Erklärung

Eine Frage der Demokratie

26.01.2026   Lesezeit: 3 min  
#rojava  #syrien 

Der Umgang mit Rojava ist der Prüfstein für ein neues Syrien

Kobanê, Hasakeh, Qamislo, Derik: Seit Mitte Januar werden Rojava und seine Bewohner:innen in ihren Grundfesten angegriffen. Die syrisch-kurdische Grenzstadt Kobanê, von der einst der militärische Zusammenbruch des „IS-Kalifats“ ausging, steht unter Belagerung, mehr als 200.000 Menschen wird der Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität verwehrt – erste Hilfskonvois treffen zwar seit dem 25. Januar ein, Entspannung zeichnet sich für Kobanê jedoch nicht ab. Unter den vorrückenden syrischen Regierungsmilizen befinden sich nicht nur dschihadistische Gruppen und türkeinahe Verbände, sondern auch freigelassene IS-Kämpfer.

Diese Entwicklungen stellen nach den Massakern an Alawit:innen und Drus:innen einen massiven Einschnitt für alle Bemühungen um Demokratie und Frieden in Syrien dar. Nach dem Sturz Assads bekräftigten die kurdische geprägte Selbstverwaltung und die syrische Übergangsregierung den gemeinsamen Willen, ein freies Syrien zu ermöglichen und mitzugestalten. Diese Perspektive droht nun beerdigt zu werden – und zwar endgültig. Die von Interimspräsident al-Scharaa offenkundig gewollte Eskalation scheint dabei ganz im Sinne der sich vollziehenden autoritären Wende der involvierten westlichen Regierungen zu sein. Diese unterstützen weiterhin al-Scharaas Kurs, der ihnen zwar keine Demokratie in Syrien, wohl aber Kontrolle, Souveränität und Stabilität verspricht. Opfer dieser Wende werden nicht nur die Kurd:innen, sondern die syrische Gesellschaft insgesamt sein. Syrien hat kein Minderheitenproblem, sondern ein Demokratieproblem.

Der Angriff auf Rojava wird oft als Akt einer notwendigen staatlichen Konsolidierung dargestellt. Diese Lesart verfehlt den Kern des Konflikts: Rojava stellt keine Frage der Sezession, sondern die Frage der Demokratie selbst. Es geht darum, ob politische Vielfalt anerkannt und politisch institutionalisiert werden kann – oder ob sie autoritär eingehegt und im Zentralismus aufgelöst wird. 

Sicher: Auch Rojava ist nicht frei von Widersprüchen, Unrecht und autoritären Strukturen, die nicht zuletzt unter den Bedingungen eines permanenten Krieges gedeihen. Dennoch war und ist die Region geprägt vom unabdingbaren Willen, Gemeinschaft anders und offen zu organisieren – als ein Ort, in dem persönliche Freiheit und eine multiethnische Demokratie gedeihen sollten.

Auch eine kurdische Frage

Doch noch etwas geschieht dieser Tage: Rojava ist wie schon beim Kampf gegen den IS von einer syrischen zu einer gesamtkurdischen Angelegenheit geworden, in der sich eine Erfahrungsgeschichte wiedererkennt, die um ihre politische Existenz als Gemeinschaft ringt und in deren Gedächtnis die historisch immer wiederkehrende Erfahrung der Verneinung, Leugnung und Verfolgung kurdischer Identität eingeschrieben ist. Von Başûr (Irakisch-Kurdistan) über Bakur (Kurdistan in der Türkei) bis nach Rojhilat (Kurdistan im Iran) reicht diese Geschichte, die die Region als ungelöster Konflikt zwischen staatlicher Souveränität und dem Anspruch von Gesellschaften auf kollektive Rechte durchzieht. 

Es sei nur an die Anfal-Operation des Regimes von Saddam Hussein erinnert. Zwischen 1986 und 1989 folgten Vertreibungen, Massaker und die systematische Zerstörung tausender kurdischer Dörfer aufeinander. Der Einsatz chemischer Waffen in Halabja steht bis heute für den Versuch, eine Gesellschaft physisch und politisch auszulöschen. Diese historische Erfahrung bildet den Hintergrund, vor dem die gegenwärtigen Entwicklungen gelesen werden müssen.

Stabiler Frieden als Voraussetzung

Ob Rojava einen Platz im neuen Syrien hat, ist dennoch nicht nur eine kurdische Frage. Sie entscheidet darüber, ob es in der Region zukünftig möglich ist, politische Vielfalt auszuhalten und demokratische Selbstorganisation zuzulassen.

Einer Wahrheit sollten sich alle bewaffneten Akteure in der Region stellen: Wer mit Gewalt eine Gesellschaft zu stabilisieren versucht, verunmöglicht jeglichen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine gemeinsame Zukunft in Syrien kann nur in einem demokratischen Prozess entstehen, dessen Voraussetzung ein stabiler Frieden ist. Auf dem Schlachtfeld werden auch nach Assad keine Probleme gelöst. Demokratie lebt von Vielfalt, von Widerspruch, von multiethnischen und föderalen Strukturen, von Autonomie und gleichen Rechten aller. Ob Rojava einen Platz im neuen Syrien hat, ist deswegen auch eine Blaupause dafür, ob das neue Syrien eine echte Demokratie sein kann und möchte.

Rojava und seine Bevölkerung haben im letzten Jahrzehnt weltweit Solidarität und Anerkennung erfahren. Diese Unterstützung wird die Menschen vor Ort auch heute stärken.

medico international, Januar 2026


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