Klimagerechtigkeit

Nach der Ohnmacht

25.06.2026   Lesezeit: 4 min  
#klimagerechtigkeit 

Pakistanische Bäuerinnen und Bauern haben Klimaklage gegen deutsche Konzerne eingereicht. Das Urteil könnte wegweisend sein. Doch schon der Weg bis zur Klage und die klimapolitische Vernetzung hat in den Dörfern vieles verändert.

Von Karin Zennig

„Zuerst ging es um Klimawandel, dann um Klimakrise. Jetzt wollen wir Klimagerechtigkeit“, sagt Badarunisa, eine Bäuerin aus dem Dorf Muhammad Khan Kaloro in der Provinz Sindh. Auf der Versammlung der Frauen im April 2026 redet sie nicht viel, mit ihrem souveränen Auftreten aber trägt sie zu der selbstbewussten Stimmung der Runde bei. Alle hier waren wie Millionen andere 2022 Opfer der bislang größten in Pakistan durch den Klimawandel hervorgerufenen Katastrophe: Extremwetter hatten ein Drittel des Landes für Monate unter Wasser gesetzt. An den Folgen leiden auch die Frauen der Versammlung bis heute. Doch etwas hat sich verändert. Zum Ende der Zusammenkunft halten sie ein Plakat in die Kamera. „Polluters have to pay“, steht darauf. Und an ihren Gesichtern ist abzulesen, wie ernst sie es meinen.

Wenige Wochen vor der Versammlung haben 39 Bäuerinnen und Bauern aus diesem und 13 weiteren Dörfern vor dem Landgericht Heidelberg Klage gegen die deutschen Konzerne RWE und Heidelberg Materials eingereicht. Es ist eine von bislang nur zwei weltweiten Klagen, die Schadensersatzforderungen für Klimakrisenschäden in Zentrum stellt. Ein Urteil könnte eine Antwort darauf geben, wer für die gigantischen durch die Klimakrise entstandenen Schäden wird zahlen müssen. Und es könnte dazu beitragen, dass Verursacher in die Verantwortung gezwungen werden. Die Beklagten sind des- wegen nicht zufällig gewählt: Beide Unternehmen gehören zur Gruppe der weltweiten Großemittenten, die für 70 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind

Dorfgemeinschaften organisieren sich

Der Einreichung der Klage ging ein langer Prozess voraus. Denn eine Klage hat Regeln und Bedingungen. Schäden müssen nachgewiesen, Wirkungsketten belegt und Klagen de gefunden werden. So verloren zwar Hunderttausende Landlose, die von ihrer Arbeit auf den Feldern anderer leben, durch die Überschwemmung alles. Doch wo es weder Eigentum noch Arbeitsverträge gibt, liegt im juristischen Sinne kein Schaden vor. Gerade wegen solcher „Grenzen des Rechts“ steht ein von den medico-Partnerorganisationen – der sozialmedizinischen Organisation HANDS und dem Gewerkschaftsverband NTUF – begleiteter sozialer und politischer Prozess in den Dörfern im Mittelpunkt.

Seit Monaten treffen sich Frauen und Männer der beteiligten Dörfer in Komitees zu Klimagerechtigkeit. Sie schulen sich und geben ihr Wissen über die Ursachen von beobachteten Wetterphänomenen an ihre Nachbar:innen und Verwandten weiter. Dabei reifte die Erkenntnis, dass das ihnen widerfahrene Leid kein von Gott gegebenes Schicksal ist. Es ist Folge davon, dass anderswo planetare Ressourcen rücksichtslos verbrannt und Emissionen trotz besseren Wissens ausgestoßen werden. Doch wenn die Klimakrise menschengemacht ist, dann ist es Gerechtigkeit auch. Das bestärkt die Bäuerinnen und Bauern, nicht nur auf Hilfe zu hoffen, sondern gegen das globale Unrecht und für ihre Rechte einzustehen.

Grenzüberschreitender Klimaaktivismus

Diese Organisierung in den Dörfern und die Unterstützung von medico sowie dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) haben dazu geführt, dass Geschädigte mit ihrer Klage nun Konzernriesen aus Deutschland in Rechtfertigungsnot bringen. Gleichzeitig unterstützen HANDS und NTUF auch praktische Veränderungen vor Ort: die Dorfgemeinschaften kultivieren nun hitzeresilientes Saatgut, produzieren organischen Dünger, bewirtschaften den Boden nachhaltiger und bauen Häuser flutresistent. Sie haben gelernt, gemeinsam solidarische Lösungen zu entwickeln. 

Das hilft ihnen auch in der aktuellen Situation von Energiekrise und Lieferkettenengpässen durch den Irankrieg. Wieder einmal sind die mit den Folgen globaler Politik konfrontiert – und wieder einmal nimmt der Rest der Welt davon wenig Notiz. Das Bewusstsein aber, dass Klimagerechtigkeit anderes erfordert, kommt auch in den Gesprächen auf den großen Dorfversammlungen zum Ausdruck. „Die Klage richtet sich gegen deutsche Großemittenten“, sagt ein Mann. „Aber was tut eigentlich die deutsche Regierung, um solche Zerstörung zu verhindern?“ Eine gute Frage, gestellt, während die Bundesregierung einen Tankrabatt beschließt und damit Steuergelder an Unternehmen umverteilt, die die Klimakrise anheizen. 

Im Zuge der Klage haben viele Beteiligte Grenzen überwunden, auch physische. So ist Badarunisa Ende 2025 auf einer von medico organisierten Reise mit drei pakistanischen Bauern nach Deutschland gereist. „Ich bin die erste Frau aus meinem Dorf, die jemals außerhalb Pakistans war“, erzählt sie. „Daran werden sich noch Generationen nach mir erinnern.“ In Deutschland hat sie Pressekonferenzen gegeben, den Tagebau Garzweiler besichtigt, sich mit deutschen Klimaaktivist:innen ausgetauscht und eine Waldbesetzung im Hambacher Forst sowie agrarökologische Initiativen besucht. Dabei hat sie Julia kennengelernt, eine Bäuerin aus der Prignitz zwischen Berlin und dem Wendland, die das Netzwerk Farmer ohne Grenzen aufgebaut hat. Auf Initiative von Badarunisa ist im Frühjahr 2026 auf einer dorfübergreifenden Versammlung der Bäuerinnen und Bauern in Karatschi eine digitale Grußbotschaft von Julia zu sehen. Die Klage hat die Bäuerinnen und Bauern mit anderen Betroffenen und mit der Welt verbunden. Das ist etwas, das bleiben wird – egal, was das Gericht entscheidet

Klima Kosten Klage

In jeder Katastrophe bleibt Raum für Gerechtigkeit: Die Klimakrise ist menschengemacht, Klimagerechtigkeit auch. Zur Kampagnenseite:

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Jahresbericht 2025

Karin Zennig

Karin Zennig ist bei medico in der Öffentlichkeitsabteilung für die Region Südasien und das Thema Klimagerechtigkeit zuständig. 

Twitter: @KarinZennig


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