Der Ausbruch der nächsten Epidemie sei keine Frage des Ob, sondern des Wann. Fast inflationär machen die Gesundheitsexpert:innen dieser Tage auf der Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf Gebrauch von diesem Zitat aus den Post-Corona-Debatten. Die reiche Enklave am Genfer See ist nicht nur geografisch weit weg von den Arbeiter:innenslums im Umfeld der Minen in der kongolesischen Provinz Ituri und den Lagern von Goma, in die Hunderttausende vor den Kämpfen zwischen Regierungstruppen und M23-Milizen geflüchtet sind. Gleichzeitig dreht sich vieles auf der WHA um den jüngsten Ausbruch der seltenen Bundobugyo-Variante des Ebola-Virus.
Am 17. Mai erklärte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Absprache mit den betroffenen Staaten den Ausbruch zum internationalen Gesundheitsnotfall - ohne Konsultation mit dem dafür obligatorischen Beratungsgremium. Allein dies zeigt den Ernst der Lage. Auf Seiten von WHO und afrikanischer Gesundheitsbehörde African CDC ist man darum bemüht, wertvolle Zeit aufzuholen, die in den letzten vier bis acht Wochen verloren ging, als sich das Virus unbemerkt in der Grenzregion zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Uganda ausbreiten konnte.
Wie es soweit kommen konnte? Ein Faktor sind die vor Ort fehlenden Tests für die aktuelle Virus-Variante, die zwar weniger tödlich verläuft als die häufigere Zaire-Variante, mittlerweile aber dennoch für über 100 Todesfälle verantwortlich ist. Ausschlaggebender ist jedoch, dass Kongo unverhältnismäßig stark von den globalen Kürzungen humanitärer Programme und Entwicklungshilfe betroffen ist, vor allem von der Abwicklung der US-amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID. Mehr als 80 lokale Hilfsorganisationen in Kongo mussten infolgedessen schließen. In einer Region mit ohnehin unzureichender gesundheitlicher Infrastruktur, einer von Jahren des Krieges gezeichneten Bevölkerung und einer aufgrund von Bergbau und Flucht hohen Mobilität ist das fatal.
Es sind insbesondere humanitäre Helfer:innen und Gesundheitsarbeiter:innen in den vielen Primärgesundheitszentren der Dörfer und Gemeinden, die Ausbrüche erkennen und erste Maßnahmen der Infektionskontrolle einleiten können. In der Vergangenheit waren zudem die Infektiolog:innen der von US-Gesundheitsminister JFK Junior zusammengeschrumpften US-Gesundheitsbehörde CDC die Ersten, die Ebola-Ausbrüche nachweisen konnten. Die Kürzungen, übrigens auch vonseiten Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens, haben Kongo praktisch blind für Ebola gemacht.
Hinzu kommt, dass es für die Bundobugyo-Variante keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Klinische Studien zur Impfstoffentwicklung müssen in der Regel zuerst im Ausbruchsgeschehen getestet werden. Doch die Entwicklung eines Impfstoffes ist meilenweit entfernt von der Studienphase, obwohl diese Variante bereits 2007 und 2012 ausbrach und längst hätte erforscht werden können. Trotz Appellen von Gesundheitsminister:innen auf der WHA wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Denn die Entwicklung neuer Impfstoffe ist kostenintensiv, gleichzeitig verspricht das fertige Produkt wenig Aussicht auf Profite, solange Ebola eine „Armutskrankheit“ mit geringem pandemischem Potenzial bleibt. Einmal mehr zeigt sich hier die Ineffizienz eines Systems, das die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen und Arzneimitteln weitestgehend dem Privatsektor überlässt.
Der jüngste Ebola-Ausbruch ist daher auch eine Warnung an die WHO-Mitgliedsstaaten, die sich diese Woche in Genf versammeln. Die Verhandlungen über ein globales Pandemie-Abkommen, die einst angedachte weltweite Antwort und Lehre aus der Corona-Pandemie, sind erneut um ein weiteres Jahr verlängert worden. Gäbe es bereits ein Pandemieabkommen, hätte es der aktuellen ungehemmten Verbreitung des Ebola-Virus höchstwahrscheinlich Einhalt gebieten können. Der Ausbruch bekräftigt einmal mehr die Dringlichkeit eines solchen Abkommens, schon allein um die Lücken zu füllen, die die USA mit ihrer erratischen Gesundheitspolitik hinterlassen haben.





