Im Oktober 2025 ging der Krieg offiziell in einen Waffenstillstand über. Ende Dezember konnten wir in unsere alte Wohnung zurück. Sie hat keine Türen und keine Fenster mehr, aber wir haben Wände. Das ist mehr, als viele andere haben. Wir haben Glück gehabt. Und wir haben zugenommen, die Versorgung ist besser als noch während der andauernden Angriffe. Israelische Firmen verkaufen Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs in den Gazastreifen. Alles ist sehr teuer, viel teurer, als die meisten Menschen zahlen können. Ich habe deshalb aufgehört zu rauchen. Immerhin. Eine kleine Batterie für LED-Lampen, die normalerweise 20 Dollar kostet, kostet jetzt 1.000 Dollar. Allein für Strom zahle ich jede Wo che 70 Dollar, deswegen sparen wir, so gut wir können. Viele andere Familien hängen komplett von Hilfsgütern ab. Eine Vielzahl von Organisationen verteilt Pakete an kleine Gruppen von Empfänger:innen. Aber es gibt kein System, niemand versteht, warum wer was be kommt und wann es wo etwas gibt. Viele gehen leer aus, Korruption ist Alltag. Manche Leute werden sehr reich.
Wir verbringen die meiste Zeit in der Wohnung, spielen Tischtennis auf dem Esstisch. Es macht Spaß, und so haben wir wenigstens ein bisschen Bewegung. Auf die Straße gehen wir nur für wichtige Besorgungen. Draußen ist es nicht sicher, vor allem nicht abends und nachts. Zwar wird nur noch sehr selektiv bombardiert, aber du weißt nie, wann und wo. Im mer wieder stoßen von den Israelis bewaffnete Gruppen aus dem besetzten Teil des Gazastreifens vor und schießen um sich. Vor drei Wochen wurde ich von einer Hamas-Patrouille gestoppt, die Menschen kontrolliert haben. Aber manchmal sind das auch andere bewaffnete Gruppen, man weiß nie, an wen man gerät. Also ist es besser, möglichst wenig draußen zu sein. Meine Kinder gehen drei Tage die Woche in ein Bildungszentrum, aber am späten Nachmittag sind wir alle wieder zu Hause. Mit dem Waffenstillstand ist immerhin ein seltsames Gefühl von Stabilität eingekehrt. Aber es gibt keine dauerhafte Lösung. Die Menschen haben Angst, dass die Ruhe nicht anhält und sie erneut vertrieben werden. Denn wenn man ehrlich ist, ist zwar sehr viel zerstört, aber die Hamas ist weiter an der Macht. Viele hoffen, dass sie ihre übriggebliebenen Waffen abgeben und sich in einer späteren Phase des Waffenstillstands zurückziehen. Aber ob sie Gaza wirklich aufgeben werden?
Die Menschen sind weiterhin sehr beschäftigt mit dem täglichen Überleben. Arbeit, Lohn, hohe Kosten – und immer noch leben sehr vie le in notdürftigen Unterkünften. Der Ausnahmezustand hält an. Aber die Traumatisierung ist offensichtlich. Bei vielen ist die Lunte sehr kurz, schon Kleinigkeiten können zu einem handfesten, oft gar tödlichen Konflikt führen. Alle paar Tage sterben ein, zwei Menschen in folge eskalierter Streitereien um einen Platz in einer Warteschlange oder eine Packung Was-auch-immer im Supermarkt. Es gibt keine Toleranz und kein Zurückstecken. Oft versteht man gar nicht, worum es geht. Als würden die Menschen den Streit suchen. Vielleicht entlasten sie sich so von all der Wut und Verzweiflung. Hierin zeigt sich der Grad der psychischen Zerstörung in Gaza.
Unsere Kultur basiert auf Familien, großen Familien mit 200, 300 Mitgliedern. Normalerweise schlichten Mukhtare, anerkannte familiäre Autoritären, Streitigkeiten. Aber heute wird auch innerhalb der Familien gekämpft. Die Mukhtare haben viel Autorität eingebüßt, Familienbande lösen sich auf. Gaza ist eine fragmentierte Gesellschaft, jeder steht für sich allein. So wird auch Kriminalität nicht mehr eingedämmt. Es gibt keine Autorität mehr, die den Menschen sagt: Das ist schlecht für dich und für die Gesellschaft. Und es gibt gleichzeitig so viele Probleme, um die sich gekümmert werden muss.
Nach zwei Jahren Krieg existiert kein Gesundheitssystem mehr, auch kein Staatshaushalt oder Ähnliches. Stattdessen wird jede Ausgabe, jede Stelle, auch im Gesundheitsbereich, über Projekte finanziert. Alle müssen Gelder für ihre Projekte auftreiben. Das ist kein System, das nachhaltig arbeitet, sondern ein Überlebensmodus. Es gibt zwar oberflächliche Verbesserungen der Versorgung, aber auf einer strukturellen Ebene liegt das Gesundheitssystem am Boden. Das zeigt sich schon an der Stromversorgung, die überall auf dem Einsatz von Generatoren basiert. Diesel ist zwar inzwi schen verfügbar, aber das ebenfalls benötigte Öl für einen dauerhaft laufenden Generator kostet 10.000 Dollar im Monat – früher waren es 100 Dollar.
In den verbliebenen Gesundheitszentren und Kliniken sind die Möglichkeiten zur Diagnose sehr eingeschränkt. Dadurch passieren viele Fehler. Gleichzeitig fehlen Medikamente für komplexe oder chronische Krankheiten. Also werden Patient:innen nur anhand der einfachsten Symptome behandelt: Kopfschmerzen, Fieber, Durchfall. Vor ein paar Tagen hatten wir ein Mädchen mit ungewöhnlich starken Schweißausbrüchen. Das könnte neurologische Ursachen haben oder auch hormonelle. Wir wissen es nicht. Menschen, die akut Hilfe brauchen – zum Beispiel bei einem Herzinfarkt –, werden wahrscheinlich sterben, noch während sie auf eine Behandlung warten. Es gibt keine Notversorgung, oft fehlt selbst Verbandsmaterial.
Als PMRS tun wir, was wir können, um dem enormen Bedarf gerecht zu werden. Unsere Angebote für Frauen konnten wir zum Beispiel deutlich verbessern, in all unseren Gesundheitszentren. Auch wir sind von den Engpässen bei der Versorgung betroffen. Importieren können wir nicht, also müssen wir alles, was wir brauchen, auf lokalen Märkten einkaufen. In den letzten zwei Monaten gab es relativ viele Medikamente, also haben wir unsere Vorräte aufgestockt. Aber jetzt fehlen Reagenzien für die Diagnostik in unserem Labor. Neue Computer sind keine Option und Papier ist extrem teuer geworden. Unser Bedarf würde etwa 20.000 Dollar pro Monat kosten, um weiter Befunde ausdrucken zu können und die Dokumentation nachzuhalten. Das geht natürlich nicht, also schicken wir uns PDF-Anhänge über Messenger. So hangeln wir uns von Tag zu Tag.
Für temporäre Gesundheitsprojekte stellen wir Leute aus der jeweiligen Gegend ein. Dadurch vermeiden wir Anfahrtswege. Der Transport ist sehr teuer und unzuverlässig. Für unsere Festangestellten ist es schwierig, 70 von ihnen konnten nicht in ihr Zuhause zurückkehren – weil es zerstört wurde oder in einem nicht zugänglichen Viertel liegt. Wir weisen sie dem nächstliegenden Gesundheitsposten zu, das führt aber zu einer ungleichen Verteilung. Irgendwie funktioniert es.
Ich bin trotz allem Optimist. Es gibt zurzeit für Israel keinen Grund, wieder anzugreifen. Sie kontrollieren alles, es gibt keine Bedrohung. Außerdem verlassen Menschen den Gazastreifen, das wollten sie ja. Und von den Trump-Initiativen hört man zwar zurzeit nichts, aber sie sind nicht abgesagt. Nach all den Kriegen ist die Region einfach müde.
In Gaza sind die Lebensgrundlagen von mehr als zwei Millionen Menschen verwüstet. Wohn- und Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Moscheen, landwirtschaftliche Flächen: Nichts und niemand ist verschont geblieben. So wurden auch 1.700 Gesundheitsarbeiter:innen getötet, viele während des Versuchs, anderen das Leben zu retten.
Anfang Mai richtete ein von der Initiative medsolidar mit medico organisiertes Symposium zu „Humanitärer Medizin“ in Berlin den Fokus auf Gaza. 200 Gäste, überwiegend aus dem medizinischen Bereich, diskutierten darüber, welche Auswirkungen die systematische Zerstörung der Gesundheitsinfrastruktur auf die Versorgung der Zivilbevölkerung und die medizinische Arbeit vor Ort hat. Was ist zu tun, lokal und global? Und welche ethische Verantwortung hat die deutsche Ärzt:innenschaft, wenn Kolleg:innen in Gaza getötet und entführt werden?
Unterdessen setzen die medico-Partneror ganisationen in Gaza, weiterhin unter widrigsten Bedingungen, ihre Arbeit fort. Sie leisten medizinische und psychosoziale Nothilfe, reparieren Brunnen, organisieren Unterkünfte, kümmern sich um provisorischen Schulunterricht und betreiben eine Suppenküche.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 02/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!






