Syrien

Hilferuf aus Ost-Ghouta

Bergungsarbeiten nach der Bombardierung der Untergrundschule in Ost-Ghouta, die von medico international und Adopt a Revolution unterstützt wird. (Foto: Komitee Erbin)
Bei einem Luftangriff wurden 19. März mindestens 15 Kinder und zwei Frauen in den Kellerklassenzimmern einer Schule in Ost-Ghouta getötet, mindestens 50 weitere Personen wurden verletzt.

Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich nach Angaben von lokalen Aktivist_innen rund 400 Menschen in der Schule, die dort Schutz vor dem heftigen Bombardement gesucht hatten. Aufgrund des seit Jahren anhaltenden Beschusses mit Granaten wurden die Schulen in Kellerräumen eingerichtet, um Kindern die Möglichkeit zu geben, vor Angriffen geschützt unterrichtet zu werden.  

medico unterstützt die Schulen im Untergrund, gemeinsam mit der Initiative Adopt a Revolution, seit fünf Jahren. Zurzeit stehen wir fast täglich in Austausch mit den Mitgliedern des lokalen Komitees in Erbin und versuchen Kontakt zu halten – so gut dies eben geht.  Die syrische und russische Luftwaffe schreckt vor der Bombardierung ziviler Einrichtungen nicht zurück, nun trifft es auch die Schulen, in denen zuletzt fast 2000 Kinder dem Kriegsalltag entfliehen und geschützt lernen und spielen konnten. Dies zeigt erneut wie dramatisch die Lage der Zivilist_innen in Ost-Ghouta ist. Die Zivilbevölkerung wird zur Flucht gezwungen. Nur, dass es keinen sicheren Ort für sie gibt, wohin sie fliehen können.

Schulkeller bombardiert

Bereits am Ende Februar war eine Schule durch eine Fassbombe getroffen und beschädigt worden. Eine Person wurde dabei getötet, rund 20 weitere Personen verletzt. Die Kellerräume dieser Schule wurden dermaßen beschädigt, dass die 200 Menschen, die dort Zuflucht gefunden hatten, die Schutzräume verlassen mussten. Die Räume konnten mittlerweile notdürftig repariert werden und dienen während des kontinuierlichen Bombardements wieder als Luftschutzkeller. Aufgrund des Einsatzes von Chlorgas mussten die Schutzsuchenden einer anderen Untergrundschule, die Teil des gleichen Schulverbunds ist, während des Bombardements die Kellerräume verlassen. Vor der aktuellen Angriffswelle bot das Schulprojekt in Erbin rund 1.800 Schülerinnen und Schülern säkularen Unterricht, Schutz vor Bombardements und zuletzt auch eine regelmäßige Schulspeisung.

Aus Schulen wurden Luftschutzkeller

Die getroffenen Schulen sind Teil des Verbunds von insgesamt sechs Schulen in Erbin und bot Kindern in Vor- und Grundschulen säkularen Unterricht. Zivile Aktivist_innen hatten die Schulen gegründet, um eine Alternative zu den konfessionellen Religionsschulen von Islamisten in Ost-Ghouta aufzubauen.
 

Noch als Schule im Betrieb: Einer der Keller vor der Umfunktionierung zur Unterkunft. (Foto: Lokales Komittee Erbin)

Mit Beginn der syrisch-russischen Offensive auf Ost-Ghouta wurde sie als Luftschutzkeller für die lokale Bevölkerung genutzt, hier half medico bei der Ausstattung und Umrüstung:

Der Hilferuf zur Ausstattung von Kellern als Schutzorte vor den Bombardements ereilte medico bereits zu Beginn des Jahres aus dem vom syrischen Regime belagerten Ost-Ghouta, wo noch etwa 400.000 Menschen leben.  Denn die hygienischen Bedingungen in den improvisierten „Luftschutzkellern“ waren katastrophal. Mit finanzieller Unterstützung durch medico konnten die Partner vom lokalen Komitee von Erbin für eine bessere Ausstattung sorgen. Die Keller, die nie als Schutzräume oder zum Aufenthalt gedacht waren, wurden mit Toiletten, Heizöfen, Wassertanks, Ventilatoren und LED-Licht ausgestattet. Der Betrieb in den Untergrundschulen wurde aufgrund der Bombardements eingestellt und Familien suchen dort nun Zuflucht.

Was folgen wird ist Totenstille

Die Situation ist Ost-Ghouta verschlechtert sich täglich: Versorgungstunnel in das Gebiet wurden systematisch zerstört und immer mehr Checkpoints, über die Waren und Nahrungsmittel vollkommen überteuert eingeführt werden konnten, wurden zunehmend geschlossen. Hilfslieferungen der UN  in das Gebiet fanden in den letzten Monaten nur punktuell und vollkommend unzureichend statt. Durch die immer stärkere Verknappung sind die Preise in Ost-Ghouta für Lebensmittel und andere Waren explodiert.

Neben der immer schwierigeren Versorgungslage im Innern intensivierte die syrische Armee, ihr unterstellte Milizen und die russische Luftwaffe  seit  Dezember 2017 den Beschuss und die Bombardierung aus der Luft. Dabei sind öffentliche Orte wie Moscheen, Schulen, Krankenhäuser, Märkte aber auch Lebensmitteldepots bewusste Ziele dieser Angriffe. Erbin liegt am Rande Ost-Ghoutas und ist daher besonders von den Bombardierungen und militärischen Auseinandersetzungen rund um das Gebiet betroffen. Diese gezielten Angriffe auf die Zivilbevölkerung haben dazu geführt, dass tausende Menschen sich mittlerweile dauerhaft in improvisierten Schutzräumen unter der Erde aufhalten. Alleine in Erbin gibt es über 70 solcher Kellerräume. Die Untergrundräume der Schulen bieten seitdem bis zu 2.200 Menschen Zuflucht.

In einer Dringlichkeitssitzung verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 24.02.2018 eine Resolution, die einen unverzüglichen 30-tägigen Waffenstillstand und humanitären Zugang in Syrien vorsieht. Die Resolution ist bislang weder in Ost-Ghouta noch in anderen Gebieten (Afrin, Idlib) umgesetzt worden und scheiterte an fortgesetzten Angriffen von allen Kriegsparteien. Russland und Syrien weigern sich, eine Waffenruhe in Ost-Ghouta umzusetzen mit Verweis auf Kämpfer Al-Nusra naher Milizen, deren Bekämpfung auch von der letzten UN-Resolution gedeckt ist. Gleichzeitig kommt es immer wieder auch zu Beschuss aus Ost Ghouta heraus auf die Hauptstadt Damaskus. Lokale Verhandlungen mit der Regierung in Damaskus über den Rückzug von Zivilist_innen wurden zuletzt erfolglos abgebrochen.

Es ist zu befürchten, dass Ost-Ghouta ein ähnliches Szenario wie im Dezember 2016 Ost-Aleppo droht, wo nach monatelanger Bombardierung und Belagerung der Zivilbevölkerung Regimetruppen und Milizen die Stadt einnahmen und Rebellenkämpfer und Aktivist_innen zu tausenden erschossen oder verhaftet sowie die Einwohner systematisch vertrieben und umgesiedelt wurden.               

medico hält weiter Kontakt zu seinen Partnern vor Ort, die versuchen in dem anhaltenden Drama des Syrienkrieges weiter humanitäre Hilfe zu leisten und ziviles Engagement zeigen – im Alltag des Krieges ist dies reine Hilfe zum Überleben.
 

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Stichwort "Syrien"


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