medico: Wie kam es dazu, dass ihr Phephisa gegründet habt?
Phindile: In Südafrika wird alle sechs Stunden eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Fälle werden gar nicht erst erfasst. Diese extreme Gewalt betrachten wir als direkte Nachwehen des Apartheidregimes, das nicht nur auf rassischer Unterdrückung aufbaute, sondern auch auf geschlechtsspezifischer Gewalt. Das hat sich in Schwarze Familien eingebrannt. Insbesondere armen Frauen in den Townships und informellen Siedlungen fehlt es an Schutzräumen.
Eine Initiative hier in der Provinz KwaZulu Natal hat vor einiger Zeit nach Stimmen von Überlebenden gesucht – von Vergewaltigungen, von Femizid- und Suizidversuchen. Für uns war es damals unglaublich, endlich unsere Geschichten erzählen zu können, denn bisher hatten wir niemals sichere Räume, um unsere Emotionen auszudrücken. Ich habe zunächst nicht realisiert, dass ich depressiv war, aber je mehr Zeit ich mit anderen Überlebenden verbrachte, desto mehr merkte ich, wie ich mich zurückgezogen und isoliert hatte. Nun mussten wir selbst Wege finden, um zu heilen. Ein Teil davon war die Gründung von Phephisa.
Wir hatten uns gerade als NGO registriert, als die Covid-Pandemie ausbrach. Sexualisierte und vergeschlechtlichte Gewalt nahmen drastisch zu. Wir bildeten eine Support Group, Unterstützungsgruppe für Überlebende in unserer Gegend. Inzwischen haben wir 24 solcher Gruppen organisiert – mit Gesprächsrunden, mit direkten Aktionen, mit Telefonketten bzw. Chatgruppen, falls es einen Notfall gibt.
Phephisa heißt auf isiZulu „Du bist nicht allein“. Was macht eure Support Groups aus?
Nompilo: Wesentlich ist, dass Phephisa ein Netzwerk der Gemeinschaft ist, ein Raum gegenseitiger Liebe und Sorge füreinander. Jemanden zu haben, mit dem man wirklich reden kann, gibt Hoffnung. Bei uns sagt dir niemand: „Warum bist du so faul?", „Warum hast du nicht geputzt?", „Warum musstest du schlafen?“. Weil wir einander verstehen und den Schmerz kennen, den Missbrauch hinterlässt.
In vielen Communities kann nicht öffentlich über Familienangelegenheiten gesprochen werden, ohne dass dies sozial geahndet wird. Also ist Diskretion geboten, damit jede von uns ihre Geschichte sicher erzählen kann. Manche Frauen wollen auch nicht, dass andere wissen, dass sie missbraucht wurden. Vor allem ältere Frauen empfinden den Missbrauch als eigene Schwäche. Für die jüngere Generation ist es einfacher. Sie artikulieren sich stark und laut.
Der gefährlichste Ort für eine Frau ist ihr eigenes Zuhause. Wie geht die südafrikanische Gesellschaft mit geschlechtsspezifischer Gewalt um? Und welche Rolle spielen staatliche Institutionen?
Esperande: Es ist wie überall auf der Welt, auch in den reichen Ländern: In der Familie leben Menschen, die nicht sensibilisiert, sondern oft patriarchal eingestellt sind. Es gibt so viel Gewalt, Vergewaltigung und Femizide, dass wir es kaum aushalten können. Südafrika hat deshalb schon 2019 den Notstand ausgerufen. Aber obwohl die südafrikanische Verfassung sehr progressiv ist und wir zum Beispiel Programme haben, die Polizeikräfte sensibilisieren sollen, ist sexuelle Gewalt auch in staatlichen Institutionen Alltag. Wenn aber Polizist:innen selbst Täter:innen sind, wie sollen sie eine Hilfe im Kampf gegen häusliche Gewalt sein?
Wie geht ihr damit um, wenn Frauen, die noch in einer missbräuchlichen Beziehung sind, einer Support Group beitreten?
Phindile: Wir drängen nicht. Aber wir sind da und wir sind zuverlässig. Phephisas Rolle ist es nicht, dich zu retten. Wir sind die Schulter, an die du dich lehnen kannst, bis du selbst stehen kannst. Wann du dein Gleichgewicht findest, entscheidest du. Aber Frauen in einer Notsituation können uns auch nachts kontaktieren, damit wir zu ihrem Haus kommen und die Situation beruhigen oder sie herausholen können.
Ob eine Überlebende dann möchte, dass ihr Mann rehabilitiert oder von uns beobachtet und dadurch in Schach gehalten wird, ist ihre Entscheidung. Nur wenn es darum geht, wer das Haus verlassen muss, dann geht es leider nicht darum, wer wen missbraucht hat, sondern darum, wessen Haus es ist. Obwohl es eigentlich ein Gesetz gibt, das Frauen schützen soll, kannst du deinen gewalttätigen Ehemann in der Realität nicht zwingen, zu gehen.
Oft halten ökonomische Zwänge die Frauen in gewalttätigen Beziehungen.
Nompilo: In vielen Fällen kann eine Person nicht aus einer missbräuchlichen Beziehung gehen, weil sie wirtschaftlich abhängig ist. Dann versuchen wir, Optionen aufzuzeigen. Leider haben wir bisher keine Mittel dafür, auch weil es so viele Frauen betrifft. Manchmal können wir organisieren, dass die Betroffenen bei anderen Leuten unterkommen. Aber das ist langfristig keine gute Option. Deshalb versuchen wir vor allem, ein Netzwerk gemeinsamer Ökonomien aufzubauen. Das ist eine unserer größten Herausforderungen.
Vor welchen Herausforderungen steht ihr noch?
Esperande: Zurzeit wird viel Hass geschürt gegen Schwarze Menschen, die oder deren Eltern nicht in Südafrika geboren wurden. „Operation Dudula“ ist eine Kampagne, die Gewalt gegen afrikanische Migrant:innen anstiftet, die bspw. aus Simbabwe oder Mosambik nach Südafrika migriert sind. Unsere Verfassung sollte sie eigentlich schützen, aber xenophobe Massenbewegungen wie Dudula – die überraschenderweise nicht von White Supremacists, sondern von Schwarzen Menschen vorangetrieben werden – drangsalieren Migrant:innen trotzdem mit aller Macht.
Das trifft auch Phephisa, denn viele Überlebende haben einen Migrationshintergrund und werden doppelt verwundbar – durch vergeschlechtlichte Gewalt und durch xenophobe Gewalt. Menschen werden gegeneinander aufgehetzt. Diejenigen von uns mit Migrationshintergrund nicht mehr frei auf der Straße bewegen, auch dann nicht, um anderen Frauen in Notsituationen beizustehen. Das macht unsere Arbeit enorm schwierig. Auch innerhalb des Netzwerks werden Vertrauen und Sicherheit untergraben, weil es auch in unseren Gruppen südafrikanische Frauen gibt, die migrantischen Frauen feindlich gegenüberstehen.
Wie geht ihr damit um?
Phindile: Zum einen machen wir gerade interne anti-xenophobe Bildungsarbeit. Und in einer Zeit, in der Xenophobie und patriarchale Gewalt sich überschneiden, brauchen wir gemeinsame Strategien. Also vernetzen wir uns. Es gibt Treffen mit anderen Organisationen, die sich gegen Xenophobie einsetzen. Zum Beispiel hat sich Abahlali baseMjondolo, die Bewegung der Shack Dwellers aus den informellen Siedlungen, mit der auch medico kooperiert, im Juli 2025 mit einer Menschenkette gegen „Operation Dudula“ gestellt. Abahlali warnte vor der faschistischen Politik dahinter.
Die Vernetzung ist wichtig, um Solidarität herzustellen und gemeinsam Widerstand zu leisten. Im November gewannen unsere zivilgesellschaftlichen Bewegungen sogar einen Sieg vor dem High Court, der eine kommunale Verordnung aufhob, die zur Durchsetzung von Operation Dudula verwendet wurde. Allerdings hat das Dudula nicht daran gehindert, noch gewalttätiger zu werden. Aber wir werden unsere Schwestern nicht im Stich lassen. Wir suchen nach Wegen, Xenophobie und Gewalt herauszufordern. Gemeinsam.
Das Interview führte Julia Manek.
In den 24 lokalen Selbsthilfegruppen von Phephisa unterstützen sich Überlebende von sexueller und vergeschlechtlichter gegenseitig. Ihr kollektiver Reflexions- und Heilungsprozess adressiert auch die gesellschaftlichen Ursachen der Gewalt. In Notfällen mobilisieren die Frauen selbst schnelle Unterstützung für Betroffene von Gewalt.




