Der aktuelle Krieg gegen den Libanon geht in seine vierte Woche. Entgegen verbreiteter Narrative, hatte der vorherige Krieg indes nie aufgehört: Seit dem deklarierten Waffenstillstand von November 2024 spricht die UNO von über 10.000 Verstößen der israelischen Armee dagegen – die meisten davon im Südlibanon. Während dort Bodenkämpfe wüten, begleitet von heftigen Bombardements, verbreiten israelische Drohnen ihr beängstigendes Summen im Himmel über Beirut. Auch hier wird noch immer fast täglich bombardiert. Die Stimmung ist so verzweifelt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Menschen sind müde von dem nun seit über zwei Jahren anhaltenden Kriegszustand. Er lässt die Spannungen in der Bevölkerung zu und die Solidarität abnehmen. Vermehrt erreichen uns Berichte unserer Partnerorganisationen über Bürgerwehren, die geflüchtete Menschen aus dem Süden aus ihren Vierteln vertreiben, weil sie Angst haben, dass sie durch diese zu militärischen Zielen der israelischen Armee werden könnten. Migrant:innen, Syrer:innen und Palästinener:innen werden zum Teil nicht in Notunterkünfte hineingelassen. Aufrufe zivilgesellschaftlicher Organisationen richten sich immer dringlicher an die Bevölkerung, die Spaltungen zu überwinden. 125.000 Menschen sind bereits ins noch immer zerrüttete Syrien geflohen, die meisten von ihnen Syrer:innen, die im Libanon eigentlich Zuflucht vor Krieg und Folter im eigenen Land gesucht hatten.
Für den kriegs- und krisengebeutelten Libanon ist das menschliche Leid, welches sich vor aller Augen im gesamten Land entfaltet, immens: Allein im März wurden in diesem kleinen Land über 1000 Menschen getötet und mehr als 2500 Menschen verletzt. Unter den Opfern befinden sich auch 42 Sanitäter:innen und andere Gesundheitsarbeiter:innen, die zum Teil gezielt bombardiert wurden. Nach dem Humanitären Völkerrecht ist das ein Kriegsverbrechen, doch immer wieder werden ganze Gesundheitszentren in Schutt und Asche gelegt.
Mittlerweile sind circa eine Millionen Menschen im Land vertrieben, darunter befinden sich UN-Angaben zufolge 370.000 Kinder. Auf Deutschland übertragen entspräche das 16 Millionen Menschen. Die Notunterkünfte sind deswegen längst an ihrer Kapazitätsgrenze angekommen. In einem chronisch finanzschwachen Staat dienen nun Schulen als solche, der Schulunterricht ist daher seit Wochen ausgesetzt. Anstatt in Infrastruktur zu investieren – auch das ist Teil der komplexen Wahrheit – hat die Regierung lieber in die eigenen Taschen gewirtschaftet und keine Schutzstrukturen geschaffen.
Verzweifelte Hilfe
Die medico-Partnerorganisationen Nashet, Amel Association International und das Cedar Legal Center in Tripolis leisten rund um die Uhr Nothilfe. Die Bedarfe werden mit jedem Tag größer. Es mangelt an Trinkwasser, Matratzen sowie Diesel für Stromgeneratoren. Kälte und Regen verschlechtern die Versorgungssituation zusätzlich. Hygieneartikel und medizinische Grundversorgung gerade für chronisch Kranke, Ältere und Schwangere können kaum noch gewährleistet werden.
Zugleich ist die Stadt Saida, das Tor des Südens, überfüllt. Mit medico-Unterstützung leistet Nashet dort psychosoziale Hilfe und versorgt Menschen auf der Flucht mit Nahrungsmitteln. Die Helfer:innen verteilen in den Notunterkünften mittlerweile mehrmals am Tag warme Mahlzeiten und organisieren Aktivitäten und psychologische Begleitung für geflüchtete Kinder und Jugendliche.
Auch die Mitarbeiter:innen der medico-Partnerorganisation Amel sind von Zwangsvertreibungen betroffen. Ans Aufhören denkt dort aber niemand. Mit mobilen Kliniken kümmern sie sich in den am schwersten vom Krieg betroffenen Gebieten weiter um die medizinische Grundversorgung der Vertriebenen, die mit zunehmender Dauer des Krieges immer herausfordernder wird. Die Lage ist dramatisch, jeder Cent an Hilfsgeldern notwendig.
Bereits vor der jetzigen Kriegsphase war die Lage im Gesundheitssystem im Libanon sehr prekär. Laut Dr. Zeina Mohanna, Programmdirektorin bei Amel, sind die Lagerbestände der Krankenhäuser zwar besser gefüllt als bei Kriegsausbruch 2023, aber durch den Krieg am Persischen Golf und der Beeinträchtigung des Flugverkehrs, sind Hilfslieferungen durch die UNO, die ihre Warenhäuser in Dubai hat, stark eingeschränkt. Zu wenig davon kommt im Libanon an.
Infolge der Angriffe der israelischen Armee werden immer mehr Häftlinge aus Polizeistationen und Gefängnissen aus dem Süden und Beirut nach Tripolis verlegt. Haftanstalten sind heillos überbelegt, die hygienischen Zustände sind besorgniserregend und die Grundversorgung vielerorts kaum gewährleistet. Mit medico Unterstützung verteilt das Cedar Center for Legal Studies Matratzen und Decken für grundlegende Schlafbedingungen sowie Hygieneartikel und Nahrung an Mütter und ihre Säuglinge.
Angst vor der Gazafizierung
Der Süden des Libanon ist in Teilen vollkommen zerstört. Mehr als 53 Dörfer und Gemeinden sind bereits entvölkert. An eine Rückkehr zu den eigenen Häusern ist für die Allermeisten nicht zu denken. Denn 14 Prozent der gesamten Landesfläche bis zum Zahrani-Fluss, sowie mehrere hunderttausend Menschen in der Hauptstadt Beirut stehen aktuell unter Befehlen der Zwangsvertreibung der israelischen Armee. Unzählige Menschen und Familien schlafen deswegen seit Wochen in ihren Autos, am Straßenrand, am Strand, wo auch immer sie Platz finden, um sich so vor möglichen Bombardierungen zu schützen.
Dass sich die humanitäre Situation in den kommenden Wochen eher verschärfen als entspannen könnte wird deutlich, wenn man der israelischen Armee- und Staatsführung genau zuhört: Die offenen Drohungen gegen den Libanon gehen weit über Szenarien früherer Kriege hinaus. Heute geht es der israelischen Regierung, nach ihren eigenen Worten, um Zerstörung, Abtrennung und Annexion des Südens vom Rest des Landes. Die jüngst erfolgte Zerstörung von sieben wichtigen Brücken über den Litani-Fluss, die großflächigen Bombardements im Süden des Landes und in der Dahiye, die gezielte Vernichtung der Vegetation im Südlibanon durch den israelischen Einsatz von hochkonzentriertem Glyphosat, rufen bei sehr vielen Libanes:innen traumatische Erinnerungen hervor.
Im Libanon geht deswegen die Angst um. Angst davor, das nächste Gaza zu werden. Angst davor, die Grundlagen für das eigene Leben auf Dauer zu verlieren und in einem Rumpfstaat zu leben, der immer wieder Ziel militärischer Attacken des Nachbarn wird. Die humanitäre und politisch-soziale Krise im Land dürfte sich bei einem solchen Szenario drastisch verschärfen. Ohne Ende in Sicht.
medico arbeitet seit Jahrzehnten mit der Gesundheitsorganisation Amel Association zusammen. Amel betreibt im ganzen Land Gesundheitszentren, sowie mobile Kliniken in abgelegenen Orten. Die langjährige palästinensische Partnerorganisation Nashet organisiert aktuell die Versorgung für die aus dem Süden des Landes fliehende Bevölkerung. Das Cedar Legal Center leistet Hilfe für die am stärksten gefährdeten Gruppen in Krisen und Konflikten: für Menschen in den Gefängnissen und in Sheltern in Nordlibanon, Tripoli und Akkar.
Die Hilfe für die Menschen auf der Flucht vor den israelischen Angriffen können Sie mit einer Spende unterstützen.






