Shireen Abu Aqleh

Das Foto, das die Welt erschütterte

Die Gewalt israelischer Sicherheitskräfte beim Trauerzug für die getötete Al Jazeera-Reporterin ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Von Chris Whitman

Shireen Abu Aqleh war über 20 Jahre lang die palästinensische Reporterin vor Ort und leitende Journalistin für Al-Jazeera TV. Sie war innerhalb der gesamten palästinensischen Bevölkerung als furchtlose Reporterin dafür bekannt, immer die erste zu sein, um von jedem Brennpunkt zu berichten und so die palästinensische Botschaft mit in die Welt zu tragen. Viele Menschen assoziieren große Geschehnisse mit Shireen und sind damit aufgewachsen, sie im Fernsehen zu sehen oder ihr persönlich zu begegnen.

Am Freitag versuchten Palästinenser:innen in Jerusalem, einen Trauerzug für die überaus beliebte und weithin bekannte Shireen Abu Aqleh zu veranstalten. Sie war zwei Tage zuvor durch einen Schuss getötet worden, der sie zwischen ihrer Schutzweste mit der gut sichtbaren Aufschrift „PRESSE“ und ihrem ebenso markierten Helm in den Kopf traf. Obwohl der Staat Israel die Verantwortung von sich weist und sich in allen Punkten entlastet, ist es selbst für die Armee und jede:n Palästinenser:in weitgehend klar, dass Israel eine:n weitere:n palästinensische:n Journalist:in getötet hat. Je nachdem, wessen Zahlen man bevorzugt, sind damit seit dem Jahr 2000 mindestens 45 palästinensische Journalist:innen von israelischen Streitkräften getötet worden.

Shireen war bei allen Palästinenser:innen beliebt und bekannt. Deshalb wurden nach der Bekanntgabe ihres Todes im gesamten Westjordanland Prozessionen zu ihrem Gedenken veranstaltet. Sie wurde durch die Straßen von Dschenin getragen, wo sie im Jahr 2002 durch ihre Berichterstattung über das israelische Vorgehen in dem dortigen Flüchtlingslager bekannt wurde. Auf dem Weg nach Ramallah hielten in Nablus und zahlreichen Dörfern Menschenmengen den Krankenwagen mit ihrem Leichnam an, um sie zu ehren und ihr ein letztes Mal Respekt zu zollen. Anschließend wurde sie durch die Straßen von Ramallah getragen, wo sie regelmäßig über Schießereien und Angriffe von Siedler:innen auf Palästinenser:innen berichtete. Zuletzt sollte sie durch ihre Heimatstadt Jerusalem getragen werden, wo sie stets präsent war, um über die neuesten Bemühungen der Stadtverwaltung und Regierung zu berichten, eine jüdische Mehrheit in ihrer Geburtsstadt auszubauen und die jüdische Besiedlung in als strategisch relevant markierten mehrheitlich palästinensischen Teilen der Stadt voranzubringen. Es dürfte erst das vierte Mal in der bekannten palästinensischen Geschichte sein, dass alle Kirchen der Jerusalemer Altstadt ihre Glocken gemeinsam läuteten, um jemanden zu ehren.

Zwei Tage vor der geplanten Prozession in Jerusalem waren israelische Streitkräfte bereits in das Haus der Familie von Shireen Abu Aqleh eingedrungen und hatten zur Einschüchterung ihren Bruder festgenommen und ihn gewarnt, dass bei ihrem Trauerzug weder palästinensische Flaggen noch Slogans skandiert werden dürften – obwohl die palästinensische Flagge nach israelischem Recht, das der Staat auf den völkerrechtswidrig annektierten Teil der Stadt anwendet, gar nicht verboten ist. Am Freitag aber wollten sich die Palästinenser:innen Jerusalems dem israelischen Diktat nicht beugen und stattdessen ihre Heldin mit einer großen Prozession ehren. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, doch schätzt man, dass sich mehrere zehntausend Palästinenser:innen in Jerusalem versammelten, um Shireen auf ihrem letzten Weg das Geleit zu geben.

Wie es bei palästinensischen Trauerzügen üblich ist, wollten die Trauernden den Sarg durch die Straßen zu ihrer letzten Ruhestätte tragen. Als die Träger mit dem in eine palästinensische Flagge gehüllten Sarg das Krankenhaus verlassen wollten, griffen israelische Streitkräfte die Menge und insbesondere die Sargträger mit Schlagstöcken und Tränengas an. Sie schlugen zahlreiche Palästinenser:innen in der Absicht, ihre Widerständigkeit zu brechen. Aufgrund der Schläge drohte der Sarg den Trauernden einige Male aus den Händen zu fallen, aber jedes Mal sprang jemand aus der Menge ein, um ihnen zu helfen, und brachte sich dadurch selbst in größere Gefahr, Prügel zu beziehen. Allerdings waren dieses Mal viele in- und ausländische Medien anwesend und fotografierten und dokumentierten das, was für Palästinenser:innen routinemäßige Gewalt bei Beerdigungen ist.

Für Leute, die das Geschehen in diesem Teil der Welt täglich verfolgen, waren die Bilder, die bei der Prozession am Freitag entstanden, weder schockierend noch neu.

Während sich Politiker:innen und Expert:innen im Westen schockiert und bestürzt über die mutwillige Gewalt äußerten, wussten die Palästinenser:innen, was passieren würde, da vieles davon Routine ist. Palästinensische Beerdigungen, insbesondere von Menschen, die durch israelische Staatsgewalt getötet wurden, werden häufig mit Gummigeschossen, Tränengas und Schlagstöcken angegriffen. Der wesentliche Unterschied bestand darin, dass dieses Mal westliche Medien anwesend waren, um darüber zu berichten. Palästinenser:innen wird so oft die Handlungsfähigkeit genommen, ihre Botschaft an die Welt so oft im besten Fall verzerrt und im schlimmsten Fall ignoriert, dass westliche Politiker:innen und Staatsoberhäupter sich schockiert über die Gewalt zeigen, die so routinemäßig ist und zum israelischen Staatssystem gehört. Die Bilder erinnern an repressive Machtausübungen aus kolonialen Kontexten, wie beispielsweise Beerdigungen für irische Freiheitskämpfer:innen und Schwarze Südafrikaner:innen unter dem Apartheidregime, wo die Kolonialmacht selbst im Tod versuchte zu diktieren, wie die Trauernden trauern und den kollektiv empfundenen Verlust für ihre Gemeinschaft ausdrücken.

Die israelische Führung mag hoffen, dass sich auch diesmal die kollektive Aufmerksamkeit der westlichen Medien als kurzlebig erweist und diese Geschichte zu einer weiteren Fußnote ihres Kontrollregimes über Millionen Palästinenser:innen wird. Sie weiß, dass sie eine Verzögerungstaktik nach der anderen anwenden kann, wenn es um Shireens Tod und die damit verbundene Haftbarkeit geht. Die Verantwortlichen im israelischen Staat wissen, dass, wenn sie sich Fantasiegeschichten ausdenken (zum Beispiel dass militante Palästinenser:innen Kugeln besitzen, die Wände durchschlagen und um Gebäude herumkurven können) oder behaupten, gemeinsame Ermittlungen durchführen zu wollen (was Israel zahlreiche Male benutzt hat, um sich selbst zu entlasten und Beweise zu verfälschen oder zu ignorieren, eine Position, die sogar viele israelische Regierungsbeamte ausdrücklich zitiert haben), dann wird sich irgendwo auf der Welt eine weitere Katastrophe ereignen, die Journalist:innen, Ermittler:innen und westliche Politiker:innen Shireen und was sie repräsentiert vergessen lässt. Für Palästinenser:innen aber ist Shireen Abu Aqleh nicht nur ein bekannter Name und eine Heldin, die seit über 20 Jahren über die israelische Staatsgewalt berichtete, sondern sie ist die Verkörperung des Kampfes gegen die Unterdrückung, selbst bei ihrer eigenen Beerdigung.

Übersetzung: Rebecca Renz

Veröffentlicht am 17. Mai 2022

Autor Chris Whitman

Chris Whitman ist medico-Büroleiter Israel und Palästina.


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