Gaza

Die schwer Erreichbaren erreichen

Ein Tag bei der mobilen Klinik der medico-Partnerorganisation PMRS im Süden des Gazastreifens.

Von Chris Whitman

Jeden Tag besucht die mobile Klinik, die wir seit den jüngsten israelischen Angriffen auf den Gazastreifen unterstützen, ein marginalisiertes oder betroffenes Gebiet, um die notwendige medizinische Grundversorgung zu gewährleisten und Rezepte für Medikamente einzulösen, mit denen die meisten Krankenhäuser im Gazastreifen einfach unterversorgt sind. Um sie zu besuchen, hatte ich mich bewusst für den Tag entschieden, an dem die Klinik im südöstlichen Teil der Enklave, nahe der ägyptischen Grenze, in der Beduinenstadt Al-Oraibeh tätig sein würde. Da ich viele Jahre in beduinischen Communities im Westjordanland gearbeitet habe, war ich sehr neugierig auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Lebenserfahrungen dieser oft vernachlässigten Gemeinschaften.

Ich stand gegen 4 Uhr morgens auf und kam gegen 7 Uhr am Erez-Kontrollpunkt an, wo ich mich darauf vorbereitete, um 8:30 Uhr abgeholt zu werden und die Reise bis zur Südspitze des Gazastreifens anzutreten. Wenn man die Salahdin Road oder die Beach Street entlangfährt, findet man diese beiden Hauptverkehrsadern Gazas immer wieder von großen Flüchtlingslagern gesäumt, dazwischen Autowerkstätten und Schrottplätze, gelegentlich landwirtschaftliche Felder, auf denen alle möglichen Arten von Obst und Gemüse angebaut werden, während man sich zwischen Ortschaften und Camps von Norden nach Süden bewegt. Die ganze Zeit über, und das ist ein Merkmal des Gazastreifens im Allgemeinen, weht ein erfrischender Seewind und es riecht meist angenehm, unterbrochen aber vom Gestank der Abwässer, die südlich von Gaza-Stadt ins Mittelmeer fließen, da die Kläranlage aufgrund israelischer Bombardierungen und des chronischen Treibstoffmangels nie mit voller Kapazität arbeitet. So oder so, für jemanden, der an der Ostküste der Vereinigten Staaten aufgewachsen ist und jedes Jahr viele Wochen am Meer verbracht hat, hilft mir diese Vertrautheit, die Nerven zu beruhigen, wenn ich mich an einem so zerstörten Ort wie Gaza befinde.

Als wir an der mobilen Klinik ankamen, arbeitete mein Gehirn in zwei parallelen Bahnen: Ich machte mir im Geist Notizen zu den Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Beduinengemeinschaften in Gaza und auf der West Bank und beobachtete die mobile Klinik und die Art und Weise, wie die Menschen vor Ort sich ihr näherten und mit ihr umgingen. Als wir gegen 10:30 Uhr ankamen, stand bereits eine Schlange von 20 Personen an. Einige hofften auf eine Diagnose für ihren hartnäckigen Husten (der wahrscheinlich durch den in engen, beduinischen Haushalten nicht unüblichen Rauch aus Holzöfen verursacht wurde), andere hofften, dass sie ihre Rezepte einlösen können, da das nächste Krankenhaus 5 km entfernt ist und nur minimale Vorräte hat. Während wir dort waren, arbeiteten die Mitarbeiter:innen ununterbrochen und erzählten uns, dass sie im Schnitt 75 bis 100 Menschen pro Tag behandeln und die Klinik so lange geöffnet bleibt, bis alle Wartenden dran waren.

Anschließend machten wir einen kurzen Rundgang und unterhielten uns mit dem Gemeindevorsteher über die Probleme vor Ort. Wie die Beduinen im Westjordanland haben auch die meisten in Gaza Schwierigkeiten mit dem Zugang zu Wasser für ihre Tiere und Landwirtschaft, mit der mangelnden Verfügbarkeit von Strom und dem Zugang zu Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Fast alle Menschen, die wir trafen, waren Flüchtlinge von 1948 oder deren Nachkommen, mit Familiennamen und Verbindungen zu vielen der Beduinengruppen, mit denen ich so viel Zeit verbracht hatte.

medico unterstützt die Palestinian Medical Relief Society (PMRS) seit vielen Jahren bei der Bereitstellung von Basisgesundheitsdiensten.

Veröffentlicht am 01. September 2021

Autor Chris Whitman

Chris Whitman ist medico-Büroleiter Israel und Palästina.

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