Nach einer relativ kurzen Pause militärischer Operationen, rückte der Krieg im März 2026 wieder in das Bewusstsein der israelischen Gesellschaft. Dieses Mal steht im Mittelpunkt der Krieg mit dem Iran und mit einem zweiten Konfliktgebiet gegen die Hisbollah im Libanon. Für das Westjordanland nahm die Aufmerksamkeit aufgrund der Siedlergewalt etwas zu, während Gaza mehr oder weniger aus dem israelischen Bewusstsein verschwunden ist – damit sind wir wieder bei derselben Dynamik von vor Oktober 2023 angelangt.
Innenansichten zum Krieg
Mehrere übergeordnete Faktoren prägen die Haltung der israelischen Gesellschaft zum Krieg, wie sie ihn versteht und wie sie sich dazu politisch positioniert. Erstens, ist da die generelle Kriegsmüdigkeit – das Land befindet sich seit zweieinhalb Jahren in einem andauernden Krieg, es ist ein Land, in dem kriegsbezogene Themen den Nachrichtenzyklus tendenziell dominieren. Hinzu kommt eine zunehmende kurzfristige Ermüdung im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Iran, der seit Anfang März das tägliche Leben in spürbarem Maße beeinträchtigt. Zum Beispiel erleben die meisten Israelis täglich Sirenen; Schulen und viele öffentliche Einrichtungen sind geschlossen. Trotz dieser Beeinträchtigungen ist Widerstand gegen den Krieg in der Praxis nicht existent: An den wenigen Antikriegsdemonstrationen, die bisher stattfanden, nahmen nur einige Dutzend Aktivist:innen teil.
Zweitens, ist der öffentliche Diskurs in Israel trotz der zunehmend komplexen Entwicklungen in der gesamten Region des Nahen und Mittleren Ostens oberflächlich. Der Pressesprecher der israelischen Armee ist für die meisten Israelis nach wie vor die wichtigste Informationsquelle; führende Medienvertreter:innen begehen grobe Fehler und verbreiten Fehlinformationen; es gibt keine lokale politische Blogosphäre, die eine eingehende Analyse fördert; nur wenige Israelis konsumieren nicht-hebräische Medien. Das öffentliche Gedächtnis für vergangene Ereignisse – einschließlich derer des vorherigen Jahres und sogar der letzten Monate – ist kurz. Lehren werden nicht gezogen. All dies führt zu einem recht begrenzten Spektrum an Meinungen, die in den israelischen Mainstream-Medien geäußert werden können.
Drittens, obwohl die Regierung unter Benjamin Netanjahu in den Umfragen unbeliebt bleibt, wurden politische Aktionen gegen seine Regierung im März praktisch auf Eis gelegt. Tatsächlich hatten sie bereits seit dem sogenannten Waffenstillstandsabkommen im Oktober 2025 erheblich nachgelassen. Die sogenannte parlamentarische Opposition hat die Regierung in keiner nennenswerten Weise herausgefordert und verfügt auch nicht über eine wesentlich andere Alternative zu ihrem Ansatz, der lediglich auf mehr Krieg aus ist. Dies ist besonders bemerkenswert, da 2026 ein Wahljahr sein wird und mehrere Politiker behaupten, Herausforderer Netanjahus zu sein.

Der lange kurze Krieg
Der derzeitige Hauptschauplatz ist der Iran. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Israelis unterstützt den Krieg gegen den Iran, insbesondere angesichts des israelischen Erstschlags. Der israelische Diskurs hebt taktische Erfolge hervor – insbesondere scheinbar hochrangige Attentate und gut sichtbare Ziele, das heißt große, spektakuläre Explosionen, die die Fähigkeiten der israelischen Luftwaffe und der Geheimdienste unterstreichen. Diese tragen dazu bei, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Krieg gut verläuft. Gleichzeitig werden die Kosten des Krieges als relativ gering dargestellt. Die niedrige Zahl der Todesopfer in Verbindung mit einer wirksamen Zensur der meisten Auswirkungen iranischer Raketenangriffe und dem Fehlen harter Daten, stützt die Darstellung, dass dies kein kostspieliger Krieg für Israel sei. Iranische Angriffe rund um den Persischen Golf sowie die globalen wirtschaftlichen Kosten und Auswirkungen der Sperrung der Straße von Hormus finden in der israelischen Debatte kaum Beachtung. Darüber hinaus ist der internationale Druck auf Israel im Vergleich zu den ersten beiden Jahren des Krieges gegen Gaza so gut wie nicht vorhanden. Die meisten europäischen Länder haben oberflächliche Unterstützung für den Krieg bekundet, was es Israel ermöglicht, relativ frei zu agieren.
Dennoch steht Israel vor bestimmten Herausforderungen, die sich im Laufe der Zeit wahrscheinlich verschärfen werden. Erstens, ist das strategische Endziel unklar. Israel hatte ursprünglich versucht, einen Regimewechsel im Iran herbeizuführen, doch nachdem dieser Plan so erst einmal gescheitert war und der Iran Vergeltungsmaßnahmen gegen die ihn angreifende Allianz ergriffen hatte, scheint es keinen klaren Plan zur Beendigung des Krieges zu geben. Die israelische Regierung scheint sich damit zufrieden zu geben, die militärischen Fähigkeiten und die öffentliche Infrastruktur des iranischen Staates zu schwächen.
Dies ist ein wiederkehrendes Problem bei israelischen Konflikten der letzten Jahrzehnte und erinnert an den Ansatz des „Grasmähens“ – Schlagabtausch ohne strategische Veränderung –, der das israelische Engagement im Gazastreifen in den letzten Jahrzehnten geprägt hat. Der Krieg selbst scheint sich hinzuziehen, ohne dass von irgendeiner der Konfliktparteien Anzeichen dafür zu erkennen sind, dass sie ihn beenden möchte. Da sich der schnelle Sieg, den sich die Israelis Anfang März vorgestellt hatten, zu einer langwierigen Konfrontation mit einem fest verwurzelten Iran verflüchtigt, werden die kumulativen Kosten steigen. In Verbindung mit den Einbußen an Lebensqualität für die israelische Bevölkerung, den geschlossenen Flughäfen und Schulen, wird dies im Laufe der Zeit wahrscheinlich zu wachsender Frustration der Israelis über den Verlauf des Krieges führen.
Angesichts der Unfähigkeit der Opposition, selbst aus einer breiten regierungsfeindlichen Stimmung Kapital zu schlagen – wie im Fall der Geiseln im Gazastreifen in den ersten Jahren des Krieges –, dürften solche Entwicklungen jedoch keine bedeutenden politischen Veränderungen mit sich bringen. Unterdessen ist Israel gezwungen, seine Aufmerksamkeit zwischen der iranischen und der libanesischen Front aufzuteilen, was die Effektivität seiner Streitkräfte an beiden Fronten mindert. Zeitgleich lenkt das die öffentliche Aufmerksamkeit davon ab, die schwierigeren Fragen zum Iran-Krieg zu stellen.
Entmenschlichung der Libanes:innen
Der zweite Hauptschauplatz ist der Libanon. Auch hier erfuhr die israelische Öffentlichkeit bereits 2024, dass Israel die Hisbollah besiegt habe, sodass das plötzliche wiedererstarkte kriegerische Auftreten der Organisation viele Israelis überraschte. Die Militäroperationen der Hisbollah haben die Entschlossenheit der israelischen Regierung gestärkt, einen weiteren Krieg zu führen, um die Bedrohung an seiner Nordgrenze zu beseitigen.
Die Demaskierung der falschen Darstellung aus dem Jahr 2024 führte zu einer gewissen öffentlichen Empörung, die jedoch nicht ausreichte, um politische Maßnahmen auszulösen. Während die meisten Israelis weiterhin davon ausgehen, dass die Iran-Front nur von kurzer Dauer sein und in wenigen Wochen beendet sein wird, scheinen sie zu akzeptieren, dass der Krieg mit der Hisbollah Monate dauern wird. Unterdessen gibt es innerhalb Israels ausdrückliche Forderungen, den Südlibanon genau so zu behandeln, wie Israel den Gazastreifen behandelt hat. Innerhalb der israelischen Gesellschaft ist ein Prozess zu beobachten, der die Entmenschlichung der libanesischen Zivilbevölkerung begünstigt. Dies hat zu Angriffen auf medizinisches Personal – mit durchschnittlich mehr als zwei Toten pro Tag, mehr als in Gaza - und zum Tod von Kindern - durchschnittlich etwa acht pro Tag – geführt. Auch Zivilist:innen und zivile Infrastruktur zum Beispiel Wohngebiete in Beirut und Brücken über den Fluss Litani werden angegriffen. Es gibt kaum Widerstand gegen das, was als neue Normalität in der Art und Weise erscheint, wie Israel seine Kriege mit seinen unmittelbaren Nachbarn führt.
Israelische Straffreiheit im Westjordanland
Obwohl das Westjordanland kein aktives Kriegsgebiet ist, erregten die jüngsten Ereignisse dort einige Aufmerksamkeit und Kritik seitens einiger liberaler Israelis. Die Tötung von vier Mitgliedern einer sechsköpfigen palästinensischen Familie in ihrem Auto durch die israelische Armee schockierte Berichten zufolge einige Beobachter:innen, die an ein solches Ausmaß an Gewalt nicht gewöhnt waren. Ein weiteres Siedlerpogrom, das zu Gewalt gegen lokale palästinensische Gemeinschaften führte, erregte zusätzliche Aufmerksamkeit, insbesondere angesichts der sexuellen Gewalt, der einer der palästinensischen Männer ausgesetzt war. Beide Ereignisse führten unter liberalen Israelis zu einer Zunahme öffentlicher Forderungen gegen diese neuen Formen der Gewalt. Zu dieser Aufmerksamkeit trugen unter anderem die Berichterstattung der Medien über beide Ereignisse bei – insbesondere die Interviews mit den überlebenden Kindern aus dem ersten Fall, die das Ausmaß der Gewalt durch die Soldat:innen offenbarten, die ihre Familie getötet hatten, sowie die Stimmen mehrerer israelischer Aktivist:innen, die während des zweiten Ereignisses vor Ort waren.
Aus einer breiteren Perspektive betrachtet ist die Aufmerksamkeit liberaler Israelis für diese Art von Ereignissen nicht neu. Mehrere Ereignisse der letzten Jahre wie der Pogrom von Hawara Anfang 2023, führten in der Vergangenheit zu ähnlichen Forderungen, ohne dass diese in politische Konsequenzen mündeten. Stattdessen sahen staatliche Institutionen immer wieder davon ab, geltendes Recht durchzusetzen, was Verstößen weitere Legitimität verlieh. Bemerkenswert ist, dass die israelische Berichterstattung über diese Ereignisse meist wenig Kontext liefert. Demgegenüber berichten auch rechte Medien von Tatsachen abweichende und nutzen entmenschlichende Darstellungen – beispielsweise indem sie die vier bei dem ersten Vorfall getöteten Familienmitglieder als „Terroristen“ darstellen. Es ist die gleiche Praxis, die während des Krieges gegen Gaza populär wurde und seitdem weitgehend ungehindert fortgesetzt wird.
Gazas neue Wirklichkeit
In dieser Realität sind Gaza und der Krieg gegen den Gazastreifen aus dem Bewusstsein der Israelis weitgehend verschwunden. Es scheint, als seien die Israelis bereit, die fortgesetzte Kontrolle der Hamas über einen territorial geschwächten Gazastreifen de facto zu akzeptieren, während sie die humanitären Folgen ignorieren, wenn zwei Millionen Menschen in einer weitgehend zerstörten Landschaft festgehalten werden.

Auch hier sind die sichtbaren Kosten für die israelische Gesellschaft gering: Internationale Institutionen haben weitgehend aufgehört, über Gaza zu sprechen; internationale humanitäre Akteure übernehmen die Kosten für humanitäre Hilfe für die Palästinenser:innen in Gaza; und trotz Androhungen sind keine nennenswerten rechtlichen Schritte gegen israelische Beamt:innen oder Soldat:innen der israelischen Armee eingeleitet worden. Wie so oft in der Geschichte Gazas im vergangenen Jahrhundert entwickelte sich das, was als vorübergehende Maßnahme begann, bald zu einer dauerhaften Realität.
Eine Regierung regiert durch
Die letzten zweieinhalb Jahre haben einige der Dynamiken im Zusammenhang mit Israels militärischen Vorgehen verdeutlicht. Einerseits hat Israel einen klaren taktischen Vorteil gegenüber seinen Gegnern: gemessen an seiner Fähigkeit, fast nach Belieben zu bombardieren, den geringen sichtbaren Schäden, die es im Laufe der Zeit erlitten hat, und seiner Fähigkeit, über Jahre hinweg die innenpolitische Unterstützung für störende Feindseligkeiten aufrechtzuerhalten. Internationale wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung durch US-amerikanische und europäische Regierungen ermöglicht Israel Handlungsfreiheit sowie den kontinuierlichen Zustrom von Waffen, die Israel benötigt, um seinen Kurs fortzusetzen.
Zudem gibt es keine wirkliche innenpolitische Opposition gegen das Vorgehen der israelischen Regierung, da sich staatliche Institutionen wie die Polizei, und das Justizsystem, einschließlich des Strafvollzugs, angepasst haben, während andere gesellschaftliche Institutionen wie die israelische Wissenschaft oder die Medien ihre Kritik einschränken und von substanziellen kritischen Reaktionen auf israelische Handlungen absehen. Das Ergebnis ist die staatlich geförderte Entmenschlichung der Palästinenser:innen, die sich beispielsweise in dem jüngsten Treffen zwischen dem israelischen Verteidigungsminister und den fünf ehemaligen Gefängnisbeamten zeigt, die im Verdacht standen, einen palästinensischen Häftling sexuell missbraucht zu haben, deren Verfahren durch den Generalstaatsanwalt der Armee aber eingestellt worden war.
Andererseits besteht der Eindruck, dass die israelischen Militäreinsätze so schnell nicht enden werden, und dass die israelische Gesellschaft nach dem 7. Oktober gar nicht weiß, wie man Kriege beendet. Vielleicht benötigt sie sogar einen permanenten Kriegsmodus gegen wahrgenommene Bedrohungen, um ihren Zusammenhalt zu bewahren.
Bestätigt wird diese Hypothese in den Äußerungen einiger prominenter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die begonnen haben, die Türkei als eine zunehmend drängende Bedrohung zu diskutieren, mit der sich Israel in naher Zukunft auseinandersetzen müsse. Wirtschaftlich gesehen ist die israelische Gesellschaft bisher nicht gezwungen, sich an wesentlich andere materielle Bedingungen anzupassen. Dies ist Folge ihrer beständigen Kriegswirtschaft sowie beträchtlicher US-amerikanischer und europäischer Investitionen und Unterstützung sowohl auf staatlicher als auch auf privater Ebene, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren trotz Israels expliziter Verstöße gegen das Völkerrecht fortgesetzt wurden. All das hat die israelische Wahrnehmung bestärkt, dass die Kosten des Krieges gering sind und jede Anpassung an die permanente Kriegssituation hinausgezögert.
Es ist wahrscheinlich, dass irgendwann in der Zukunft – eher früher als später, sollte der Iran-Krieg zu einer globalen Wirtschaftskrise eskalieren – die Unhaltbarkeit dieses Ansatzes für die breite Öffentlichkeit offensichtlich werden wird. In der Zwischenzeit ist mit einer weiteren Verschlechterung der Dienstleistungen der israelischen Regierung für ihre Bürger:innen zu rechnen. Während auf internationaler Ebene der staatliche Widerstand gegen das Vorgehen Israels weitgehend versiegt ist, werden Protestformen von Einzelnen, von öffentlichen Einrichtungen oder auch von Unternehmen gegen israelische Institutionen und Bürger:innen wahrscheinlich anhalten. Die israelischen Medien und der öffentliche Diskurs werden diese hervorheben und aus dem Zusammenhang reißen, wodurch die Belagerungsmentalität gefördert wird, die für die Aufrechterhaltung eines gewissen Zusammenhalts in der israelischen Gesellschaft von grundlegender Bedeutung ist.





