
medico: Mit dem Ende des Assad-Regimes und der jüngsten Vereinbarung zwischen der Übergangsregierung in Damaskus und der demokratischen Selbstverwaltung im Nordosten scheint der syrische Albtraum zu Ende zu gehen. Wie hoffnungsvoll blicken Sie in die Zukunft des Landes?
Karla Quintana: Seit dem Sturz des Assad-Regimes gibt es Hoffnung. Das ist seit dem 8. Dezember 2024 allgemein auf den Straßen und im Ausland zu spüren. Es ist ein hoffnungsvoller Moment für die Einheit Syriens, trotz aller Herausforderungen, die eine neue Regierung mit sich bringt.
Gibt es Schätzungen darüber, wie viele Menschen in Syrien vermisst werden?
Dank der hervorragenden Arbeit, die zivilgesellschaftliche Organisationen während der gesamten Dauer des Regimes geleistet haben, belief sich die Zahl der als vermisst gemeldeten Personen zum Zeitpunkt seines Sturzes auf schätzungsweise etwa 130.000. Nach der Einrichtung der Nationalen Kommission für vermisste Personen (NCMP) im Mai 2025 gab der Kommissar an, dass es in Syrien bis zu 300.000 vermisste Personen gebe. Bis heute gibt es keine offiziellen Zahlen zur Anzahl der als vermisst gemeldeten Personen in Syrien. Ich beschäftige mich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Thema des Verschwindens von Personen und war noch nie an einem Ort, an dem buchstäblich jede Familie eine oder mehrere vermisste Personen zu verzeichnen hat. Das volle Ausmaß der Krise ist nach wie vor nicht bekannt.
Was bedeutet es eigentlich, in Syrien als vermisst zu gelten?
Familien in Syrien und auf der ganzen Welt sagen zu Recht, dass es nicht um Zahlen geht, sondern um Leben, Träume, Familien, Menschen. Das Erste, was wir also wissen müssen, ist, wen wir suchen. Das bedeutet nicht nur, ihre Namen zu kennen, sondern auch, wer diese Menschen sind und warum sie verschwunden sind. Dies führt uns zur nächsten Frage: Wen betrachten wir in Syrien als vermisst? Die Definition einer Person, die gewaltsam verschwunden ist, setzt in der Regel voraus, dass es zu einer Festnahme oder Inhaftierung kam, auf die ein Verschwinden folgte, das von staatlichen Akteuren oder mit deren Duldung durchgeführt wurde. Dies ist die klassische Definition aus den 1970er-Jahren, die ihren Ursprung in Lateinamerika hat und später in internationale Verträge aufgenommen wurde.
Dann gibt es all jene, die von anderen nichtstaatlichen Akteuren verschwinden gelassen wurden, oder Fälle, in denen wir nicht einmal wissen, wer sie verschwinden ließ. Das Verschwinden, wie wir es im Rahmen unseres Mandats in Syrien und in anderen Teilen der Welt verstehen, ist wesentlich weiter gefasst als der Begriff des gewaltsamen Verschwindens. Es umfasst jede Person – unabhängig von Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Geschlecht –, die in Syrien verschwunden ist oder vor dem Konflikt in Syrien geflohen ist. Dazu gehören die Opfer von gewaltsamem Verschwinden, die wahrscheinlich die Mehrheit der Vermissten ausmachen, sowie Opfer von Menschenhandel oder Zwangsrekrutierung. Es umfasst auch jene, die geflohen sind und beispielsweise im Mittelmeer verschollen sind.
Können Sie uns ein wenig darüber erzählen, wie Ihre Arbeit funktioniert?
Es ist wichtig zu wissen, nach wem wir suchen, um die Ursachen des Verschwindens zu verstehen und darauf aufbauend eine Suchstrategie zu entwickeln. Wenn wir über etwas so Massives wie die Lage in Syrien sprechen, müssen wir anfangen, in Kontexten zu denken, anstatt einzelne Suchaktionen zu betrachten. Es ist nicht dasselbe, in Deutschland zu verschwinden, wie in einem Kontext, in dem Zehn- oder Hunderttausende verschwunden sind.
Wenn man beispielsweise nach Menschen sucht, die zur Zeit des Assad-Regimes oder auf der Flucht aus dem Land verschwunden sind, gibt es Gemeinsamkeiten. Man sucht also nach diesen Gemeinsamkeiten innerhalb dieser Kontexte, die wiederum Unterkontexte haben. Diese beziehen sich beispielsweise auf Menschen, die von den Assad-Truppen festgenommen wurden und gewaltsam verschwunden sind; auf Kinder, die in Sicherheitsgewahr sam genommen wurden; oder auf Personen, die vom IS verschleppt wurden. Ein weiterer Unterkontext betrifft verschiedene Formen des Verschwindens im Zusammenhang mit Migration.
Das klingt ziemlich komplex.
Meiner Erfahrung nach gibt es bei der Suche nach Vermissten in solch einem riesigen Kontext vier Schlüsselbereiche, um dieser Komplexität gerecht zu werden. Der erste ist, dass die Suche nach Vermissten Informationen er fordert. Und niemand, absolut niemand, verfügt über alle Informationen. Es ist, als würde man ein großes Puzzle oder ein großes Mosaik zusammensetzen. Dazu ist der Zugang zu verschiedenen Informationsquellen von Personen erforderlich, darunter Familienangehörige, Zeugen, Täter und Behörden. Menschen sind selbst eine Informationsquelle.
Dazu ist auch der Zugang zu Dokumenten von Behörden, der Zivilgesellschaft oder internationalen Organisationen erforderlich, ebenso zu Archiven, die normalerweise von Regierungen verwahrt werden. In Syrien verfügt die Zivilgesellschaft über Kopien vieler dieser Archive, die bereits vor dem Sturz des Assad-Regimes beschafft wurden. Auch die Länder der Diaspora sind von großer Bedeutung, da dort Syrer:innen leben, zivilgesellschaftliche Organisationen tätig sind und die Behörden dieser Länder ebenfalls über Informationen verfügen. Des halb sind wir zum Beispiel in Deutschland sehr aktiv.
Wie fügen Sie die Puzzleteile zusammen?
Darin besteht die größte Herausforderung. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Zusammenarbeit mit allen relevanten Akteuren, also auch mit der Regierung – konkret mit der Nationalen Kommission für vermisste Personen (NCMP). Daher – und das ist die zweite Priorität – ist politischer Wille auf nationaler Ebene und auch auf internationaler Ebene erforderlich, um die Suchbemühungen zu koordinieren, zu finanzieren und zu unterstützen. Dies ist weltweit das erste Mal, dass zunächst eine internationale Institution gegründet wurde. Dann wurde eine nationale Kommission mit einem ähnlichen Mandat geschaffen.
Sie haben von vier Schlüsselbereichen gesprochen. Welche sind der dritte und vierte?
Drittens ist das Vertrauen der Familien von entscheidender Bedeutung. Die Familien verfügen über Informationen. Nur wenn sie Vertrauen haben, werden sie sich an die verschiedenen Einrichtungen wenden. In unserem Fall waren es die Familien, die sich 2023 für die Gründung unserer Einrichtung eingesetzt haben. Wir haben eine eigene Abteilung für die Beteiligung und Unterstützung der Familien eingerichtet und schaffen derzeit Kanäle, um so viele wie möglich zu erreichen.
Schließlich gibt es noch den vierten Schwerpunkt: die Umsetzung und Anwendung einer ganzen Methodik, die speziell auf die Suche nach Ver missten ausgerichtet ist. Unser Ausgangspunkt ist, dass wir alle gleichzeitig nach vermissten Personen suchen. Und wie suchen wir alle gleichzeitig? Indem wir Informationen austauschen und alle uns zur Verfügung stehenden Informationen miteinander abgleichen, was wiederum neue Ermittlungsansätze und Hypothesen zur Auffindung einzelner Personen eröffnet.
Wie schwierig ist all das im syrischen Kontext?
Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Situation. Würde ich beispielsweise in Deutschland vermisst, wäre es für die deutsche Polizei einfacher, mich anhand meiner körperlichen Merkmale und meiner DNA zu finden. Sie können diese mit den genetischen Informationen meiner Tochter oder meiner Mutter vergleichen. Wenn ich jedoch an einem Ort mit einer humanitären Krise verschwinde, an dem meine Leiche viele Jahre später gefunden wird, entweder allein oder zusammen mit vielen anderen Personen, muss eine andere Methodik angewendet werden. Dies wird als Massenansatz bezeichnet und hat in Fällen von Massen verschwinden durchweg die besten Ergebnis se erzielt.
Ihre Arbeit leistet also einen wesentlichen Beitrag zum Versöhnungsprozess im Land.
Absolut. Ich glaube, dass die Suche nach den Verschwundenen eine grundlegende Säule für den Wiederaufbau eines Landes und für einen Weg zum Frieden ist. Es ist ein Element der Wahrheit, nicht nur individuell, sondern auch kollektiv.
Seit dem Sturz des Regimes hat sich viel verändert. Wie würden Sie die Kommunikation mit der derzeitigen Regierung beschreiben?
Vor dem Sturz des Regimes war es unserer Organisation nicht gestattet, nach Syrien einzureisen. Dass wir dies nun können, ist ein Fortschritt. Fünf Monate nach dem Sturz des Regimes hat die neue Regierung die Kommission für vermisste Personen und die Kommission für Übergangsjustiz eingerichtet. Natürlich müssen viele weitere institutionelle Schritte folgen. Wir stehen von Beginn an in Kontakt mit der neuen Regierung und nach einem fortlaufenden Prozess des Aufbaus einer gemeinsamen Vertrauensbasis engagieren wir uns in gemeinsamen Projekten. Vergleichende Erfahrungen zeigen, dass der Aufbau einer Institution Zeit benötigt. Es braucht eine rechtliche Infrastruktur, einen rechtlichen Rahmen, Ressourcen, die Einstellung von Personal usw. Ein gewöhnliches Justiz- oder forensisches System kann kein außergewöhnliches justizielles oder forensisches Problem lösen. Es bietet nur vorübergehende Linderung, ohne die eigentliche Ursache anzugehen.
Sind bereits vermisste Personen gefunden?
Die Erfahrung zeigt, dass es keine nachhaltige Lösung ist, bei einzelnen Fällen anzusetzen. Denn letztendlich geht es darum, so viele Personen wie möglich zu finden, und nicht nur einige wenige. Dafür brauchen wir ein ganzes System. Ich bin der Meinung, dass Institutionen, die für die Suche nach vermissten Personen in Massenkontexten zuständig sind, dies als ein Schneeballsystem betrachten sollten: Je mehr Informationen wir haben und je besser die Methodik umgesetzt wird, desto mehr Menschen werden wir finden. Anstatt also zu fragen, wie viele Menschen gefunden wurden, müssen wir uns zunächst fragen: Was ist erforderlich, um Menschen im Kontext von Massenverschleppungen zu finden? Das wird uns eine bessere Antwort darauf geben, wie wir viele finden können.
Das Interview führte Timo Dorsch.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 02/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!




