Resilienz

Fit für den Krieg?

20.02.2026   Lesezeit: 5 min  
#ukraine  #psychosoziale arbeit 

Der Resilienz-Begriff ist zurück. War er schon vor zehn Jahren zweifelhaft, dient er heute als ideologisches Rüstzeug. Zur Odyssee eines Konzepts.

Von Julia Manek

Resilienz galt im letzten Jahrzehnt als Wundermittel zum Umgang mit allen möglichen Arten von Krisen. Die jüngste Zäsur des Resilienz-Diskurses vollzog sich im Zuge der im Februar 2022 ausgerufenen „Zeitenwende“. Vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ist „Resilienz“ in vielerlei Munde – jedoch weniger als therapeutisches Paradigma, denn als diskursives Rüstzeug für die deutsche Kriegstüchtigkeit. Um diese Verschiebung zu verstehen, lohnt ein Blick zurück.

Waren Resilienz-Konzepte anfangs vor allem noch auf die Fähigkeit von Ökosystemen bezogen, sich nach Katastrophen zu erholen, wurde der Begriff nun auf die Menschen übertragen: Was benötigen sie, um einem Stehaufmännchen gleich möglichst schnell und unversehrt aus Krisen und Katastrophen hervorzugehen? Nicht verwunderlich also, dass die Forschung zur Resilienz von Geflüchteten ab 2015 boomte: Wie war es möglich, dass manche von ihnen trotz aller Erfahrungen von Krieg, extremer Gewalt und einer oft lebensgefährlichen Flucht keine Anzeichen psychischer Beschädigung zeigten – wenn nicht durch eine ihnen eigene Resilienz?

Für den Teil der Bevölkerung ohne Fluchterfahrung versprachen Resilienz-Programme, sich fortan an Stress und systematische Überlastung in Arbeit und Alltag anpassen zu können. Es entstand ein ganzer Sektor der Selbstoptimierung, aufgebaut auf Trainings zu Selbstmanagement, Achtsamkeit und Selbstliebe. Wer würde da nicht resilient sein wollen? Die Fallstricke indes wurden mehrheitlich totgeschwiegen.

Zum einen verschleierte der Resilienzdiskurs die Verantwortung für Krisen und ihre Ursachen. Der damalige Geschäftsführer von medico international, Thomas Gebauer, beschrieb das bereits 2015 wie folgt: „Resilienz, wie sie heute in Pädagogik, Psychotherapie, in Entwicklungs- und Sicherheitspolitik oder in der humanitären Hilfe definiert und angewandt wird, stabilisiert genau jene Verhältnisse, an deren prekärem Zustand sich das Bedürfnis nach Resilienz entzündet.“ Zum anderen verlagerte er die Verantwortung für den Umgang mit Krisen von der Gesellschaft auf die „Betroffenen“, seien es Gruppen oder Einzelne, und damit ins Private. Die fortschreitende Aufkündigung des Gesellschaftsvertrags im Zuge des Neoliberalismus suggeriert, dass jede:r selbst und für sich resilient bzw. fit für die Katastrophe und die diversen neoliberalen Anforderungen – von Flexibilität bis Belastbarkeit – werden müsse.

Pandemische Panik 

Dann trat eine Katastrophe ein, wie sie die privilegierten westlichen Gesellschaften lange nicht erlebt hatte. Am 30. Januar 2020 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den pandemischen Gesundheitsnotstand aus. Schon die ersten Corona-Infektionswellen machten deutlich: Resilient waren die wenigsten. Die Erschütterung der neoliberalen Phantasien von Autonomie und Unverletzlichkeit warf die Menschen auf eine Gesellschaft zurück, deren politische Orientierung darin bestand, die verbliebenen sozialen Beziehungen dem Gebot der sozialen Distanz zu unterwerfen.

Die Pandemie fungierte als Brandbeschleuniger für psychische Destabilisierung: Eine Studie der WHO zeigte, dass die Häufigkeit von Angstzuständen und Depressionen weltweit um 25 Prozent zunahm – wobei psychische Leiden im Globalen Süden lediglich marginal erfasst wurden. Auch häusliche Gewalt eskalierte im Lockdown, in London stieg sie sogar um 40 Prozent. Anstatt die Bedrohung zu erkennen und einen angemessenen Umgang mit den resultierenden Ängsten zu finden, wurden viele anfällig für Verschwörungsdenken.

Die Pandemie hatte die Vulnerabilität des menschlichen Lebens unbarmherzig aufgedeckt. Folgerichtig büßte der Hype um psychische Resilienz seine diskursive Prominenz ein. Von psychischer Resilienz sprach vorerst niemand mehr. Resilienz wurde eher wieder in systemischen Kategorien gedacht. So sollte es in der sich verschärfenden Klimakrise darum gehen, Städte „klimaresilient“ zu machen und vor zu erwartenden extremen Klimaereignissen zu schützen. Resilienz wurde zunehmend ein Nischenthema. Und auch hier verdrängte dieser Fokus den Kampf gegen die Ursachen des menschgemachten Klimawandels.

Schillerndes Comeback 

Im Windschatten der Zeitenwende feiert die Resilienz nun sogar Einzug in die Wirtschaft: „Kriegstüchtigkeit braucht Resilienzwirtschaft!“, schrieb unlängst der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Angesichts des Drohszenarios eines russischen Angriffs auf Mitteleuropa scheint der Vorschlag einer Industriebranche, deren Aktienkurse seit dem Angriff auf die Ukraine und dem genozidalen Krieg gegen Gaza um rund 10 Prozent gestiegen sind, einen Nerv zu treffen: Hatte nicht Friedrich Merz in der Regierungserklärung massive Militärinvestitionen und den Aufbau der „stärksten Armee Europas“ angekündigt?

Dafür wurden für den Verteidigungshaushalt qua Grundgesetzänderung kurzerhand Milliardenbeträge im dreistelligen Bereich locker gemacht. Welche ökonomische Dynamik der Resilienz-Diskurs entfaltet, zeigte auch die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz: Die deutsche Resilientwerdung wurde hier zur Unternehmensaufgabe erklärt – bis in die Gesellschaft als „erste Verteidigungslinie“.

Kriegstüchtigkeit als Resilienzstrategie 

Was als „Resilienz“ deklariert wird, dürfte die Menschen in Deutschland also teuer zu stehen kommen. Man erinnere sich nur an die geflügelten Worte aus dem millionenschweren Hause Merz: „Die Bürger müssen die Gürtel enger schnallen“. Das „unternehmerfreundliche“ Institut für Wirtschaftsforschung hatte gleich Kürzungsvorschläge parat: Ohne Reichensteuer, aber mit einer weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters, dem Verzicht auf Rentenerhöhungen, Krankenkassenreformen oder Geflüchtetenversorgung und anderen Einsparungen in sozialen Bereichen ließe sich der Bundeshaushalt um 94 Milliarden entlasten. Dies würde nicht einmal die Hälfte des ersehnten Etats decken.

Wenn es nach der Rüstungslobby ginge, sollen Kriegstüchtigkeit und Resilienz „ganzheitlich” gedacht werden, als eine rundum kriegstüchtige, sprich resiliente Gesellschaft mit einer kriegstüchtigen, sprich resilienten Bevölkerung. So werden die beiden Diskurse zum ideologischen Paar, mit dem auch die Umrüstung des zivilen Sektors legitimiert werden kann. So stößt der Ruf nach Resilienz auch beim Zivilschutz auf Resonanz. Neben dem materiellen Aufbau von ziviler Kriegstüchtigkeits-Infrastruktur müssen auch die Bürger:innen für individuelle Resilienz im Notfall sorgen: Was ist zu tun, wenn es plötzlich keinen Strom oder kein Wasser gibt? Sind Vorräte angelegt? Mit dem Durchspielen von Szenarien soll die Bevölkerung nicht nur praktisch zu Selbsthilfe und Überlebenspraxen „ertüchtigt“ werden. Sie soll sich auch mental auf den Ernstfall vorbereiten. Angefangen wird schon bei den Kleinen: Während Resilienz in den meisten Schulen noch unter psychischer Gesundheitsprävention geführt wird, ist an einer Saarbrücker Schule Zivilschutz als neues Schulfach verankert worden – inklusive des Erlernens individueller Resilienzstrategien.

Dieser Text erschien zuerst im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.

Für medico und unsere medico-Parterorganisationen bedeutet Resilienz weder die individuelle Anpassung an die Folgen von Naturkatastrophen noch Kriegen, sondern den Aufbau und die Stärkung kollektiver Netzwerke von Sorge und Solidarität. Die psychosoziale Arbeit von medico und unseren Partner:innen beschäftigt sich daher auch stets mit den gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt, und nicht erst mit deren Folgen. Sie können diese Arbeit mit einer Spende unterstützen!

Julia Manek

Julia Manek ist Psychologin und Humangeographin. In der Öffentlichkeitsarbeit von medico international ist sie als Referentin für psychosoziale Arbeit tätig.

Twitter: @ju_manek
Bluesky: @juliama


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