Klimawandel

An der Flutkante

Das Bild zeigt eine Landschaft in Bangladesch, über die ein Sturm fegt.
Wetterextreme nehmen zu: Stürme als Folgen des Klimawandels. (Foto: Sven Wagner)
Gefahr droht nicht nur vom Meer: Die Folgen des Klimawandels für Bangladesch.

Rein topografisch sind die Niederlande dem Meer weitaus stärker ausgeliefert als Bangladesch. So liegen große Teile des deutschen Nachbarstaats unterhalb des Meeresspiegels. Im Falle einer Sturmflut könnten sechzig Prozent der Niederlande überflutet werden. Dank hocheffizienter Deich- und Hochwasserschutzsysteme wird das aber nicht passieren, selbst bei Anstieg des Meeresspiegels ist das Land gut gewappnet. Anders ist die Situation in Bangladesch, das im Delta dreier großer Flüsse und zu weiten Teilen nur knapp oberhalb des Meeresspiegels liegt.

Weil sich das bettelarme Land ein aufwändiges Schutzsystem nicht leisten kann, sind die Küstenbewohnerinnen und -bewohner Sturmfluten und dem Anstieg des Meeresspiegels ausgeliefert. Zwar bemüht sich die Regierung um Vorkehrungen – so werden die Küsten mit Mangroven aufgeforstet –, doch reichen diese Maßnahmen bei weitem nicht aus, um die Menschen und ihre an der Flutkante liegenden Häuser und Hütten zu schützen. Ohne zusätzliche Maßnahmen drohen infolge der Erderwärmung große Teile des Landes überflutet zu werden. Schon heute dringen die Wassermassen immer tiefer ins Landesinnere vor und versalzen fruchtbare Böden. Das führt dazu, dass Ackerflächen verloren gehen und die Landwirtschaft immer geringere Erträge erzielt.

Gefahr droht jedoch nicht nur an der Küste. Im Zuge des Klimawandels nimmt die Menge des Schmelzwassers zu, das aus dem Himalaya kommend die Flüsse in Bangladesch immer häufiger über die Ufer treten lässt. Auch die Niederschlagsmengen steigen, Bodenerosion verstärkt die Probleme. Schon jetzt wird während des Monsuns regelmäßig rund ein Viertel der Fläche Bangladeschs überflutet. 2011 wurden mehr als eine Million Menschen aufgrund der Fluten obdachlos. 2014 zwangen Überschwemmungen eine weitere halbe Million Menschen zur Flucht.

Bangladesch gehört schon heute zu den am dichtesten bevölkerten Staaten der Erde. Auf einem Gebiet, das nur doppelt so groß wie Bayern ist, leben mehr Menschen als in Russland. Und die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner dürfte trotz rückläufiger Geburtenrate bis 2050 voraussichtlich auf 220 Millionen angewachsen sein. Dann aber wird ein Großteil des Landes unter Wasser stehen. Allein an der Südküste des Landes werden dann 10 bis 30 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen müssen.

Laut den Statistiken des UN-Flüchtlingshilfswerks gibt es bislang nur eine geringe Anzahl von Flüchtlingen aus Bangladesch. Das liegt daran, dass die betroffene Bevölkerung zumeist von der Küste und dem Land in die Städte migriert. So ist die Bevölkerung der Hauptstadt Dhaka binnen 35 Jahren von 1,5 Millionen auf heute 15 Millionen explodiert. Die überwiegende Mehrheit lebt in Slums. Ursache für diese Lebensbedingungen ist unter anderem der Klimawandel. Dabei verursacht Bangladesch, das über die siebtgrößte Bevölkerung der Welt verfügt, lediglich 0,3 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes.

Wenn es kein anderswo gibt

Vor allem für die Ärmsten in Bangladesch, wie Mollika und ihre Tochter, stellt jede neue Flut eine existenzbedrohende Katastrophe dar. (Foto: Sven Wagner)
Vor allem für die Ärmsten in Bangladesch, wie Mollika und ihre Tochter, stellt jede neue Flut eine existenzbedrohende Katastrophe dar. (Foto: Sven Wagner)

Immer wieder unterspült Hochwasser die Hütte von Mollika Begum in Bangladesch. Migration ist für sie jedoch keine Option.

Der einzige Weg, der zu Hochwasserzeiten in das entlegene Dorf Char Bazra im Norden Bangladeschs führt, ist ein erhöhter staubiger Pfad, auf dem kaum zwei Motorräder aneinander vorbeikommen. Immer häufiger und stärker breiten sich die Wassermassen des Tiesta-Flusses aus und lassen Felder, Wege und Häuser verschwinden. Dort, wo sich eigentlich Siedlungen, kleine Teiche, Reisfelder und Gemüseäcker befinden, ist dann bis zum Horizont nur Wasser zu sehen. Für Mollika Begum, die mit ihrer neunjähigen Tochter Sharmin in Char Bazra wohnt, gehören die an- und irgendwann wieder abschwellenden Wassermassen zum Alltag. Wer kein eigenes Land besitzt, muss unmittelbar in der gefährlichen Uferregion siedeln, wo die ohnehin karge Existenz ständig bedroht ist. Schon mehrfach hat der Fluss den Boden unter ihrer kleinen Wellblechhütte weggeschwemmt, einige Male bereits sind sie von hier nach dort gezogen und haben wieder neu angefangen.

Der Norden ist eine der ärmsten Regionen Bangladeschs. Es gibt kaum Industrie hier, die meisten Bewohnerinnen und Bewohner sind auf die Landwirtschaft angewiesen. Doch viele Menschen besitzen weder Land noch Vieh. Sie leben unterhalb der untersten Armutsgrenze – von weniger als 25 Euro-Cent am Tag. Täglich fliehen Tausende vor dem Hochwasser der Flüsse im Norden und den Wirbelstürmen im Süden in Städte wie Khulna oder Dhaka. Die meisten landen in dichtbesiedelten Slums und fristen auch hier ein Leben in Armut. Wenn sich der Sturm gelegt und die Flut zurückgegangen ist, kehren einige wieder zurück in ihre Dörfer – bis zur nächsten Katastrophe. Mollikas Ehemann hat die Familie vor Jahren verlassen. Die ohnehin schwierige wirtschaftliche Situation verschlechterte sich dadurch noch einmal erheblich.

Mutter und Tochter lebten lange Zeit in extremer Armut. Oft mussten sie hungern. Sie hatten weder Geld für Kleidung und Medizin noch genug, um Sharmin den Schulbesuch zu ermöglichen. „Hätte ich einen Mann, wäre vieles einfacher“, erklärt Mollika. „Für mein Ansehen im Dorf ist es sehr schlecht, dass ich geschieden bin.“ Warum sie nicht weggeht, es woanders versucht? Weil es für sie kein anderswo gibt. In der Stadt wäre die Situation nicht besser, vielleicht sogar gefährlicher, und sie wäre auf sich alleine gestellt, ohne Nachbarn, Bekannte oder Verwandte wie hier auf dem Land. Und ganz woanders hingehen, das kann sich Mollika weder vorstellen noch leisten.

Also bleibt sie, trotzt dem Hochwasser und kämpft gegen Armut und Ausgrenzung. Über ein Spendenprojekt erhielt sie das Startkapital, um ein Stück Land zu pachten, Gemüse anzubauen und ein paar Enten zu kaufen. Später kamen einige Hühner dazu. Überschüssiges Gemüse und Eier verkauft sie auf dem Markt. So konnte sie sogar etwas Geld sparen. Das investierte sie in einen kleinen Laden vor ihrem Haus, in dem sie Seife, Kekse, Betelnüsse und Zigaretten verkauft. Früher mussten Mollika und Sharmin entscheiden, ob sie Reis für das Abendessen oder Stifte für die Schule kauften. Heute haben sie beides. Mit Blick auf ihre Tochter sagt Mollika: „Ich will stark sein und für eine bessere Zukunft kämpfen.“


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