Grüner Wasserstoff in Namibia

Entwicklungspolitik als Ökokolonialismus

20.08.2026   Lesezeit: 4 min  
#klimagerechtigkeit  #genozid 

Mit ungleichen wirtschaftlichen Machtverhältnissen werden koloniale Strukturen aufrechterhalten. Echte Nachhaltigkeit und Kooperation brauchen stattdessen Beteiligung auf Augenhöhe.

Von Sima Luipert

Ich schreibe hier nicht als Wissenschaftlerin, als distanzierte Politikanalystin oder als Nachhaltigkeitsberaterin. Ich schreibe als Nachfahrin einer Überlebenden eines Genozids, den die Welt zu vergessen versucht. Mein Verständnis von Gerechtigkeit ist nicht im Klassenzimmer entstanden, sondern zu den Füßen meiner Großmutter in Namaqualand.

Sie wurde infolge eines gewaltvollen sexuellen Missbrauchs einer Nama-Frau durch einen deutschen Kolonialisten geboren, während das Deutsche Reich eine Vernichtungskampagne gegen mein Volk vollzog. Durch ihre Geschichten habe ich die unerschütterliche Verpflichtung geerbt, meine Stimme zu erheben.

Diese Geschichten haben mir gezeigt: Kolonialismus endet nicht, wenn die Waffen schweigen. Vielmehr entwickelt er sich weiter, passt seinen Wortschatz an und tauscht seine Militäruniform gegen Anzüge ein. Mit ausgefeilten wirtschaftlichen Instrumenten hält er ungleiche Machtverhältnisse aufrecht, die die indigenen Völker ursprünglich ihres Landes beraubt haben.

Weltweit betonen Regierungen und multilaterale Institutionen, dass die Menschheit an einem Scheideweg steht. Angesichts der existenziellen Klimakrise strebt die Welt eine rasche Dekarbonisierung an. Grüner Wasserstoff, Megaprojekte im Bereich erneuerbarer Energien und klimaneutrale Volkswirtschaften sollen das Überleben der Menschheit sichern.

Und wie jede indigene Mutter, Tochter und Enkelin wünsche auch ich mir einen gesunden Planeten für die noch ungeborenen Generationen. Doch während sich der globale Norden als Retter inszeniert, muss ich die entscheidende Frage stellen: Für wen?

Kolonialland wird nun für Wasserstoffprojekte genutzt

Ein Beispiel aus meiner Heimat: Das deutsche Unternehmen Enertrag hat zusammen mit einem namibischen Partner im Hyphen-Konsortium eine 40 Jahre gültige Lizenz für ein Gebiet von rund 4.000 Quadratkilometern innerhalb des Tsau-Khaeb-Nationalparks erhalten. Dort sollen Windräder, Solarfelder, Leitungen und Entsalzungsanlagen entstehen.

Dieses Gebiet war nicht unbewohnt, bevor es für Investitionen in erneuerbare Energien attraktiv wurde. Das Land wurde während des Völkermords an den Nama und Ovaherero 1893 bis 1908 von der deutschen Kaiserarmee gewaltsam enteignet, unter der südafrikanischen Apartheid-Verwaltung konsolidiert und schließlich an den unabhängigen namibischen Staat weitergegeben. Ausgerechnet dieses Gebiet ist zum Herzstück eines der größten grünen Wasserstoffprojekte der Erde geworden.

Das „Hyphen Green Hydrogen“-Projekt bildet einen entscheidenden Eckpfeiler der deutschen Energiestrategie und wird durch öffentliche Mittel sowie Exportgarantien unterstützt, um Europas industriellen Wandel voranzutreiben. Gleichzeitig hat der unabhängige namibische Staat das Projekt als seine Vorzeigeinitiative für den wirtschaftlichen Wandel unterstützt. Dabei hat die Regierung langfristige Rechte über das Gebiet vergeben, ohne die Zustimmung des Nama-Volkes einzuholen, dessen Identität, Gewohnheitsrecht und Spiritualität strukturell untrennbar mit diesen empfindlichen Küstenlandschaften verbunden sind. Berlin bezeichnet dieses Projekt als „Vorreiter im Klimaschutz“, die namibische Regierung in Windhoek nennt es „nationale Entwicklung“. Für uns wiederholt sich die Geschichte mit erschreckender Präzision.

Deutschland verweigert rechtlich bindende Wiedergutmachung

Das Deutsche Reich hat unser Land einst durch militärische Eroberung für sich beansprucht. Heute kehrt Deutschland mit Investitionskapital, Diplomatie im Bereich erneuerbarer Energien und multinationalen Konzernen zurück. Kolonialverwalter rechtfertigten einst die Enteignung, indem sie von Imperium und Zivilisation sprachen; heute sprechen sie von Nachhaltigkeit, grünem Wachstum und Energiesicherheit. Gestern wurde das Land der Nama als unverzichtbar für die imperiale Expansion erklärt; heute als unverzichtbar für die Dekarbonisierung Europas. Die Methoden haben sich geändert; die Machtstrukturen bleiben identisch.

Der deutsche Staat weigert sich weiterhin, rechtlich bindende Wiedergutmachung für den Genozid zu leisten. Gleichzeitig unterstützt er aktiv deutsche Unternehmen dabei, hochprofitable Megaprojekte in den durch den Völkermord enteigneten Gebieten umzusetzen. Der namibische Staat – nach Wirtschaftswachstum strebend – reproduziert koloniale Muster und regiert nach dem Top-down-Prinzip: Ohne den Anspruch der indigenen Völker anzuerkennen, weist er Gebiete für strategische Unternehmensinvestitionen zu.

Jeder Staat verfolgt eigene Ziele. Deutschland verspricht sich durch den Import von grünem Wasserstoff industrielle Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischen Einfluss. Namibia strebt Wachstum und ausländische Investitionen an. Das Ergebnis kommt einem auffallend bekannt vor: Entscheidungen über Nama-Land werden zwischen Regierungen und mächtigen Wirtschaftsvertretern ausgehandelt, ohne indigene Völker als gleichberechtigte politische Akteure anzuerkennen.

Klimagerechtigkeit, die die Souveränität der indigenen Völker ignoriert, ist überhaupt keine Gerechtigkeit; sie ist grün gewaschener Ökokolonialismus. Hier geht es nicht um eine lokale Geschichte eines einzelnen Unternehmens oder eines Wasserstoffprojekts. Es geht um eine globale Frage: Kann die grüne Wende die Ausbeutungssysteme, die unseren Planeten zerstört haben, tatsächlich abschaffen? Oder werden sie unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit lediglich modernisiert?

Die Menschheit kann die Biosphäre nicht heilen, wenn sie dieselben Muster der Ausbeutung, des Landraubs und der Menschenrechtsverletzungen wiederholt, die ihrer Verstörung zugrunde liegen. Ein wirklich gerechter Wandel muss dort beginnen, wo Kolonialismus endet: mit radikaler Aufrichtigkeit, Verantwortung, umfassender Wiedergutmachung und der uneingeschränkten Anerkennung der Souveränität indigener Völker. Keine Regierung, kein Unternehmen und keine Klimastrategie verfügten über die moralische Autorität, eine nachhaltige Zukunft auf den unbewältigten Folgen von Völkermord aufzubauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 10. Juli 2026 in der Frankfurter Rundschau.

Sima Luipert (Foto: privat)

Sima Luipert ist Teil der namibianischen medico-Partnerorganisation Nama Traditional Leaders Association. Sie ist Expertin für regionale und ländliche Entwicklung sowie Aktivistin für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.


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