Editorial

medico-rundschreiben 02/2026

Die Frage, die zu stellen ist, lautet: Was führt dazu, dass wir all das, was geschieht und was wir letztlich auch wissen, für okay halten?

Liebe Leser:innen, 

vor ein paar Wochen besuchte ich gemeinsam mit meinem medico-Kollegen Riad Othman ein von amnesty international organisiertes Hintergrundgespräch mit der Kinderärztin Tanya Haj-Hassan. Sie war kurz zuvor von einem Einsatz in einem Kinderkrankenhaus in Gaza zurückgekehrt und hatte fürchterliche Geschichten und grausame Fotos von dort mitgebracht. In der anschließenden Debatte sagte sie, offensichtlich spontan, einen ganz einfachen Satz, der mir seitdem aufgrund seiner verstörenden Schlichtheit im Gedächtnis geblieben ist. 

Wir wollten von ihr wissen, welche Erklärung sie dafür habe, dass die von ihr berichteten und bebilderten Grausamkeiten weitergehen und ihre Augenzeugenberichte, die sie regelmäßig auch vor politischen Entscheidungsträger:innen präsentiert, in unseren Breitengraden wenig bis gar nichts ändern. Sie antwortete, dass es ihrer Erfahrung nach weitaus weniger als vermutet darum geht, Wissen zu verbreiten und Geschichten wie die ihre zu erzählen, wenn man etwas bewegen wolle. Man müsse sich vielmehr eine andere Frage stellen: „What makes it ok?“. Was führt dazu, dass wir all das, was geschieht und was wir letztlich auch wissen, für okay halten? 

Diese Frage stellt sich heute längst nicht nur in Gaza, sondern für all das, was uns mittlerweile umgibt. Was macht es okay: die Toten, die Wiederkehr des Massenkrieges vor unserer Haustür, die Diffamierung der Kritik und des Friedens, die täglichen Nachrichten, die nur noch voller Kampfjets, Truppenbewegungen, Todeszahlen und Militärstrategien sind? Was führt dazu, dass wir derart ruhig bleiben angesichts der so historischen wie menschlichen Katastrophe, die sich seit mehreren Jahren vor unseren Augen abspielt und in die wir zusehends und immer tiefer hineinschlittern?

Wie nah diese Katastrophe uns auch geografisch ist und sie die Arbeit bei medico dominiert, können Sie in einer großen gemeinsamen Reportage in diesem Heft lesen. Beirut, Saida, Ramallah, Berlin, Tel Aviv, Karatschi, Krywyj Rih, Bagdad: Überall fliegen unseren Partnerorganisationen und manchmal auch unseren dienstreisenden Kolleg:innen Raketen und Bomben um die Ohren. Diesen neuen Alltag haben wir für Sie in einem Panorama zu skizzieren versucht, das Zeugenschaft ablegt, wie zerstörerisch diese „schöne neue Welt“ ist. Tanya Haj-Hassan hat der Journalist Hanno Hauenstein für dieses Heft interviewt

Im zweiten Schwerpunkt des Heftes geht es um ein anderes Thema, das ebenfalls von der Brutalität der politischen Welt berichtet: Auf allen Kontinenten kämpfen oftmals verzweifelte Menschen darum, Gewissheit über das Schicksal ihrer verschwundenen Angehörigen zu erlangen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ob die zahllosen Verschwundenen der Assad-Diktatur in Syrien, die auf dem Weg nach Europa verschollenen Migrant:innen oder die lange Tradition des Verschwindenlassens in Lateinamerika: Die Internationale der Grausamkeit hat viele Gesichter. Die medico-Kollegen Timo Dorsch und Kerem Schamberger berichten von ihnen, außerdem haben wir die UN-Sonderbeauftragte für die verschwundenen Personen in Syrien interviewt

„Was bleibt“ ist der bewusst ohne Fragezeichen ausgestattete Titel dieses Heftes. Er soll die Aufmerksamkeit trotz all dieser Berichte über eine verhängnisvolle Entwicklung auf das lenken, was nicht im Zeitgeist auf geht, auch wenn es vielleicht bis auf weiteres nur eine randständige Rolle spielt. Ein wichtiges Beispiel ist das Erbe der nicht nur arabischen Revolutionen des Jahres 2011, deren Höhepunkt sich dieser Tage zum fünfzehnten Mal jährt. Angesichts der Entwicklung des Krieges in der Region, in den mittlerweile fast 20 Länder involviert sind, ist die Bedeutung der damaligen massenhaften Aufbrüche zwar verblasst. Aber ihre ganz eigene Geschichte ist keineswegs aus der Welt. Was bleibt, aber auch, was seitdem passiert ist: Darüber schreibt Radwa Khaled-Ibrahim im Leitartikel dieses Heftes

Wie immer wünsche ich Ihnen eine angenehme Lektüre des neuen rundschreibens und wie so oft überbringen wir die wenig überraschende Nachricht: Gar nichts ist okay.

Ihr Mario Neumann