Mali

Weißes Gold ohne Wert

Das Bild zeigt Baumwollpflücker in Mali.
Wenn Arbeit arm macht. Viele Baumwollpflückerinnen und -pflücker in Mali verlassen das Land, weil die Weltmarktpreise die lokalen Ökonomien kaputt machen. (Foto: Reuters)
Segen des Weltmarktes: Warum Mali trotz der großen Nachfrage nach Baumwolle arm ist.

Mali ist nicht nur der drittgrößte Goldproduzent Afrikas, sondern auch der zweitgrößte Erzeuger von Baumwolle. Doch trotz der großen Nachfrage nach dem „weißen Gold“ auf dem Weltmarkt leben heute vier von fünf Baumwollbauern und -bäuerinnen in Mali in Armut. Die Region Sikasso, wo ein Großteil der Baumwolle angebaut wird, gilt als die ärmste des Landes.

Der Anbau und die Weiterverarbeitung von Baumwolle stellte für Mali lange Zeit eine wichtige Strategie zur Minderung der Armut auf dem Land dar. Eine verstaatlichte Wirtschaft kaufte den Bäuerinnen und Bauern die Rohbaumwolle zu einem stabilen Preis ab. Tausende Familien sicherten so ihr Überleben. Nach und nach geriet das Land jedoch in eine schwere Schuldenkrise. In den 1980er Jahren entwickelten Weltbank und Internationaler Währungsfonds Strukturanpassungsprogramme als Bedingung für die Vergabe von Krediten und den Erlass von Schulden. Dazu gehörte eine strikte Privatisierung der staatlichen Betriebe, also ihre Umwandlung in Privatunternehmen, und eine Anpassung an die vom Weltmarkt vorgegebenen – deutlich niedrigeren – Preise. Für die malischen Baumwollbauern und -bäuerinnen hatte das verheerende Konsequenzen. Viele haben den Anbau eingestellt und sind in die städtischen Zentren abgewandert oder versuchen, im Bergbau Arbeit zu finden. Dass sie auf dem Weltmarkt kaum konkurrenzfähig sind, liegt auch an den hohen Subventionen, die die USA, China und die EU ihren Produzentinnen und Produzenten zahlen, so dass diese ihre Baumwolle deutlich günstiger anbieten können. Die Regierung Malis versucht daher gemeinsam mit anderen Ländern des Südens, die Welthandelsorganisation (WTO) zu einer Abschaffung der Baumwollsubventionen zu drängen. Bislang vergeblich.

Indem die Wirtschaft in Ländern wie Mali weitgehend schutzlos dem Weltmarkt ausgesetzt wurde, sind viele lokale Strukturen und Märkte zerstört worden. Massenprodukte aus China oder Lebensmittel aus Europa verdrängen heimische Produkte und die eigenen Rohstoffe werden meist anderswo weiterverarbeitet. Da in Mali immer weniger Menschen in der Baumwollverarbeitung oder in anderen Bereichen ein Auskommen finden, wächst die Zahl der Armen. Laut UN-Angaben leben inzwischen sieben von zehn Malierinnen und Maliern unterhalb der nationalen Armutsgrenze.

Seit Anfang 2012 wird insbesondere der Norden Malis von kriegerischen Auseinandersetzungen erschüttert, die Hunderttausende zur Flucht zwangen. Angesichts von Perspektivlosigkeit und zunehmender Gewalt hat inzwischen ein Viertel aller Malierinnen und Malier das Land verlassen. Die meisten bleiben in der Region, nur wenige versuchen nach Europa zu gelangen. Da es kaum noch legale Migrationsmöglichkeiten für sie gibt, müssen sie die gefährliche Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer wagen. Das Geld, das die Ausgewanderten an ihre Familien überweisen, ist heute eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes geworden. Die Summe ist höher als die Investitionen ausländischer Unternehmen oder als die Entwicklungshilfegelder, die ins Land fließen.

 

 

Sie gelten als Versager

Perspektivlosigkeit treibt sie in die Migration: Zehntausende junge Malier verlassen wie Ibrahim ihr Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Viele scheitern.
Perspektivlosigkeit treibt sie in die Migration: Zehntausende junge Malier verlassen wie Ibrahim ihr Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Viele scheitern. (Foto: Stephan Dünnwald)

Hochverschuldet kehrte Ibrahim Camara nach mehreren Migrationsversuchen zu seinen Eltern in Mali zurück.

Ibrahim Camara ist mit seinen 27 Jahren kein Jugendlicher mehr. Trotzdem gilt er in der Gesellschaft Malis, in der Erwachsensein über Heirat und Kinder definiert wird, als „Jeune“, als Junger, der noch auf dem Gehöft der Eltern im Süden Malis lebt. Anders als im Rest von Mali ist Landwirtschaft hier im Süden gut machbar. Das Klima erlaubt den Anbau von Mais, Hirse, Orangen, Mangos und einer Vielzahl weiterer Früchte. Vor allem der Anbau von Baumwolle hat lange dazu beigetragen, dass die Menschen in der ländlichen Region, in der die meisten von ihren eigenen Erträgen leben, über die Runden gekommen sind. Doch das hat sich mit der Privatisierung und letztlichen Stilllegung vieler Baumwollverarbeitungsbetriebe geändert. Nach wie vor ist die Landwirtschaft jedoch fast der einzige Bereich, in dem es noch Arbeit gibt.

Die Landwirtschaft in Mali braucht viele Hände, denn hier wird noch mit der Daba, der Hacke, gearbeitet. Maschinen gibt es kaum. Kinderarbeit ist selbstverständlich. Wer viele Kinder hat, hat auch viele Kosten, für medizinische Behandlung, Schulmaterial und nicht zuletzt für Essen. Die Ernten sind schwankend, der Regen kommt oft nicht zur richtigen Zeit, oder es regnet nicht genug. Nie ist sicher, ob alle satt werden. Daher gehen viele junge Leute ins Ausland, meist in Nachbarländer. Seit dem Jahr 2000 etwa zieht es immer mehr junge Männer auch nach Europa. Einige haben es geschafft, sich dort ein Einkommen und einen Aufenthalt zu sichern. Sie gelten in Mali als die Helden, alle kennen ihre Geschichten. Den Erfolgreichen folgten viele nach – und scheiterten. Seit 2002 hat vor allem Spanien seine Grenzen massiv aufgerüstet. Viele Migranten und Migrantinnen sitzen seither irgendwo entlang der Routen fest, wurden an der Grenze abgewiesen oder aus Europa abgeschoben. Oftmals sind sie mittellos wieder dort gelandet, wo sie aufgebrochen waren.

Nach der misslungenen Migration bleibt jungen Männern wie Ibrahim nichts übrig als wieder auf den Feldern der Familie zu arbeiten und nebenbei ein eigenes Stück Land zu bewirtschaften. Diejenigen, die es nach Spanien geschafft haben, mussten wegen der Wirtschaftskrise häufig in andere Länder – Frankreich, Luxemburg, die Schweiz – weiterwandern. Wie Ibrahim haben viele junge Männer wertvolle Jahre an die Migration verloren. Zu Hause gelten sie als Versager, die es nicht einmal zu einem eigenen Stück Land gebracht haben. Dabei sind nicht die Migranten und Migrantinnen Schuld an diesem Versagen, sondern „die Ungerechtigkeit der Verhältnisse“, wie Mahamadou Keita, der Generalsekretär der malischen Abgeschobenenselbstorganisation AME betont.

Diese Abschiebeerfahrung und die oft drückenden Schulden haben viele desillusioniert. Doch manche haben aus der Migration gelernt. Ibrahim hat aus Marokko Orangenpflanzen mitgebracht. Mit diesen hat er begonnen, die faserigen malischen Orangen zu veredeln. Eine Technik, die er aus Marokko kennt. Es wird noch dauern, bis seine Orangen Geld abwerfen. Aber für Ibrahim liegt darin die Hoffnung, eines Tages seine Schulden bezahlen und sich eine lebenswerte Zukunft aufbauen zu können.


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