Es sind Tage und Nächte heftiger Luftangriffe, als wir Svetlana Kakotkina im Büro der Organisation Mirnoe Neboe in Dnipro in der zentralöstlichen Ukraine treffen. Zu Beginn des Gesprächs zeigt sie uns eine Puppe, die ihr gestern ein Mädchen mit der Bitte mitgegeben habe, bald wiederzukommen. In der mobilen Einheit der Psycholog:innen unterstützt Svetlana Kinder und Familien bei der Bewältigung ihres Alltags im Kriegs gebiet. „Kinder, die von Luftalarm und einschlagenden Raketen umgeben sind, altern nicht nur schneller. Viele sind auch traumatisiert und brauchen Hilfe“, sagt sie. „Gleichzeitig gibt es Kinder, die sehr stark sind. Sie sind in der derzeitigen Situation eine wichtige Ressource bei der Unterstützung der anderen.“ Ein bemerkenswerter Satz, so beeindruckend wie bedrückend.
Bereits seit 2016 arbeitet Svetlana für diverse Hilfsorganisationen. Die studierte Psychologin blickt auf eine alternative Laufbahn zurück, in der sie sich angesichts der jüngeren Geschichte der Ukraine auf die Bewältigung der Schrecken eines Lebens unter Beschuss spezialisiert hat. 2015 verließ sie wegen der bereits seit einem Jahr tobenden militärischen Auseinandersetzungen im Donbass ihr Zuhause in Donezk und ging zurück zu ihrer Mutter in den wenige Kilometer nördlich gelegenen Ort Awdijiwka. Doch der Krieg blieb ihr auf den Fersen. Mit Beginn des Angriffs der russischen Armee am 24. Februar 2022 kam es auch hier zu schweren Gefechten. Mitte Februar 2024 zog sich die ukrainische Armee schließlich zurück. Auch Svetlana verließ die Gegend und siedelte nach Dnipro über. Der Krieg blieb.
Svetlanas Engagement dreht sich darum, wie das Aufwachsen inmitten von Gewalt, Bedrohung und Verlust die Kinder zeichnet. Viele flohen wie Svetlana bereits in den Jahren des Donbass-Krieges hierher. Davon können wir uns dieser Tage überzeugen. Gestern noch waren wir in der benachbarten Stadt Krywyj Rih zu Besuch in einem „child-friendly space“ unserer Partnerorganisation Responsible Citizens, der notgedrungen im Bombenkeller sowjetischer Bauart endete. Wir kamen ins Gespräch mit einem achtjährigen Jungen. Er erzählte nicht nur vom beinahe täglichen Bombenalarm, sondern auch von einer familiären Fluchtgeschichte aus dem Donbass und einem an der Front getöteten Vater.
Svetlana zeigt uns zum Schluss und mit aufleuchtenden Augen Handyvideos von einer LED-Lichterparty im Kinder-Shelter. Statt des üblichen grellen Neonlichts ist der Bunker dunkel und die Kinder tanzen zu Musik mit Leuchtstäben. Es herrscht im Wortsinne „Bombenstimmung“. Man muss kreativ sein, wenn man dafür kämpft, dass Menschen den Horror des Krieges nicht nur irgendwie überleben, sondern mit ihnen auch die Idee eines würdigen Lebens.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Jahresbericht 2025.




