Am Strand von Mbao, einem Vorort südlich von Dakar, beugen sich zwei Männer über den Rumpf eines Bootes. Sie hobeln, stemmen, schmirgeln. Stück für Stück entsteht so eine Piroge, ein traditionelles Fischerboot, das groß genug ist für bis zu 200 Menschen. Warum, fragt man sich, wird hier ein Boot gebaut, wenn die Fischgründe doch fast erschöpft sind? Seit über einem Monat ist niemand mehr aufs Meer gefahren, zumindest nicht zum Fischen. Mit Booten dieser Art sind aber auch die Kanaren erreichbar, jene Inseln im Atlantik vor der Küste Westafrikas, die seit der spanischen Eroberung zu Europa gehören – allerdings nur unter größter Gefahr.
In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind alleine im Mittelmeer mehr als 1.000 Menschen bei Überfahrten nach Europa ertrunken oder verschwunden, so viele wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Todeszahlen auf der sogenannten Atlantikroute von den Küsten Westafrikas auf die Kanarischen Inseln sind noch höher, genaue Zahlen gibt es nicht. In den europäischen Medien erscheinen die Gestorbenen – wenn überhaupt – als anonyme Zahlen. Doch hinter jeder Ziffer steckt eine Tragödie, das wissen nicht nur die Menschen an der Küste Senegals, sondern überall im Land.
Deutlich wird dies bei einem Besuch von Aktivist:innen der Gruppe Boza Fii, die sich für das Recht auf Bewegungsfreiheit einsetzt, in Tambacounda, einer Stadt tief im Landesinneren. Mütter, Väter, Geschwister, Ehefrauen zeigen Porträts ihrer verschwundenen Angehörigen. Die meisten wissen nicht einmal genau, ob ihre Liebsten tot sind. Sie sind spurlos verschwunden, es gibt kein Lebenszeichen, aber auch keinen Leichnam, der beerdigt werden könnte, und keine Sterbeurkunde, die den Nachlass regeln ließe. Der Staat kümmert sich nicht, sie sind mit ihrem Schmerz allein.
Einen Raum der Trauer eröffnen
Vor einigen Jahren beschloss Boza Fii, die Isolation solcher Familien zu durchbrechen. Auf ihrer jährlichen „Karawane für die Verschwundenen“ fahren sie von Dorf zu Dorf, von Familie zu Familie. Gemeinsam besuchen sie Stationen entlang der Migrationsrouten auf der Suche nach Informationen über den Verbleib der vermissten Menschen oder nach Gewissheit über ihren Verlust. Es geht um Beistand, aber auch darum, die Tragödien öffentlich zu machen und den Familien einen Raum der Trauer zu eröffnen. Endlich über den Verlust und die Ungewissheit reden zu können, ist für viele ein wichtiger Schritt aus der Verzweiflung. Die Aktivist:innen von Boza Fii betonen immer wieder, dass nicht ihre Angehörigen „versagt“ haben. Es sind die geschlossenen Grenzen und die Migrationsdeals mit der EU, die das Sterben und Verschwinden auf den Migrationsrouten verursachen.
Fast alle, die bei Boza Fii aktiv sind, haben selbst Migrationserfahrungen, wurden abgeschoben oder haben Angehörige verloren. Da ist Chico, der seit seiner frühen Jugend in Italien und Deutschland lebte. Er spricht niederbayrisch, machte eine Ausbildung und arbeitete als Elektriker in Deggendorf – bis er direkt vom Arbeitsplatz abgeholt, in Abschiebehaft genommen und nach fast 20 Jahren in Europa in den Senegal abgeschoben wurde. Heute empfängt Chico selbst Menschen am Flughafen von Dakar, die aus Europa zurückgeschickt werden. Oft kommen sie völlig mittellos an und trauen sich nicht nach Hause, zu groß ist die Schmach, es in den Augen ihrer Angehörigen nicht zu Wohlstand gebracht zu haben.
In Kotiari, 30 Kilometer von Tambacounda entfernt, empfängt eine weitere Familie die Karawane: Abdelaye Ndao hat die Witwe seines er trunkenen Bruders zur zweiten Frau genommen. Dieser versuchte 2021 von El Aaiún in der von Marokko besetzten Westsahara auf die Kanarischen Inseln zu gelangen, um Arbeit zu finden. Das Boot hatte 54 Menschen an Bord und sank. Nur 20 leblose Körper wurden gefunden. Abdelaye muss seitdem zwei Familien ernähren, eines der Kinder ist krank und benötigt dringend Hilfe. Die Schicksale der Menschen in Kotiari und Tambacounda sind im Senegal keine Ausnahme. In den vergangenen Jahren besuchte die Karawane viele Orte, in denen fast jede Familie jemanden verloren hat. In ganz West- und Nordafrika gibt es Zehntausende Familien, deren Angehörige auf dem Weg in ein besseres Leben verschwunden sind, manchmal sind ganze Dorfgemeinschaften durch den Verlust traumatisiert. „Es ist der Staat, der für die Toten verantwortlich ist, nicht ihr als Familien“, sagt Babacar, ein Menschenrechtsaktivist, der die Karawane begleitet. „Solange das Recht auf Bildung, Arbeit, Gesundheit und Ernährung nicht erfüllt ist, gehen die Leute auf die Suche nach einem besseren Leben.“
Dass es dieses bessere Leben im Senegal nur für sehr wenige gibt, wird an einem Morgen An fang November 2025 in einem Vorort der Hauptstadt sehr deutlich. Fast 1.000 Menschen drängen sich mit Bewerbungsunterlagen in der Hand vor einer neu eröffneten Kosmetikboutique, um einen der wenigen Jobs zu ergattern. Die Jugendarbeitslosigkeit im Land ist hoch. Jedes Jahr treten etwa 300.000 junge Menschen in den Arbeitsmarkt ein, auf dem nur 30.000 formelle Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Entweder man findet also einen Gelegenheitsjob im informellen Sektor oder man macht sich auf den Weg – in ein Nachbarland oder gleich Richtung Norden.
Als Spanien Anfang 2025 ankündigte, 370 Visa für Arbeit in der spanischen Landwirtschaft ohne Vorkenntnisse zu vergeben, gingen fast 50.000 Bewerbungen ein. Zehntausende Anträge auf ein Arbeitsvisum in Europa werden jährlich abgelehnt, obwohl Europa dringend Arbeitskräfte benötigt. Die meisten Menschen sind deshalb gezwungen, sich ohne gültige Papiere auf die Reise zu begeben und in eine der Pirogen zu steigen. Migration ist dabei selten eine individuelle Entscheidung. Es ist ein Familienprojekt. Denn wer es schafft, kann die ganze Verwandtschaft versorgen. Rücküberweisungen der Diaspora machen fast zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.
Europa schafft Fluchtursachen
Doch Europa hat dichtgemacht. Dabei trägt der Kontinent Mitverantwortung dafür, dass Jugendliche im Senegal kaum Perspektiven haben. So spielen der Fischfang und seine Weiterverarbeitung traditionell eine wichtige Rolle in der Ökonomie des Landes, 2022 machten sie rund 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Zwei Millionen Arbeitsplätze hängen an der Fischindustrie, 600.000 Menschen davon leben direkt vom Fang, vor allem Frauen. Doch in den einst fischreichen Gewässern vor der senegalesischen Küste sind die Bestände bedroht. Das liegt daran, dass große subventionierte Hoch seefischereischiffe europäischer und chinesischer Konzerne die Meere im großen Stil leerfischen. Der Fisch ist nicht für den direkten Verzehr gedacht. Große Teile werden zu Fischmehl gepresst, das dann als Futtermittel für die Produktion von Lachs in Europa verwendet wird. Für ein Kilogramm Lachs werden mehr als fünf Kilogramm zu Futter verarbeiteter Fisch von den Küsten Senegals benötigt. Laut einem aktuellen Bericht der Environmental Justice Foundation (EJF) brechen aktuell mehr als die Hälfte der Bestände im Senegal zusammen. Die Erwärmung des Meeres im Zuge der Klimaveränderung und massive Küstenerosion verschärfen die Lage noch.
Der Aufbruch Richtung Europa riskiert nicht nur Leib und Leben, sondern auch die Freiheit. Wer auf hoher See aufgegriffen wird, kann unter dem Vorwurf des Schmuggels mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden, bei einem Schiffbruch sind es sieben Jahre. Diese Kriminalisierung ist ganz im Sinne der EU, die die Zahlung von Entwicklungshilfe immer häufiger von einer opportunen Migrationspolitik abhängig macht. Trainiert wird das senegalesische Militär von der spanischen Guardia Civil. Übergeben wurde auch die „Niani“, ein Patrouillenboot, das weit aufs offene Meer hinausfahren und dort Boote abfangen kann, die Umwege nehmen und aus Gambia losgefahren sind, wo die Kontrollen noch weniger scharf sind.
Außerdem wurde die sogenannte grüne Hotline eingerichtet: eine kostenlose Telefonnummer, bei der man anonym Abfahrten melden kann und dafür Geld er halten soll. Zum Zwecke der Abschottung wird die wirtschaftliche Not der Menschen instrumentalisiert. Im Oktober 2024 kündigte die EU-Kommission eine finanzielle Unterstützung von 30 Millionen Euro für den Senegal an. Das Geld aus dem EU-Entwicklungshaushalt solle dazu dienen, „Migrant:innen in Not zu helfen, Menschenhandel zu bekämpfen und Aufklärung zu betreiben“. Die vermeintliche Entwicklungshilfe floss jedoch vorrangig in den Ausbau von Grenzüberwachung, Abfangoperationen auf See und Haftinfrastruktur für Geflüchtete. So sollen weitere 15 Grenzpatrouillenboote für Polizei und Gendarmerie den „Küstenschutz“ stärken.
In einem ruhigen Moment spricht Chico, der Aktivist von Boza Fii mit dem niederbayerischen Akzent, aus, worum es ihm geht. „Wir sagen den Menschen nicht, dass sie bleiben sollen. Wenn sie die Möglichkeit haben zu bleiben, sollen sie bleiben. Aber sie sollen auch die Freiheit haben zu gehen.“ Es ist eine einfache Forderung, die Europa jedoch nicht hören will. Die Debatte über Fluchtursachen ist aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden – weil sie unbequem ist, weil sie koloniale Kontinuitäten beleuchtet und die Frage stellt, auf wessen Kosten der europäische Lebensstandard beruht. Das Boot am Strand von Mbao wird fertiggebaut werden.
Die medico-Partnerorganisationen setzen sich überall entlang der Fluchtrouten nach Europa für das Recht zu gehen und zu bleiben ein.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 02/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!






