Afghanistan-Interview

Ein Albtraum

14.08.2026   Lesezeit: 7 min  
#afghanistan  #menschenrechte 

Am 15. August jährt sich die Rückkehr der Taliban an die Macht zum fünften Mal. Im Interview berichtet Chakawak Kawiani über den Tag, der Afghanistan und ihr Leben dramatisch verändert hat.

Die 21-jährige Chakawak Kawiani kam im vergangenen Jahr mit ihrer Mutter und ihren drei jüngeren Brüdern über das Bundesaufnahmeprogramm aus Pakistan nach Deutschland. Ihre Mutter war Teil eines Untergrundnetzwerks in Kabul, das sich mit medico-Unterstützung für Frauenrechte einsetzte und dies noch immer tut. 

Als die Gefahr zu groß wurde, tauchte die Familie erst unter und floh dann nach Pakistan, wo sie fast eineinhalb Jahre in ständiger Sorge vor Razzien und der Ablehnung der deutschen Behörden auf die Ausreise wartete. medico unterstützte die Familie in dieser schwierigen Phase. Heute lebt Chakawak mit ihrer Familie im Rhein-Main-Gebiet und bereitet sich auf ein Studium vor.

medico: Als die Taliban an die Macht zurückkehrten, warst Du 16 Jahre alt. Wie hast Du diesen Moment erlebt?

Chakawak Kawiani: Ich war Schülerin und bereitete mich gerade auf meine Abschlussprüfungen vor, als die Taliban ankündigten, dass sie innerhalb zwei Wochen Kabul einnehmen würden. Ich erinnere mich so gut daran, weil sie das am ersten Tag meiner Klausurenphase sagten – und am Tag meiner letzten Klausur sind sie tatsächlich nach Kabul zurückgekehrt. Meine Mutter fühlte sich schuldig mir gegenüber. Sie wollte nicht, dass ich als junge Frau die gleiche Unterdrückung erlebe wie sie sie früher erfahren hatte. Alle um mich herum waren geschockt. Auch ich konnte mir damals überhaupt nicht vorstellen, dass die Taliban das Land wieder übernehmen könnten: Es gab ausländische Soldaten im Land und wir hatten eine eigene Armee. Ich wünschte mir, morgens aufzuwachen und herauszufinden, dass alles nur ein Albtraum war.

Ihr seid kurz darauf nach Kabul gezogen?

Mein Leben veränderte sich von einem Tag auf den anderen. Ich lebte damals mit meiner Mutter und meinen drei jüngeren Brüdern in der Provinz Panshir. Aufgrund der Kämpfe während des Vormarschs der Taliban zogen wir nach Kabul. Dort war es ruhiger. Arbeiten konnte meine Mutter als Schuldirektorin ohnehin nicht mehr. 

Wie war die Stimmung in Kabul in jenen Tagen? Wie hast du die Veränderung wahrgenommen?

Es waren sehr viele Männer auf den Straßen, wenig Frauen. Die Leute waren in Schock, auch Männer. Taliban gab es anfangs kaum in den Straßen. Erst nach Wochen und Monaten wurden sie immer präsenter, begannen die Straßen zu kontrollieren, die Kleidung von Frauen zu prüfen. Zu Beginn waren sie noch zurückhaltend, wollten den Menschen vorgaukeln, dass sie sich geändert hätten. Doch die Leute ließen sich nicht täuschen. Meine Mutter hat sich von Anfang an politisch engagiert und in einer Gruppe organisiert, um für Frauenrechte zu kämpfen. Das brachte ihr viel Ärger ein: Sie bekam immer wieder Todesdrohungen, musste sich verstecken. Wir wechselten ständig den Wohnsitz, hatten kaum Geld. Als unsere Mutter mal wieder untertauchen musste, ließ sie uns Kinder bei einer Tante in Kabul. So waren wir zwar getrennt, aber wir Kinder waren aus der Schusslinie. 

Wie fandest Du Dich in dieser Situation zurecht? Konntest Du ein Studium aufnehmen?

Für mich war Bildung ein Weg, um gegen die Taliban zu protestieren. Ich belegte Kurse im Rahmen eines Vorbereitungsjahres für das Studium. Meine Mutter meldete mich dafür in einem Institut an. Nach vier Monaten, wurden diese Kurse von den Taliban für Frauen verboten. Ich begann, an einem privaten Institut Englisch zu lernen, doch auch das verboten die Taliban. Ich konnte es zunächst nicht glauben und ging hin, um mich selbst davon zu überzeugen. Ich war am Boden zerstört, alle Teilnehmerinnen fühlten so. Der anwesende Talib wies uns zurecht, sagte, ihr seid Frauen, unser Platz sei zu Hause und wir müssten nur Kinder bekommen. Er drohte uns allen mit Folter und Verhaftung, wenn wir nicht gehen würden. Sie nahmen uns alles. Sogar das Lesen verlor ich in jener Zeit, weil sie selbst Buchläden schlossen. Bücher von Nietzsche und anderen Philosoph:innen wurden verboten. Einzig religiöse Fachliteratur war noch erlaubt.

Dann habt ihr beschlossen, das Land zu verlassen.

Wir wollten eigentlich direkt nach der Machtübernahme der Taliban das Land verlassen, so wie viele andere auch. Aber die Situation war sehr chaotisch und hoffnungslos. Wir kamen zu spät, der Flughafen war bereits geschlossen. Wir steckten also fest und hatten keine Aussicht auf einen Ausweg. Erst als wir später vom Bundesaufnahmeprogramm hörten und sich die Möglichkeit ergab, mithilfe von medico daran teilzunehmen, versuchten wir es. Wir hatten Glück, Afghanistan verlassen zu können. Ich weiß, dass es nur wenige Menschen waren, die es mit dem Programm aus dem Land geschafft haben.

Das Bundesaufnahmeprogramm wurde von der Bundesregierung aufgelegt, um Menschenrechtsverteidiger:innen aus Afghanistan herauszuholen. Tatsächlich kamen sehr viel weniger Menschen nach Deutschland als vorgesehen. Wie ist es euch damit ergangen?

Wir waren 16 Monate in Pakistan. Die deutschen Behörden wollten Nachweise über das Sorgerecht, weil meine Eltern getrennt lebten, aber offiziell nicht geschieden waren. Da mein Vater aber in Afghanistan war und wir kaum Kontakt zu ihm hatten, war es sehr schwierig für uns. Der ganze Prozess hat sehr lange gedauert und war vollkommen intransparent. Die Ungewissheit war kaum auszuhalten, uns ging es psychisch immer schlechter, ich brauchte in Pakistan therapeutische Unterstützung. 

Hinzu kam, dass wir kaum Geld hatten, die Polizei schikanierte afghanische Geflüchtete ohne Unterlass, stürmte ihre Unterkünfte, durchsuchte die wenigen Habseligkeiten. Selbst vor dem Gästehaus der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), in dem wir untergebracht waren, hat die pakistanische Polizei keinen Halt gemacht. Mein kleiner Bruder, er war vielleicht 14 Jahre alt, wurde in einem Park von der Polizei aufgegriffen und zu uns nach Hause gebracht. Erst nach Zahlung einer „Gebühr“ wurde er freigelassen.

Als wir schließlich die Zusage bekommen haben, nach Deutschland ausreisen zu dürfen, wurden wir am Flughafen von Islamabad noch mehrmals von deutschen Beamten kontrolliert. Eine Familie wurde im letzten Moment sogar noch aus dem auf der Rollbahn stehenden Flugzeug zum Ausstieg gezwungen. Wir waren bis zur letzten Sekunde total angespannt.

Und heute?

Meiner Mutter geht es nicht gut. Sie kämpft noch immer damit, ihre Heimat zwangsweise verlassen zu haben und hier ein neues Leben aufbauen zu müssen. Ich bin erleichtert. Mein Traum ist es, Pilotin zu werden. Für Afghanistan habe ich kaum Hoffnung für die Zukunft. Die Taliban betreiben Gehirnwäsche und stülpen den Menschen ihre Ideologie über. Sie haben alles ruiniert. 

Zugleich zeigt das Beispiel deiner Mutter, dass es vor Ort noch Menschen gibt, die sich nicht wehrlos ergeben, oder?

Meiner Meinung nach liegt die einzige Möglichkeit, um die Taliban zu bekämpfen nicht im bewaffneten Kampf oder in Straßenprotesten, sondern in Bildung; darin, für Mädchen und Frauen Voraussetzungen zu schaffen, so dass die Taliban keinen Einfluss, keine Kontrolle mehr über sie haben. Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus und prägen die nächste Generation. Wenn sich die Frauen in Afghanistan bilden dürfen, werden sie mächtige Mütter, gebildete Mütter. Ihre Söhne und Töchter werden keine Taliban sein. 

Das Interview führte Imad Mustafa.

Jahrelang hat medico ausreiseberechtige afghanische Familien begleitet und im Land selbst ein Untergrundnetzwerk von Frauen unterstützt, das seit der Machtübernahme der Taliban unzählige Protestaktionen im Alltag organisiert und gegen die Normalisierung der Taliban-Regierung arbeitet. Seit der Rückkehr der Taliban sind Frauen und Aktivist:innen in Afghanistan, die sich ihnen widersetzen, in Lebensgefahr.

Gleichzeitig unterstützt medico eine Organisation afghanischer Frauen in der Diaspora, die eine unabhängige Forschungseinrichtung zu Geschlechterforderung in Afghanistan aufgebaut haben. Sie gewinnen das verloren gegangene Wissen über die schon vor dem Bürgerkrieg in den 1970er Jahren existierende Frauenbewegung in Afghanistan zurück und wenden es an. 

 


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