»Wir sind Bauern und brauchen Land«

 

Nicaragua: Die Erfolgsgeschichte von El Tanque beweist, daß entwicklungsorientierte Nothilfe möglich ist. Aber nicht ohne die Selbstorganisation der Betroffenen

Im Oktober 1998 raste Hurrikan Mitch durch Mittelamerika und hinterließ eine Schneise der Verwüstung in Nicaragua, El Salvador und Honduras. Allein in Nicaragua kamen bei einem Erdrutsch am Vulkan Casita über zweitausend Menschen ums Leben. Nicaragua ist seither übersät von »Post-Mitch-Projekten«, weil ausländische Gelder faktisch nur noch ad hoc nach einer Katastrophe zur Verfügung gestellt werden. Von Nachhaltigkeit ist da keine Spur. Die Neuansiedlung von Überlebenden der Casita-Katastrophe in El Tanque gehört zu den wenigen aus der Katastrophe entstandenen Projekten, in denen die Menschen sich eine neue Lebensperspektive aufbauen konnten. Im Oktober vergangenen Jahres erhielten die Bewohner der Hazienda die Titel über das Land, das sie nun bebauen. Für viele Kleinbauern das erste Mal, das sie solch einen amtlich beglaubigten Titel in den Händen halten.
Ein chronologischer Rückblick von medico-Projektkoordinator Walter Schütz in Nicaragua.

medico international engagierte sich gleich nach Ausbruch des Hurrikans zuerst flächendeckend unter anderem in den nicaraguanischen Provinzen León und Chinandega im Bereich der medizinischen Nothilfe. Eine Unterstützung, die meist assistenzialistischen Charakter trug, auch wenn wir von Anfang an versuchten, die Selbstorganisation der obdachlosen Überlebenden zu fördern. Aus diesen ersten Kontakten entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den Überlebenden der Casita-Katastrophe und medico international. Deshalb wandten sich die Überlebenden wenige Wochen nach der Naturkatastrophe an medico und baten um Unterstützung beim Aufbau eines neuen Dorfes. Aber dieses Mal nicht an den risikobelasteten Hängen des Vulkans, sondern in der Ebene zwischen León und Chinandega, auf einer dem Staat abgetrotzten Hazienda mit ihren reichen Böden. 167 Familien bzw. Teilfamilien versuchten einen Neuanfang im Projekt El Tanque. Sie besetzten die Staatshazienda als Antwort auf ein Rücksiedlungsverbot durch den Staat an die Hänge des Vulkans. Sie trafen damit die erste wichtige strategische Entscheidung für den Neuanfang: Ihr lag ein Gedanke zugrunde: »Wir sind Bauern und Bäuerinnen, wir brauchen Land.« In der Komplexität ihrer Verwundbarkeit bestehend aus Armut, Gesundheitsproblemen, Unterernährung , Analphabetentum, ärmlichen Wohnverhältnissen hatten sie genau ihre Stärke entdeckt: ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse und ihre physische Fähigkeit, den Boden bearbeiten zu können, um ihr Überleben zu sichern.

Eine Aufgaben für medico

Es war nun Aufgabe von medico international sie auf diesem selbstgewählten Weg zu begleiten und unsere Erfahrung als ein Angebot einzubringen, das sie annehmen oder verwerfen konnten. Um das zu realisieren, war es notwendig alle Entscheidungsprozesse so partizipativ wie nur möglich zu gestalten. Das Projekt El Tanque sollte zwar auch ein Projekt von medico international sein. Aber Besitzer des Projekts mussten die Betroffenen selbst sein. Es begann mit dem Besuch einer dreiköpfigen Delegation des entwicklungspolitischen Ausschusses aus dem Deutschen Bundestag. Natürlich haben wir mit einigen Hintergedanken die Delegation auf die Hazienda geleitet, damit sie sich ein Bild von den Menschen in ihren elenden Plastikhütten machten. Aber es waren die Obdachlosen selbst, die den Abgeordneten erklärten, daß es ohne Landtitel keine Häuser, keine Landwirtschaft, keine Nahrung, kein Einkommen, kein Überleben geben konnte. Sie baten um Unterstützung der Parlamentarier. Sie sollten ihnen helfen, ihnen beim nicaraguanischen Staat Gehör zu verschafen. medico fiel nur noch die Aufgabe zu, diese Darstellungen zu übersetzen.

Der einmal ins Wasser geworfene Stein schlug politische Wellen, die wir nicht vorhersehen konnten. Nach Deutschland zurückgekehrt brieften die Abgeordneten ihre BMZ- Ministerin, diese ihren Delegationsleiter auf der Stockholmer Post-Mitch-Geberkonferenz. Der rang dem nicaraguanischen Delegationsleiter die Zusicherung ab, daß die Bodenfrage im El Tanque gelöst wird. Und dieser wiederholte diese Zusicherung schriftlich beim deutschen Botschafter in Nicaragua mit Kopie an medico international. So wurde der medico-Vertreter in Mittelamerika Anwalt der Obdachlosen in der Hazienda El Tanque. Ein Rolle, die er zweieinhalb Jahre gegenüber dem nicaraguanischen Präsidentenbüro wahrnahm, bis es im Oktober 2001 endlich die Landtitel gab.

Häuser bauen – Fakten schaffen

Aber inzwischen schufen die Tanqueros unumstößliche Fakten. Sie entschieden, wie das Land zu gleichen Teilen unter den Familien aufgeteilt wurde. Aber sie entschieden dies auch so, daß da noch Platz für die Gemeinschaftseinrichtungen war: also den Gesundheitsposten, die Schulbauten, den Sportplatz, für ein Büro, die Lagerhalle der Genossenschaft und natürlich für einen kleinen Park als Dorfmittelpunkt. Und die zukünftigen Häuser sollten auf der jeweiligen Parzelle der Bauernfamilie stehen und nicht in einem semiurbanen Komplex zusammengefasst werden. Gemeinschaft ja, aber auf Distanz. Fakten schuf auch der Häuserbau. Aus verschiedenen technischen Alternativen, die den Bewohnern vorlagen, wurde schließlich eine Sandwichbautechnik ausgewählt, die den klimatischen Bedingungen Rechnung trug, aber auch berücksichtigte, daß die Häuser möglichst rasch und in Nachbarschaftshilfe errichtet werden mussten. Es wurde ein Modellhaus gebaut, das zum Beschauen und Anfassen war. Drei Grundrisse entsprechend der Familiengröße gab es. Und einmal entschieden ging es los. Die Hazienda verwandelte sich in einen Ameisenhaufen. 167 Häuser wurden in nur 5 Monaten in Nachbarschaftshilfe errichtet. Frauen, Männer und auch die Kinder transportierten Materialien, mischten Mörtel an, nahmen die Rolle der Hilfsarbeiter von bis zu 82 Bauarbeitern ein. Am Ende des Jahres 1999, als alle Häuser fertig waren und erst dann der Umzug für alle aus den inzwischen vom Wind zerschlissen Plastikplanen begann, konnten die jetzt nicht mehr Obdachlosen zu recht sagen: Vamos a casa – gehen wir nach Hause. Parallel dazu begann die landwirtschaftliche Produktion. Nahrungsmittelsicherung. Nicht mehr angewiesen sein, auf die Gaben der Geberorganisation, die mal etwas schickten und dann wiederum nicht. Natürlich finanzierte medico international die Ackergeräte. Aber die Machete, das Haumesser, nahmen die Tanqueros in die Hand. Sie schufteten unter brütender Hitze bis sie ihre erste Ernte in die Kleinsilos einfahren konnten. 80 000 Kochbananensetzlinge wurden gepflanzt, 10 000 Bäume gesetzt, um das Mikroklima zu verändern und um Windschutzhecken zu errichten. Und zwischendurch Planungsworkshops, um nach der Nothilfe und dem Wiederaufbau ein Entwicklungsprojekt in Angriff zu nehmen. Wie soll unser Dorf aussehen? Wie gehen wir mit dem Kreditproblem um? Soll es neben der landwirtschaftlichen Genossenschaft noch eine kommunale Entwicklungskommision geben? Wie gestaltet sich das Verhältnis zu der Schulbehörde, zum Gesundheitsministerium? Alles Fragen auf die die Neusiedler Antworten finden mußten und fanden.

Keine Demokratie ohne Alphabetisierung

Das wohl treffendste Beispiel, wie ihre Selbstorganisation funktioniert, ist die Alphabetisierungskampagne. Immer wieder stellten wir in Fortbildungsmaßnahmen zum Beispiel im Agrarbereich fest, daß die Erwachsenen Schwierigkeiten hatten, von der Tafel zu lesen, oder sie das didaktische Material nicht interessierte. Auf einem Planungsseminar fiel ein Stichwort: Wir brauchen ein » instituto«, also eine Art Abendschule. Dann wurde ein Zensus angefertigt und es stellt sich heraus, daß 56% der erwachsenen Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnten. Es wurden 16 Alphabetisierungszirkel für 169 zu Erwachsene gegründet. Die Lehrer waren vor allem Sekundarschülerinnen aus der eigenen neuen Gemeinde. Natürlich wurden sie von erfahrenen Erwachsenenbildnern einer nicaraguanischen Nichtregierungsorganisation didaktisch angeleitet und in ihre Arbeit unterstützt. Aber sie und ihre Schüler waren es, die sich fünf Tage die Woche, jeweils zwei Stunden mit dem ABC und den Grundrechenarten beschäftigten. Im Dezember letzten Jahres konnte dann das Erziehungsministerium fast allen Neualphabetisierten ein Zertifikat darüber ausstellen, daß der Besitzer lesen und schreiben kann und die Grundrechenarten beherrscht. In diesem Jahr soll es mit der Grundschule weitergehen.

Konflikt um die Frauen

Im Laufe dieses Prozesses spielten die Frauen eine wichtige Rolle. Ihr neu entstandenes Selbstbewußtsein durch ihre Teilnahme am Aufbauprozeß führte manchmal zu Konflikten mit dem compañero, der meinte seine alte Machorolle sichern zu müssen. Das wurde zum ersten Mal deutlich als es um die Haustitel ging. Der Besitztitel für das Haus und das Land wurde auf beide Ehepartner ausgestellt. Im Falle einer Trennung soll das Eigentum dem Partner zufallen, bei dem die Kinder bleiben werden. Das sind erfahrungsgemäß die Frauen. In den meisten Fällen ging das reibungslos vonstatten. Die Männer hatten die Rolle der Frauen beim Wiederaufbau respektieren gelernt, die traditionellen Beziehungen veränderten sich zugunsten der Frauen. In anderen, wenigen Fällen führte das zu neuen Konflikten in der Familie, zum Beispiel wenn die Frauen darauf drangen, daß der Produktionskredit an die Genossenschaft zurückbezahlt wird, um im neuen Anbauzyklus wieder kreditwürdig zu sein. Es gab sogar wenige Fälle von innerfamiliärer Gewalttätigkeit. Da mußte dann das nicaraguanisches Psychologenteam von der Frauenorganisation MEC eingreifen, dessen Aufgabe eigentlich darin bestand, die traumatisierten Überlebenden der Katastrophe durch Trauerarbeit wieder lebensmutig werden zu lassen. Jetzt mußte sich das Team um Probleme kümmern, die durch das neue Rollenverhalten zwischen den Geschlechtern auftauchten. Letztendlich haben die Frauen Positionen gewonnen. Das wird in zwei Wahlen deutlich: Im Vorstand und in den Kommissionen der Produktionsgenossenschaft, die zu Anfang des Projektes gewählt wurde, sind zwei Drittel Männer. Es gibt nur eine Frau im Leitungsgremium. In der kürzlich gewählten kommunalen Entwicklungskommission sind mehr als die Hälfte Frauen. Ihre Koordinatorin ist Marcia, die neue alcaldita, die Bürgermeisterin. Die Frauen haben also auch von ihrem Projekt Besitz ergriffen.

Die Entwicklung in El Tanque geht weiter. Ziel ist es mit einer austarierten landwirtschaftlichen Produktion, die drei Ernten im Jahr bringen soll, für alle Familien einen Warenkorb zu erwirtschaften, der ihnen Überleben und Zukunft ermöglicht. Dazu bitten wir um Ihre Mithilfe. Spenden unter dem Stichwort: Nicaragua


Veröffentlicht am

    Mehr zum Thema

    Innerer Zerfall
    Über die nächste Etappe des zivilen Aufbegehrens gegen das Ortega-Regime. Weiterlesen

    Neuer Horizont
    Studierende wollen Freiheit und Demokratie. Was können sie gegen die Repression ausrichten? Weiterlesen

    Die Enkel der Revolution
    Die Jugend will Demokratie und ein Ende des autoritären Paternalismus. Dafür riskiert sie viel. Von Katja Maurer und Moritz Krawinkel, Managua Weiterlesen

    Jetzt spenden!

     

    Wir verwenden Cookies zur Bereitstellung und Verbesserung unserer Website. Weitere Informationen.