Menschenrechte

Krieg und Frieden in Sri Lanka

Vor 15 Jahren endete der sri-lankische Bürgerkrieg in einem Massaker. Bis heute gibt es keine Gerechtigkeit. Stattdessen macht die „Sri Lanka Solution“ Schule.

Von Karin Zennig

Dieser Tage werden im tamilischen Norden Sri Lankas Kerzen entzündet und Kanji gereicht, ein dünner Reisbrei. Es ist ein kleiner Akt des Erinnerns an die letzte verfügbare Speise der Tamil:innen in der Endphase des grausamen Bürgerkrieges. Doch selbst diese Geste wird polizeilich unterbunden, denn so harmlos sie scheint, so untergräbt sie doch ein zentrales Narrativ der singhalesischen Mehrheitsgesellschaft.

Am 18. Mai ist es genau 15 Jahre her, weniger als eine Generation, dass der singhalesische Staat den 26-jährigen Bürgerkrieg mit der Liquidierung der tamilischen Guerilla Liberation Tiger of Tamil Ealam (LTTE) beendete. Die Erinnerung an die Brutalität des Krieges, insbesondere seiner letzten Phase, ist bei seinen Opfern noch frisch. Im Vanni, dem tamilischen Kernland, ist kaum ein Haus unversehrt geblieben, Ruinen sind von Einschusslöchern übersät. Manche Häuser stehen bis heute leer, weil ihre Besitzer:innen feststellen mussten, dass sie als Folterorte genutzt wurden und eine Rückkehr unvorstellbar ist. Auf vielen Grundstücken wurden nach Ende des Krieges abgetrennte Gliedmaßen und verweste Leichenteile in Brunnen und Abwasserkanälen gefunden. Ein strahlender neuer Frieden im Land.

Sri Lanka Solution

Der letzten Phase des Krieges war ein seit 2002 andauernder Friedensprozess vorausgegangen. Beendet wurde dieser vier Jahre später durch die unerwartete Entscheidung der EU, die LTTE auf die internationale Liste von Terrororganisationen zu setzen. Die Europäische Union beendete damit nicht nur ihre Vermittlerinnenrolle in den Friedensgesprächen, sondern katapultierte die LTTE aus dem Status einer Verhandlungspartnerin. Nur drei Monate später startete das singhalesische Militär eine Offensive, die nun unter dem Vorzeichen der Terrorbekämpfung by any means necessary stand. Die beginnende „Sri Lanka Solution“ wurde dabei von Peking über Delhi, von Tel Aviv, über Moskau, Kiew, Berlin und Bogota bis Washington finanziell, militärisch, infrastrukturell und geheimdienstlich unterstützt und interessiert verfolgt.

Das sri-lankische Militär trieb über 400.000 Menschen von einem zum nächsten als „no fire zone“ deklarierten Areal. Doch die Verfolgten fanden weder Schutz noch Versorgung, sondern wurden fortlaufend beschossen. Wer sich dem Militär nicht ergab, wurde automatisch zum Teil des kämpfenden Gegners erklärt. Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Infrastruktur wurden dieser Maxime folgend als legitime militärische Ziele systematisch beschossen. Im Namen des Krieges gegen den Terrorismus wurde die Kategorie Zivilist:in faktisch aufgehoben.

Die Entmenschlichung der Tamil:innen kulminierte in den Geschehnissen von Mullivaikkal, einem Strand im Nordosten der Insel. Hier wurden die Überlebenden zusammengetrieben, eingepfercht und unterschiedslos vom Land, aus der Luft und vom Wasser bombardiert. Weder Lebensmittel noch Wasser oder Medikamente erreichten die schutzlosen Menschen. Eingegraben in den Boden, ernährten die Eingeschlossenen sich von Kanji, dann von Insekten und Würmern. In wenigen Wochen tötete das Militär 40.000 bis 70.000 Menschen. Tausende, die sich mit weißen Fahnen ergeben wollten, verschwanden spurlos. Am 18. Mai beschloss die Führung der LTTE schließlich ihren kollektiven Suizid, um das Gemetzel zu beenden. Die „Sri Lanka Solution“ hatte den Sieg um jeden Preis gebracht.

Der Frieden der Sieger

Doch das Ende des Krieges beendete nicht die Logik der Dehumanisierung der tamilischen Minderheit in Sri Lanka. Die Überlebenden des Massakers von Mullivaikkal wurden in Internierungslager gesteckt, in denen sie schlecht versorgt, ohne Infrastruktur, ohne Schatten ausharren mussten – in vielen Fällen über mehrere Jahre. Dort sind sie weder Gefangene noch Angeklagte, sondern nur rechtlose Verhaftete. Unter der Willkür der militärischen Lagerleitung waren Vergewaltigungen, Misshandlungen und Folter tägliche Praxis. Tausende wurden mit Bussen aus den Lagern abgeholt und nie wiedergesehen. Bis heute kennt keine der betroffenen Mütter das Schicksal ihrer so verschwundenen Töchter, Söhne oder Ehemänner.

Die Regierung des Friedens blieb die Regierung der Sieger. An eine Aufarbeitung oder gar strafrechtliche Verfolgung der Kriegsverbrechen war vor diesem Hintergrund nicht zu denken. Wenn durch Bauarbeiten unbeabsichtigt ein Massengrab freigelegt wurde, sperrten es die Behörden ab und unterbanden Berichterstattung und Untersuchung. In manchen Fällen wurden die Stätten zu archäologischen Fundorten erklärt.

Während im Mai 2009 der Sieg über die Tamil Tiger vom frenetischen Jubel der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung begleitet wurde, lässt das nationale Geschichtsnarrativ bis heute weder Platz für eine Sprache des Erlittenen, noch Raum für Erinnerung. Tamilische wie singhalesische Journalist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen, darunter auch viele mit denen medico seit Jahren zusammenarbeitet, werden wegen ihres Engagements für Aufarbeitung und Gerechtigkeit kriminalisiert, Organisationen unter Druck gesetzt und geheimdienstlich observiert. Die erzwungenen nationalen Mechanismen für Verschwundengelassene und die Wahrheits- und Versöhnungskommission führten zu keinen Ergebnissen. Diverse UN-Resolutionen, an deren Erarbeitung auch medico beteiligt war, fordern internationale und unabhängig begleitete Aufarbeitungsprozesse, doch umgesetzt wurden sie nie. Bis heute ist niemand für die begangenen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden.

Politik des Erinnerns heute

Im Schatten einer ideologisch legitimierten strukturellen Straflosigkeit setzt sich die Gewalt gegen Tamil:innen weiter fort, wenn auch subtiler. Während fundamentalistische buddhistische Mönche Eigentum und Ländereien von Tamil:innen besetzen und diese quasi enteignen, lässt der Staat überall im tamilischen Norden und Osten der Insel buddhistische Tempel errichten, obwohl es dort nur eine kleine Gruppe religiöser Buddhist:innen gibt und die Mehrheitsbevölkerung Hindus sind. Vom Ministerium für Archäologie werden historisch bedeutsame Hindu-Tempel und Kultstätten zu buddhistischen umdefiniert und vom Militär okkupiert. Richter:innen, die dem versuchen Einhalt zu gebieten, erhalten Morddrohungen.

Das Militär, bis heute unangetastete Schutzmacht der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung, betreibt indes landwirtschaftliche Großbetriebe auf besonders fruchtbaren Flächen der Region. Während Tamil:innen unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen auf den Plantagen arbeiten, zerstören die billigeren Massenprodukte die lokale Ökonomie. Auch 15 Jahre nach dem Ende des Krieges ist ein Leben in Würde, Freiheit und Gleichheit für Tamil:innen in Sri Lanka kaum möglich.

Unter diesen Umständen wird das Erinnern zum politischen Akt. Angesichts des überwiegenden Desinteresses der Weltöffentlichkeit an ihrem Leid, ist das Erinnern für die Opfer eine Praxis der Selbstvergewisserung über das Erlebte, über die Wahrheit der eigenen Existenz. 15 Jahre später geht es aber nicht nur um die Erinnerung an die Opfer eines weithin unbekannten Krieges. Es geht auch um die Erinnerung an den Charakter eines Krieges, der unter den Augen der Welt und nur mit der offenen und stillschweigenden Komplizenschaft großer Teile der sogenannten „internationalen Gemeinschaft“ geführt werden konnte. Sri Lanka stand im Kontext des globalen „Krieges gegen den Terror“ für eine Art der Kriegführung – Liquidierung einer ganzen Gemeinschaft und ihrer Infrastruktur –, bei der die faktische Aufhebung des Kriegsrechts, des Völkerrechts und des Menschenrechts im Namen der Verteidigung von Sicherheit, Recht und Demokratie gerechtfertigt wurde.

Und heute? Zurzeit erleben wir in Echtzeit, wie in Gaza erneut Hunderttausende Menschen in einem Küstenstreifen hin und hergetrieben und beschossen werden. Die Parallelen zur Sri Lanka Solution sind frappierend, sowohl in der Art der Kriegführung als auch in der internationalen Unterstützung und den diskursiven Rechtfertigungen des israelischen Vorgehens. Erinnern um zu verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt. Dieses Ansinnen scheint wichtiger denn je.

medico arbeitet seit 2005 in Sri Lanka. Im Rahmen des Netzwerkes Sri Lanka Advocacy setzte sich medico über viele Jahre für die Durchsetzung internationaler Rechenschaftsmechanismen und eine Aufarbeitung der Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen in Sri Lanka ein. Im Norden des Landes unterstützen wir Partnerorganisationen  bei der psychosozialen Begleitung Überlebender und bei Aufarbeitungsprozessen von unten.

Veröffentlicht am 17. Mai 2024
Karin Zennig

Karin Zennig ist bei medico in der Öffentlichkeitsabteilung für die Region Südasien und das Thema Klimagerechtigkeit zuständig. 

Twitter: @KarinZennig


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