Wenn man lange zu Palästina und Israel gearbeitet hat, lässt man sich nicht mehr schnell zu großen Erwartungen verleiten. Und medico hat sehr lange zu Palästina und Israel gearbeitet, lange genug, um gelernt zu haben, woran uns die Herausgeber des Sammelbands „Daybreak in Gaza“ im Oktober 2025 erinnert haben, als sie bei uns im medico-Haus in Frankfurt am Main zu Gast waren. Mahmoud Muna aus dem besetzten Ostjerusalem, ein Buchhändler, dessen Geschäft in Sheikh Jarrah schon mehrfach von der israelischen Polizei heimgesucht worden ist, und Matthew Teller, Historiker und Schriftsteller aus England, brachten eine wichtige Botschaft mit nach Deutschland. Es war eine Aufforderung von Menschen aus dem Gazastreifen, deren Stimmen Muna und Teller in dem Buch versammelt haben. Die Nachricht war denkbar einfach, während ihre Umsetzung angesichts der Lage in Palästina, in der gesamten Region und sogar in der Welt oft schwerfällt. Auf die Frage „Wie könnt ihr noch hoffen?“ lautete die Antwort aus Gaza: „Wie könnt ihr es nicht? Wir können es uns nicht leisten, die Hoffnung aufzugeben, wenn wir weiterleben wollen. Hört deshalb bitte nicht auf, über Gaza zu sprechen. Findet die Kraft, weiterzumachen.“ Das klingt ganz einfach, nicht wahr? Das klingt auch unendlich schwierig, nicht wahr?
Das Jahr 2025 hatte so viele Tiefpunkte, wenn man nach Palästina schaut. Und doch verschwimmen die Gräueltaten des zweiten Jahres des Genozids seltsam mit denen des ersten. War die Kriegsführung 2024 wirklich brutaler oder hat es nur so gewirkt, weil das Schockmoment im ersten Jahr nach jeder Grausamkeit noch tiefer ging? Ist Brutalität objektiv messbar? Liegt die unterschiedliche Wahrnehmung der beiden Jahre vielleicht auch an den zweimaligen „Waffenruhen“ 2025, erst zwischen Mitte Januar und Mitte März, und schließlich seit Oktober?
Waffenruhe hier, Operation „Eiserne Mauer“ dort
Wer genau hinsah, konnte eher kurz aufatmen als echte Hoffnung schöpfen. Zwar ließ die israelische Regierung als Teil jener ersten Waffenruhe im vergangenen Jahr tatsächlich wie vereinbart mehr Hilfslieferungen nach Gaza, und sie erlaubte in den zwei Monaten der Waffenruhe auch mehr Patient:innen die Ausreise zwecks medizinischer Behandlungen als in jedem vergleichbar kurzen Zeitraum davor und danach seit Oktober 2023 – und zwar einschließlich der nach wie vor geltenden Waffenruhe seit Oktober 2025. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die israelische Armee nur zwei Tage nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Gazastreifen am 21. Januar 2025 im Westjordanland die Operation „Eiserne Mauer“ begann. Der Name war kein Zufall: „Die eiserne Mauer“ ist auch der Titel eines Klassikers von 1923 aus der Feder des revisionistischen Zionisten Ze’ev Jabotinsky, der offen für die vollständige Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus Palästina eintrat.
Im Rahmen der Operation und vorheriger Militäraktionen wurden seit Oktober 2023 bis zu 40.000 Menschen vor allem aus drei Flüchtlingslagern vertrieben: zwei in Tulkarem und eines in Jenin. Hunderte Häuser wurden systematisch zerstört, entweder von Militärbulldozern abgerissen oder gesprengt. Die D9-Bulldozer machten auch Teile der Infrastruktur der Camps unbrauchbar, indem sie die Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsnetze zerstörten und Straßen aufrissen. In Jenin zerstörte die Armee bereits Ende Oktober 2023 das Monument Al-Hissan, eine Skulptur in Form eines Pferdes, die aus Wrackteilen von Fahrzeugen und Trümmerteilen von Häusern noch während der zweiten Intifada als Zeichen der Widerständigkeit und Standhaftigkeit des Camps errichtet worden war (übrigens von einem deutschen Künstler, Thomas Kilpper, in Zusammenarbeit mit zwölf Teenagern aus dem Camp). Zwei Tage zuvor hatte die Armee auch schon das Denkmal für die 2022 von einem israelischen Scharfschützen in Jenin ermordete palästinensische Journalistin Shireen Abu Akleh zerstört. Auch die Einfahrt zum Camp durch den „Torbogen der Rückkehr“ fiel der Zerstörungswut der Armee zum Opfer.
Im selben Zeitraum sind in den rein von Israel kontrollierten C-Gebieten, die rund 60 Prozent des besetzten Westjordanlandes ausmachen, seit Oktober 2023 bis auf den heutigen Tag 58 Communities aus ihren Dörfern und Weilern gewaltsam vertrieben worden. In 17 weiteren haben sich Bewohner:innen bereits zum Teil der ständigen Gewalt durch Siedler und die israelische Armee gebeugt. In der Regel sind es sehr kleine Gemeinschaften gewesen, die von Schafzucht oder von Lohnarbeit lebten und seit vielen Jahren regelmäßig Überfällen durch Siedler ausgesetzt waren. Ein beträchtlicher Anteil der betroffenen Bevölkerung besteht aus Kindern. Wenn sich solche Angriffe immer häufiger ereignen und dabei immer noch brutaler und tödlicher werden, steht man als Eltern irgendwann vor der Wahl, die Existenz aufzugeben oder durch Flucht ein sichereres Umfeld zu suchen. Unter Besatzung lernen Kinder schnell und schmerzhaft, dass ihre Eltern sie nicht schützen können.
Mit 1.828 Gewaltdelikten gegen Palästinenser:innen alleine im Westjordanland im Jahr 2025 setzte sich ein seit Jahren anhaltender Trend fort. 1.828 Gewaltdelikte auf einer Fläche, die einem Drittel des Bundeslandes Thüringen entspricht, sind auch ein alarmierender Rekord. Im gesamten Bundesgebiet hat es im selben Zeitraum 1.521 rechtsradikale Gewalttaten gegeben. Und bei dem Vergleich ist über die riesigen zahlenmäßigen Unterschiede in der Größe der Opfergruppen und des Pools möglicher Täter:innen noch gar nichts gesagt. Nebenbei bemerkt, sprechen wir in den besetzten Gebieten auch von Verbrechen, die in aller Regel weitaus schwerer sind als die in Deutschland verzeichneten: Mord und Totschlag, schwere Körperverletzung, Raub. Darunter fallen über tausend getötete bzw. ermordete Palästinenser:innen seit dem 7. Oktober 2023, wovon mindestens 29 Fälle auf das Konto von Siedlern gehen.
Dieses Geschehen entfaltete sich, während in Gaza die kurze und brüchige Waffenruhe vorzeitig zu einem Ende kam. De facto ließ die israelische Regierung schon ab Anfang März keine Hilfslieferungen mehr in die Enklave. Ab dem 19. März kündigte sie unilateral die Waffenruhe auf und begann wieder damit, Gaza zu bombardieren und systematisch Wohnhäuser abzureißen. Die eskalierende Aushungerungspolitik über die Sommermonate des Jahres 2025 markierte dabei in der genozidalen Kriegsführung einen neuen Tiefpunkt. Die Bevölkerung Gazas, die zu diesem Zeitpunkt bereits nahezu zwei Jahre der völkerrechtswidrigen Massenvertreibung und -obdachlosigkeit sowie die Vorenthaltung von humanitärer Hilfe hinter sich hatte, war bereits ausgezehrt, als diese drakonischen Maßnahmen die Verknappung überlebensnotwendiger Güter weiter verschärften.
Zwischen alledem waren notgedrungen unsere Partner:innen in Gaza und im Westjordanland aktiv. Zwischen dem Jordan und der Grünen Linie versorgten sie Teile der vieltausendfach vertriebenen Bevölkerung der Flüchtlingslager in Jenin und Tulkarem und bedürftige Stadtbevölkerung, die infolge der nach dem 7. Oktober 2023 flächendeckend entzogenen Arbeitsgenehmigungen für Israel und die völkerrechtswidrigen Siedlungen von heute auf morgen in großer Zahl in die Arbeitslosigkeit und Armut abgeglitten war. Sie versuchten, Grund und Boden durch landwirtschaftliche Kooperativen vor der gewaltsamen Übernahme durch Siedler:innen zu verteidigen, während sie die dort erzeugten Produkte zur praktischen Solidarität mit ihren Landsleuten benutzten. Sie halfen bei Reparaturen von durch die israelische Armee beschädigten Wohnhäusern.
Trotz allem: Nothilfe, mobile Kliniken, psychosoziale Angebote, Schulunterricht und vieles mehr
In Gaza beschulten sie trotz aller Zerstörungen Tausende Kinder in behelfsmäßigen Großzelten. Auch dieses Projekt war vor Angriffen nicht sicher und wurde im Frühsommer vorübergehend zerstört. Zwei Kollegen der Mayasem Association wurden bei dem Ver- such, nach einem israelischen Bombardement Brauchbares zu bergen, erschossen. Die Culture and Free Thought Association stellt dezentral an mobilen Punkten medizinische und psychologische Betreuung mit einem Fokus auf Frauen, Kinder und Jugendliche bereit. Besonders ein medizinischer Anlaufpunkt der Organisation in Al-Rimal bot zahlreichen Frauen in Gaza-Stadt einen Zugang zu solchen essenziellen Diensten, die ansonsten für sie nur schwer oder unter noch größerer Gefahr erreichbar gewesen wären.
Seit 10. Oktober 2025 herrscht im Gazastreifen angeblich eine Waffenruhe. Allerdings wurden die Bedingungen von Anfang an verletzt. Dies hält bei vollständiger Straffreiheit für die israelische Regierung bis heute an. Viele Hunderte Menschen sind in Gaza seit Oktober 2025 von den israelischen Streitkräften getötet worden. Nicht anders sieht es in Libanon aus. Für Gaza bleibt die humanitäre Hilfe, entgegen der Absprache für die erste Phase des Trump-Netanjahu-Plans, drastisch eingeschränkt. Häuser hat die israelische Armee systematisch zerstört, um die Rückkehr ihrer palästinensischen Bewohner:innen zu verhindern. Dieselbe Dynamik sehen wir im Süden Libanons. Das ist nicht nur unsere Analyse; die Referenz zur Nakba, der massenhaften Vertreibung während der Staatsgründung Israels, ziehen auch israelische Politiker:innen. Insofern bewahrheitet sich leider, was wir oft konstatiert haben: Nichts im Instrumentenkasten dieser Unterdrückung ist neu. Die Instrumente werden nur zu unterschiedlicher Zeit unterschiedlich intensiv angewandt. Was aber ebenso gilt, sowohl für unsere Partner:innen als auch für uns: Wenn das Projekt der Landnahme und Vertreibung einen langen Atem hat, haben wir ihn erst recht. Umso mehr, wenn Menschen aus Gaza noch die Kraft finden, uns hier in Deutschland Mut zuzusprechen. Sie können es sich dort nicht leisten, keine Hoffnung zu haben. Und wir können es auch nicht.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Jahresbericht 2025.






