Der Aufstand
Es ist der 1. Januar 1994: Zeitgleich mit Inkrafttreten des Freihandelsabkommens zwischen Kanada, den USA und Mexiko (NAFTA) nehmen 5000 Aufständische der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) nehmen sieben Bezirkshauptstädte im südöstlichsten und zugleich ärmsten mexikanischen Bundesstaat ein. Auf dem Balkon des Rathauses der im Hochgebirge gelegenen Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas wird die „Erste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald“ verlesen. Die EZLN sei „Produkt der Kämpfe von 500 Jahren“ gegen die Kolonisierung, klang es vom Balkon, ihr Aufstand ein letztes Aufbäumen gegen einen „nicht erklärten genozidalen Krieg“ gegen die indigenen Völker.
An jenem Tag begann nicht nur der zapatistische Krieg gegen das Vergessen und Verlernen indigener Lebensweisen. Er steht auch für einen neuen Gesellschaftsentwurf, basierend auf den zwölf Forderungen, die die Rebell:innen verlasen, um selbstbestimmt leben zu können: Arbeit (Trabajo), Land (Tierra), Wohnraum (Techo), Ernährung (Alimentación), Bildung (Educación), Unabhängigkeit (Independencia), Freiheit (Libertad), Demokratie (Democracia), Gerechtigkeit (Justicia), Frieden (Paz), Information (Información) und Gesundheit (Salud).
Während die chiapanekische Oberschicht sowie die mexikanische Bundesregierung und ihr Militär die Städte zu verteidigen suchten, besetzten tausende Zapatistas weite Teile des Lakandonischen Regenwalds, der Nordzone sowie das Hochland von Chiapas. Es ist Land, das sie den Händen der Plantagenbetreiber und Großgrundbesitzer entrissen – eben jenen, die dafür Sorge trugen, dass in Chiapas noch bis 1994 koloniale Zustände herrschten. Die EZLN taufte ihre Besetzungen „Rückeroberung“.
Aufstandsbekämpfung
Die Zapatistas haben in den vergangenen drei Jahrzehnten verschiedensten Angriffen auf ihre Autonomie standgehalten. Viele davon waren und sind bis heute nicht direkt gegen die EZLN als Organisation gerichtet, sondern spielen über Bande. Entsprechend dem Prinzip „„Dem Fisch das Wasser entziehen“ – wobei der Fisch für die Aufständischen steht und das Wasser für die Bevölkerung, die sie umgibt – zielten sowohl militärische als auch sozialpolitische Strategien meist auf potenzielle Verbündete der EZLN und somit auf die indigene Bevölkerung von Chiapas im Allgemeinen.
Zur Aufstandsbekämpfung gehörten auch von Paramilitärs durchgeführte Überfälle in den 1990er und 2000er Jahren. Zurzeit wird vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission das Massaker an der pazifistischen katholischen Organisation Las Abejas aus dem im Hochland gelegenen Acteal verhandelt. Regelrecht verbrannte Erde hinterließ diese Politik besonders in der Nordzone des Bundesstaates, westlich der Pyramidenstadt Palenque.
Folgende Bundesregierungen konzentrierten sich darauf, Gemeindeautoritäten zu bestechen oder einst linksgerichtete indigen-bäuerliche Organisationen zu spalten. Langfristig wird somit das soziale Gefüge in den Gemeinden zerstört. Eine Kooperation zwischen zapatistischen und anderen Gemeindemitgliedern bei lokalen Fragen wie Wasserverteilung, Brandschutz in den Wäldern oder gar der Verteidigung gegen das Eindringen der organisierten Kriminalität wird dadurch mancherorts unmöglich. Angesichts der oftmals gespalteten Organisationen ist es zudem schwierig, sie politisch einzuordnen. Ein gutes Beispiel ist die Organisation der Kaffeebäuer:innen Orcao, die 1994 die EZLN aktiv unterstützte. Heutzutage attackieren in der Region Moises Gandhi Orcao-Mitglieder nach paramilitärischer Manier zapatistische Familien nachts in ihren Häusern. Das Land, auf der anderen Seite der Kreisstadt Ocosingo gelegen, verteidigen dortige Orcao-Anhänger:innen wie auch die Zapatistas gegen kriminelle Banden.
Zur Aufstandsbekämpfung gehören auch assistenzialistische Sozialprogramme, bestehend aus Geldzahlungen an Gemeinden oder Familien, die gebunden sind an praktische Pflichten oder parteipolitische Loyalitäten. Es gibt Fälle, in denen so direkt Konflikte innerhalb ganzer Familien geschürt wurden. Geleakte staatliche Dokumente bestätigen dem in Chiapas ansässigen Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas (Frayba) zufolge die Aufstandsbekämpfungsfunktion dieser Sozialprogramme. Chiapas befinde sich zurzeit, so die medico-Partnerorganisation Frayba, „zwischen der kriminellen Gewalt und der Komplizenschaft des Staates“. Drei Jahrzehnte nach dem zapatistischen Aufstand sind in dem Bundesstaat noch immer über 8500 Soldat:innen stationiert.
Eine neue Initiative
Der Perspektivlosigkeit aufgrund der kapitalistischen Entwicklung und dem Erstarken des organisierten Verbrechens stellen die Zapatistas seit Winter 2023 eine neue Initiative gegenüber: „El Común“, das Gemeingut und Gemeinschaftliche, oder auch „Nicht-Eigentum“, wie sie es bezeichnen. Das Gemeingut ist für alle da, ob Zapatistas oder nicht. So auch die Klinik für alle, in der alle ein Anrecht auf medizinische Behandlung haben, ohne dabei rassistisch diskriminiert zu werden, wie das oft in den staatlichen Einrichtungen passiert.
Doch die Idee des Gemeinschaftlichen umfasst noch mehr. Auch Teile des seit 1994 zurückeroberten Landes werden fortan als „común“ behandelt und der lokalen Bevölkerung, die nicht Teil der zapatistischen Bewegung ist, zur landwirtschaftlichen Nutzung zur Verfügung gestellt. Die Menschen in der Region leiden nicht nur unter den Konflikten der Aufstandsbekämpfung, sondern auch unter dem Druck extraktivistischer Wirtschaftsprojekte und den seit drei Jahren offen und brutal zutage tretenden Territorialansprüchen der organisierten Kriminalität.
Die Verkündung der Initiative für das „común“ ist dabei mehr als eine Reaktion auf die angespannte Situation und die ungelöste Landfrage. Sie ist gleichermaßen Ausdruck einer politischen Ethik der Zapatistas, die darin besteht, gute Lebensbedingungen für alle zu fördern anstatt diese zu zerstören. „Denn zu leben bedeutet nicht nur, nicht zu sterben, bloß zu überleben. Als menschliche Wesen zu leben, bedeutet, in Freiheit zu leben. Leben ist Kunst, ist Wissenschaft, ist Freude, Tanz, ist Kampf“, verlas am 13. August 2021 eine fünfköpfige Delegation der EZLN in Madrid, auf den Tag genau 500 Jahre nach der Eroberung des heutigen Mexiko-Stadt durch die spanische Krone.
Klinik für alle
Spendenkampagne für das zapatistische Gesundheitssystem
Die zapatistischen Gemeinden haben mitten im Regenwald mit dem Bau einer eigenen Klinik begonnen. medico unterstützt sie.



