Analyse

Die Todeszone

14.10.2026   Lesezeit: 2 min

An der polnisch-belarussischen Grenze starben seit 2021 mindestens 102 Menschen. medico-Partner Border Forensics zeigt, wie Pushbacks, Grenzanlagen und Straflosigkeit den Tod systematisch hervorbringen.

Im Sommer 2021 erleichterte das belarussische Regime Menschen aus dem Globalen Süden die Durchreise Richtung Polen, um die Europäische Union politisch unter Druck zu setzen. Die EU stellt Migration als Bedrohung dar und kriminalisiert Bewegungsfreiheit. Belarus nutzte genau diese Logik und setzte darauf, dass die Grenzübertritte die Union destabilisieren würden. Die polnische Regierung sprach von "hybrider Kriegsführung" und der "Instrumentalisierung" von Migrant:innen. Mit Rückendeckung der EU erließ das Land Ausnahmegesetze, errichtete Grenzbefestigungen und zog große Kontingente an Sicherheitskräften zusammen – das ganze Grenzgebiet zu Belarus wurde militarisiert. In den letzten fünf Jahren wurden Schutzsuchende an der Grenze misshandelt, zurückgedrängt und in Europas letztem Urwald Białowieża ihrem Schicksal überlassen. Mehr als 100 Todesfälle sind dokumentiert, viele weitere Menschen werden vermisst.

Zwei Jahre lang hat Border Forensics gemeinsam mit den Forschungsprojekten Circumference of Violence und Infrastructuring Nature untersucht, wie dieses tödliche System entstanden ist und wer dafür Verantwortung trägt. Die Untersuchung verbindet ethnografische Forschung, Diskursanalyse, forensische Rekonstruktion und geostatistische Auswertung. Zehn tödliche Vorfälle wurden im Detail rekonstruiert.

Das Ergebnis: Kälte, Flüsse und Wälder werden zur Waffe, weil Pushbacks und blockierte Hilfe die Menschen tagelang in lebensgefährlichen Zonen festhalten. Tote gelten dennoch offiziell als Opfer der Natur, die Verantwortlichen bleiben unbehelligt. Daran hat auch der mit großen Erwartungen verbundene Regierungswechsel 2023 von der autoritären PiS zur sogenannten Bürgerkoalition unter Donald Tusk nichts geändert. Mit der Aussetzung des Asylrechts in Polen im März 2025 hat sich das Grenzregime weiter verfestigt und dient nun als Vorbild für die Krisenverordnung des neuen EU-Migrationspakts.

Die Untersuchung von Border Forensics wurde von medico international, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung unterstützt.

The Death Zone

The Making of a Lethal Pushback Regime Across the Polish–Belarusian Borderlands


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