Es ist ein Lied, das die Grenzen innerhalb Lateinamerikas hinter sich lässt. Die Band Calle 13 besang 2011 in ihrem preisgekrönten Song „Latinoamérica“ die Geschichten derer, die verschwunden sind – oder genauer: die verschwunden gelassen wurden. „Das schönste Gesicht, das ich kennen gelernt habe / Ich bin das Foto eines Verschwundenen.“ Die Praxis des Verschwindenlassens hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gewaltsam in die lateinamerikanische Identität eingeschrieben und im kollektiven Gedächtnis verankert. Sie begann Mitte des 20. Jahrhunderts in Guatemala, nahm über Chile ihren Lauf und verbreitet heute ihren Schrecken in Brasilien und Mexiko. Überall auf dem Kontinent zieren unzählige Fotografien von Verschwundengelassenen Häuserwände und Strommasten, ganze Museen sind ihnen gewidmet, Familien auf einer teils endlosen Suche nach ihren Liebsten – oder zumindest nach Gewissheit.
Es heißt Staatsterrorismus
Gewaltsames Verschwindenlassen beschreibt Fälle, in denen Menschen entführt oder festgenommen werden und anschließend nicht mehr aufzufinden sind. In den allermeisten Fällen sind staatliche Akteure daran beteiligt – sei es direkt, indem Polizei oder Militär Menschen verschwinden lassen, oder indirekt, weil Behörden nicht tätig werden. Das aktive Unterlassen, die Fälle aufzuklären, ist in vielen Ländern Lateinamerikas eingebettet in eine strukturelle Straflosigkeit. Verschwindenlassen ist ein „perfektes Verbrechen“, weil es eine strafrechtliche Verfolgung erheblich erschwert. Eine Leiche ist Zeugnis einer Tat, ist aber eine Person spurlos verschwunden, versanden meist alle Bemühungen, das Geschehen zu rekonstruieren und Verantwortung einzuklagen. Wo kein Körper, da kein Richter.
Ganze 36 Jahre hatte der Krieg in Guatemala gewütet, als er im Dezember 1996 offiziell endete – mit über 200.000 Toten. Die allermeisten, 83 Prozent, gehörten der indigenen Bevölkerung an. Knapp anderthalb Millionen Menschen wurden zu intern Vertriebenen oder mussten das Land verlassen, 626 Massaker wurden registriert. Der Staat ließ über 40.000 Guatemaltek:innen verschwinden und war für über 90 Prozent aller Verbrechen verantwortlich. Die Militärs und Politiker an der Macht, von Antikommunismus und kolonialem Rassismus angetrieben, agierten so systematisch wie willkürlich gegen Oppositionelle und indigene Völker. Die politische Motivation hinter der Gewalt verband sich mit einer ökonomischen Logik. Im guatemaltekischen Hochland mit nur schwer zu bestellenden kleinbäuerlichen Anbauflächen setzte die Regierung auf eine Politik der verbrannten Erde. Die Bevölkerung wurde ausgelöscht oder vertrieben. Im fruchtbaren Tiefland hingegen, wo das Land vorwiegend im Besitz von Unternehmen war, ließ sie gezielt Einzelne gewaltsam verschwinden. Denn hier war das Kapital zur Bestellung der Felder auf Arbeitskräfte angewiesen. Das Verschwindenlassen sorgte für Schrecken innerhalb der Bevölkerung – und für ihre Disziplinierung.
Den gleichen Effekt erzielte der Staatsterrorismus in Chile, wo ein Militärputsch gegen die demokratische Regierung von Salvador Allende am 11. September 1973 eine Diktatur des Neoliberalismus installierte, die trotz ihres offiziellen Endes 1990 bis heute wirkt. Auch hier wütete der Antikommunismus gnadenlos. In 17 Jahren waren die Militärmachthaber für die Ermordung oder das Verschwindenlassen von über 3.200 Menschen verantwortlich. Bis heute hält die Suche nach ihnen an. Von den offiziell 1.469 Verschwundenen konnten dank des Fundes von Leichen(teilen) 307 Personen identifiziert werden. In vielen Fällen ist dies nicht möglich: Menschen wurden an Metallstreben gefesselt und von Hubschraubern in den Tiefen des Pazifiks versenkt.
Der Repressionsapparat nahm auch Juana Aguilera Jaramillo ins Visier, inhaftierte und folterte sie. „Ich war nicht lange weg, nur vier Jahre. Andere traf es härter“, bemerkt die 69-jährige Direktorin der medico-Partnerorganisation CODEPU. Die im ganzen Land bekannte Menschenrechtsorganisation kümmert sich um die Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen unter Diktator Pinochet und auch um die Gewaltexzesse im Zuge der Protestwelle, die das Land 2019 erschütterte. „Das gewaltsame Verschwindenlassen war geplant und selektiv. Es richtete sich gegen die linke Opposition“, erinnert sich Juana, „und ist Teil einer ganzen Abfolge von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Am Anfang steht die Inhaftierung, dann die Folter, und schließlich das gewaltsame Verschwindenlassen, um eine Hinrichtung zu verheimlichen.“ Seit März 2026 regiert in Chile der deutsch stämmige neoliberale Reaktionär José Antonio Kast. Unmittelbar nach seiner Amtsübernahme ließ er ein erst 2023 eingerichtetes Programm zur Suche von unter der Diktatur Verschwundenen einstellen. Kast macht aus seiner Bewunderung für Pinochet keinen Hehl, berief gar zwei seiner ehemaligen Anwälte in sein Kabinett. Der neue Präsident reiht sich so mit ein in den Pakt des Stillschweigens, den die Verantwortlichen auch 36 Jahre nach Ende der Diktatur aufrechterhalten.
Zur Wiederholung verurteilt
Stehen Chile und Guatemala für eine staatliche Politik des gewaltsamen Verschwindenlassens, herrscht heute in Mexiko und Brasilien primär eine andere Gewaltlogik, die sich unter ökonomischen Vorzeichen abspielt. Je nach Region kämpfen lokale Banden, Milizen, Unter nehmen und politische Eliten mit- oder gegeneinander um die Durchsetzung der eigenen Interessen.
Zwar grassierte auch in Mexiko in den 1960er- und 70er-Jahren ein schmutziger Krieg gegen bäuerliche und studentische aufständische Organisationen, der sich bereits damals im Verschwindenlassen Hunderter Menschen ausdrückte. Doch erst ab dem Jahr 2006 nahm die Gewalt gegen die mexikanische Bevölkerung ihre aktuell endemischen Züge an. Allein im vergangenen Jahrzehnt wurden dort über 400.000 Morde registriert. Bis 2025 galten über 133.000 Menschen als verschwunden. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Ein Fall, der weltweit Aufsehen erregt hat, ereignete sich 2014 im Bundesstaat Guerrero, wo 43 Lehramtsstudenten in einer konzertierten Aktion von Polizei, Armee und organisiertem Verbrechen entführt wurden. Bis heute sind sie spurlos verschwunden, das Verbrechen bis heute nicht endgültig aufgeklärt. Zwar gelang es der 2024 angetretenen Regierung unter Claudia Sheinbaum, die Mordrate in ihrem ers ten Jahr im Amt um ganze 41 Prozent zu senken. Doch gleichzeitig nahm die Zahl der Verschwundenen drastisch zu. „Kriminelle Gruppen scheinen beschlossen zu haben, die Leichen ihrer Opfer zu beseitigen, um zu viel Aufmerksamkeit seitens des Staates zu vermeiden“, schreibt der Analyst David Mora.
Heute verschwinden täglich 40 Personen in Mexiko. In jüngster Zeit häufen sich zudem Fälle, bei denen Angehörige, die ihre Liebsten suchen, selbst verschwunden gelassen oder ermordet werden. Aufgrund der Schwere dieser Menschenrechtskrise und der Untätigkeit der mexikanischen Regierung, beschloss der Ausschuss der Vereinten Nationen gegen das Verschwindenlassen (CED) Anfang April, dass sich die UN-Generalversammlung damit auseinandersetzen müsse. Das mexikanische Au ßenministerium verwehrte sich gegen den Vorwurf, die Regierung sei untätig, und warf dem UN-Gremium eine „tendenziöse“ Arbeits weise vor. In einem offenen Brief, den auch die medico-Partnerorganisation Fray Bartolomé de las Casas unterzeichnete, beklagen Menschenrechtsorganisationen und Angehörige von Verschwundenen derweil: „Solange der mexikanische Staat die Verschwundenen weiterhin leugnet, verurteilt er uns Mexikaner:innen dazu, dass sich diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit immer wiederholen. Er verurteilt uns Opfer dazu, weiterhin einen Weg der Qual zu beschreiten.“
Diesen Weg der Qual beschreiten auch die Angehörigen Zehntausender Verschwundener in Brasilien. Dort wurden allein in den beiden vergangenen Jahren fast 160.000 Verschwundene gemeldet, von über 45.000 Menschen fehlte bis Ende 2025 weiterhin jede Spur. Den größten Anstieg verzeichneten dabei Regionen, die von Konflikten zwischen kriminellen Gruppen und Milizen um Märkte und Einflussgebiete sowie von vielen tödlichen Polizeieinsätzen geprägt sind. Zeitgleich weisen diese Gebiete einen deutlichen Rückgang der registrierten Morde auf. Vieles deutet also darauf hin, dass das Verschwindenlassen auch hier vor allem dem Zweck dient, das Ausmaß tödlicher Gewalt zu verschleiern. Anfang März verabschiedete das brasilianische Abgeordnetenhaus einen Gesetzentwurf, der Verschwindenlassen als „unverjährbares Verbrechen“ mit Freiheitsstrafen von bis zu 30 Jahren einstuft, sofern der Staat oder Amtsträger:innen daran beteiligt sind. Ob und wann solch ein Gesetz die traurige Realität Tausender Brasilianer:innen, die Angehörige vermissen, verändern wird, bleibt fraglich. Der Schmerz angesichts von Ungewissheit und Verlust verbindet zahllose Menschen in ganz Lateinamerika.
In Guatemala, Chile, Mexiko und Brasilien unterstützt medico die psychosoziale Arbeit mit Angehörigen von Verschwundenen, oft schon seit Jahrzehnten.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 02/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!






