Syrien

Ein Land in Trümmern

15.04.2023   Lesezeit: 5 min

Die Massenflucht vor dem Krieg in Syrien: Aus einer anfänglich unbewaffneten Rebellion wurde ein blutiger Bürgerkrieg. Millionen Syrer sind auf der Flucht.

Im Zuge des Arabischen Frühlings hatte sich 2011 auch in Syrien eine zu Anfang friedliche Rebellion für Demokratie und Freiheit erhoben. Die Menschen forderten das Ende der seit vierzig Jahren andauernden autoritären Herrschaft einer Staatspartei, die das Land systematisch beherrschte, die Bevölkerung in Unmündigkeit gezwungen und eine Kultur der Angst etabliert hat. Die Herrschenden der Baath-Partei sahen der Erhebung jedoch nicht tatenlos zu und überzogen weite Teile des Landes mit brutaler Gewalt. Die anfänglich unbewaffnete Rebellion wurde in einen blutigen Krieg gezwungen. Ein Krieg, der mehr und mehr zu einem Stellvertreterkrieg wurde, in dem z.B. der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, aber auch Russland, die USA und die EU eigene Interessen verfolgen.

Jahrelang dominiert Gewalt und Gegengewalt den Alltag der Menschen im Land. Die Frontlinien verliefen durch ganze Städte, durch Regionen und verschiedenste Landesteile. Die Zivilbevölkerung ist zwischen den vielschichtigen Frontstellungen zerrieben worden. Über 600.000 Menschen sind bislang gestorben, Hunderttausende Wohnungen sind zerstört, ganze Landstriche sind verwüstet und noch immer sind vielerorts Menschen von lebenswichtigen Gütern abgeschnitten. In manchen oppositionellen Regionen verhinderte die syrische Armee gezielt die Versorgung mit Nahrungsmitteln. In den Gebieten unter Kontrolle radikalislamischer Milizen zerstörten diese durch ihre religiösen Gesetze die verbliebenen sozialen Bande der Gesellschaft. Aber auch die Menschen in den von der Regierung kontrollierten Städten und Regionen leiden. 80 Prozent der syrischen Bevölkerung lebt in bitterer Armut.

Im Herbst 2015 hat das Assad-Regime mit militärischer Unterstützung vor allem durch Russland weite Teile des Landes wieder unter seine Kontrolle gebracht. Eine Ausnahme bilden die kurdischen Gebiete in Syrien. Dort konnte sich in den letzten Jahren eine autonome Verwaltung etablieren, die versucht in Form einer kommunalen Demokratie unter Einbeziehung aller religiösen und ethnischen Bevölkerungsgruppen Ideen für die Möglichkeit eines künftigen föderalen Syriens umzusetzen. Zugleich gibt es in vielen Städten und Regionen, die von bewaffneten oppositionellen Gruppen kontrolliert werden, weiterhin zivilgesellschaftliche Gruppen, die versuchen Flüchtlingen zu helfen und das soziale Leben aufrecht zu erhalten.

Nach dem zwölfjährigen Krieg befindet sich noch immer fast die Hälfte aller Syrerinnen und Syrer auf der Flucht. Millionen sitzen in Containern, Zelten oder Notunterkünften, in Syrien selbst oder in den Nachbarländern Libanon, Türkei, Irak und Jordanien. Die Vereinten Nationen sprechen von einer der „schlimmsten humanitären Krisen seit Ende des Zweiten Weltkrieges“. Die Not macht auch vor den Flüchtlingslagern nicht halt. Denn zur fehlenden Aussicht auf Rückkehr kommt auch die chronische Unterversorgung durch das Welternährungsprogramm. All das hat dazu geführt, dass Hunderttausende Syrerinnen und Syrer sich auf den Weg nach Europa gemacht haben. Sie wollten dem Krieg, der Gewalt und dem Elend einer Flüchtlingslagerexistenz entkommen. Viele junge Männer sind geflohen, weil sie kein „Kanonenfutter“ in einem sinnlosen Krieg sein wollen. Und viele Familien haben versucht, ihren Kindern die Chance auf eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

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Die Mutter sagte: Geh!

Die junge Syrerin Shaza Alfayome floh aus dem umkämpften Damaskus und hofft, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können.

Zwischen Mainz-Bischofsheim und Damaskus liegen nicht nur knapp 3.000 Kilometer, sondern Welten: Hier die betuliche rheinlandpfälzische Kleinstadt, in der nach 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, dort die Millionenmetropole, die im Zentrum eines inzwischen siebenjährigen zerstörerischen Bürgerkrieges liegt und in der manche Viertel wegen Bombardements und blutiger Kämpfe ausgestorben sind. Binnen 17 Tagen ist die junge Shaza Alfayome im August 2015 von der einen Welt in die andere gewechselt. Sie hat ihr altes Leben in der syrischen Hauptstadt zurückgelassen und ein neues in Bischofsheim begonnen. Anfang Dezember sitzt die 17-Jährige in einer Mainzer Eisdiele und sagt: „Mein Leben ist jetzt hier.“

In Syrien besuchte Shaza in Damaskus eine Kunstschule. Doch sie wollte mehr als Häkeln und Nähen und plante, später Jura zu studieren. Das aber machte der Krieg unmöglich. Näher und näher rückte er an die Hauptstadt heran, Sorge und Angst wuchsen. Ein Jahr lang konnte Shaza die Schule nicht besuchen, die Zukunft war ungewiss und bedrohlich, nichts war mehr sicher und niemand konnte sagen, wann und ob überhaupt es das wieder werden würde. Irgendwann riet ihre Mutter ihr, sich auf den Weg zu machen. „Sie sagte, dass ich in Deutschland zur Schule gehen könne und später auch auf die Universität.“

Im Sommer 2015 verabschiedete Shaza sich von ihrer Mutter und brach gemeinsam mit ihrem Vater auf. Mit dem Bus in den Libanon, von dort mit einem Schiff in die Türkei und mit mehr als 100 Menschen in einem LKW an den Strand von Izmir. Mit einem Schlauchboot wollten sie auf eine griechische Insel übersetzen, doch das klappte nicht. Dank GPS-fähigen Handys konnte die Küstenwache kontaktiert werden, die sie auf dem Mittelmeer aufsammelte und nach Griechenland brachte. Shaza durchquerte weitere Länder, ließ sich von keiner Grenze aufhalten. Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, schließlich Deutschland. Die Reise quer über das europäische Festland beschreibt Shaza so: „Als wir auf der Flucht waren, ging alles fast wie von selbst. Wir haben gehandelt, ohne darüber nachzudenken. Die nächsten Schritte werden einfacher sein, haben wir immer gesagt.“

Nach ihrer Ankunft in Passau wurden Shaza und ihr Vater von der Polizei in die hessische Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen gebracht, in der sie zwei Monate bleiben mussten. Von hier aus kam sie nach Bischofsheim. Manchmal suchen ihre Augen nach den richtigen Worten. Doch wenn sie spricht, steckt eine auffallende Klarheit in ihnen: „Ich wünsche mir, dass Deutschland neben Syrien ein zweites Zuhause sein wird. Ich hoffe nur, dass mich die anderen so akzeptieren wie ich bin, als Muslimin mit Kopftuch. Ich bin vielleicht eine Fremde, aber ich bin vor allem ein Mensch.“ Auf ihrem grauen Pullover steht ein einfacher Satz: „Play with Fairness.“


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