Interview

"Wir hätten AIDS ausrotten können"

12.03.2026   Lesezeit: 8 min  
#globale gesundheit  #autoritarismus 

Welche Folgen hat die Streichung von HIV/AIDS-Programmen im südlichen Afrika? Gespräch mit dem Journalist Andrew Green.

Ein Jahr ist es her, dass US-Präsident Trump die weltweite Arbeit von USAID und PEPFAR zur globalen Bekämpfung von HIV/AIDS per Dekret beendete. Die US-amerikanische Regierung schuldet der WHO 260 Millionen US-Dollar und hat seine Entwicklungszusammenarbeit weitgehend eingestellt. Unmittelbar nach der Bekanntgabe flog Andrew Green nach Uganda, wo er zuvor gelebt und gearbeitet hatte, und begann mit der Berichterstattung über die Auswirkungen des Endes von USAID auf das Leben der Menschen. USAID-Gelder haben im südlichen Afrika einen großen Anteil der Gesundheitsprogramme finanziert. In Uganda war das in Dimensionen in der Höhe des jährlichen Budgets des nationalen Gesundheitsministeriums. Auf dem Blog "The Forsaken" dokumentiert Andrew Green seitdem die Folgen. Er ist freischaffender Journalist und lebt in Berlin.

medico: Was war deiner Meinung nach der Grund dafür, dass die Trump-Regierung die gesamte Entwicklungshilfe der USA gestrichen hat?

Andrew Green: Das hat alle ein wenig überrascht, denn in seiner ersten Amtszeit hatte Trump die US-Finanzierung für globale Gesundheit nicht wirklich angetastet. Insbesondere die Finanzierung für HIV war während seiner gesamten Amtszeit ziemlich konstant geblieben. Dann wurde Trump wiedergewählt, und Musk kam mit DOGE und begann, Kürzungen vorzunehmen. Bereits im Project 2025 war umrissen worden, dass man sich die Mittel für USAID vornehmen würde, um den US-Steuerzahler:innen Geld zu sparen. Das kam der Trump-Regierung zugute, insbesondere in der Anfangszeit, als sie sagen konnte: „Seht her, wir tun etwas, wir halten unsere Versprechen ein.“

Die globalen Auswirkungen waren gravierend. Impfprogramme wurden gestoppt, Gesundheitsarbeiter:innen standen ohne Gehalt da, medizinische Hilfslieferungen in Krisengebiete fielen aus. Zu den Folgen für die HIV/AIDS-Programme im südlichen Afrika hast du länger recherchiert und gearbeitet. Wie sind die Menschen mit den Kürzungen umgegangen?

Die Nachricht zur Aussetzung der Entwicklungshilfe ging an einem Freitag raus. Am Freitagnachmittag hatten die meisten Kliniken und Dienste bereits für das Wochenende geschlossen. Plötzlich erhielten die Klinikmitarbeiter am Wochenende Anrufe mit der Nachricht: „Sie können am Montag nicht wieder öffnen. Die Dienste werden für 90 Tage ausgesetzt.“ Die Nachricht verbreitete sich über lokale Radiosender, Zeitungen und soziale Medien, doch sie beruhte auf dem Missverständnis, dass die USA die gesamten HIV-Dienstleistungen bezahlen. Tatsächlich leisten die Regierungen selbst auch einen gewissen Beitrag. Dieser ist zwar minimal, aber er existiert. In Uganda konnte die Regierung so weiterhin HIV-Behandlungen in staatlichen Einrichtungen anbieten. Aber es entstand ein Vakuum an Fehlinformationen, das dazu führte, dass Menschen die Behandlungen nicht in Anspruch nahmen. Es herrschte totales Chaos, insbesondere in den ersten zwei Monaten. Die Leute dachten, sie würden jetzt sterben. Das war unglaublich destabilisierend, sowohl auf individueller Ebene als auch in Bezug auf das Vertrauen in die Programme.

Was geschah nach diesen ersten zwei Monaten?

In den folgenden Monaten wurden immer wieder Programme ohne Erklärung eingestellt. Dabei handelte es sich in erster Linie um gemeindebasierte Programme für Menschen, die Schwierigkeiten beim Zugang zu Medikamenten haben, entweder weil sie behindert sind, weil sie sehr weit von den Dienstleistungen entfernt wohnen oder weil sie marginalisiert sind. Sexarbeiter:innen, Männer, die Sex mit Männern haben, Transgender-Personen, Menschen, die Drogen injizieren.

Es gibt weiterhin Präventionsmaßnahmen speziell für HIV-positive Mütter, um eine Übertragung auf ihre Neugeborenen zu verhindern. Aber darüber hinaus gibt es keine zusätzlichen Präventionsdienste. Die Präexpositionsprophylaxe, eine täglich einzunehmende Tablette zur Vorbeugung, wurde eingestellt. Präventionsdienste sind aber viel kostengünstiger als die lebenslange Behandlung von Menschen. Es ist, als würde man zulassen, dass sich Menschen infizieren, um sie dann erst zu behandeln. Das ist einfach verrückt.

Gibt es eine Geschichte, die dir in deinen Recherchen im Gedächtnis geblieben ist?

Eine junge Mutter, Lydia Nibiria, die ich kennenlernte, litt regelmäßig unter Depressionen. Sie hatte einen Sohn, der HIV-positiv geboren wurde und andere Entwicklungsstörungen hatte. Sie verbrachte viel Zeit und Ressourcen damit, sich um ihn zu kümmern, ihn sowohl in Behandlung zu halten als auch ihm die erforderliche Unterstützung zukommen zu lassen. Gleichzeitig versuchte sie, im Straßenbistro ihrer Mutter zu helfen, um Geld für Nahrung und Kleidung zu verdienen. Das wurde ihr zu viel. Sie brach die Behandlung für eine gewisse Zeit ab.

Es sprang ein von den USA finanzierter Dienst ein und begann, sie zu Hause zu besuchen. Das war weit weg von der Klinik. Die Straßen sind wirklich schlecht, aber diese Pflegekraft kam fast täglich vorbei, um nach ihr zu sehen, sicherzustellen, dass sie ihre Medikamente nahm, sicherzustellen, dass ihr Sohn seine Medikamente nahm, und ihr Mut zu machen. Sie schaffte es aus der Depression, sah wieder eine Zukunft für sich und ihren Sohn.

Doch dann strich die Trump-Regierung dieses Programm. Von einem Tag auf den anderen kam niemand mehr zu Lydia und sie erhielt keine Erklärung. Die Depression kehrte zurück, sie holte ihre Medikamente nicht in der Klinik ab, es gab niemanden, der nach ihr sah, und sie brach die Behandlung ab. Das Virus kehrte sehr schnell zurück. Innerhalb weniger Wochen war sie tot. Solche Dinge passieren in Gemeinden in ganz Subsahara-Afrika. Vor allem in abgelegenen ländlichen Gemeinden.

Du sagst, dass es sich meist um ländliche Gemeinden oder Menschen am Rande der Gesellschaft handelt. Aber die Finanzierung durch USAID machte in vielen afrikanischen Ländern einen großen Teil des Gesundheitsbudgets aus. Wird die Abhängigkeit von Hilfe von der Zivilgesellschaft kritisiert?

Meiner Wahrnehmung nach herrscht unter Menschen, die mit HIV leben und keinen Zugang mehr zu Dienstleistungen haben, das Gefühl, dass sie als Gruppe politisch nicht stark genug sind, um etwas zu bewirken. Ich war während des Präsidentschaftswahlkampfs im vergangenen Sommer in Malawi und habe gefragt: „Es gibt diese Kürzungen bei den Finanzmitteln. Versuchen Sie, dies zu einem politischen Thema für die Präsidentschaftskandidaten zu machen?“ Aktivist:innen versuchten, die Parteien dazu zu bewegen, ihre Pläne für HIV und die allgemeine Gesundheitsfinanzierung darzulegen. Die Resonanz war allerdings überschaubar und es herrschte das Gefühl, dass die eigene Leidenssituation für Politiker:innen nicht wichtig genug war.

Vielmehr beeilten sich insbesondere afrikanische Staats- und Regierungschefs, die Kürzung der Mittel für ihre Gesundheitssysteme als Chance für eine echte Unabhängigkeit Afrikas im Gesundheitsbereich darzustellen. Ist eine eigenständige Finanzierung realistisch angesichts der Schuldenkrise, in der viele Länder stecken?

Einerseits ist es genau so, wie du es beschreibst. Es ist eine Erkenntnis, dass diese Systeme überdacht werden müssen, weil sie nicht so abhängig von den USA sein dürfen. Aber es ist auch etwas übertrieben, weil die Regierungen bereits dabei waren, diesen Übergang zu vollziehen. Die Biden-Regierung hat bereits Pläne aufgestellt, in denen sie die Regierungen auffordert, darüber zu sprechen, wie sie bis 2030 den Übergang zu einer eigenständigen Verantwortung für ihre HIV-Bekämpfung vollziehen wollen.

Allerdings hat die Streichung der Finanzmittel diesen Prozess in vielen Ländern beschleunigt. Die Reaktionen der Zivilgesellschaft darauf sind sehr gemischt. Außerdem wirft dies Frage auf, wie die HIV-Bekämpfung für Gruppen aussehen wird, die von ihrer eigenen Regierung benachteiligt oder kriminalisiert werden. Die Queer-Community in Uganda ist verboten und muss bei bestimmten Vergehen mit der Todesstrafe rechnen. Inwieweit wird die Regierung ihre Dienste für diese Menschen fortsetzen? Dazu muss man auch sagen, dass die Abdeckung mit Präventions- und Behandlungsprogrammen für HIV noch immer außergewöhnlich gut in Afrika ist, verglichen mit Tuberkulose oder Malaria, wo die Einschnitte gravierender sind. Dort müssen die Menschen unter bestimmten Umständen ihre Medikamente oder Tests selbst bezahlen.

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es bis 2030 aufgrund von Kürzungen der Entwicklungszusammenarbeit zu etwa 23 Millionen zusätzlichen Todesfällen kommen wird. Gleichzeitig sehen wir keine öffentliche Empörung, keine breitere Berichterstattung. Wie verstehst du das als Journalist?

Die weltweite HIV-Bekämpfung fand nicht hauptsächlich in den USA oder Europa statt, sondern in Afrika. Es herrscht die Annahme, dass das einfach nicht unser Problem ist. Als die Mittel gestrichen wurden, war den meisten nicht bewusst, wie viele Menschen so stark von diesen Programmen abhängig waren. Viele Menschen werden aufgrund dieser Mittelkürzungen sterben. Aber wir sind noch nicht wieder dort, wo wir vor 20 oder 30 Jahren waren, als Menschen wie Fliegen starben, weil sie Zugang zu Versorgung suchten, die es nicht gab. Es gibt immer noch eine Grundversorgung mit grundlegenden Dienstleistungen. Was ich mit meiner Berichterstattung vermitteln möchte, ist, dass es wirklich schreckliche Folgen gibt, wie den Tod von Lydia. Das ist unentschuldbar, und ihr Tod ist die direkte Schuld der Trump-Regierung. Wir hätten AIDS als Epidemie bis 2030 ausrotten können. Jetzt werden wir auf unbestimmte Zeit damit leben müssen.

Das Interview führte Felix Litschauer unter Mitarbeit von Albina Maxhuni.

medico unterstützt seit mehr als 50 Jahren weltweit Partnerorganisationen in der Basisgesundheitsversorgung. Ob Geflüchtete im Libanon, Näher:innen in Bangladesch oder ländliche Gemeinden in Kenia. Immer geht es darum, das Recht auf bestmögliche Gesundheitsversorgung für Alle ohne Einschränkung zu gewährleisten. Dabei arbeiten unsere Partner im Bewusstsein, dass gute medizinische Versorgung immer nur ein Baustein ist. Denn krankmachende Verhältnisse bedürfen politischer Veränderungen. Die Streichung globaler Gesundheitsprogramme zeigt: Auch das Recht auf Gesundheit muss erkämpft werden. Unterstützen Sie uns dabei mit einer Spende.


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