Am 2. März 2026 wurde Yanar Mohammed, eine der bekanntesten feministischen Stimmen des Iraks und Mitgründerin der Organization of Women’s Freedom in Iraq (OWFI), vor ihrem Haus in Bagdad von bewaffneten Männern erschossen. OFWI ist eine der wichtigsten Strukturen für Frauenrechte, Schutzräume und politische Bildung im Irak. Der Mord ist kein Zufall, sondern steht in Zusammenhang damit, wie sich die regionale Eskalation in lokale Dynamiken im Irak übersetzt. Bereits nach der Tishrin-Intifada von 2019, breite Proteste gegen das politische System, etablierte sich ein gewalttätiges Muster gegen Aktivist:innen – Einschüchterungen, Entführungen und politische Morde. Der Staat verweist häufig auf eine nebulöse „dritte Seite“ – ein implizites Eingeständnis, dass bewaffnete Milizen vielfach außerhalb staatlicher Kontrolle agieren.
Aber der Krieg zwischen den USA und Israel sowie Iran bedeutet im irakischen Kontext nicht einfach eine Intensivierung bestehender gesellschaftlicher Konflikte. Vielmehr gerät das fragile Gleichgewicht ins Wanken, auf dem das politische System seit 2003 beruht: ein Arrangement konkurrierender Machtzentren zwischen den USA, Iran, bewaffneten Fraktionen und staatlichen Institutionen, das trotz permanenter Spannungen eine gewisse Stabilität erzeugte. Mit der militärischen Schwächung Irans, wachsendem Druck von außen und einer zunehmenden Fragmentierung bewaffneter Akteure wird zunehmend unklar, wer künftig im Irak die politische und militärische Kontrolle ausüben wird.
Ende des Gleichgewichts
Im Zentrum des politischen Systems des Irak steht das sogenannte Muhassasa-System. Ministerien, Ressourcen, Posten und Einflusszonen werden entlang politischer, konfessioneller und parteilicher Linien vergeben, Konflikte werden nicht überwunden, sondern verwaltet. Deshalb konnte sich das System trotz Kriegen, Aufständen und ökonomischen Krisen reproduzieren. Weder die Protestbewegungen seit 2011 noch der Krieg gegen ISIS/Da´esh in den Jahren 2015 und 2016 führten zu einem grundlegenden Bruch.
Doch dies ändert sich gerade. Das Gleichgewicht konkurrierender politischer Machtzentren, die nebeneinander existieren, beginnt zu zerfallen. Die zunehmende regionale Eskalation, Angriffe auf irakische Strukturen mit Verbindungen zu Iran und wachsender Druck aus Washington verschieben die Kräfteverhältnisse innerhalb des Systems. Insbesondere Teile der irannahen Volksmobilisierungseinheiten (al-Hashd al-Shaʿbi) geraten zunehmend unter Druck, während die USA ihren Einfluss auf politische Prozesse – wie etwa die Ernennung des Ministerpräsidenten – weiter ausbauen.
Die Schwächung Iran-loyaler Kräfte verschiebt die innerirakischen Machtverhältnisse zugunsten anderer Akteure – insbesondere jenen Kräften, die sich in den vergangenen Jahren als Gegenpol positioniert haben. Dabei rückt einmal mehr die Bewegung um Muqtada al-Sadr – ein einflussreicher schiitischer Geistlicher und Milizenführer, der sich als Oppositionsfigur und Teil des politischen Systems zugleich inszeniert – in den Vordergrund. Seine Bewegung positioniert sich rhetorisch gegen ausländischen Einfluss – insbesondere den iranischen – und versucht sich damit als Partnerin der USA zu positionieren. Doch zugleich war die Sadr-Miliz ebenso wie Iran-nahe Akteure an gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligt, hat oppositionelle Stimmen unterdrückt, konfessionell motivierte Morde begangen und versucht, sich als Vertreterin einer marginalisierten Bevölkerung zu inszenieren.
Die Bewegung verbindet soziale Verankerung in armean Stadtteilen mit der Fähigkeit, Proteste aufzunehmen, umzulenken und zu kontrollieren. Das bedeutet für viele progressive Akteur:innen vor Ort vor allem eines: Vorsicht. Solange unklar bleibt, wie sich das neue Kräfteverhältnis im Irak formiert, versuchen viele, ihre politische Sichtbarkeit zu reduzieren und loten ihre Handlungsspielräume vorsichtig neu aus.
Wer zahlt den Preis?
Der Irak kann einen großen Teil seiner Bevölkerung schon lange nicht mehr selbst versorgen und ist sowohl auf Lebensmittelimporte als auch auf importiertes Saatgut, Dünger und Pestizide angewiesen. Diese Abhängigkeit ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kriege, Sanktionen, neoliberaler Umstrukturierungen und der Zerstörung lokaler landwirtschaftlicher Strukturen nach 2003. Da die Wirtschaft strukturell vom Ölexport und dem Import vieler Güter des täglichen Lebens abhängig ist, offenbaren sich die Auswirkungen des Krieges um Iran auf zwei Ebenen. Viele Iraker:innen fühlen sich durch die aktuelle Situation an die schlimmsten Jahre der US-geführten Besatzung erinnert, als Autobomben und Straßenkämpfe zum Alltag gehörten. Angst ist weit verbreitet.
Doch der geopolitische Konflikt ist für viele Menschen im Irak längst zu einer Frage des Überlebens geworden, insbesondere für jene, die ohnehin unter prekären Bedingungen leben. Wegen der großen Abhängigkeit von iranischen Lebensmittel-, Gas- und Energieimporten kam es bereits seit Anfang des Jahres zu steigenden Strompreisen, Stromausfällen und Versorgungsengpässen. Die letzten Monate waren von stundenlangen Blackouts in Bagdad und den südlichen Provinzen geprägt. Viele Familien können sich teure Generatoren nicht leisten und somit in den Sommermonaten, in denen die Temperaturen oft über 50 Grad erreichen, die Klimaanlagen nicht nutzen.
Die Krise des irakischen Dinars verschärft dies zusätzlich: Während der offizielle Wechselkurs stabil gehalten wird, stieg der Dollarpreis auf dem Schwarzmarkt stark an, wodurch vor allem kleine Händler:innen und Menschen mit niedrigem Einkommen unter Druck geraten. Aufgrund des politischen Klientelsystems sind Millionen Menschen direkt oder indirekt von öffentlichen Gehältern, Renten oder staatlich finanzierten Beschäftigungsverhältnissen abhängig, während der Staat selbst kaum finanzielle Rücklagen besitzt. Die Sorge vor einer anhaltenden Ölkrise, weiterem Währungsverfall und regionaler Eskalation prägt daher zunehmend den Alltag und die gesellschaftliche Stimmung im Land. Viele Menschen fürchten sogar einen vollständigen Zahlungsausfall des Staates. Gleichzeitig verschärft sich der Druck auf die staatlichen Strukturen durch die Abhängigkeit von extern kontrollierten Finanzflüssen. Die Öl-Einnahmen laufen über US-Banken und diese können den Zugang zu irakischem Vermögen einfrieren, wie es zurzeit bereits praktiziert wird, um die Finanzflüsse an die irannahen Volksmobilisierungseinheiten einzuschränken. Jede politische Verschiebung kann so in eine ökonomische Krise übersetzt werden. Die Kosten des Konflikts tragen die ärmsten Teile der Bevölkerung.
In diesem Kontext wird auch verständlich, warum progressive und insbesondere feministische Akteur:innen, wie Yanar Mohammed, zur Zielscheibe werden. Sie greifen nicht nur einzelne politische Entscheidungen an, sondern stellen die soziale und moralische Ordnung insgesamt infrage: Geschlechterverhältnisse, religiöse Normen, autoritäre Strukturen innerhalb von Familie und Staat. Sie machen sich alle zum Feind. Der Irak ist eben nicht nur Terrain eines Machtkampfes konkurrierender Blöcke. Er ist auch geprägt vom Kampf um soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe und die Frage, welche Formen von Leben und Zusammenleben möglich sein sollen. Die progressiven Kräfte von unten, die sich der geopolitischen Machtlogik entziehen, streiten trotz Gewalt und Unsicherheit weiterhin für einen anderen Irak.
Die medico-Partnerinnen der feministischen Organisation Aman engagieren sich bereits seit Jahren in unterschiedlichen Bereichen für die soziale, politische und ökonomische Gleichstellung von Frauen im Irak. Partei- und konfessionsunabhängig fanden sie sich im September 2019 knapp 40 Frauen aus den unterschiedlichen Teilen des Iraks zusammen und gründeten die Organisation. Aman bedeutet auf Arabisch so viel wie „Sicherheit“ oder „sicher sein“.





