Von Henryk Joost
Im Tsau-ǁKhaeb Nationalpark sollte das Leuchtturmprojekt der namibischen grünen Wasserstoffentwicklung eigentlich mittlerweile errichtet werden. Hyphen Hydrogen will auf einer Fläche von rund 4.000 Quadratkilometern im geschützten Nationalpark Wasserstoff erzeugen. Auch für Deutschlands Wasserstoffdiplomatie, also die staatlichen Bemühungen um die zukünftige Versorgung mit Wasserstoff aus dem Ausland, spielt das Projekt eine herausgehobene Rolle. Generell ist Deutschland an vielen Stellen in die namibische Wasserstoffwirtschaft involviert, mit der Hoffnung, privilegierten Zugang zum grünen Wasserstoff (grün weil gewonnen aus erneuerbaren Energien) aus Namibia zu erhalten. Das deutsche Unternehmen Enertrag ist ein Partner des Joint Venture Hyphen und deutsche Unternehmen wollten hunderttausende Tonnen in Namibia hergestellten Ammoniaks (ein Wasserstoffderivat) nach Deutschland importieren. Der grüne Wasserstoff, der unter anderem aus Namibia kommen soll, gilt als Schlüsselelement, um schwer zu elektrifizierende Prozesse wie die Stahlherstellung zu dekarbonisieren.
Der Beginn der Wasserstoff-Produktion von Hyphen war für 2027 geplant, die Bauarbeiten hätten längst beginnen sollen, stattdessen: Nichts – abgesehen von einigen meteorologischen Messstationen auf dem weiten Gelände in der namibischen Wüste. Der Zeitplan hat sich deutlich verzögert. Darüber sind nicht alle traurig: Schon von Beginn an stand das Projekt massiv in der Kritik. So zum Beispiel von Seiten der Bevölkerungsgruppe der Nama, deren traditionelles Land betroffen ist, sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem Economic and Social Justice Trust (ESJT). Mit beiden Akteuren arbeitet medico seit einigen Jahren zusammen. Sie kritisieren die fehlende Einbindung lokaler Communities, die ökologischen Auswirkungen in einem fragilen Ökosystem und die extraktivistische Ausrichtung des Projekts.
Doch auch der spürbare Rückgang des Interesse an Wasserstoff als Energieträger macht Hyphen zu schaffen: 2025 zog sich RWE aus einer Absichtserklärung für den Kauf großer Mengen Wasserstoff von Hyphen zurück. Als Hauptargument nannte RWE die fehlende Nachfrage in Europa, aber auch den öffentlichkeitswirksamen Widerstand der Nama mithilfe der medico-Partner:innen vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) könnte eine Rolle gespielt haben. In Fachgesprächen in Deutschland werden schon Zweifel laut, ob Hyphen überhaupt noch wie geplant an den Start gehen wird. Entpuppen sich die großen Reden von einem neuen Kapitel der namibischen Entwicklung als heiße Luft?
Keine reibungslose Erfolgsgeschichte
Der noch vor kurzem spürbare Hype um grünen Wasserstoff ist abgeflaut. Die riesigen Bedarfe, die noch vor wenigen Jahren prognostiziert wurden, werden inzwischen relativiert. Ambitionierte Großprojekte werden abgesagt oder immer weiter eingedampft. Die Produktionsanlagen sind nach wie vor teuer und zum Teil bestehen wegen Engpässen lange Wartezeiten beim Bau. Darüber hinaus benötigt der junge Industriesektor für grünen Wasserstoff wie jede neue Technologie politischen Rückhalt, um sich zu etablieren – und der ist deutlich geschwunden.
Noch vor einigen Jahren gab es in großen Teilen der Welt eine gesellschaftliche Bewegung für eine mehr oder weniger ernsthafte Transformation hin zur Klimaneutralität. Millionen Menschen gingen dafür auf die Straße, Weltklimakonferenzen waren Top-Themen in den Abendnachrichten und mit Klimaschutz ließen sich Wahlen gewinnen. Mittlerweile aber wird Klimaschutz vielerorts als vermeintlicher Nachteil im geoökonomischen Wettbewerb zur Disposition gestellt oder – wie in den USA – rundheraus eingestampft. Auch in Deutschland hat sich das kurze Zeitfenster für eine politisch geförderte „grüne Transformation“ wieder geschlossen. Die Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien seien „völlig überzogen“, so Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche. Stattdessen will die bestens mit der fossilen Lobby vernetze Ministerin neue Gaskraftwerke bauen lassen. Im Klartext bedeutet das: Deutschland stiehlt sich aus der Verantwortung, die ohnehin wenig ambitionierten Klimaziele werden vollends abgeschrieben. Der Wind hat sich gedreht.
Und auch in Namibias Politik rumort es. Präsidentin Nandi-Ndaitwah steht lange nicht so eindeutig hinter dem grünen Wasserstoff wie ihr Vorgänger Hage Geingob, der die Wasserstoffentwicklung zu seinem politischen Vermächtnis machen wollte. Geingob gründete auch das namibische Wasserstoffprogramm, das die Wasserstoffentwicklung für den Staat vorantreiben sollte. Dessen Kopf, James Mnyupe, wechselte aber Ende 2025 in die Privatwirtschaft. Seitdem ist es ruhig geworden um das zuvor sehr umtriebige Programm.
Wie steht es also um grünen Wasserstoff in Namibia? Während Hyphens Zukunft unklar ist, wird an anderer Stelle bereits produziert: Nahe der Stadt Arandis wird im Projekt HyIron seit Anfang 2025 Wasserstoff erzeugt und damit CO2-neutral Eisenerz aufbereitet. In direkter Nachbarschaft finden sich zwei der größten Uranminen Namibias, neben ihnen nehmen sich die Felder mit Solaranlagen winzig klein aus. Und doch sprach Namibias Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah davon, dass genau hier ein Stück Zukunft gebaut wurde. In der ungefähr hundert Kilometer Luftlinie entfernt liegenden Walvis Bay wurde Ende 2025 das Pilotprojekt Cleanergy fertiggestellt. Hier wird aus Solarstrom Wasserstoff produziert, der mit einer angeschlossenen Tankstelle LKWs und Geräte des nahegelegenen Hafens antreiben soll. Beide Projekte sind im Vergleich zu den Plänen von Hyphen um ein Vielfaches kleiner und lokaler ausgerichtet. Die Visionen von Namibia als große Wasserstoff-Exportnation waren vielleicht doch zu vorschnell. Doch sind das nur schlechte Nachrichten?
Optimismus statt Realismus
medicos Partnerorganisationen Nama Traditional Leaders Association (NTLA) und der Economic and Social Justice Trust begleiten die Wasserstoffentwicklung in Namibia von Beginn an kritisch. Viel Kritik gibt es an Hyphen selbst: Wegen der fehlenden Konsultation der Menschen der Region – allen voran der Nama, wegen der ökologischen Kosten im Naturschutzgebiet und der kolonialen Logik des Projekts. Denn in Namibia geschaffene Ressourcen sollen im großen Maßstab nach Europa exportiert werden. Doch auch die anderen Wasserstoffprojekte kritisiert Nafimane Hamukoshi vom ESJT: „Es gibt nach wie vor viel Kritik am grünen Wasserstoff, wenn wir uns den Wasserverbrauch, die Umweltauswirkungen, die mangelhafte Konsultation der Bevölkerung ansehen. Andere Projekte sind nicht automatisch gut, nur weil sie kleiner sind.“ Besonders die Frage nach dem Wasserverbrauch ist kritisch in einem Land, das immer wieder von anhaltenden Dürren betroffen ist. Perspektivisch soll das benötigte Wasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen kommen. Bisher wird aber auf die bestehenden Wasserreserven Namibias zugegriffen.
Der Plan einer exportorientierten Wasserstoffproduktion, den die namibische Regierung verfolgt, sei stark auf die europäischen Märkte ausgerichtet, sagt Hamukoshi. Schon jetzt ist Namibia wirtschaftlich vollkommen abhängig von den volatilen Preisen der weltweiten Rohstoffmärkte. Wasserstoff wäre da nur das nächste Produkt nach Gold, Uran und anderen Mineralien: grüner Extraktivismus statt Bergbau. Letzterer ist für Namibia zwar der wichtigste Exportsektor, doch Wohlstand hat er dem Land kaum gebracht. Beziehungsweise nicht für alle, denn die Gesellschaft ist extrem ungleich. Während eine kleine Schicht vor allem weißer Landbesitzer:innen und Unternehmer:innen noch immer von kolonialen Gesellschaftsstrukturen profitiert, leben viele Namibier:innen sehr prekär. Die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter jungen Menschen, ist hoch und das stagnierende Wirtschaftswachstum der letzten Jahre verschlimmert die Situation noch. Der grüne Wasserstoff war da ein Zukunftsversprechen: Eine ganz neue wirtschaftliche Entwicklung, viele Arbeitsplätze und langfristige Perspektiven, die endlich die ganze Gesellschaft mit einbeziehen.
Um dieses glänzende Versprechen zu erfüllen und sich möglichst früh im entstehenden Markt zu etablieren war aus Sicht der namibischen Regierung keine Zeit zu verlieren. Bei Hyphen zum Beispiel wurden Verträge abgeschlossen und Land vergeben, ohne die eigentlich verpflichtenden Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen oder Konsultationen der betroffenen Communities abzuwarten, wie der ESJT immer wieder kritisierte. Das soll nachgeholt werden, aber wie neutral kann das zuständige namibische Ministerium die Prüfungen vornehmen, nachdem der Staat bereits Anteilseigner am Projekt ist und große finanzielle Verpflichtungen eingegangen ist?
Auch die namibische Gesellschaft wurde gewissermaßen überrollt. Zentrale Fragen, die gesellschaftlich diskutiert werden müssten, wurden hintenangestellt, so Hamukoshi: Für wen wird der Wasserstoff hergestellt? Wie genau schafft die Produktion Jobs, und für wen? Welche Wertschöpfung bleibt in Namibia? Wie integriert sich der Wasserstoffsektor in die bestehende Industrie? Wie hilft er, die Energiearmut in Namibia zu lindern, wo immer noch rund die Hälfte der Menschen keinen Zugang zu Elektrizität haben? Wie wird der Sektor reguliert? Einen gesetzlichen Rahmen gibt es nämlich noch immer nicht, obwohl die ersten Unternehmen ihre Arbeit bereits aufgenommen haben. All diese Fragen stellt die namibische Zivilgesellschaft, doch fand sie damit bisher wenig Gehör im großen Hydrogen Rush. Eben Optimismus statt Realismus bei den Verantwortlichen, wie Hamukoshi sagt.
Zeit, innezuhalten und Fragen zu stellen
Insofern sieht Hamukoshi den Dämpfer für die Wasserstoffprojekte als Chance. „Die Verzögerung ist überhaupt nicht schlimm. Namibias Wasserstoff-Geschichte dreht sich nicht mehr nur um große Versprechungen und glänzende Zukunftsvisionen. Sie tritt nun in eine entscheidende Phase ein. Ich denke, dass das zwar einen Teil der Begeisterung gedämpft, aber auch Raum für Ehrlichkeit und Reflexion geschaffen hat. Wie wir auf diesen Moment reagieren, wird darüber entscheiden, ob grüner Wasserstoff nur ein weiteres Kapitel des Extraktivismus in unserer Geschichte wird, oder ob er wirklich zu einer integrativen und nachhaltigen Entwicklung beitragen kann.“
Denn trotz der Kritik an der generellen Wasserstoffentwicklung und den konkreten Projekten sieht Hamukoshi auch Unterschiede zwischen Hyphen und den anderen, kleineren Projekten. Diese sind eher auf eine lokale Nutzung des Wasserstoffs ausgelegt, schaffen lokales Wissen und Erfahrungen und zumindest teilweise eine weitere Wertschöpfung im Land. Eine namibische Strategie für erneuerbare Energien und eventuell auch Wasserstoff, die sich nicht an der europäischen Nachfrage orientiert, sondern lokale und regionale Bedürfnisse und Nutzungen in den Mittelpunkt stellt, wäre wohl nachhaltiger. Doch aufgrund der Kolonialgeschichte bleibt Namibia von ausländischem, vor allem europäischem, Kapital und der technologischen Expertise abhängig und hat nur einen begrenzten Spielraum in der eigenen Wasserstoffentwicklung.
Das liegt auch in deutscher Verantwortung: Neben der Tatsache, dass Deutschland sich der Forderung nach Reparationen für den Genozid an Ovaherero und Nama weiter verweigert, sind es maßgeblich deutsche Unternehmen, die in grünen Wasserstoff in Namibia investieren. Um den kritischen Stimmen der namibischen Zivilgesellschaft hier Gehör zu verschaffen, hat medico deshalb Ende 2025 gemeinsam mit attac, der Rosa Luxemburg Stiftung, Powershift und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie Vertreter:innen der NTLA und des ESJT nach Deutschland eingeladen.
Der grüne Wasserstoff in Namibia macht das ganze Dilemma deutlich, in dem progressive Klimapolitik derzeit stattfindet: Sie wird zerrieben zwischen dem rechten Backlash, der unseren Planeten wortwörtlich verheizt, und vermeintlichen grünen Lösungen, die in kolonialer Manier auf die Ressourcen des Globalen Südens zugreifen, ohne Rücksicht auf die Betroffenen. Das Problem ist nicht grüner Wasserstoff per se, sondern die wirtschaftliche Abhängigkeit von Staaten wie Namibia und die koloniale Logik, in der manche im Norden immer noch hoffen, die unvermeidlichen Kosten des Klimaschutzes auf den Süden abzuladen. Doch Klimaschutz ohne globale Gerechtigkeit ist keine Lösung. Nafimane Hamukoshi: „Wir müssen beim Kampf gegen die Klimakatastrophe eine wichtige Rolle spielen, aber das darf nicht auf Kosten unserer Bevölkerung gehen, und es darf definitiv nicht auf Kosten unserer Umwelt gehen, denn diese ist genauso wichtig wie die Menschen in diesem Land.“
medico stärkt in Namibia die Vertretungen der Überlebenden des Genozids gegenüber der namibischen und der deutschen Regierung. Das Womens‘ Leadership Centre löst Konflikte in mehrfach diskriminierten Communities und entwickelt gemeinsame Strategien gegen patriarchale Gewalt und der Social Economic Justice Trust widersetzt sich der Ausbeutung der Ressourcen des Landes, unter anderem des Wasserstoffs, und streitet für lokale Teilhabe.
Henryk Joost arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Extractivism am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Uni Marburg. Er hat seine Masterarbeit am Fachbereich Humangeographie der Uni Frankfurt zu grünem Extraktivismus am Beispiel der namibischen Wasserstoffentwicklung geschrieben.




