Libanon

Trügerischer Waffenstillstand

27.04.2026   Lesezeit: 4 min

Trotz Waffenruhe gehen die israelischen Angriffe im Südlibanon weiter. Die Sorge vor einem Bürgerkrieg wächst.

Von Imad Mustafa

„Wir sind Menschen!“ Dieser Satz fällt in den Gesprächen, die wir vor zwei Wochen im Libanon geführt haben, immer wieder, wenn die Menschen über die schweren Bombardierungen des „Schwarzen Mittwoch“ vom 8. April sprechen. Ohne Vorwarnung wurden im ganzen Land fast 400 Menschen getötet und 1200 verletzt, darunter sehr viele Zivilist:innen. Getroffen wurden auch viele bislang von den israelischen Bomben verschonte Viertel der Hauptstadt Beirut. 

Für die Menschen im Libanon bedeutet das, jetzt kann es jede:n treffen, überall. Die allgegenwärtigen Drohnen über ihren Köpfen sorgen dafür, dass dies niemand vergisst – tags wie nachts. Ihr zermürbendes Brummen bohrt sich in die Köpfe der Menschen, nistet sich ein und bricht sich als Wut Bahn, weil sie seit zweieinhalb Jahren in einem permanenten Kriegszustand leben. Dass der Waffenstillstand zwischen den USA und Israel sowie Iran zunächst nicht auch den Libanon umfasste, hat viele fassungslos zurückgelassen. 

Erst viele Tote und Verletzte später, am 16. April, kam die lang ersehnte Waffenruhe doch noch. Für zehn Tage, die am 24. April um weitere drei Wochen verlängert wurde. Für das chronisch unterversorgte Gesundheitssystem des Libanon kam sie gerade noch rechtzeitig. Die Kolleg:innen der medico-Partnerorganisation Amel, die im ganzen Land Gesundheitszentren und mobile Kliniken unterhält, berichteten uns in Gesprächen, wie ihre Mitarbeiter:innen rund um die Uhr in den zu Notunterkünften umfunktionierten Schulen arbeiten. Dabei sind viele von ihnen selbst Vertriebene im eigenen Land, nachdem die Gesundheitszentren im Süden Beiruts und im Südlibanon auf Grund der Zwangsvertreibungsanordnungen der israelischen Armee geschlossen werden mussten. Viele Mitarbeiter:innen von Amel sind am Rande der Erschöpfung, weil sie neben der belastenden Arbeit auch ihr eigenes Leben reorganisieren, eine neue Bleibe für sich und ihre Angehörigen finden und ihre Kinder beschulen müssen. 

Inzwischen ist klar, was viele Menschen befürchtet hatten: Die Waffenruhe wird im Südlibanon nicht eingehalten. Wie in Gaza hat Israel mit einer gelben Linie eine Besatzungszone demarkiert, in der 55 Gemeinden liegen. Dort gehen die Angriffe unvermindert weiter, ganze Dörfer und Städte wie Bint Jbeil oder Kfar Kila werden systematisch zerstört. Die Menschen können nicht zurück. Für wie lange, weiß auch Zafer al-Khatib von unserer palästinensischen Partnerorganisation Nashet aus dem Geflüchtetenlager Ein el-Hilweh bei Saida nicht zu beantworten.

Die freiwilligen Helfer:innen der Organisation engagieren sich selbst seit Wochen, helfen wo es geht, verteilen Matratzen und Essen und organisieren Spiele für die Kinder der Vertriebenen. Die 19-jährige Nidal Abdelsalam, Mitglied der Jugendorganisation von Nashet, koordiniert seit Anfang März die Verteilung von Hilfsgütern, schreibt Einsatzpläne und spricht zu uns mit großer Selbstverständlichkeit über ihren unermüdlichen Einsatz: „Für mich war sofort klar, dass ich etwas tun muss. Ich konnte nicht einfach zuschauen und die Leute im Stich lassen.“ 

Bei unserem Gespräch stehen wir im Sozialzentrum, das Nashet in Ein-el Hilweh betreibt. Wir haben uns ein etwas ruhigeres Zimmer für unser Gespräch gesucht, um dem Gewusel und lauten Stimmengewirr während der Ausgabe von Hilfsgütern für ein paar Minuten zu entfliehen. Angesprochen auf die Gefahren sagt sie achselzuckend: „Sicherheit gibt es hier für niemanden. Der Tod wartet an jeder Ecke.“ Diese Angst lässt die Studentin der Sozialen Arbeit und psychosozialen Versorgung aber nicht an sich heran. Sonst könne sie nicht helfen, sagt sie. 

Es ist ein deprimierendes Muster, das in unseren Gesprächen immer wieder auftaucht: Die Menschen scheinen sich an den Krieg gewöhnt zu haben, passen ihr Verhalten intuitiv daran an, verdrängen die Angst so gut es geht – oder flüchten sich in beißenden Zynismus über den Staatspräsidenten, einen ehemaligen General, der die Armee aus dem Südlibanon vor den einrückenden israelischen Truppen in Sicherheit gebracht hat. Er telefoniere lieber mit Israel, als das eigene Territorium zu verteidigen, sagen sie. 

Doch auch die Hisbollah bekommt ihr Fett weg. Deutlich offener als noch in den vergangenen Jahren wird sie für den Kriegseintritt an der Seite Irans kritisiert. Dafür, dass das Land zum zweiten Mal in zwei Jahren in einen verheerenden Krieg gezogen wird, der militärisch nicht zu gewinnen ist und im Libanon nur Schmerz und Leid hervorbringt. 

Zu spüren bekommen das vor allem die Schiit:innen, ob sie Anhänger der Hisbollah sind oder nicht. Die Xenophobie trifft damit die ärmsten Teile der von starken Klassengegensätzen durchzogenen libanesischen Gesellschaft. Solidarität schwindet, Spannungen und Gewalt nehmen zu. Schiit:innen sind häufig gezwungen, im Auto oder in Zelten zu übernachten, denn in Auffangzentren werden sie nicht aufgenommen. Das Wort vom Bürgerkrieg wird von vielen Menschen in Beirut und anderen Landesteilen nur widerwillig in den Mund genommen – zu schmerzhaft ist das Trauma. Zwischen 1975 und 1990 wurden über 100.000 Menschen getötet, im allgemeinen Sprachgebrauch wird euphemistisch nur von „den Ereignissen“ gesprochen. 

Doch die Menschen im Libanon sind keine Träumer: Mit jedem Tag des Krieges, mit jedem Dorf das im Süden zerstört wird, wird es schwieriger, die innergesellschaftlichen Brüche zu kitten und die Entfremdung, die sich in die sozialen Beziehungen einschreibt, zu überbrücken. Das Wort vom Bürgerkrieg mag tabu sein, doch begegnet es einem viel zu oft in diesen Tagen, um es noch als abwegiges Szenario abtun zu können. 

Imad Mustafa (Foto:medico)

Imad Mustafa ist Referent für Menschenrechte bei medico. Außerdem ist der Politologe und Islamwissenschaftler für die Öffentlichkeitsarbeit zu Afghanistan sowie Nordafrika und Westasien zuständig.

Twitter: @imadmustafa_


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