Libanon

Verbrannte Erde

13.07.2026   Lesezeit: 4 min  
#libanon 

Der Krieg dauert trotz Waffenstillstand an. Israel zerstört dabei systematisch die Lebensgrundlagen der Menschen.

Von Imad Mustafa

Der Krieg im Libanon dauert an. Es ist die längste kriegerische Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Libanon seit dem israelischen Abzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000. Es ist ein weiteres Kapitel in einer an Kriegen reichen und leidvollen gemeinsamen Geschichte. Doch dieser Krieg ist anders als alle vorangegangenen, das schiere Ausmaß der Zerstörung im Libanon ohne Beispiel. 

Nicht einmal die Waffenstillstände – November 2024, April 2026, Juni 2026 – unterbrechen das Töten. Immer wieder wurden sie gebrochen, bis März 2026 durch die israelische Armee ganze 15.000 Mal. Die Vertreibungen und die israelische Landnahme im Südlibanon dauern an. Zahlen können den Schrecken kaum angemessen einfangen und dennoch sind sie wichtig, um die verheerende humanitäre Situation im Libanon zu verstehen: Mindestens 8.700 Todesopfer, darunter 357 Gesundheitsarbeiter:innen und Zehntausende Verletzte lautet die bisherige Bilanz seit Oktober 2023. Eine halbe Million Menschen sind im eigenen Land vertrieben, zehn Prozent der gesamten Bevölkerung. 

Zerstörung, Vertreibung und Ökozid

Die von Israel eingerichtete Besatzungszone umfasst 14 Prozent der Fläche des Libanon. Wie in Gaza ist sie durch eine gelbe Linie auf der Karte markiert und fast menschenleer. Wer es wagt, die gelbe Linie zu überqueren, läuft große Gefahr getötet zu werden. Die medico-Partnerorganisation Public Works hat die Zerstörung in Beirut und dem Südlibanon akribisch dokumentiert

In ihrem Mitte Juni veröffentlichten Bericht zeigt Public Works auf, dass Israel 55 Gemeinden im Grenzgebiet gesprengt hat. Die Lage erinnert an Gaza. Nicht nur Stadien, historische Märkte und Denkmäler, Verwaltungsgebäude und Straßenzüge wurden großflächig vermint und gesprengt, sondern von den Dörfern und Städten ist einfach nichts mehr übrig. Über viele Jahrhunderte gewachsenes soziales und kulturelles Leben wurde weggebombt und das Gelände großflächig vermint, so dass an Rückkehr oder Wiederaufbau nicht zu denken ist. 

Wie in Gaza verwendet die israelische Armee für die Zerstörung ziviler Infrastruktur auch im Südlibanon systematisch Phosphor und Glyphosat. Agrarflächen, Olivenhaine und Wälder werden auf viele Jahre vergiftet. Dreiviertel der Bauern sind vertrieben, ein Leben nach dem Krieg ist nahezu unmöglich geworden. Public Works hat auch dies mit medico-Unterstützung dokumentiert und bezeichnet das Vorgehen Israels mittlerweile als einen Ökozid, der den Menschen die Lebensgrundlagen entziehen und so ihre Vertreibung dauerhaft durchsetzen soll.

Die Folgen der zerstörten Agrarflächen zeigen sich bereits jetzt: Jede:r Vierte im Libanon leidet unter akutem Nahrungsmangel. Familien können sich aus eigener Kraft so gut wie nicht mehr versorgen, sind gezwungen, Mahlzeiten auszulassen, die Qualität des Essens zu reduzieren oder sich zu verschulden, um zu überleben.

Mit Mohammed al-Zayed von der Gesundheitsorganisation Amel steht medico in dauerhaftem Kontakt. Am Telefon klingt er niedergeschlagen. Tief sitzen die Erfahrungen von zweieinhalb Jahren Krieg. Amel betreibt mit medico-Unterstützung seit über 40 Jahren dezentrale Gesundheitszentren, vor allem im Südlibanon. Viele sind zerstört oder nicht mehr zugänglich. Nachdem das Zentrum in Tyre durch israelische Luftangriffe stark beschädigt wurde und auch Amel-Mitarbeiter:innen fliehen mussten, sind sie inzwischen zurückgekehrt und setzen den Betrieb im Rahmen ihrer Möglichkeiten fort. 

Auch in der von über 500 Luftangriffen gezeichneten Dahiye im Süden Beiruts sind Gesundheitszentren von Amel zum Teil beschädigt worden. Jetzt öffnen die Kolleg:innen sie wieder, denn überall sind die Menschen dringend auf medizinische und psychosoziale Hilfe angewiesen. 

Keine Lösung in Sicht

Frieden scheint heute weiter entfernt denn je. Die verfahrene politische Situation ist Spiegelbild eines inexistenten staatlichen Gewaltmonopols und einer fragilen staatlichen Souveränität. Der Libanon wird zerrieben zwischen Iran und Hisbollah einerseits sowie USA und Israel andererseits. Die maßgeblichen Akteure sind sich nicht nur über die Modalitäten einer Lösung uneinig, sondern auch, wer diese für den Libanon durchsetzen darf und kann. Schwelende soziale Konflikte drohen in offene Feindschaft, in Bürgerkrieg umzuschlagen.

Die bittere Wahrheit, so Mohammed, sei, dass niemand wisse, wie es im Libanon weitergehe. Wie er in die Zukunft blickt? Mohammed wischt die Frage mit einem kurzen zynischen Lachen weg, in dem Resignation mitschwingt. Innehalten, über die letzten Jahre nachdenken, die Ängste, den Fatalismus, die Wut zulassen? Die Dringlichkeit der Situation lasse sie weitermachen. Wie in einem Hamsterrad, sagt er.

Die Situation der Vertriebenen im Libanon verschlimmert sich zusehends. Die medico-Partner:innen tun ihr Möglichstes, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Außerdem dokumentieren sie Angriffe und mögliche Kriegsverbrechen, um aufzuklären und die Grundlage dafür zu legen, dass verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden können. Ihre Arbeit können Sie mit einer Spende unterstützen. 

Imad Mustafa (Foto:medico)

Imad Mustafa ist Referent für Menschenrechte bei medico. Außerdem ist der Politologe und Islamwissenschaftler für die Öffentlichkeitsarbeit zu Afghanistan sowie Nordafrika und Westasien zuständig.

Twitter: @imadmustafa_


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