Mit der Integration der Syrian Democratic Forces (SDF) in das syrische Militär der Übergangsregierung unter Präsident al-Scharaa wurde Anfang September vollzogen, was unter dem Druck brutaler Gewalt zu Beginn des Jahres zwischen der Selbstverwaltung in Nordostsyrien und der Übergangsregierung in Damaskus beschlossen wurde: die De-facto-Auflösung der kurdisch geprägten Autonomie.
Über 14 Jahre kontrollierte die Selbstverwaltung bis zu einem Drittel Syriens und erprobte ein demokratisches Experiment für Syrien, in dem persönliche Freiheit sowie Minderheitenrechte prägend waren. Die kurdische Bezeichnung Rojava (Westkurdistan) steht für einen demokratischen und multiethnischen Anspruch; für ein Gesellschaftsmodell, in dem Mitbestimmung und Gleichberechtigung zentrale Säulen sein sollen.
Der Übergang ist von Unsicherheit und Ängsten geprägt. Es kommt zu gewalttätigen Übergriffen, Spannungen zwischen HTS und Minderheiten sowie Protesten gegen die Einschränkung bestehender Rechte. Wie viel wird von Rojava übrig bleiben? Wie sehr wird sich das neue Syrien verändern?
Zeiten des Umbruchs
Seit dem Handschlag zwischen al-Scharaa und dem Oberkommandierenden der SDF, Mazloum Abdi, am 18. Januar 2026 und dem anschließenden Integrationsabkommen vom 30. Januar ist viel passiert – Gutes wie Schlechtes. So erzählen es uns medico-Partner:innen, Freund:innen und Weggefährt:innen, wenn wir nachfragen, wie es ihnen in diesen Zeiten des Umbruchs ergeht.
Tausende Vertriebene kehren nach Afrin und Serekaniye zurück, staatenlose Kurd:innen können nun die syrische Staatsbürgerschaft beantragen, Kurdisch wird als offizielle Sprache verankert, die Frauenstrukturen der Selbstverwaltung bekommen unter neuem Namen (statt Women Comission müssen sie sich nun Commission of Family and Population nennen) ihren offiziellen Ort im Sozialministerium, es gibt den ersten kurdischen Gouverneur Syriens und Mazloum Abdi und die Ko-Vorsitzende des Exekutivrats der Selbstverwaltung, Ilham Amed, bekommen offizielle Positionen im neuen syrischen Staatswesen, als Berater und Parlamentsmitglied. Gleichzeitig ist von einschüchterungen gegenüber nach Afrin Zurückgekehrten zu hören. In Serekaniye wurden Kurd:innen gewaltsam daran gehindert, ihre Häuser wieder zu beziehen. Die versprochene Einbürgerung ist bisher nicht erfolgt, an den Schulen ist der Kurdisch Unterricht auf nur noch drei Stunden pro Woche eingeschränkt worden und die gesellschaftliche Stellung der Frau wird sukzessive zurückgeschraubt. So wird in Schulen wieder nach Geschlechtern getrennt unterrichtet. Syrische Sicherheitskräfte patrouillieren dort, wo früher diejenigen für Sicherheit sorgten, die gegen den IS gekämpft hatten. Ein eindeutiges Bild der Region lässt sich in diesen Tagen kaum zeichnen.
In der ehemaligen Verwaltungszone Rojava leben Kurden zusammen mit Arabern, Assyrern, Armeniern, Eziden und anderen Minderheiten. Das, was der multiethnische Anspruch der Selbstverwaltung lange einhalten konnte, droht in der Region nun zu kippen. Zu Beginn des Jahres trieb der gewaltsame Vorstoß der HTS und türkeinahen Milizen Zehntausende in die Flucht. Es kam zu extralegalen Tötungen und Massakern an der kurdischen Bevölkerung. Kobane war mehrere Wochen belagert, Wasser und Lebensmittel gingen aus. Nachbarschaftskomitees mobilisierten sich, um von unten das zu verteidigen, was in den letzten Jahren so hart erkämpft worden war. Wir reisten in dieser ungewissen Zeit zu den medico-Partner:innen, unterstützten die Nothilfe vor Ort und begleiteten die Entwicklungen.
Mittlerweile gibt es das oben genannte Integrationsabkommen, doch seitdem haben die Spannungen in der Region nicht abgenommen. Sei es durch Provokationen am kurdischen Neujahrsfest Newroz, der Vertreibung zurückgekehrter Flüchtlinge in Serekaniye oder zuletzt durch die Entführung und Tötung des jungen Kurden Sipan Hizni in Hasakeh. In Kobane fanden daraufhin Straßenproteste statt, die eskalierten bis Mazloum Abdi schließlich als Vermittler anreiste.
Die katastrophale ökonomische Lage trägt ihr Übriges zur angespannten Situation bei. Zwar ist ganz Syrien durch die steigenden Benzin- und Dieselpreise in Mitleidenschaft gezogen, in der Selbstverwaltung wurden Landwirte aber bisher mit Subventionen unterstützt, die jetzt wegfallen und den Betrieb von Generatoren oder motorisierten Maschinen kaum mehr möglich machen.
NGOs müssen sich jetzt in Damaskus registrieren, um vor Ort legal arbeiten zu können. Einige medico-Partnerorganisationen haben dies schon lange gemacht, andere hängen in der Warteschleife. Der neue Bürokratieapparat verlangsamt Abläufe dort, wo rasches Handeln notwendig wäre, um eine Zivilgesellschaft zu stabilisieren, die es dringend braucht – vor allem dort, wo neue staatliche Strukturen (noch) nicht greifen oder durch die Integration weggefallen sind.
Frieden in gewaltvollen Zeiten
„Keine Demokratie ohne Rojava“ – das schrieben wir bei medico zu Beginn des Jahres, als sich die Situation in den Gebieten der Selbstverwaltung dramatisch zuspitzte und das „demokratische Projekt“ endgültig auf dem Spiel stand. Ob Rojava einen Platz im neuen Syrien hat, ist dennoch nicht nur eine kurdische Frage. Sie entscheidet darüber, ob es in der Region zukünftig möglich sein wird, politische Vielfalt auszuhalten und demokratische Selbstorganisation zuzulassen.
Eine gemeinsame Zukunft in Syrien kann nur in einem demokratischen Prozess entstehen, dessen Voraussetzung ein stabiler Frieden ist. Beides scheint noch in weiter Ferne. Während der Friedensprozess zwischen der PKK und dem türkischen Staat erste Fortschritte verzeichnet, war und ist die kurdische Spitze in Syrien unter sehr viel höherem Druck, das Integrationsabkommen zu unterzeichnen. Eine taktische Entscheidungen, um der eigenen Bevölkerung weitere Gewalt und Leid zu ersparen.
Es wird eine gemeinsame Anstrengung sein, den Frieden in der gesamten Region als Lösung in diesen gewaltvollen Zeiten zu verteidigen. Dazu braucht es einen wachen Blick unsererseits und die direkte Unterstützung der Menschen vor Ort. Dazu zählen die medico-Partner:innen, die Menschenrechtsarbeit machen, ein anonymes Frauenhaus betreiben, Solarprojekte umsetzen, die Stromproduktion kollektivieren, oder medizinische Nothilfe bei der nächsten Krise leisten.
Über zwölf Jahre begleitete medico das Projekt der demokratischen Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Auch nach dessen formalem Ende steht medico weiter an der Seite der Menschen dort. Gerade weil die Zukunft ungewiss ist, ist Solidarität wichtiger denn je: Dank Ihrer Unterstützung setzen die medico Partner:innen ihr Arbeit vor Ort fort – ob mit direkter Hilfe für die Vertriebenen in Notunterkünften, bei der Dokumentation von Menschenrechtsverbrechen oder der Öffentlichkeitsarbeit hierzulande.





