Libanon

Bedrohte Hilfe

11.03.2026   Lesezeit: 4 min

Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, Notunterkünfte überfüllt. Gesellschaftliche Spannungen wachsen. Dr. Zeina Mohanna von der medico-Partnerorganisation Amel Association International über ihre Nothilfe.

medico: Wie ist die Situation im Libanon, insbesondere im Süden und in den südlichen Stadtteilen Beiruts?

Amel: Mit einem Wort: katastrophal. Innerhalb von 72 Stunden wurden 53 Dörfer und Gemeinden im Süden durch israelische Anordnungen zwangsvertrieben. Südlich der Stadt Saida ist das Land quasi menschenleer. Etwa 670.000 Menschen im ganzen Land mussten ihr Heim verlassen, aber nur mehr als 120.000 Menschen fanden in Notunterkünften Zuflucht. Weil Beirut nicht mehr sicher ist bzw. nicht alle Flüchtenden aufnehmen kann, fliehen Menschen zunehmend in den Norden des Landes.

Viele Menschen sind auf sich gestellt, weniger als zehn Prozent des gegenwärtigen Bedarfs an humanitärer Hilfe sind gedeckt. Wenn nicht mehr Hilfe ins Land kommt, wird sich das in katastrophaler Weise auf die öffentliche Gesundheit auswirken: Es droht die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Hinzu kommt die noch kühle Witterung: Menschen mit chronischen Krankheiten oder Kinder, Ältere, Menschen mit einer Behinderung und Schwangere sind besonders gefährdet.

Wie reagiert der Staat auf die humanitäre Krise?

Obwohl der Libanon seit sieben Jahren unter einer anhaltenden ökonomischen und politischen Krise leidet und die Ressourcen sehr knapp sind, ist die Reaktion des Staates – auf einem sehr niedrigen Niveau – besser als während des Kriegs von 2024. Das Gesundheitsministerium bemüht sich zumindest, die Bedarfe der Zivilgesellschaft zu erfüllen. Aber es fehlt insbesondere an Matratzen, Medikamenten für chronisch Kranke, Essen in den Notunterkünften und Hygieneartikeln.

Wie steht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Es gibt Berichte über Bürgerwehren und Diskriminierungen gegen Menschen aus dem Süden.

Leider ist das wahr. Im Gegensatz zu früheren Konflikten gibt es zwischen den Communities dieses Mal kaum Solidarität. Im Gegenteil: die Spannungen nehmen zu. Hetze gegen Schiit:innen aus dem Süden ist allgegenwärtig. Weil man ihnen pauschal unterstellt, der Hisbollah nahezustehen und aus Angst, dass sie deshalb Ziel israelischer Angriffe werden könnten, haben sie Schwierigkeiten, Wohnungen zu mieten.

Wie ist die Reaktion von UN-Institutionen? Gibt es Hilfslieferungen?

Die meisten UN-Institutionen haben ihre Warenhäuser in Dubai. Die WHO kann keine humanitäre Hilfe leisten, weil alle Flüge aufgrund des Kriegsgeschehens in und um Iran gestrichen wurden. Dies wirkt sich natürlich auch auf unsere Fähigkeiten als Gesundheitsorganisation aus, Hilfe zu leisten.

Während des Krieges zwischen Israel und dem Libanon 2024 kamen die Krankenhäuser schnell an ihre Belastungsgrenzen – wie ist es heute?

Das Gesundheitsministerium hat erklärt, dass alle Vertriebenen und Geflüchteten versorgt werden. Allerdings ist der Umfang der Hilfe gering, das System ohnehin nicht gut ausgestattet. Aufgrund unserer Erfahrung von 2024 sind wir zwar besser vorbereitet auf diese Krise, aber die schlechte Versorgungslage setzt dem natürliche Grenzen.

Amel operiert hauptsächlich im Süden des Landes, in der Bekaa-Ebene und in der Dahiye, den südlichen Stadtteilen von Beirut. Was könnt ihr überhaupt tun, um den Menschen zu helfen?

Der Krieg wirkt sich vor allem auf unsere Gesundheitszentren im Süden und in Beirut aus. Wir versuchen trotz der Gefahrenlage, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten, die Zentren nicht zu aufzugeben. So haben wir es auch in der Vergangenheit immer gehandhabt.

Dieses Mal ist die Sache aber etwas anders: Wir bekommen direkte Drohungen von der israelischen Armee, unsere Zentren zu evakuieren – ein klarer Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Um unsere Mitarbeiter:innen nicht zu gefährden, haben wir einige Gesundheitszentren im Süden geräumt, andere arbeiten weiter. Die Situation ist sehr schwierig.

Mit unseren mobilen Kliniken sind wir da unterwegs, wo sich die intern Vertriebenen sammeln: In Saida, Tyre, Beirut, Mount Lebanon – aber auch im Norden des Landes. Wir verteilen Medikamente und Hygieneartikel, leisten Basisgesundheitsversorgung – auch für Migrant:innen oder syrische Geflüchtete.

Zugleich läuft ein Programm für psychosoziale Unterstützung für Kinder an: Damit wollen wir Familien entlasten und Spannungen in den Notunterkünften abbauen. Wir adressieren Traumata und Gender Based Violence, da die Erfahrung zeigt, dass solche Formen psychischer, sozialer und körperlicher Belastungen bzw. Gefährdungen in Fluchtkontexten stark zunehmen.

Das Interview führte Imad Mustafa.

Die Gesundheitsorganisation Amel betreibt insbesondere im Süden des Libanon Gesundheitszentren und mobile Kliniken. Seit über 40 Jahren werden sie dabei von medico unterstützt. Die Hilfe von Amel für die Menschen auf der Flucht vor den israelischen Angriffen können Sie mit einer Spende unterstützen.


Jetzt spenden!