegen die staatliche wie kriminelle Landnahme zu wehren. Sie definieren Teile ihres Territoriums nun als „Común“, als Nicht-Eigentum und somit freies Gemeindeland, das es vor Zerstörung zu schützen gilt und das nur der lokalen Bevölkerung dienen soll. Das bildet natürlich einen scharfen Kontrast zur staatlichen Agenda, denn das System privaten Landbesitzes an sich wird in Frage gestellt. Je mehr die Gemeinden sich nach diesem Prinzip organisieren, umso schwieriger wird es für den Staat und die organisierte Kriminalität, die Region zu kontrollieren.
Sich zu organisieren und zu vernetzen ist eine zentrale Strategie, sowohl für die Gemeinden, als auch für die Arbeit bei Frayba?
Die indigenen Gemeinden in Chiapas wissen sehr genau, dass es die gemeinsame Organisierung ist, die seit jeher ihr Überleben gesichert hat. Das gilt nicht nur für die Zapatistas. Wenn Gemeinden untereinander eng vernetzt sind, können sie eine Übernahme und die Kontrolle durch Gruppen der organisierten Kriminalität verhindern. Das kann ganz verschiedene Formen annehmen: historisch erprobte Strategien indigener Communities, oder über die Kirche, wie beispielsweise das Pueblo Creyente.
Aktuell entstehen auch viele neue Organisationen. Frauenkollektive organisieren sich zu Gesundheitsthemen oder Kollektive von Müttern, die nach ihren verschwundenen Kindern suchen, vernetzen stärker ihre Arbeit. Obwohl es manchmal nur fünf oder sechs sind, vereinen sie sich für ein gemeinsames Ziel.
Wenn sich die Anzeichen verdichten, dass die organisierte Kriminalität ein Dorf überfallen könnte, greifen die Bewohner:innen auf ihre Netzwerke zurück. Da ist es nicht so wichtig, dass sie vielleicht zu anderen Themen arbeiten, denn in der Regel haben sie Absprachen getroffen, wie sie sich schützen können.
Genau hier setzt auch die Arbeit von Frayba an. Wir begleiten die Organisationen und Gemeinden sowie politische Gefangene juristisch, aber auch auf sozialer Ebene. Wir wollen sie befähigen, ihre Rechte auf ihr Territorium, Leben, Freiheit, Gesundheit etc. selbstständig zu verteidigen. Dazu gehört die Aufklärung über diese Rechte, Analysen des politischen Kontextes und Unterstützung dabei, sich intern zu organisieren und zu artikulieren – sei es für eine Protestaktion oder ein Gespräch mit der Regierung, der Presse oder bei Besuchen von UN-Institutionen.
Wir organisieren thematische und regionale Treffen, damit die Menschen sowohl ihr Leid als auch ihre Strategien teilen können, beispielsweise beim Treffen der Menschenrechtsverteidigerinnen, oder der Vernetzung Familienangehöriger von Folteropfern. Bei alledem geht es auch darum, dass niemand alleine kämpft.
Der Zugang zu Gesundheit ist ein zentraler Pfeiler der Kämpfe indigener Gemeinden um Autonomie und Selbstbestimmung. Das Thema ist auch immer wieder Ausgangspunkt, sich zu organisieren. Wie ist die Gesundheitsversorgung vor Ort?
Das Gesundheitssystem ist nicht gerade ein prioritäres Thema der mexikanischen Regierung. Wir beobachten eine Zunahme von schweren Behandlungsfehlern auch bei kleinsten Erkrankungen. Immer wieder passiert es, dass Menschen mit Durchfall oder einer kleinen Entzündung ins Krankenhaus gehen und lebend nicht mehr herauskommen. Besonders auf dem Land, wie hier in Chiapas, mangelt es an Personal und den einfachsten Medikamenten.
Die ländliche indigene Bevölkerung muss weit reisen, um überhaupt behandelt zu werden. Da das medizinische Personal selten ihre Sprachen spricht, versteht aber oft niemand was sie eigentlich brauchen. Besonders bei Geburten mit Komplikationen ist das ein riesiges Problem.
Manchmal werden Indigene nur behandelt, wenn eine Person mit europäischen Vorfahren oder jemand von Frayba dabei ist. Es hat zwar abgenommen, doch wir hören auch weiterhin von Zwangssterilisierungen indigener Frauen. All das ist Ausdruck von Rassismus.
In dieser Situation bauen die Zapatistas gemeinschaftlich eine Klinik im Regenwald. Was steckt dahinter?
Bei der Klinik geht es nicht einfach um eine Klinik, sondern darin verbinden sich verschiedene gemeinschaftliche Ideen. Zum einen ist das Projekt eine Antwort auf das das Versagen staatlicher Gesundheitsversorgung. Das selbst in die Hand zu nehmen, bedeutet, dass kranke Menschen in Zukunft zumindest in dieser Region besser und vor allem respektvoll behandelt werden können.
Zum anderen ist die Klinik eine Botschaft, nämlich dass Hoffnung begründet ist: Die Verteidigung des Lebens hat eine Zukunft trotz aller Gewalt, die wir gerade erleben. Dabei fragt man sich, wie soll das gehen? Woher sollen die Chirurg:innen kommen, die ganzen Gerätschaften und Medikamente? Noch dazu an einem solch „unmöglichen“ Ort, im Regenwald.
Die Zapatistas haben schon immer groß geträumt. Und wenn man die Realität hier kennt, kann man nur sagen: „¡Órale! Wow, wer hat es gewagt diesen Traum zu träumen?“ Die Zapatistas laden uns ein, groß zu denken, neue Ideen nicht zu scheuen – und zu deren gemeinschaftlicher Umsetzung. Im Kern geht es darum, sich den gewaltvollen Strukturen im hiesigen Kontext zu stellen.
Die Zapatistas tun das seit jeher und inspirieren die umliegenden Dörfer. Schon in den 1990er und 2000er Jahren haben sie drei Krankenhäuser und unzählige kleine Gesundheitszentren gebaut. Die Ausbildung von Gesundheitspersonal und Hebammen ist seit mittlerweile Jahrzehnten fester Bestandteil der zapatistischen Bewegung.
Das Krankenhaus ist gleichzeitig nur eines von mehreren Projekten im Rahmen des Común. Das Wichtigste scheint mir die Frage, die dabei mitschwingt: „Und ihr? Welchen Beitrag leistet ihr für eine bessere Welt?“ Diese Frage ist auch als Einladung an uns gerichtet, um an der Idee des Gemeinschaftlichen teilzuhaben. Das kann ganz verschiedene Formen annehmen. Hier bei uns, in einer der entlegensten Ecken der Welt, sogar eine Klinik!
Das Interview führte Anne Haas. Sie lebte viele Jahre in Chiapas und arbeitete als Fachkraft für zivile Konflikttransformation bei Frayba.
Klinik für alle
Spendenkampagne für das zapatistische Gesundheitssystem
Die zapatistischen Gemeinden haben mitten im Regenwald mit dem Bau einer eigenen Klinik begonnen. medico unterstützt sie.





