Syrien

Gewaltvolle Tage, ungewisse Zukunft

15.01.2026   Lesezeit: 5 min  
#rojava 

Nach den Massakern in Latakia und Suweida stellen die Angriffe in Aleppo die Perspektive auf ein plurales Syrien weiter in Frage. Arabische und kurdische medico-Partner:innen leisten Nothilfe.

Von Anita Starosta

Aleppo ist noch nicht vorbei: Nachdem sich die Kämpfe in der Stadt seit Sonntag beruhigt haben und die kurdischen Stadtteile jetzt unter Kontrolle der HTS stehen, wurden nun Gebiete östlich von Aleppo, die unter Kontrolle der autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens stehen, von der syrischen Übergangsregierung zur Sperrzone erklärt. Damit verbunden ist die Aufforderung zum Rückzug der SDF aus den Gebieten, die westlich des Euphrats liegen – eine jahrelange Forderung der türkischen Regierung.

Über Nacht kam es zu Drohnenbeschuss durch die Türkei, um die Truppen der Übergangsregierung zu unterstützen. Seit dem Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der PKK waren die Drohnenangriffe in Rojava weitestgehend eingestellt worden; erstmals seit vielen Jahren konnten sich die Bewohner:innen der Region sicher auf den Straßen Rojavas bewegen. Es ist kein gutes Signal, dass Angriffe wieder aufgenommen werden.

Zehntausende Vertriebene

Die Bilder, die uns in den letzten Tagen aus Aleppo erreichten, erinnern an die Massaker in Latakia und Suweida: Es kam zu Hinrichtungen, Verhaftungen und Vertreibungen. Die Menschen vor Ort fühlen sich nicht nur an die Massaker in Syrien erinnert, sondern auch an Verfolgung und Vertreibung aus Afrin, Serekaniye und die Überfälle des IS – ein Trauma, das sich tief durch die kurdische Gesellschaft zieht.

Mindestens 23 Zivilist:innen sind bei den Angriffen auf die kurdisch geprägten Stadtteile Sheikh Maqsoud und al-Ashrafieh getötet worden, es gibt zahlreiche Verletzte, Verhaftete und Verschwundene. Unter ihnen sind auch medico-Partner: Drei Mitarbeiter des Kurdischen Roten Halbmonds wurden entführt, ein Krankenpfleger ist inzwischen wieder frei. Zu den beiden anderen Kollegen besteht weiter kein Kontakt. Laut UN-Angaben waren zwischenzeitlich bis zu 150.000 Menschen aus den angegriffenen Stadtvierteln geflohen. Etwa 20.000 sollen inzwischen zurückgekehrt sein, der Großteil harrt jedoch in Notunterkünften auf dem Gebiet der Selbstverwaltung in Idlib, Afrin und Tabqa aus.

Die Versorgungslage in Sheikh Maqsoud und al-Ashrafieh ist aufgrund der anhaltenden Belagerung mittlerweile mehr als unzureichend. In den letzten Monaten konnte der Kurdische Halbmond mit medico-Unterstützung durch die Ausbildung ziviler Helfer:innen zwar den Katastrophenschutz stärken, doch ihre Arbeit und auch die der Gesundheitsteams des Kurdischen Roten Halbmonds in den angegriffenen Vierteln ist eingestellt. Zu groß ist die Bedrohung durch die neuen Sicherheitskräfte.

Der Kurdische Rote Halbmond fordert weiterhin die Einhaltung humanitärer Grundregeln: Die Evakuierung von regulären Krankenhauspatient:innen sowie Schwerverletzten durch die Kämpfe aus den Krankenhäusern muss gewährleistet und eine umfassende Versorgung sichergestellt werden.

Spaltung Syriens

Aleppo galt im März-Abkommen zwischen SDF und HTS als Prüfstein für das Zusammenleben der kurdischen und anderer Minderheiten mit einer mehrheitlich arabischen Bevölkerung in Syrien. Die vergangenen Jahre in Aleppo waren von Krieg, die Belagerung durch Assads Truppen und das Erdbeben 2022 geprägt. Die Bevölkerung der Stadt hat vieles gemeinsam erlitten.

Dass es nun Angriffe und Übergriffe gab, bedeutet das Ende eines möglichen Zusammenlebens und treibt die Spaltung Syriens entlang ethnischer und religiöser Linien voran. Eine düstere Zukunft. Seit Assads Sturz waren es insbesondere Initiativen aus der syrischen Zivilgesellschaft, die sich um Verständigungs- und Versöhungsprozesse über ethnische und religiöse Grenzen hinweg bemüht haben. So hat die medico-Partnerorganisation RDI aus Nordostsyrien mit diesem Ziel diverse Zusammenkünfte von Qamislo über Raqqa und Homs bis nach Damaskus organisiert. Der medico-Partner Azaz bemüht sich in Afrin ebenfalls seit vielen Jahren um das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Auch jetzt sind sie es, die humanitäre Hilfe organisieren, während die syrische Übergangsregierung durch ihre Militäroperationen ein friedliches Syrien immer mehr in Frage stellt.

Normalisierung des Regimes in Damaskus

Während die Gewalt in Syrien eskaliert setzt der Westen auf Normalisierung. Während der Angriffe auf die kurdische Bevölkerung in Aleppo besucht EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa, um über Wiederaufbaupläne und die Rückführung syrischer Geflüchteter zu sprechen. Am Montag wird al-Scharaa in Berlin erwartet – auf Einladung von Friedrich Merz. Ziel der Gespräche ist es, die Abschiebungen nach Syrien zu intensivieren und weitere Vereinbarungen zu treffen. Es bleibt anzunehmen, dass auch Merz zu den Verbrechen in Syrien schweigen wird.

Syrien ist kein sicheres Herkunftsland – das hatte Außenminister Johann Wadephul unmittelbar nach seinem ersten Syrien-Besuch festgestellt und wurde dafür von seinen CDU-Kolleg:innen gescholten. Inzwischen ist er wieder auf Linie. Gegen diese Politik, die sich nicht für die Zustände vor Ort interessiert, sondern der es nur um „Stabilität“ und eine Legitimation möglichst vieler Abschiebungen geht, braucht es breiten zivilgesellschaftlichen Protest. Die Menschen in Syrien benötigen Solidarität und Unterstützung in diesen schweren Zeiten.

Nothilfe für Vertriebene

Die medico-Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond versorgt mit ihren Notfallteams die Menschen, die aus Aleppo geflohen und in Tabqa – im Gebiet der Selbstverwaltung – angekommen sind. Dort besteht noch ein Lager, in dem Vertriebene aus Shebha Ende 2024 Zuflucht fanden. Auch in Afrin und Idlib sind medico-Partnerorganisationen in der Nothilfe aktiv und kümmern sich um Vertriebene. So sind Aktivist:innen aus dem Frauenzentrum in Idlib, das medico und Adopt a Revolution schon seit vielen Jahren unterstützen, nach Aleppo gereist, um in den Notunterkünften Hygieneartikel zu verteilen. Aktuell versorgen sie zudem Ankommende aus Aleppo in Idlib.

Auch, das Anbar-Zentrum in Afrin, das sich seit Jahren mit medico-Unterstützung für ein friedliches Zusammenleben zwischen Kurd:innen und Araber:innen einsetzt, unterstützt Vertriebene in Notunterkünften mit warmen Mahlzeiten und psychosozialer Begleitung. Mit einer Spende für Rojava oder Syrien können die Nothilfemaßnahmen der medico-Partner:innen unterstützt werden; diese Hilfe wird dringend benötigt, denn Unterstützung von außen gibt es bisher nicht.

Anita Starosta

Anita Starosta leitet die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Außerdem ist die Historikerin für die Kommunikation zur Türkei, zu Nordsyrien und dem Irak zuständig. 

Twitter: @StarostaAnita
Bluesky: @starosta


Jetzt spenden!